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Mädchenmusik mit Falten

 
Der Name der Band klingt nach elektronischer Fummelei. Doch aus dem Brockdorff Klang Labor swingt Pop, locker wie ein Faltenrock beim Tanz.
Brockdorff Klang Labor Mädchenmusik

Drei junge Menschen aus Leipzig haben schon viel erlebt. Sie durchstreiften die Kulturwissenschaften und die Tanzdielen, die Musiktheorie und den Elektro-Feminismus, den Journalismus und die Informatik, die Poesie und das bunt gemischte Instrumentarium aktueller Popmusik.

Das Brockdorff Klang Labor entstand in einer Wohngemeinschaft in der Leipziger Erika-von-Brockdorff-Straße, benannt nach einer Widerstandskämpferin im Nationalsozialismus. Nadja von Brockdorff nennt sich so schillernd wie bedeutungsschwer die Sängerin und Gitarristin. Sergej Klang ist der Bastler der Rhythmen und Worten und gibt den singenden Sequenzer. Ekki Labor lässt die Synthesizer und den Moog-Bass zwitschern und leiht seine Stimme dem Chor.

Mädchenmusik heißt die CD, frisch geht das Trio zu Werk. „Frohe Schritte nähern sich, singen zieht über die Stadt“, der Refrain des ersten Stücks und das Vorwärts aus der Rhythmusmaschine klingen nach Wandervogelbewegung und Jugendweihe. Doch es ist das wilde Nachtleben gemeint: „In Kellern voll Rauch marschiert der House / Brich mit mir den Rhythmus dieser Stadt… Und im Tanz, da sind wir eins / Und am Morgen wieder entzweit.“ Raffiniert schüttelt das Trio den Staub aus allen historischen Andeutungen zu Diskorhythmen. Oder setzt sie, wie im Stück Wenn du willst, zu teils erfundenen Anekdoten neu zusammen. Im Auf und Ab der feierlichen Erwartungen und der Ernüchterung am Morgen danach spiegeln sich revolutionäre Sehnsüchte als modernes Trugbild, Pop und Glamour sind heute Aufbruch und Routine zugleich.

Die leicht verworrene Alltagspoesie der Texte ergäbe auf dem Papier vielleicht nicht viel mehr als Studentenlyrik, wären nicht auf der CD allerlei kuriose, im Originalton wiedergegebene Zitate und vor Selbstironie triefende Prologe und Zwischenrufe zu hören. „Aber dient denn da die Sprache noch als Kommunikationsmittel?“, tönt eine seriöse Stimme.

Auch musikalisch ist das naive Schema der fiepsenden Knöpfchenelektronik gepaart mit dem Charme funkensprühender Chansonkunst nicht so unbedarft wie es scheint. Jedem glucksenden Plopp und Boing sitzt ein Schalk aus versteckten Kommentaren im Nacken. Um sie zu hören, muss man die CD ganz durchlaufen lassen, denn sie sind in den Leerlauf zwischen den Stücken eingearbeitet. Und schnell sein, die Fetzen bekannter Melodien von Velvet Underground, Pulp, Stereolab fliegen am Ohr vorbei. Noch bevor entschieden ist, ob das gerade eben The Trashmen oder doch The Cramps waren, beginnt Nadja von Brockdorff schon vom Breakfast for Cyborgs zu singen: „Ich bin das Opfer, ich bin die Verfolger, ich bin sie / Im Zentrum meiner Ironie.“

In Anlehnung an Gilles Deleuzes Abhandlung Le Pli (Die Falte) könnte man diese Technik verborgener Zitate Plissee-Pop nennen. Die Drei vom Brockdorff Klang Labor bügeln ihre Songs in Musikmaschinen zu großen Falten und kleinen Rüschen, und darunter, in der Vertiefung, liegen die kurzen Gewebefäden alter Originale. Schließlich lassen sie den Faltenwurf der Geschichte in ein Cover des The Smiths-Hits Some Girls Are Bigger Than Others auslaufen.

Im Stück mit dem Refrain „I kill the creatures in my alphabet“ spuken die gerufenen Geister als Buchstaben- und Zahlensalat herum. Wie ein Denksportgenie, das sich Zahlen- oder Wortkombinationen in figürlichen Bildern merkt, scheucht Nadja von Brockdorff sie zurück in eine alphabetische Ordnung. Inmitten einer düsteren Zukunftsballade wiederum steckt der Vers „Wähl ein Klischee, wie die Welle im Delay“, als wolle die Sängerin damit zusammenfassen, dass Pop nicht alles sei und elektronische Musik nicht die bessere Alternative und dass sowieso nur zähle, was einen berührt. Eine trefflichere Retourkutsche auf Julis nervige Schlagerzeile „Das ist die perfekte Welle“ wird es erstmal nicht geben.

Neben Nadja von Brockdorffs Lady-Charme setzt Sergej Klang als zweiter Sänger seinen spitzfindigen Humor. In heiter absteigender Melodie zitiert er Altmeister Leonard Cohen: „Let’s sing another song boys, this one has grown old and bitter.“ Hier klingt es wie eine Aerobic-Anweisung gegen Depressionen. Auch im nächsten Lied geht es bewegt zu, „Vorwärts, seltsame Höhen, rückwärts, seltsame Tiefen“, und unterwegs ein Rap-Intermezzo.

Das glitzernde Schlusslicht bildet das Titelstück Mädchenmusik, die Sängerin wirft sich im Duett mit Jens Friebe in ihr Element. Er textete hierfür einen Eurodisco-Knaller der Gruppe Baxendale zum Kirmes-Schlager um, der einen das Fliegen im Kettenkarussell der Jugenderinnerung lehrt. Jens Friebe stellte auch den Kontakt zur Plattenfirma ZickZack her. Produziert wurde Mädchenmusik von Tobias Levin.

Mitten in die historische Schwere eines Stadtbildes hinein proklamiert das Brockdorff Klang Labor eine Leichtigkeit des Seins, die sich hier und an ähnlichen Orten popkulturell nicht unbedingt aufdrängt. Mädchenmusik für alle Geschlechter, sie zaubert hübsche Falten auf die Denkerstirnen und lässt plissierte Röcke im Takt wippen.

Das Album „Mädchenmusik“ der Band Brockdorff Klang Labor ist erschienen bei ZickZack

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1 Kommentar

  1.   sophi-t

    sprachlos:

    T O L L