Musik zwischen Disko und Diskurs

Zäh wie Bitumen

Von 24. Oktober 2008 um 14:15 Uhr
Vielleicht hätten The Cure auf ihr 13. Album verzichten sollen. Außer großer Zahlensymbolik hat es nicht viel zu bieten.



Der dunkle Zauber warf seinen Schatten voraus: Ende vergangenen Jahres verkündeten The Cure, dreißig neue Lieder aufgenommen zu haben. Am 13. September 2008 solle das 13. Album der Band erscheinen. Vier Monate im Voraus begann die Gruppe damit, jeweils eine Single mit zwei neuen Stücken zu veröffentlichen. Die Lieder – angefangen mit The Only One im Mai – erschienen jeweils am Monatsdreizehnten.

Selbst als die Veröffentlichung des Albums um sechs Wochen verschoben wurde, folgten The Cure einem Notfallplan, der die Symbolik der 13 aufrechterhielt: Sie veröffentlichten ein Minialbum mit fünf Remixen der Singles. Vier mal zwei plus fünf? Genau, 13. Das Album heißt – für alle, die es ganz explizit wollen – 4:13 Dream, es sind 13 Stücke drauf. Wozu diese überbetonte Symbolik? Sind die Lieder so schwach?

4:13 Dream ist ein zerrissenes Album. The Cure wildern in ihrer eigenen Vergangenheit. Underneath The Stars ist aus dem selben Garn gewebt wie der düstere Klangteppich Disintegration, nur ein bisschen ausgewaschen. The Only One und The Perfect Boy sind fröhliche Poplieder, wie die Band sie Mitte der Achtziger sang. Sirensong erinnert an Wish und Sleep When I’m Dead hätte auf Kiss Me, Kiss Me, Kiss Me nicht gestört, Freakshow ist ähnlich exzentrisch wie viele Stücke auf dem schlechten Wild Mood Swings.

Nur: Die zitierten Werke waren stark innerhalb der stimmungsvollen Dramaturgie der jeweiligen Alben. 4:13 Dream hingegen klingt wie ein Gemischtwarenladen.

Die Zerrissenheit wäre vielleicht sogar unerheblich – oder zumindest weniger auffällig – wenn die Lieder nicht so belanglos wären. Stücke wie It’s Over und Switch mühen sich redlich, nach The Cure zu klingen, haben melodiös aber kaum etwas zu bieten.

Auf früheren Alben ist es der Band so oft gelungen, der Schwere eine betörend leichte Melodie entgegenzusetzen, da durchbrach ein Kieksen Robert Smiths weinerlichen Tonfall. Nun hört man, wie The Cure versuchen, Schwermut und Schmunzeln in die Waage zu bringen – und wie es immer wieder misslingt. Vor allem, wenn Porl Thompson eine Schippe grobes Gitarrenkorn auflegt, ist die Einfallslosigkeit frappant!

Besser sind die Lieder, in denen die Band behutsam zu Werke geht. In The Only One etwa. Es überragt alle anderen Stücke und ist das einzig richtig gute. Zwei, drei andere Lieder sind immerhin in Ordnung. Größere Inseln im aufgewühlten Meer des Gitarrenkreischens gibt es leider nicht.

Manches Stück – etwa Sleep When I’m Dead – wäre wohl gar nicht so unerträglich, wenn das Album ordentlich produziert wäre. 4:13 Dream klingt furchtbar breiig – wie schon die letzten drei Alben der Band. Vor allem dem Bass fehlt der pointierte Plopp, zäh wie Bitumen breitet sich sein dumpfes Grollen über allem aus.

Vielleicht sind die Ohren des Herrn Smith einfach schlecht geworden über die Jahre? Er ist ja auch schon beinahe 50 und ließ seine Trommelfelle an unzähligen Abenden vom eigenen Krach durchwalken. Es heißt, er betrachte die Band als seinen Besitz, er habe auch auch diesmal an den Reglern gedreht, gemeinsam mit dem Hitparadenfüller Keith Uddin.

Im Volksmund ist die 13 das “Dutzend des Teufels”, in vielen Hochhäusern gibt es keinen 13. Stock. In Flugzeugen folgt Reihe 14 auf Reihe 12, selbst die Angst vor der 13 hat einen Namen: Triskaidekaphobie. Vielleicht hätten auch The Cure auf ihr 13. Album verzichten sollen? Noch vor seinem 50. Geburtstag am 21. April 2009 solle das 14. erscheinen, kündigte Robert Smith bereits an.

“4:13 Dream” von The Cure ist auf CD und LP bei Geffen/Universal erschienen.

Hier geht’s zur klingenden Diskografie aller bisherigen Alben von The Cure »

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Kategorien: Pop
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Hallo Jan,

    gut geschriebene Rezension! Ich würde sogar sagen, handwerklich nahezu perfekt. Aber leider wird sie dem Album nicht gerecht:

    - Ich finde gar nicht, dass “4:13 Dream” zerrissen klingt, sondern abwechslungsreich. Vielleicht meinen wir das Gleiche?

    - Ich finde auf “4:13″ gerade die melodiösen Momente wirklich gut. Und davon gibt es einige. Zum Beispiel ist “The Hungry Ghost” ein sehr eingängiges Stück.

    - Porl Thompsons Gitarrenspiel finde ich im Gegensatz zu Dir äußerst gelungen.

    - Die Produktion – na ja. Wenn Du’s richtig Hämmern hören willst, dann versuche es mal mit Techno ;-)

    - Das Alter von Herrn Smith – gähn!

    Ich finde “4:13 Dream” insgesamt recht gut gelungen.

    Dennoch habe ich mich wirklich gefreut, eine Rezension mit Herzblut zu lesen und nicht das übliche Marketing-Gewäsch.

    Dafür vielen Dank, Jan. (Das war NICHT ironisch gemeint.)

    Gruß, alstersepp

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    • 24. Oktober 2008 um 20:38 Uhr
    • alstersepp
  2. 2.

    Sorry aber die Rezension hinkt.
    Vielleicht sollte der Verfasser lieber Sportberichte schreiben…
    Nein ich bin kein großer Fan, aber das Album ist vielschichtig und gut gelungen.

    Antworten

    • 24. Oktober 2008 um 21:53 Uhr
    • Andreas
  3. 3.

    Lachhafte Rezension! Schlechter Bass? Bloodflowers schlecht? Wirklich arm, weißt Du überhaupt warum Cure so geliebt werden?

    Antworten

    • 25. Oktober 2008 um 00:38 Uhr
    • Andre
  4. 4.

    Lieber Alstersepp,
    “recht gelungen” ist aber auch nicht wirklich klasse, oder? Von einer Band, die Alben wie “Disintegration”, “Wish”, “Pornography” und “Seventeen Seconds” aufgenommen hat, kann man doch mehr erwarten, oder?

    Lieber Andre, lieber Andreas,
    hätte ich geahnt, dass das Geschmacksdezernat seine beiden pfiffigsten Streifenpolizisten schickt, hätte ich mir die Kritik selbstverständlich verkniffen. ;-)

    Gruß, jk

    Antworten

    • 25. Oktober 2008 um 13:09 Uhr
    • Jan Kühnemund
  5. 5.

    Hallo Jan,

    ich habe die CD jetzt noch ein paar Mal gehört. Sie beschreitet mit frischem Schwung neue Wege. Und das gefällt mir. Einen Abklatsch von Disintegration und Co. hätte ich langweilig gefunden.

    Die Songs sind kurz und auf den Punkt. Die 53 Minuten vergehen jedes Mal wie im Flug (und sind eben nicht “zäh wie Bitumen”). Das ist für mich ein gutes Zeichen.

    Was auf Wild Mood Swings scheiterte, klappt hier sehr gut, nämlich Vielfalt in einem Guss zu präsentieren.

    Deine Rezension polarisiert, weil sie mit einem negativen Grundton geschrieben ist. Ich finde das absolut zulässig und auch interessant zu lesen. Aber vielen Fans gefällt das natürlich nicht.

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    • 26. Oktober 2008 um 10:46 Uhr
    • alstersepp
  6. 6.

    hi jan,

    super kritik. formal wie inhaltlich. das album ist eine herbe enttäuschung. einzig die soundkriterien zu “the cure” kann ich nicht nachvollziehen, das fand ich gut abgemischt. hätte echt nicht gedacht, dass robert dem schlimmen “wild mood swings” noch einen nachfolger beschert ….

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  7. 7.

    Ich bin überrascht. “Zäh wie Bitumen”? – ganz im Gegenteil: Das ist das wohl peppigste Cure-Album überhaupt. Gehörten früher bei The Cure Trägheit und Endlosschlaufen zum Programm, geht es hier doch relativ frisch und unverbraucht zu Werke. Es wird wohl aber insofern die Erwartungen der Fans der frühen Tage enttäuscht haben, die sich statt solcher Peppigkeit wohl eher Verwobenheit und Dunkelheit zurückgewünscht hätten – aber Robert arbeitet ja schon an einem entsprechenden “düsteren” Nachfolgealbum – also einfach noch ein bisschen durchhalten….. Was diesem Album allerdings fehlt, ist die Originalität, weil es einfach zu viele Reminiszenzen an die Vergangenheit enthält.

    Ich kann mich damals noch an die zum Teil unterschwellig negativen Kritiken zu zum Album “Disintegration” erinnern. “Zurück in die Gruft!” hieß es da empörend in einer Rezension, aber später war man sich doch allgemein einig, dass dies das beste Cure-Album war.

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    • 30. Oktober 2008 um 20:38 Uhr
    • From-the-South
  8. 8.

    Sicher ist das Album, und Musik von Cure generell, Geschmackssache.

    “Underneath the Stars” jedoch als “ausgewaschen” zu bezeichnen, halte ich für Sie äußerst fragwürdig. Instrumente, Komposition und Stimme sind anbetungswürdig, The Cure vollbringen damit wieder einmal etwas, was andere Bands in ihrer ganzen künstlerisch aktiven Zeit nicht annähernd schaffen: Sie treffen einen Nerv.

    “4:13 Dream” ist ein Album, das zeitlos ist. Es steht in großen Teilen für das, für das The Cure-Fans ihre Band lieben.

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    • 5. November 2008 um 20:53 Uhr
    • MrsLongue
  9. Kommentar zum Thema

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