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Whiskey zu Wasser

 

Über die Jahre (44): Das Debütalbum der Tindersticks bewies es im Jahr 1993 ein für allemal: Die unglücklichen Menschen schreiben die aufregendsten Lieder

Im Sommer 1992 packen die erfolglosen Musiker Stuart Staples und David Boulter ihre Habseligkeiten in einen Ford Transit und verlassen Nottingham. Sie steuern die M1 hinunter nach London. Mit einigen alten und einigen neuen Freunden mieten sie ein Haus im Stadtteil Kilburn, in der Küche richten sie ein Studio ein.

Nach der Arbeit und an Feiertagen schreiben sie Lieder und spielen sie in ein altes Aufnahmegerät. Zwei Stücke pressen sie auf eine Single und veröffentlichen sie unter dem Namen Tindersticks. Kurz darauf mieten sie ein Studio und nehmen 23 Stücke auf, das winzige Label This Way Up zahlt die Rechnung. Das Debütalbum der Tindersticks erscheint dort im Herbst 1993. Eine dürre Frau im rotwallenden Kleid ziert die Hülle, sie tanzt.

Die unglücklichen Menschen schreiben die besten Lieder. Die Tindersticks scheinen damals sehr unglücklich gewesen zu sein. Wie schwere Regentropfen auf Kopfsteinpflaster plumpsen die Klaviertöne in eine kuschelige Orgeldecke, verwunschene Klöppeleien auf dem Vibrafon wirbeln wie aufgeschlagene Daunen durch den Raum. Der Schlagzeuger kämpft gegen den Sekundenschlaf, der Gitarrist hat vergessen, sein Instrument zu stimmen. Über all das legt sich die Stimme von Stuart Staples. Doch von vorn:

Mit Nectar beginnt die Platte, das lullt sich ins Ohr. Bis der Sänger erklingt, verheißt das Stück Fröhlichkeit, die Gitarre jauchzt, die Schellen hüpfen. Nach – Moment – elf Sekunden erhebt Stuart Staples seine Stimme, oder besser: er versenkt sie. So tief, so zart, so unsicher klingt er. Er lässt sich nass regnen, die Daunen kleben an ihm. Nur im Refrain reißen die Streicher nach oben aus. Das folgende Tyed schleppt sich, steigert sich, vereint schräge Streicher und schrille Trompeten in schließlich überraschender Harmonie, steigt immer weiter an, fällt plötzlich ab und endet in einem See aus Klang.

Tyed ist ein Spiegel der ganzen Platte. „Turn my whiskey into water“, singt Staples und schenkt großzügig von beidem ein, Whiskey und Wasser. Die Tindersticks wägen nicht ab, immer wollen sie alles zur selben Zeit: Tempo und Langsamkeit, Geduld, Behutsamkeit und aufreibende Hektik, Harmonie und schräge Töne, ja, Harmonie aus schrägen Tönen. Sie orchestrieren das Chaos. Auf die schwermütige Grundierung tragen sie mit euphorischem Pinselstrich tausend Farben auf, sie wirbeln im Affekt.

In den seltenen Momenten der Ruhe wartet der Hörer ungeduldig auf den nächsten Ausbruch. Stuart Staples erzählt derweil von einem Dutzend gescheiterter Beziehungen, immer wieder von Neuem klagt er sein Leid: „Was there once something so pure that left me whole and precious? But now, broken, wondering. Everything I crave I become, everything I left forgotten, everything I love I become. Cos that’s what happens when you reach the bottom.“ Puh.

Das Album folgt einer genialen Dramaturgie. Nach einer Stunde kulminiert es in Her. Einem enervierenden Gitarrengedaddel folgt ein zweieinhalbminütiger Vulkanausbruch. Alles klagt, die Stimme, die Instrumente, und doch ist da eine Kraft, die Pompeji glatt ein zweites Mal verschütten könnte.

Die Tragik eines ganzen Lebens strahlt hier in einem einzigen Lied. Ein Zittern, dann greift Stuart Staples tief in die Textkiste des Existenzialisten: „Scared of my shadow, afraid of myself. Never thought I could be so shallow, resort to playing a man.“ Mariachi-Bläser verlegen das Drama nach Guadalajara, eine atonal schrillende Gitarre zerrt die Geschichte zurück nach England.

Ein kurzes Durchatmen, dann bäumt die Band sich wieder auf. Drunk Tank entfesselt einen Sturm, erst jetzt sind wir über den Berg. Ein ganzes Orchester vermag man zu hören, es schallt von überall. Was soll nun noch kommen? Die gelungene Abwicklung: Paco De Renaldo’s Dream ist chaotisch, zu monotonen Folgen des Klaviers erzählt Stuart Staples einen Traum, zum ersten Mal mit sicherer Stimme. Und The Not Knowing ist der Epilog, verträumte Oboen und Klarinetten lösen die Spannung. „The not knowing is easy“, singt Staples.

So prätentiös es klingen mag: Dieser Platte muss man Raum schaffen, ihre ganze Größe entfaltet sie bei einem Glas Rotwein im Kerzenschein. Schön waren die Tindersticks auch später noch, auch euphorisch, traurig und kraftvoll. Aber nie wieder klang das alles so zusammen wie auf dieser ersten Platte, der mit der dürren Tänzerin.

Das unbetitelte Debütalbum der Tindersticks ist im Jahr 1993 auf CD und Doppel-LP bei This Way Up erschienen und im Jahr 2004 auf Doppel-CD bei Island/Universal wiederveröffentlicht worden – erweitert um zwölf der in der WG-Küche entstandenen Demoaufnahmen.

Weitere Beiträge aus der Serie ÜBER DIE JAHRE
(43) The Sisters Of Mercy: „First And Last And Always“ (1985)
(42) Wareika Hill Sounds: „s/t“ (2007)
(41) Dennis Wilson: „Pacific Ocean Blue“ (1977)
(40) Klaus Nomi: „Nomi“ (RCA/Sony 1981)
(39) GAS: „Nah und Fern“ (Kompakt/Rough Trade 2008)

Eine vollständige Liste der bisher in dieser Rubrik besprochenen Platten finden Sie hier.

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2 Kommentare


  1. Hallo Herr Kühnemund,

    schöner Artikel. Bin ganz Ihrer Meinung. das Debütalbum ist ihr stimmigstes und schönstes Werk.
    Allerdings entfaltet sich für mich die Größer dieser Platte abends am PC mit einer oder mehreren Tassen Schwarztee und ein paar Lebkuchen im Schein der Schreibtischlampe.
    Wieso immer Wein (der kommt bei mir in die Tomatensoße für die Nudeln) und Kerzen? Ihr alten und neuen Bourgeoisie-Hasen 🙂

    Guat’s Nächtle,

    Steve

  2.   Alfred

    da ich die Tindersticks erst mit ein paar Jahren Verzögerung entdeckt habe, gehört in den langen Winternächten eines Schwedenaufenthaltes, setze ich eher auf das zweite Album der Mannen um Stuart Staples, das mein erstes war. An manchen der langen Abende war mir die Platte mit der dürren Tänzerin vorne drauf zu chaotisch. Die besonders dicken Perlen „A Night In“, „TinyTears“, „No More Affairs“, und „She’s Gone“ wirkten auf dem Sofa mit dem Glas Rotwein – bitte kein Tee, kein Rotwein in die Tomatensosse – genauso elektrisierend wie auf dem Fahrrad. Der etwas fröhlichere Anstrich der PLatte rührt vielleicht auch von dem Duett mit Carla Torgerson bei „Travelling Light „, das ist zu nett und harmlos. Die zwei konnten das auf „Life full of holes“, die Carla zusammen mit Chris Ekman als Walkabouts-Nebenprojekt aufgenommen hat – ein weiteres Pop-Juwel – in dem Song „Take me“ viel besser……………

 

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