Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Ist das Frauen-Techno?

Von 11. Februar 2011 um 10:52 Uhr

Im Club herrscht noch immer eine Geschlechterhierarchie wie in den Führungsetagen. Steffi Doms, Resident im Berghain, will keine neue Vorzeigefrau sein.

© Ostgut Ton

Deutschland diskutiert die Frauenquote, doch im Club geht’s weiterhin nur um die Party. Dabei stünde die Debatte auch der Techno-Szene gut zu Gesicht. Die Emanzipation hinter den Plattentellern wurde längst vollzogen, aber die Anzahl weiblicher DJs bleibt überschaubar.

Seit Jahren sind es dieselben DJanes, die als Vorzeigefrauen herhalten müssen: Ellen Allien und Miss Kittin dürfte ihre Paraderolle längst zum Hals heraushängen. In den Umfragen der Musikzeitschriften Intro, Groove und De:Bug zum Jahresende wurde mit Monika Kruse sogar nur eine einzige Frau in die Hitlisten der beliebtesten DJs gewählt. Auf den Titel schaffte es keine.

Dabei gibt es hörenswerte Alternativen: Magda, Margaret Dygas, Anja Schneider oder Barbara Preisinger zum Beispiel. Ihre Platten gehören zu den interessantesten in der elektronischen Musik. Sie schwingen zwischen Geräusch-Elektro, Minimal Techno oder House. Sie moderieren Radiosendungen, leiten Plattenlabels und legen regelmäßig in großen Clubs auf. Da mag die Frage nach einem typisch weiblichen Techno-Sound abwegig klingen. Wäre nicht Yours & Mine, das Debütalbum der niederländischen Produzentin und DJane Steffie Doms.

Als Künstlerin nennt sie sich schlicht Steffi. Michael Mayer, Oliver Deutschmann, Timo Maas – die DJ-Oberligatabelle liest sich wie das Klingelbrett eines gutbürgerlichen Mehrfamilienhauses. Steffi klingt unkompliziert, deutlich. Seit 2007 gehört sie zur Stammbesetzung des umtriebigen Berghain-Kollektivs und legt regelmäßig in der Panorama-Bar auf.

Wie das Cover von Yours & Mine mit seinen zerklüfteten Felswänden und schattigen Tunneln ist auch die Musik in dunklen Tönen gehalten. Die neun Stücke gleiten dahin wie im Flug über eine nächtliche Großstadt, hin und wieder zielt die Musik auch direkt auf den Tanzboden. Steffis Vorbilder sind jederzeit hörbar: Die epische Melancholie des Detroit Techno verbindet sie mit dem warmen House-Minimalismus aus Chicago.

Zweifellos ist Yours & Mine ein elegantes Album. Stücke wie Arms, Lilo oder Moving Lips schillern geheimnisvoll wie Geisterperlen. Mit Hilfe der Sängerin Virginia gelingt Steffi sogar der Brückenschlag zwischen Pop und Deep House.

Doch in seiner Gänze wirkt das Album seltsam schablonenhaft: Immer sind es die gleichen Synthie-Wolken in Moll, die durch die Lieder schweben. Dazu federn sanft die analogen Bässe. Oft wünscht man sich, Steffi würde hier und da mal kräftiger zupacken. So bleibt vieles bloße Andeutung. Man kann sich wunderbar vorstellen, sich zu dieser Musik zu bewegen – wenn die Nacht beginnt, das T-Shirt noch nicht klebt und vieles möglich erscheint. Oder ganz am Ende, wenn es alle erschöpft ins Morgengrauen zieht. Für die Zeit dazwischen fehlen Yours & Mine Euphorie und Risikobereitschaft.

Wäre es abwegig von einer typisch weiblichen Spielart von Techno zu sprechen? Immerhin bestätigt Steffis Plattenlabel Ostgut Ton, dass einige Hörer eine feminine Produktion und einen weiblichen Sound erkannt haben wollen. Sind es das fehlende Bekenntnis zur dumpfen Härte und ein gefühlsbetonter Klang, die solche Assoziationen auslösen? Auch das Presseinfo hantiert mit Adjektiven, die einem Kitschroman entspringen könnten: Steffis Musik sei “sinnlich” und “harmonisch”, während die “gefühlsgeladenen” Melodien den Hörer “sehnsüchtig” zurücklassen. Das Wort “sexy” konnte man sich offensichtlich gerade noch verkneifen. Inwiefern Steffi diese Umschreibungen zusagen, ließ sich leider nicht in Erfahrung bringen. Im Mittelpunkt solle ihre Musik stehen, nicht sie als Frau, antwortet sie auf die Anfrage.

Ihre Verschlossenheit ist insofern bedauerlich, als dass aus ihrer Haltung möglicherweise eine neue Qualität im Umgang mit Frauenbildern im Techno ablesbar wäre. Immer wieder berichten Akteurinnen der elektronischen Musik davon, als Frauen noch mehr Ideen und Kraftanstrengung aufbringen zu müssen als Männer. Während bei den Herren Technikbegeisterung und musikalisches Spezialwissen häufig ausreichen, um akzeptiert zu werden, gilt es als ausgemachte Sache, dass Frauen am Mischpult auch immer optisch noch eins draufzulegen haben. Wer es nicht versteht, sich auch als Frau entsprechend zu inszenieren, sieht sich schnell mit Skepsis oder Herablassung konfrontiert. Die Regeln der Führungsetagen gelten eben auch im Club.

Betrachtet man die Selbstdarstellung einiger DJanes und Produzentinnen, bleibt zwischen süßer Technolady und nüchterner Künstlerin offenbar nur wenig Spielraum. Die Gefahr, abgestempelt zu werden, ist denkbar groß. Vor allem unbekannten Künstlerinnen dürfte es daher nicht leicht fallen, sich unmissverständlich zu inszenieren. Da erscheint eine neue Form von Zurückhaltung schon fast wieder konsequent: Anstatt sich zu positionieren, sagen DJanes wie Steffi lieber gar nichts mehr.

Yours & Mine von Steffi ist bei Ostgut Ton erschienen.

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Kategorien: House, Techno
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Hab’s mir mal angehört, Musik als hätte es die letzten 20 Jahre nicht gegeben. Es gibt nicht ein einziges Pattern das nicht Anfang der 90er schonmal irgendwo aufgetaucht wäre. Techno für Anfänger ohne Überraschung…

    • 11. Februar 2011 um 12:30 Uhr
    • Coach
  2. 2.

    was ist eigentlich in unserer gesellschaft los das manche es nicht lassen können gräben zu schaufeln, männer und frauen-sounds zu beschreiben, sexismus zu fördern statt zu bekämpfen.

    bei allem respekt vor echtem sexismus, machen sie mal einen objektiven bericht über die hürden und vorurteile, die kraftanstrengungen und selbstzweifel, den misserfolg und den spagat zwischen idealismus und erfolg den man als künstler eben zu überwinden hat, egal ob mann oder frau.

    oder anders, warum hab ich als jazzer nicht den erfolg wie roger cicero oder norah jones?

    weil die musik beschissen ist und ich die nie machen würde? weil ichs einfach nicht drauf habe? weil ich mich 24/7 der musik widme und nicht der vermarktung? weil ich mich nicht sexy anziehe auf der bühne? weil ich allgemein nicht bereit bin gewisse konventionen zu erfüllen? weil ich keine show mache? weil ich mich in gewissen kreisen nicht bewegen möchte? weil ich den erfolg in dieser form gar nicht suche? weil ich ein mann bin?

    herr schönebäumer, wer ernsthaft an der bekämpfung von sexistischen gedanken bemüht ist sollte diese nicht bei jeder sich bietenden gelegenheit doch wieder fördern….

    • 11. Februar 2011 um 12:50 Uhr
    • kannnichtsein
  3. 3.

    (frauentechno… oh mein gott, was für ein blödsinn. das sich
    steffi dazu nicht äußern will sollte keinen verwundern.)
    womit hat die clubcultur/elektronische musik diesen weiteren
    anbiederungs- oder vereinahmungsversuch verdient…
    nach der rezession der letzten platte von efdemin in der zeit
    (meines wissens die erste rezession einer techno-platte in
    auf einer derartigen plattform) dachte ich schon:
    jetzt schreibt also das feuilleton über techno; der untergang
    dieser subkultur steht also auch unmittelbar bevor.
    warum kann uns das feuilleton nicht einfach in ruhe lassen…
    die vereinnahmung durch die hochkultur hat schon den jazz
    kaputt gemacht, lasst uns bitte noch eine weile in ruhe.
    wir brauchen weder eure zustimmung noch eure kritik.

    • 11. Februar 2011 um 13:03 Uhr
    • treppestuhl
  4. 4.

    den mund zu halten ist angesichts dieses artikels wohl das beste was sie machen konnte.
    ist es nicht ein bisschen viel verlangt, dass man sich nur wegen des derzeitigen hypes um die frauenquote gleich als die weibliche ikone des techno darstellen soll. und nur weil sie einen ruhigen stil hat, muss sie doch noch lange nicht von der “maennlichen dominanz” eingeschuechtert sein.
    sie bringen sachen zusammen, die nichts miteinander zu tun haben.

    • 11. Februar 2011 um 13:23 Uhr
    • hibbelamufer
  5. 5.

    Frauenquote-Debatte in der Szene? Eine Auflistung einflussreicher Djanes ohne Saskia Siegers? Der Autor scheint neu zu sein – Willkommen!

    Deutschland diskutiert die Frauenquote, doch im Club geht’s weiterhin nur um die Party.

    Die ‘Szene’ hatte sich ursprünglich mal dadurch definiert, dass kein Personen-Kult betrieben wird. Dass es ‘nur’ um die Party geht ist so etwas wie ein Grundgesetz – jedenfalls bei denjenigen die sich mit der dazugehörigen Kultur identifizieren, anstatt einfach nur (idR. Atzen-)Techno zu hören.
    Die Unsitte des Personenkults ist leider durch Gestalten etabliert worden die sich bezeichnenderweise bei einem Label namens “Low Spirit” gesammelt habe – Der Name war Programm. Dann gibt es noch Leute wie Tiesto, der zwar ohne Zweifel fähig ist, das aber leider für eine unerträgliche, einem Gott gleiche, Selbstinszenierung nutzen (Guetta und Oakenfold sind ähnliche Fälle).

    Im Mittelpunkt solle ihre Musik stehen, nicht sie als Frau, antwortet sie auf die Anfrage. Ihre Verschlossenheit ist insofern bedauerlich, [...]

    Das ist nicht bedauerlich, genau das ist die Haltung von Leuten die sich mit besagter Kultur identifizieren.

    Letztlich ist es wie mit jeder anderen Kunst/(Sub-)Kultur: Das eigentliche findet abseits des Kommerz statt. Das was was von der Kommerz-Maschinerie hochgespült wird ist meist nur ein weichgespülter artifizieller Einheitsbrei – Plastik. Im Falle von Techno landläufig auch als Kinder-, Kirmes- oder Atzen-Techno bezeichnet.

  6. 6.

    Irgendwie finde ich es nicht angemessen schon wieder die Gender-Schublade aufzumachen und Frauen im Club brereich nun auch noch in die Ecke der Diskriminierten zu stellen. Was ist mit Shooting Stars wie Nina Kravitz und Maya Jane Coles?! Auch Ellen Alien eine Paraderolle anzudichten, funktioniert meiner Meinung nach nicht mehr – spätestens seit dem durchgesickert ist, dass die meisten ihrer früheren und besseren Produktionen aus der Feder von Ghost-Producern stammen. Warum ist es denn so schwer eine Platte einfach nur als Platte zu rezensieren?!

    • 11. Februar 2011 um 15:13 Uhr
    • Henna
  7. 7.

    Falsche Frage! Richtiger wäre: ist das Techno? Antwort: NEIN!
    So was lief vor 10 Jahren im Abspann als Trance, nur besser.

    • 11. Februar 2011 um 17:38 Uhr
    • Windwanderer
  8. 8.

    aber die szene sucht auch bewusst diesen kontakt. im watergate findet regelmäßig die classic lounge (rbb) statt. im bergahein inszeniert das deutsche theater… aber ich stimme dir zu. ich verfolge das auch mit etwas argwohn.

    vielleicht sollten wir der fairness halber sagen, dass wolgang flür auch keine 20 mehr ist.

  9. Kommentar zum Thema

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