Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Hörsinn auf Umwegen

Von 21. Februar 2011 um 10:25 Uhr

Sven Kacirek, ein Schlagwerker aus Hamburg, verstrickt afrikanische Feldaufnahmen und westliche Electronica. “The Kenya Sessions” erweitern unsere Hörgewohnheiten.

© Pingipung

Vertracktes Zeugs. Denkt man beim ersten Kontakt mit Sven Kacireks The Kenya Sessions. Kaum anders ist’s beim zweiten Mal. Und selbst nach wiederholtem Hören wartet man vergebens, dass dieses vertrackte Zeugs eine berechenbare Struktur annimmt, dass es am Ende Musik wird, die sich in unsere Hörgewohnheiten fügt.

Doch daran war dem experimentierfreudigen Produzenten und Schlagzeuger aus Hamburg noch nie gelegen. Als Ergebnis eines ausgedehnten Aufenthalts in Kenia hat er diese Platte gemacht, seine zweite auf Solopfaden. Er ist bei vollem Bewusstsein, und doch verweigert sich seine Musik zunächst jeder erkennbaren Ordnung. Nach einer kurzen Phase der Auflehnung beginnt der Hörer schließlich, sich Kacireks Hang zur dissonanten Harmonielehre zueigen zu machen. Das ist ein Kraftakt, zeitaufwändig und bisweilen erschöpfend, aber er lohnt sich.

Auf den Kenya Sessions mischt Sven Kacirek handgefertigte Studioaufnahmen afrikanischer Stars – von der uralten Sängerin Ogoya Nengo bis zum Saiteninstrumentalisten Okumo Korengo – mit rohen Feldaufnahmen im fremden Land und seinem eigenen Arsenal modifizierter Percussion. Schließlich wird daraus eine symphonisch verwobene Reaktion afrikanischer Einflüsse mit westlich geprägten Electronica.

Westliche Klangtradition verlangt nach einem Mindestmaß an Ordnung, Gliederung und Takten. Eins, zwei, drei, vier – Strophe, Bridge, Refrain und das Ganze wieder von vorn. Die groben Muster, die Kacirek stattdessen spinnt, seine improvisierten Trommeln zu afrikanischen Traditionals und allerlei Samples, erreichen die Sinne erst auf Umwegen.

Es ist also keine Platte zum bloßen Hören, es ist eine zum Tasten, zum Fühlen. Sie geht nicht geradewegs ins Ohr. Fünfzehn einzeln betitelte, aber nur schwer unterscheidbare Stücke bleiben zunächst außen hängen. Den Geduldigen durchdringen sie dann doch und hinterlassen Bilder eines Reisetagebuch, so diffus wie das Cover: die grobkörnige Verkehrsszene eines afrikanischen Landes in den siebziger Jahren. Oder ist es doch eher der Siebdruck einer New Yorker Fotokünstlerin von 2009?

Sven Kacirek und seine kenianischen Gastmusiker stellen solche Fragen, ohne sie zu beantworten. Fragen sind die Essenz der Platte, Narrationen einer Begegnung mit dem Ungewohnten. Und es geht um die Begegnung selbst, nicht um ihre Analyse. The Kenya Sessions folgen den Klängen auf heillos überfüllte Marktplätze oder an stille Orte am Ende von allem. Die direkteste Art der Straßenmusik: Dort hat Kacirek sie schließlich aufgeschnappt.

“The Kenya Sessions” von Sven Kacirek sind erschienen bei Pingipung.

Kategorien: Elektronika, Jazz, World
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Schön.

  2. 2.

    Nach der Artikellektüre hattt ich bei dem Stück zum Probehören etwas ganz anderes erwartet. Das Stück hat doch einen astreinen 4/4-Takt, es ist geradezu melodisch-zugänglich und (ohne das jetzt genauer zu überprüfen) folgt auch gängigen Harmonievorstellungen.
    Kurz gesagt: Ein nettes Easy-Listening-Elektronika-Stück! Kommt da beim Rest des Albums noch Bahnbrechenderes?

    • 21. Februar 2011 um 14:42 Uhr
    • Peter
  3. 3.

    Frag ich mich ganz unvermittelt, was Jan denn sonst so hört, wenn ihm das so schwierig kommt… Ich bin gewiß kein Experte auf dem Gebiet, aber vergleichbare Ansätze hab ich auch schon von Leuten gehört, die von Hause aus eher kommerziell arbeiten. Sven Kacireks Werk kann Ich sehr gut aufnehmen, es geht mir ins Ohr und auch sonst überall hin. Und es gibt mir sehr viel Freude!

    • 22. Februar 2011 um 11:49 Uhr
    • Pit
  4. 4.

    Find ich auch.

    • 22. Februar 2011 um 12:05 Uhr
    • ati
  5. 5.

    Bei dem, was man an Hörproben schon bekommen kann, finde ich die Musik doch weit eingänglicher, als es vom Autoren beschrieben wird.

    Eindeutige Takte, teilweise sogar tanzbare Rhythmen. Was will man bei solch einer atmosphärischen Musik mehr. Das diffuse Klangbild wird von den Drums stark zusammengehalten und bekommt dadurch eine Richtung und ein festes Ziel.

    Danke für die Aufmerksamkeitslenkung! Die CD kommt auf die Einkaufsliste.

    • 22. Februar 2011 um 15:25 Uhr
    • Max
  6. Kommentar zum Thema

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