Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Das Echo der Ladenkassen

Von 24. März 2011 um 11:54 Uhr

Zum 20. Mal wird der Echo verliehen. Eine nichtsnutzige Veranstaltung ohne ästhetischen Wert, denn es gewinnen die Musiker, die im vergangenen Jahr die Charts anführten.

Eine Hand wäscht die andere: Gerd Gebhardt, Vorsitzender der Deutschen Phonoverbände (li.) und der Sänger der Band Unheilig, Bernd Heinrich Graf (© dpa)

Amerika hat die Grammys, England hat die Brit Awards, und Deutschland hat – achja – den Echo. Heute abend wird er in Berlin verliehen. Die singende Schnodderschnute Ina Müller darf durchs Programm führen und die erfolgreichsten Musiker des Landes vorstellen.

Erfolgreich, Moment, was heißt das eigentlich? Im Ausland misst sich Erfolg nicht zuletzt am künstlerischen Wert der Musik. Grammy und Brit Awards sind Preise, die von einer Expertenjury beziehungsweise einem Branchengremium verliehen werden. In Deutschland bestimmen allein die Verkaufszahlen über den Erfolg: Es gewinnt derjenige Musiker den Echo, der auch die Media Control Charts des zurückliegenden Jahres anführt. Quantität schlägt Qualität.

Das macht die Preisverleihung zu einer zähen, überflüssigen, nichtsnutzigen Veranstaltung. Eigentlich sollen Kulturpreise nach ästhetischen Gesichtspunkten herausragende Werke oder Künstler auszeichnen und Unerhörtes einem großen Publikum vorstellen. Der Horizont des Echo endet allerdings gleich hinter der Ladenkasse.

Nominiert sind Musiker wie Lena Meyer Landruth, Unheilig, Andrea Berg, Peter Maffay, Adoro oder Die Atzen – da kann man sich gar nicht entscheiden, wem man den Preis als erstes wieder wegnehmen wollte.

“Bullshit Bingo” nennt der ehemalige Universal-Manager Tim Renner die Echo-Verleihung. “Es wird heute Abend von Spannung, Rührung und Talenten die Rede sein, aber in Wirklichkeit präsentiert man seit 20 Jahren beim Echo lediglich die News von gestern.”

Es gibt auch eine (sic!) Kritikerkategorie beim Echo, das darf hier nicht unterschlagen werden. Arno Frank schreibt in einem vergnüglichen Text in der taz, warum Christiane Rösinger sich gegen Pantha du Prince, Kristof Schreuf, Tocotronic und Fritz Kalkbrenner durchsetzen und den Preis erhalten sollte. “Wenn sie cool ist, lehnt sie ihn ab.”

Kategorien: Musikbranche
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Mag ja sein, dass der Echo eine langweilige und vorhersagbare Veranstaltung ist. Aber nach meinem Geschmack ist es ehrlicher, die Preise nur nach Verkaufszahlen zu vergeben, als irgendeine verlogene, gekaufte Jury dazwischenzuschlaten, die auch nur die Preisvergabe nach Marktwert kaschieren soll.

    • 24. März 2011 um 13:16 Uhr
    • h.pylori
  2. 2.

    Aber wieso ist ein Preis dafür gerechtfertigt, dass ein Künstler hohe Verkaufszahlen hat? Verkauft wird nur das, was gute Werbung hat. Und Werbung ist teuer. Somit wird genau so ein Preis wie der Echo ebenfalls verkauft.

    Ein Blick hinter die Deutsche Phono-Akademie zeigt ebenfalls wieso sehr gute Musiker ohne großes Kapital nie eine Chance auf einem Echo haben werden.

    Und so ein Schund wird aus unseren GEZ-Gebühren bezahlt. Statt informatives Fernsehen, darf der 08/15-Deutsche heute wiedermal miterleben wie Andere auf Kosten des GEZ-Zahlers feiern können.

    • 24. März 2011 um 13:42 Uhr
    • Juls
  3. 3.

    Immerhin ist das ein ehrlicher Preis! Es gibt bei der Olympiade ja auch kein Gold für künstlerisches Laufen, sondern der schnellste Läufer kriegt sie. Und den Echo kriegt man eben auch nur dann, wenn man auch ein Publikum hat-der Künstler mit dem größten Publikum gewinnt.

    Und das ist verdammt noch mal auch richtig so! Deutsche erkennen Kunst sowieso nicht-einfach mal Grammypreisträger mit Grimmepreisträgern vergleichen! Grimmepreise kriegen die, die man nur unter Schmerzen anschauen kann oder wenn politische Korrektheit in Reinkultur aufgeführt wird. Irgendwo einen Nazi durchs Bild rennen lassen, dann den erhobenen Zeigefinger durchs Bild wanken lassen und fertig ist der Grimmepreis. Ganz wichtig für den Grimmepreis: Es darf so gut wie kein Publikum geben! Wenns mehr als 5 Leute mögen, dann ist es keine Kunst mehr-so ist das deutsche Kunstverständnis!

    Deutsche meinen, beim konsumieren von Kunst müsse gelitten werden, ja regelrechte Furcht muss entstehen. Der Grammy wird an Künstler verliehen, die das Publikum unterhalten, die begeistern und bezaubern können.

    Und man kann den Echo nicht dafür verantwortlich machen, dass Karikaturen ihrer Selbst wie die Atzen oder die olle Landruth Kasse machen. Offenbar gefällt so ein Quatsch vielen Menschen, wir haben ja auch nichts besseres in Deutschland. Hätten wir besseres, würden diese Leute auch mehr verkaufen. Die Rechnung “Mich kauft keiner, weil ich zu gut bin” ist jedenfalls Unsinn!

    • 24. März 2011 um 14:00 Uhr
    • Don Homer
  4. 4.

    In Deutschland könnten Arcade Fire keinen Blumentopf, oder eben Echotopf gewinnen. Tocotronic werden ablehnen und die Barbies und Kens einer Plastikbranche die sich in den autonomsten Momenten Kunst schimpft, beklatsch, weint und lacht sich selbst. Wenn es doch wenigstens Satire wäre…

    • 24. März 2011 um 15:14 Uhr
    • stefan
  5. 5.

    Der Artikel bringt es auf den Punkt. Die Preise für Massenkompatible Musik wie Rihanna, Die Atzen(!) und Unheilig, solche ohne größeren künstlerischen Wert oder kulturellen Anspruch, sind die Chartpltzierungen. Werden nach dieser Richtlinie nationale Musikpreise vergeben, kommt das einer Zuschauerwahl gleich. Trotzdem ist erfolgreiche Musik nicht gleich schlechte Musik. Gerade haben Ich+Ich einen Preis für die beste Band bekommen, den sie sicherlich verdient haben. Auch eine Nennung von Lena im Zug mit den Atzen und Andrea Berg finde ich unangebracht. Den Nachwuchspreis sollte niemand anderes gewinnen. Ganze fünf Nominierungen sind natürlich zu viel. Aber dann sind wir wieder bei dem Dilemma mit den Verkaufszahlen… Es wird Zeit, dass sich ein Musikpreis mit einem tieferem und ausgereifterem Konzept etabliert.

    • 24. März 2011 um 21:41 Uhr
    • Jimmy
  6. 6.

    Wir haben jede Menge gute Musik, aber scheinbar kennen Sie nur schlechte. Das sagt zum einen aus, dass Sie, sorry, keine Ahnung haben, und zum anderen, wie schon der Artikelschreiber bemerkte, der Preis für die Katz ist. Grammy oder Brit sind “künstlerische” Preise. Dort werden Talent und Musikalität gewürdigt. Der Echo ehrt “Cash”. So, als würde man den Versicherungsvetreter der Woche wählen, der die meisten Abschlüsse gemacht hat. Das Ding ist ganz einfach: Kommerzieller Kram aus good old Germany ist die Pest. Viele non-kommerzielle Sachen sind begnadet. Der Unterschied: Diese Künstler leben für ihre Musik und nicht für den Kommerz. Deshalb gibt es auch keine adäquaten Veranstaltungen oder Awards.

  7. 7.

    Schöne Kommentare, warum ich beides absolut uninteressant finde :)
    Genauso wie Oscar oder sonstwas, geschweige denn von Promis :D
    Ich glaube da ist echt etwas an mir vorbeigegangen.

    • 24. März 2011 um 23:25 Uhr
    • robo
  8. 8.

    Liebe Frau Weihser,

    Danke für diesen Text. So traurig es ist, immerhin sagt es mal einer, die tun ja alle so als wäre es sonstwas wert, diesen Mistpreis zu gewinnen.

    Und zu Arcade Fire – Jedes Land bekommt die Musikpreisträger, die es verdient – wir eben Unheilig. Zum glück kann ich mich dafür immer noch fremdschämen.

    • 25. März 2011 um 00:15 Uhr
    • Robert
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)