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Metamorphosen zwischen Oper und Blues

 

Ist das denn noch Jazz? Der Schweizer Saxofonist Jürg Wickihalder hat ein Singspiel geschrieben, das niemanden gleichgültig lässt. Diskurs!

© Dragan Tasic

Eine Vergewaltigung nebst ungewollter Schwangerschaft zum Ausgangspunkt eines Singspiels zu machen ist ja mal wieder typisch 21. Jahrhundert! Wo ist das Gute, Schöne, Wahre bloß hin? Aber bevor jetzt die große Aufregung einsetzt: Die Geschichte ist 2.000 Jahre alt, geradezu antik.

„Ovid erzählt in seinen Metamorphosen, wie ein Flussgott eine Nymphe beim Baden umgarnte, sie mit sanften Strömungen bauchpinselte, sie plötzlich umzingelte mit mannshohen Wellen, sie in einen Strudel fesselte und vergewaltigte. Die Nymphe gebar danach einen Jungen, der Narziss hieß und der so berauschend war, dass alle ihn begehrten, alle Frauen, alle Männer, alle Greise.“

Mit diesen genussvoll gesprochenen Sätzen des Librettisten Tim Krohn beginnt die einstündige Aufnahme von Narziss und Echo. Zunächst gibt es keine Musik; vorab wird die Geschichte erzählt, damit dann, wenn die Bläser und die Streicher kommen und die Sängerinnen ihre Stimmen erheben, auch jeder weiß, um wen und was es im Getümmel geht: um den schönsten aller Jungen, Narziss, der vor den Menschen in den Wald flieht, und um die schönste aller Nymphen, Echo, die sich natürlich auch in ihn verliebt, aber verflucht ist, jeden Satz zu wiederholen, den sie hört. Wie kann sie sich ihm mit seinen Worten erklären? „Gemein bist du“, schimpft er. „Mein bist du“, erwidert sie.

Der Schweizer Jazzmusiker Jürg Wickihalder hat die Sache komponiert, den Arrangeur Manuel Perovic hinzugeholt und ein zwölfköpfiges Ensemble zusammengestellt. Es besteht aus Streichquartett, Klavier und diversen Bläsern von Posaune bis Klarinette sowie aus zwei klassisch ausgebildeten Sopranistinnen, die teils allein, teils im Duett das Liebesdrama seinem alpin-floralen Ende entgegentreiben: Echo versteinert und antwortet auf Zuruf nur noch aus den Bergen, Narziss verliebt sich in sein Spiegelbild und wird zum Blümchen.

Das Spektakel eröffnete Anfang Mai das diesjährige Jazzfestival in Schaffhausen. Als Auftakt einer traditionell diskursiven Veranstaltung war es gut gewählt, stellte sich dem Publikum doch gleich die größte aller Jazzfragen: Ob „das hier“ überhaupt noch als Jazz anzusehen sei? Und warum stehen keine Trommeln auf der Bühne? Ist der Schlagzeuger krank? Der gute, schöne, wahre Jazz – wo ist er bloß hin!

Aber auch unter Zuhörern, denen die Genrefrage nicht gar so wichtig ist, gibt es solche und solche. Die einen empfinden Narziss und Echo als ein so unnötiges wie ungelungenes Heranschmeißen an die E-Musik, als gekünstelt. Den anderen kommen die Tränen, weil sie so berührt sind von diesem Gesamtkunstwerk, das keineswegs nur aufs Gefühl zielt, sondern frech, burlesk und schmissig ist.

Jürg Wickihalder, der als Saxofonist selber mitspielt, hat so widersprüchliche Reaktionen selten erlebt. „Ich genieße das sehr“, sagt er. Dieses Projekt hat das Achselzucken überwunden, das viele aktuelle Produktionen hervorrufen: Ach so, noch eine Jazzplatte, ja, ganz schön. Narziss und Echo ist den Hörern nicht egal. „Wir haben uns bei den Proben oft gefragt: Wo ist die Geschichte, die wir erzählen wollen, bei diesen vier Noten jetzt? Was ist unsere innere Haltung dazu?“

Die Musik ordnet sich konsequent der Geschichte unter und trägt sie. So erlebt auch sie Metamorphosen, zwischen Oper und Blues, zwischen Arie und Cabaret.

„Narziss und Echo“ von Jürg Wickihalder Orchestra ist erschienen bei Intakt.

Das Ensemble von 'Narziss und Echo' (© Intakt)

Aus der ZEIT Nr. 26/2012