Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Der Prince unserer Gegenwart

Von 15. Februar 2013 um 12:22 Uhr

Der Brite Jamie Lidell zeigt mal wieder, was für ein brillanter Musiker er ist. Sein neues Album gibt dem Funk und R’n’B der Achtziger ein digitalisiertes Gesicht.

© Linsey Rome

© Linsey Rome

Schon seltsam, wenn jemand etwas anderes als sein Debütalbum nach sich selbst benennt, klingt irgendwie eitel, einfallslos, etwas selbstreferenziell. Vielleicht ist es aber auch nur eine Art Dienstleistung an den Erwartungen seiner Fans, die Jamie Lidell dazu bewogen hat, seine vierte oder fünfte, je nach Zählweise gar siebte Studioplatte einfach Jamie Lidell zu nennen. Denn man muss trotz allem Wiedererkennungswert seiner Stimme, trotz des gewohnt schmissigen Sounds dahinter doch zweimal hinhören, ob das wirklich jener Jamie Lidell ist, dessen Vorgängeralbum Compass von der Times als “brillant” etikettiert wurde.

Was war der damalige Enddreißiger vor zwei Jahren geschmeidig, wie hat er gegroovt, welch süffige Mitwipplieder, die ihm den schönen Titel “Future-Soul-Wizard” eingebracht haben, sind ihm da gelungen. Und jetzt, selbstbetitelt, mit strikt grafischem Cover? Jetzt transponiert der rührige Elektro-Kollaborateur niemand geringeren als den Altmeister Prince in die digitale Gegenwart. Und siehe da: Es ist wieder brillant.

Jamie Lidell – You Naked

Denn was the artist strictly known as Jamie Lidell mit dem artist formerly known as alles Mögliche da aus dem Genie der achtziger Jahre macht, ist eine Art Rundumsanierung mit modernen Mitteln. Gut, Prince Rogers Nelson, mittlerweile auch schon an die 60, hätte mit Jamie Lidells technischen Möglichkeiten eines vollausgerüsteten Digitalstudios anno 2012 seinerzeit womöglich den Pop nicht nur maßgeblich beeinflusst, sondern revolutioniert. Aber was sein Epigone aus Huntingdon, Cambridgeshire auf dem experimentierfreudigen Label Warp daraus macht, ist aller Ehren wert. Ist großartige Tanzmusik. Sogar mehr als das.

Schon das erste Stück namens I’m Selfish mag überraschte Hörer ein wenig arg an When Doves Cry erinnern; aber dahinter erstreckt sich eine so zeitgemäße Flächensicherheit, die nicht von zu viel Klimbim zeugt wie in diesem Genre üblich, sondern von viel Gespür für Exaktheit und Komposition.

Oder Why_Ya_Why, ein Stück mittendrin: Es kombiniert Minimal House so geschickt mit Funk und etwas Dixieland, dass man in die Tiefen seiner Struktur eindringen möchte, um wie ein Wissenschaftler darin zu forschen, danach herauszutreten und weiter zu tanzen. Oder zum Abschluss, In Your Mind, zutiefst nostalgischer Oldschool-Funk, der mit Lidells metallischer Soulstimme eine Jetztzeitigkeit erhält, dass man die Jahrzehnte durcheinander kriegen könnte.

Tut man am Ende aber doch nicht. Jamie Lidell ist Gegenwart, Prince Vergangenheit. Der Jüngere betrachtet Popmusik als das, was sie auch für sein Vorbild war: einen Genpool, den zu sortieren bisweilen ein schöpferischer Akt ist.

Das stellt beide Künstler auf eine Stufe, die ansonsten nur von Grenzüberschreitenden wie Plan B oder, nun ja: Madonna bespielt wird. Anders als bei der allerdings darf man gespannt sein, was Lidell als nächstes macht. Es könnte uns umhauen.

“Jamie Lidell” von Jamie Lidell ist erschienen bei Warp.

Hier geht’s zu unserer Rekorder-Session mit Jamie Lidell.

Kategorien: Elektronika, Funk, Soul
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Princes Musik in den 80ern hatte Power, Erfindungsreichtum, Charme, Lässigkeit, Sexyness, Humor, Intelligenz und bisweilen auch eine Art Mystik und sie hat es heute noch.
    Jamie Lidell auf seinem neuen Album hat nichts von alledem, allerhöchstens Experimentierfreude. Kein Song ist greifbar, die Beats sind viel zu verfrickelt um einen wirklich zu packen, der Gesang (wie bei den beiden Vorgängern) ist enervierend, die Produktion zu clean um wirklich ‘edgy’ zu sein. Es klingt eher wie ein gut gemeinter aber auch verzweifelter Versuch, Prince-Kopisten aus den 80ern wie Atlantic Starr ins Heute zu hieven, sie für ein weisses, hippes Akademikerpublikum (welches eigentlich viel lieber Radiohead und Grizzly Bear hört und nicht richtig tanzen kann) ‘aufzujazzen’ und ihnen noch einen Hipster-Badge zu verpassen, damit man auch nach wie vor auf die ‘richtigen’ Festivals gebucht wird. Kalt und nervig wie dieser Winter.

    • 15. Februar 2013 um 15:22 Uhr
    • CentralScrutinizer
  2. 2.

    Ich hätte es nicht ausdrücken können :-)
    ScrewDriver!
    Montreux 2013 ;-)

    • 15. Februar 2013 um 17:14 Uhr
    • jean pierre
  3. 3.

    Ich schließe mich CentralScrutinizer an und möchte noch hinzufügen, das Prince 54 ist und noch keine 60, und immer noch ein sexy MF!

    • 15. Februar 2013 um 18:24 Uhr
    • Superfunky
  4. 4.

    In den 80-ern hätte man womöglich behauptet, Prince klingt ein wenig wie eine Mischung aus Philip Bailey und Quincy Jones: es gibt eben nichts wirklich Neues mehr. Ob man den kleinen, niedlichen Prince “sexy” nennen möchte… nun, jedem wie er es mag. James Lidell habe ich bisher nicht gekannt, aber ich bin mir nicht sicher, ob man auf den Prince-Vergleich gekommen wäre, ohne diesen ZEIT-Artikel. Und da muss ich mir selbst widersprechen: vielleicht gibt es doch hin- und wieder mal was Neues…

    • 15. Februar 2013 um 18:55 Uhr
    • Tanja Kurtz
  5. 5.

    Also ich finde die neuen Tracks auch ganz nett, genauso wie Compass und auch Multiply gute Alben waren. Durch diese Scheiben ist Lidell sicher einzigartiger als anderer Retro-Soul dieser Tage und der jüngeren Vergangenheit – gleichwohl die Musik sperriger dadurch ist.
    Dennoch: Mir hat die Stilwende zum zweiten Album Jim am allerbesten gefallen. Hätte mir gewünscht dieser Kurs wäre fortgesetzt worden. Denn Lidell kann auch ohne Effekte verdammt gut singen.

    • 15. Februar 2013 um 22:17 Uhr
    • Dohlenmann
  6. 6.

    CentralScrutinizer hat (leider) recht.
    Jamie Lidell ist ein klasse Musiker, toller Sänger und Energiebündel. Wäre Jamie Lidell nicht so ein herausragender Künstler, würde ich schreiben, dass die neue CD ein “New_Kids_On_The_Block_ach_was_waren_wir_jung_Spassalbum” ist (getarnt als Prince Hommage), die auf ganz bösen 80er / 90er Jahre Parties hervorragend ankommt. Aber vielleicht braucht jeder Künstler mal so einen Aussetzer um sein Genie zu entfalten.

    • 21. März 2013 um 13:52 Uhr
    • 4tune
  7. Kommentar zum Thema

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