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Tetris mit den Toten

 

Ein Konzeptalbum über das Sterben haucht dem Jazz neues Leben ein. Der Hip-Hop-Produzent Flying Lotus erfindet mit „You’re Dead!“ die Gameboy-Version des Genres.

© Tim Saccenti
© Tim Saccenti

Herbie Hancock muss es wissen. Nachdem der Pianist, Komponist und Bandleader seinen Beitrag zu You’re Dead! eingespielt hatte, machte er dem Schöpfer des Albums das ultimative Jazz-Kompliment: Miles Davis, sagte er, würde heute mit Flying Lotus und dessen Freunden abhängen, wenn er noch am Leben wäre. Miles Davis, sagte er außerdem, hing immer mit den Leuten ab, die den Jazz vorangebracht haben.

Nun liegt das Problem auf der Hand: Miles Davis ist nicht mehr am Leben. Er ist gestorben, als der heute 30-jährige Steven Ellison noch zur Grundschule ging. You’re Dead! ist Ellisons fünftes Album unter dem Künstlernamen Flying Lotus und handelt immerhin indirekt auch von diesem Todesfall. Der Produzent aus Los Angeles engagierte zahlreiche Gastsänger und -Rapper, um sich aus möglichst vielen Blickwinkeln dem Lebensende zu widmen.

Als Großneffe von Alice († 2007) und John Coltrane († 1967) wurde Ellison der Jazz gewissermaßen in die Wiege gelegt. Statt den für das Genre heute üblichen Musikschulenweg einzuschlagen, spezialisierte er sich jedoch früh auf Kompositionen am Laptop: Ellison verband die Space-is-the-place-Studien von Sun Ra († 1993) mit Hip-Hop, Funk und moderner Elektronik. Außerdem gründete er Brainfeeder, das inzwischen führende US-Label für solcherlei Stilspagate. J Dilla († 2006) und DJ Rashad († 2014) prägten sein Soundverständnis, Thom Yorke zählt zu seinen größten Fans.

You’re Dead! ist das erste Jazz-Album von Flying Lotus – sofern man eine etwas eigenwillige Definition von Jazz gelten lässt. Tatsächlich gibt es darauf bemerkenswerte Beiträge an Piano, Bass, Gitarre, Schlagzeug, Streichern und Blasinstrumenten. Über allem aber liegt eine Schicht digitalen Sternenstaubs, den Ellison aus Computern, Synthesizern und anderen Gerätschaften herausfiltert. Seine Songs sind selten länger als zwei Minuten, dafür meistens schwer beladen mit Wendungen, Geistesblitzen und Referenzen. Schon das Wuselige und Flatterhafte, mit dem You’re Dead! manchen Hörer zunächst überfordert, verortet die Platte im Jahr 2014.

Hinzu kommt ein musikalisches Helferteam, das sich nicht auf lebende Jazz-Legenden beschränkt. In ekstatischer Todeserwartung steuert Kendrick Lamar eine seiner akrobatischen Stolper-Strophen zu Never Catch Me bei. Der Highspeed-Bassist und Soulsänger Thundercat bekennt in Descent Into Madness das Ende seiner Zurechnungsfähigkeit. Snoop Dogg wirft sich mit Dead Man’s Tetris in bewährte Gangster-Posen und betrachtet die Leichen, die sich vor ihm auf der Straße stapeln.

Die dabei verwendete Tetris-Metapher erfasst You’re Dead! auf zweierlei Weise. Immer wieder findet das Album Lücken für neue Ideen, wo eigentlich keine Lücken mehr sein sollten. Es ist schier unglaublich, dass es nur 38 perfekt aufgeschichtete Minuten dauert. Außerdem pflegt es einen spielerischen Umgang mit seinem vermeintlich schweren Thema. Niemand auf You’re Dead! arbeitet sich an grimmigen Trauerübungen ab. Flying Lotus und seine Gäste blicken erwartungsfroh auf die Möglichkeiten, die sich ergeben, wenn man den Tod erst einmal hinter sich hat.

„You’re Dead!“ von Flying Lotus erscheint am 3. Oktober bei Warp Records/Rough Trade.

2 Kommentare


  1. Wer auf eine Melange aus Hip-Hop und elektronischem Jazz steht, dem sei auch BadBadNotGood aus Kanada empfohlen. Als Appetizer -> http://www.youtube.com/watch?v=vVGCljSZ5m0 und -> http://www.youtube.com/watch?v=6KZua0-ovaI

  2.   Infamia

    Gewöhnungsbedürftig, aber genau das macht den Reiz dieser Platte aus. Ich habe auf DRadiokultur schon einige Stücke hören können. Schön am Jazz und Hip-Hop ist, der Jazz hat schon sehr lange Einzug im Hip-Hop gefunden und umgekehrt. Er ergänzt sich gut, wenn man offen ist und Jazz nicht als etwas Statisches betrachtet, wie es Traditionalisten oft tun. Ginge es nach ihnen, wäre der Jazz schon lange Tod. So ist er „alive and kicking“.

 

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