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Erst nicht schlecht, dann wow!

 

Um Geschmack an Caribou zu finden, muss man sich nicht mit Bassmusik oder Clubtrends auskennen. Man lässt sich einfach mitreißen und entdeckt das Album dieses Herbstes.

© Universal
© Universal

Ein erstaunlicher Effekt. Der Beat knallt immer schön auf die Eins, ein Vocal-Sample rotiert im Kreis, eine Keyboardfläche verschwindet in schöner Regelmäßigkeit hinter dem Horizont. Dann plötzlich wird der Bass noch einmal fetter, der Gesang rückt nach vorne, die Synthesizer heben ab. Es ist noch derselbe Track – und doch hat sich das Klangbild vollkommen verändert. Vorher dachte man: Gar nicht schlecht. Jetzt denkt man: Wow!

Es gibt eine Reihe solcher magischen Momente auf Our Love, dem neuen Album von Caribou. Mit leichter Hand streut Dan Snaith sie unters Volk, als hätte er irgendwo zwischen Studio und Schlafzimmer einen Geheimvorrat angelegt. Snaith alias Caribou ist nicht nur ein Ausnahmefrickler akustischer Effekte, sondern auch ein großer Brückenbauer. Seit Jahren wird der Kanadier dafür gefeiert, die elektronische Musik für Menschen zu öffnen, die sich sonst nur mit vorgehaltener Waffe vom Besuch eines Techno-Clubs überzeugen lassen würden.

Dabei war er lange Zeit eher in der Nische zu Hause. Wie die meisten seiner Kollegen veröffentlichte Snaith unter verschiedenen Pseudonymen. In jungen Jahren hieß er Manitoba, musste den Namen aber fallen lassen, als Richard Manitoba, Sänger der US-Punkband The Dictators, Klage einreichte. Unter dem Alias Daphni fertigte er immer wieder Funktionsmusik für den Tanzboden. Erst als Caribou jedoch gelang ihm ein größerer Wurf: Auf seinem Album Swim verband er Folk, intellektuelle Elektronik und herzerwärmenden Soul.

Schon damals geriet die Kritik ob der Popqualität des Entwurfs ins Schwärmen: Endlich mal wieder eine Musik ohne eingebaute Minoritätenklausel. Nun, auf Our Love, beweist Snaith eine Synthesefähigkeit, die letzte Genregrenzen hinter sich lässt. Hier kommt ein Soul-Fragment einhergeschwebt, dort wechselt er unvermittelt die Klangfarbe, ein andermal lässt er Streicher mit ätherischen Stimmen kollidieren und kehrt, wenn ihm danach ist, zur reinen Lehre des Beats zurück, doch nie predigt er bloß zu den Konvertierten.

Man muss nicht wissen, was Bassmusik ist, welcher Sound gerade auf den Dancefloors in London regiert oder wie moderne Housemusic klingen sollte, um Geschmack an diesem Mix zu finden, es reicht, sich mitreißen zu lassen. Wer unbedingt eine Schublade bracht, nennt es Folktronica. Der Rest freut sich über das Popalbum des Herbstes.

“Our Love” von Caribou ist erschienen bei City Slang/Universal.

Aus der ZEIT Nr. 41/2014

5 Kommentare

  1.   Niklas

    Mit Verlaub, aber dieses Album ist absolut überbewertet worden. “Our love” ist mit Sicherheit ein potenzieller Stürmer der EDM-Charts, aber leider versinken 80% der Stücke in beinahe kitschiger Mittelmäßigkeit. Einziger Lichtblick ist etwa noch “Can’t do without you” und das technoide “Mars”. Schade, der Musikjournalismus versprach hier ein tolles Album. Grüße


  2. Als ich zum ersten mal von Caribou gehört und ‘Melody Day’ entdeckt habe https://www.youtube.com/watch?v=M7Oe1DN5VDA , scheinen mir die Gestirne wie eine astronomische Abbildung der akustischen Verhältnisse im Raum. Hypnotisch!

  3.   Nils

    Da fehlt ein “u” im vorletzten Satz. #besserwissereiammorgen

  4.   cyzz

    ein mieser House-Mix wovon die hälfte von richtigen Künstlern geklaut ist.

  5.   stefan niggemeier

    Hat schon jemand die Begriffe “gähnend” und “langweilig” genannt?

 

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