Ein Blog mit Ihren Notizen, Gedichten und Bildern für die gedruckte ZEIT

Autoren Archiv von "Zeit der Leser"-Redaktion

Zeitsprung: Gealtert

Von 4. August 2015 um 15:00 Uhr

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Vor Kurzem verbrachten meine Schwester und ich zusammen ein paar Tage in Barcelona. Auf der Plaça de Sant Pere, einem wunderschönen Ort, legten wir eine Pause ein und beobachteten das Treiben. Ein kleiner Junge tat dies ebenfalls, ganz in unserer Nähe. Ich fotografierte ihn; schien es doch, als würde das Blau seines T-Shirts aus dem Blau des Fahrradreifens wachsen. Als mein Blick wenige Augenblicke später erneut in diese Richtung fiel, saß an derselben Stelle plötzlich ein älterer Mann in gleicher Position. Es war, als wäre die Zeit innerhalb weniger Minuten um Jahrzehnte vorangeschritten – wie im Zeitraffer.

Eva Höschl, Regensburg

Kategorien: Zeitsprung

Lebe: Mein Wort-Schatz

Von um 12:00 Uhr

Lebe ist ein uraltes Abschiedswort in unserem sonst so derben Dialekt. Jedes Mal, wenn ich die alte, pflegebedürftige Cousine meines Vaters im Altenheim besuche, höre ich zum Abschied: »Lebe«. Das tut so gut.

Heike Riedmann-Hofer, Lustenau, Österreich

Kategorien: Mein Wort-Schatz

Wiedergefunden: Weiter Weg

Von um 10:00 Uhr

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Nach den schweren Luftangriffen auf Hamburg im Juli 1943 wurde unsere Schule nach Bayern evakuiert, zuletzt nach Vohenstrauß, Oberpfalz. Im Mai 1945 besetzten amerikanische Truppen diesen Ort. Jetzt gab es keine Institution mehr, die sich um uns kümmerte, insbesondere gab es nichts mehr zu essen. So wurden wir in Gruppen von vier Schülern nach Hause geschickt, ich als Ältester, gerade 14 Jahre alt, war für die drei Jüngeren verantwortlich. Auf dem Passierschein, den wir mit auf den Weg bekamen, hieß es auf Englisch: »Das Schullager wurde von den Behörden geschlossen und den Knaben befohlen, Hamburg oder ihre Verwandten zu Fuß zu erreichen. Deshalb wurde der Obengenannte am 6. Juni 1945 nach Hamburg in Marsch gesetzt.« Viele Teilstrecken gingen wir tatsächlich zu Fuß, das letzte Stück legten wir auf einem beladenen Kohlenzug zurück. Völlig erschöpft und kohlengeschwärzt erreichten wir 14 Tage nach dem Aufbruch unser Zuhause.

Helmut Beutel, Hamburg

Kategorien: Wiedergefunden

Was mein Leben reicher macht

Von 3. August 2015 um 12:00 Uhr

Mein Nachbar Norbert, der warme Sommerabende mit dem Klang seiner Gitarre erfüllt. Er begleitet damit beispielsweise die Gartenarbeit seiner lieben Frau. So lässt es sich locker Unkraut zupfen!

Heike Hatzfeld-Graf, Marbach am Neckar

Die Kritzelei der Woche

Von 2. August 2015 um 18:00 Uhr

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Die Zeichnung entstand im Wirtshaus Lautenschläger in Neutsch. Dorthin verschlägt es mich und meinen Freund Michael immer wieder, weil man da so gemütlich sitzt und man immer nett unterhalten wird. Obendrein gibt’s leckere Odenwälder Spezialitäten. Beim Warten auf den Handkäs mit Musik griff ich aus Lust zu Block und Kuli und fing an zu kritzeln. Mehr und mehr verdichteten sich Bembel, Rautengläser, Besteck, Sterne, Blumen, die karierte Tischdecke – und ein Esel. Lange schon wünsche ich mir einen kleinen, grauen Hausesel. Aber es wird wohl ewig nur ein »Spleen« bleiben, wie auf diesem Blatt zu lesen ist.

Sibylle Maxheimer, Darmstadt

Kategorien: Kritzelei der Woche

Schmeckerwöhlerchen: Mein Wort-Schatz

Von um 15:00 Uhr

Als junger Zeitungsvolontär hatte ich einen Kollegen, der von einer Veranstaltung berichtete, bei der auch Häppchen gereicht wurden. Er beschrieb diese Kleinigkeiten als Schmeckerwöhlerchen. Sie seien das Beste bei diesem sonst öden Termin gewesen. Seitdem begleiten mich die Schmeckewöhlerchen durchs Leben. Nie wieder habe ich eine passendere Bezeichnung für kleine appetitliche Gaumenfreuden gelesen. Allein bei dem Wort läuft mir schon das Wasser im Munde zusammen.

Thomas Klinghammer, Bunde, Ostfriesland

Kategorien: Mein Wort-Schatz

Lyrikers Einsicht

Von um 12:00 Uhr

(nach Heinrich Heine, »Lyrisches Intermezzo«)

Ich steh an der Weide Gatter
Und dichte phänomenal.
»Wenn ich ein Rindvieh wäre!«,
Seufz ich, ganz emotional.

Wenn ich ein Büffel wäre,
So wär ich bei dir als Rind
Und käute fröhlich wieder,
Wo deine Tulpen sind.

Wenn ich ein Kälbchen wäre,
So wär ich noch ein Kind
Und besser zu ertragen
Als so ein Riesenrind.

Wenn ich ’ne Landkuh wäre,
So hätte ich einen Zweck,
Denn Rinder geben Milch
Und dichten nicht so schlecht.

Antonia Wurm, Bobingen, Bayern

Was mein Leben reicher macht

Von 1. August 2015 um 18:02 Uhr

Ein voller ICE auf der Fahrt nach Berlin. Ich höre Wortfetzen: »Sie haben keinen gültigen Fahrschein. – Wir müssen Sie der Polizei übergeben.« Ich blicke mich um. Schaffner reden auf einen jungen Nordafrikaner ein, der offensichtlich kein Geld bei sich hat. Das Geschehen geht mir nahe. Bevor ich reagieren kann, höre ich eine Frauenstimme: »Ich bezahle für den jungen Herrn.« Die Fahrkarte kostet 130 Euro. Als sich die Helferin zurück auf ihren Platz setzt, kann ich nicht anders: Ich danke ihr und gebe ihr wenigstens den Rest Bargeld aus meinem Portemonnaie. Sie ist überrascht und zu Tränen gerührt, als viele andere Reisende es mir gleichtun. Durch ihre Courage hat diese Frau uns ein großes Geschenk gemacht: Sie hat uns gezeigt, wie einfach das Gute ist.

Bettina Rentsch, Heidelberg

…verschwunden

Von um 15:00 Uhr

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Wie immer begann ich vorige Woche mit dem Lesen der ZEIT auf der letzten Seite und fand dort das bemerkenswerte Gedicht der Leserin Marijke Bonim-Hauger Der Mohn ist aufgegangen mit dem schönen Mohnfoto dazu. Dazu würde ich gerne ein Mohnfoto beitragen, das ich vor fünf Jahren in unserem Garten aufgenommen habe; vielleicht haben einige Leser Freude daran. Leider war diese schöne Pflanze aus unserem Garten verschwunden, als wir letztes Jahr aus dem Urlaub kamen.

Gregor van de Sand, Bocholt

Kategorien: Aus meinem Garten

Oberrüben: Mein Wort-Schatz

Von um 12:00 Uhr

Wie jedes Jahr um diese Zeit freue ich mich beim Gang über den Wochenmarkt über das frische, in heimischen Gefilden gewachsene Gemüse. Allerdings suche ich nach Oberrüben, etwas später im Jahr nach Welschkraut und Rotkraut und im Herbst nach Kohlrüben – leider vergeblich. Ich finde stets nur die Bezeichnungen »Kohlrabi«, »Wirsing«, »Rotkohl« und »Steckrüben« auf den Preisschildern. Meine schon vor langer Zeit verstorbene Mutter, eine Riesengebirglerin, wäre sicherlich enttäuscht, wenn ihr die altvertrauten Begriffe nicht mehr begegneten. Und entrüstet würde sie rufen (wie immer, wenn sie etwas »allerhand« oder »unerhört« fand): »Da hört doch der Gurkenhandel auf!«

Karl-Ludwig Zeitz, Celle

Kategorien: Allgemein