Ein Blog mit Ihren Notizen, Gedichten und Bildern für die gedruckte ZEIT

Autoren Archiv von "Zeit der Leser"-Redaktion

Die Kritzelei der Woche

Von 25. Oktober 2014 um 16:00 Uhr

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Diese Kritzelei entstand in den Ferien in London und zeigt so ungefähr alles, was ich in den vier Tagen erlebt und gesehen habe. Der Doppeldeckerbus und das Riesenrad (»London Eye«) sind hoffentlich auch für Uneingeweihte zu erkennen…

Julia Khorrami, Mainz

Kategorien: Kritzelei der Woche

Was mein Leben reicher macht

Von um 14:00 Uhr

In einem Schlammbad auf Krk: vorne das Meer, links die Schlammlöcher. Hitze. Zwei pubertierende Jungs, die das alles nicht so »dolle« finden, und ringsum nur komische deutsche Familien. Man(n) leidet. Jetzt belegt eine Gruppe älterer Damen noch den letzten freien Schirm. Irgendwann erscheint eine der Damen mit einem selbst gepflückten Blumenstrauß bei den Freundinnen. Plötzlich ein Schrei! Aufregung! Man muss helfen! Eine Gottesanbeterin hat sich im Strauß versteckt. Interesse bei allen: Die Kinder sind plötzlich Forscher, die Väter Tierretter, die Mütter Krisenhelfer. Die Gottesanbeterin bescherte uns einen netten Nachmittag – mit all den zuvor doch so komischen Nachbarn.

Thomas Zimmerhackl, Hohenstadt, Baden-Württemberg

Deutsche Geschichte

Von um 12:00 Uhr

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Bei einem Familienausflug nach Leipzig entdeckten wir diese bemalte Hauswand mit einem Stück deutscher Geschichte, das wir selbst vor 25 Jahren hautnah miterlebt haben.

Katrin Wissel, Möhrendorf, Mittelfranken

Kategorien: Straßenbild

Mauergedicht

Von um 09:00 Uhr

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Auf diese DDR-Papiertüte hat meine Mutter, Herlinde Todt, als junge Frau ihre Gedanken zum Mauerbau gekritzelt. Ihre beste Freundin studierte in den sechziger Jahren Medizin und arbeitete während der Semesterferien an der Berliner Charité. Meine Mutter besuchte sie manchmal dort. Bei einem dieser Treffen erzählte ihr die Freundin, Erika, dass sie vom Fenster des in unmittelbarer Nähe der Mauer gelegenen Krankenhauses beobachtet habe, wie ein Flüchtling erschossen wurde. Auf der Heimfahrt nach Köthen versuchte meine Mutter, das Unmenschliche in Worte zu fassen – und hatte offenbar nur diese Tüte zur Hand.
Erika versuchte später selbst, mit ihrem westdeutschen Freund über Bulgarien in den Westen zu fliehen. Die Flucht misslang. Erika kam ins Gefängnis und verließ es als gebrochene Frau. Auch meine Mutter hat gegen den Unrechtsstaat DDR rebelliert und wurde 1968 – weil sie gegen den Einmarsch der Russen in die Tschechoslowakei war – vom Lehrerstudium exmatrikuliert.
Die Freundinnen haben sich leider nie wieder gesehen, denn wenige Jahre, nachdem Erika aus der Haft entlassen und in den Westen abgeschoben worden war, nahm sie sich das Leben. Vermutlich hat meine Mutter die alte Tüte mit dem Mauergedicht deshalb so lange aufgehoben.

Die Stadt der Mauer
Wer kennt sie nicht
Und ihre Erbauer (…)
mit dem Friedensgesicht!
Ein Schutz der Freiheit,
die keine ist!
Mit welcher Gemeinheit
man Menschen erschießt.
Dann lässt man sie liegen,
verbluten im Sand.
Doch nie wird der siegen,
der mißbraucht seine Hand.
Das Wagnis zu fliehen
ist unheimlich groß,
wenn vergebens das Mühen
(droht) ein (…) bitteres Los.
Wie sinnlos das Streben
wenn man bedenkt,
was getan wird für das Leben,
das eine Mutter schenkt.

Anja Sabel, Osnabrück

Kategorien: Wiedergefunden

Was mein Leben reicher macht

Von 24. Oktober 2014 um 18:00 Uhr

Entspannt und wohlwollend zuzuschauen, wie sich die Schnecken über meine Zucchini hermachen. Wir hatten eine wahre Zucchini-Schwemme dieses Jahr. Ich bin des Gemüses schon überdrüssig.

Max Leitermann, Tüßling, Oberbayern

Was mein Leben reicher macht

Von um 16:00 Uhr

An einem regnerischen Samstag kamen meine Töchter (19 und 14 Jahre alt) auf die Idee, so wie früher, als sie noch ganz klein waren, mit mir (50) eine Höhle unter dem Tisch zu bauen. Mit Decken und Kissen, Essen und Trinken, Büchern, Musik, Taschenlampen und Erzählen. Wir haben einen wunderschönen Nachmittag in der Höhle verbracht. Höhepunkt waren unsere Geschichten zum Thema: Was mir in meinem Leben bisher am peinlichsten war. Alle drei haben wir sehr über uns gestaunt und unglaublich viel gelacht.

Claudia Volkmann, Berlin

Ganz versunken

Von um 14:00 Uhr

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In Darmstadt gab es auch dieses Jahr wieder den wunderbaren Waldkunstpfad mit zahlreichen Projekten internationaler Künstler. Doch immer noch schafft die Natur selbst die erstaunlichsten Werke! So wie meine beiden sich umarmenden Bäume: Ganz versunken scheinen sie zu tanzen am Rande des Weges. Eine Buche und eine Kiefer, eng umschlungen in den Himmel gewachsen.

Susanne Philippen, Mühltal, Hessen

Kategorien: der Baum, Mein Freund

Luftikus: Mein Wort-Schatz

Von um 12:00 Uhr

Wer nur so in den Tag hineinlebte, zwar meistens fröhlich, aber auch etwas unzuverlässig war, den nannten wir früher einen Luftikus. Eine weibliche Form ist mir dagegen nicht bekannt!

Werner Müller, Berlin-Spandau

Kategorien: Mein Wort-Schatz

Was mein Leben reicher macht

Von 23. Oktober 2014 um 18:00 Uhr

Die Zusage für das wunderschöne, schnuckelige Häuschen, in dem ich künftig mit meinem Freund wohnen werde.

Marie Bernhardt, Lahr

Der Reimer

Von um 16:00 Uhr

(frei nach Rainer Maria Rilke, »Der Panther«)

Sein Sucherblick hängt müd im Reimegitter,
sodass kein Finderglück ihn mehr verführt.
Es ist, als hätt stupender Klingelflitter
sein schmales Denkvermögen eingeschnürt.

Des Dämons Wunderwirken schält die Wirklichkeiten,
erzwingt dem Schmerz ein Herz, dem Brot den Tod,
übt sich im Übersehn von tausend Möglichkeiten:
Sein großer Herrscherwille bleibt devot.

Nur für Momente schweigt sein Reimgepränge,
es ordnet sich sein Hirn, besinnt sich drauf,
dass Weisheit man erkennt auch ohne Klänge.
Die Einsicht kommt –. Und hört schon wieder auf.

Peter Gronau, Hildesheim