Was im 19. Jahrhundert Salons waren, sind heute Blogs. In diesem Sinne lassen wir die Tradition des legendären Fragebogens von Marcel Proust für unsere Lieblingsblogger wieder aufleben
Seit vier Jahren bloggt Anne Feldkamp auf Blica. Von Wien aus wollte sie anfangs ihre Freunde und Familie in Deutschland unterhalten, dann verfiel sie der Mode. Blica lebt von schönen, uneitlen Texten mit einer perfekten Länge für ein Blog und selbstgemachten Collagen, für die, bei akuter Online-Unlust, die Hochglanzmagazine ihre Seiten lassen müssen
Was ist für Sie das vollkommene Blog? Das, das sich weiter entwickelt, die eigene Unvollkommenheit gelassen nimmt und auch mal provoziert
Mit welchem Blogger identifizieren Sie sich am meisten? Mit all denen, die sich ihren Eigensinn bewahren
Was ist online Ihre Lieblingsbeschäftigung? Anna dello Russos Outfitfeuerwerke zu verfolgen
Was ist offline Ihre Lieblingsbeschäftigung? Collagen basteln.
Bei welcher Gelegenheit schreiben Sie die Unwahrheit? Wenn die Wahrheit zu weh tut.
Ihr Lieblingsheld im Netz? Die, die sich im Netz nicht verlieren.
Ihr Lieblingsheld in der Wirklichkeit? Linus von den Peanuts
Welche Eigenschaften schätzen Sie an Menschen, denen Sie im Netz begegnen? Diskussionsfreudigkeit
Welche Eigenschaften schätzen Sie an Menschen, denen Sie in der Wirklichkeit begegnen? Loyalität, Eigensinn, Unvernunft
Was mögen Sie im Netz am wenigsten? Schlechte Werbung
Was stört Sie an Bloggern am meisten? Substanzloses Blabla und aufgehübschte PR-Meldungen
Was stört Sie an sich selbst am meisten? Meine ungezügelte Leidenschaft für Wiener Kaffeehaussünden (Maronispitz, Kardinalschnitte und Indianer mit Schlag).
Ihr glücklichster Moment als Blogger? Gelesen zu werden
Was halten Sie für Ihre größte Errungenschaft als Blogger? Meine Zurückhaltung zu überwinden
Über welches Talent würden Sie gern verfügen? Unterhaltsamkeit
Als welcher Blogger möchten Sie gern wiedergeboren werden? Zur Abwechslung: Anna dello Russo
Ihre größte Extravaganz? Bisher ohne Visitenkarte überlebt zu haben
Ende der siebziger Jahre fing etwas Großes an: In Zürich trafen sich Boris Blank und Carlos Perón, um an dem Sound zu tüfteln, den man mit Blech und Motoren erzeugen kann. Sie suchten einen Sänger, der zu ihnen passt, fanden Dieter Meier, und das Projekt yello formierte sich, um die Popmusik zu reformieren. Mitte der achtziger Jahre verließ Carlos Perón die Band – Boris Blank und Dieter Meier machten weiter. Als Pioniere der elektronischen Musik prägten sie den Sound der Achtziger. Letzten Herbst veröffentlichte der Echtzeit Verlag ein Buch über das Duo, für das sich der Autor Daniel Ryser von den beiden die lange und anekdotenreiche Geschichte der Band erzählen ließ. Wer die Dinos des Elektro und den Autor ihres Buches kennenlernen will: Morgen Abend treten sie im Golden Pudel Club in Hamburg mit Rocko Schamoni auf
Natürlich kann man auch mit einer Plastiktüte unter dem Hintern einen Berg runterfahren. Besser wäre aber ein Schlitten, und schön darf er auch sein (gasserrodel.at)
Heute empfehlen wir zur Inspiration für das Sonntagsessen das Food-Blog Cannelle & Vanille, geschrieben von Aran, einer in den USA lebenden, kulinarisch hochbegabten Baskin.
Gestern ging die Fashion Week in New York zu Ende. Die Schauen, die uns am besten gefallen haben: Marc Jacobs war offensichtlich in top Form und verkleidete seine Models als Charles Dickens-Figuren (Bilder oben). J.Crew, das coolste Fußgängerzonen-Label der Welt, macht mit Kreativdirektorin Jenna Lyons die Mode, die jeder haben will und kann (seit Kurzem online auch in Deutschland erhältlich)
Sarah Illenberger ist Illustratorin, doch sie illustriert nicht auf Papier, sondern meistens im Raum. Sie baut, legt, klebt und kombiniert, findet neue Materialien: ein Kleid aus Salat, ein Malerpinsel aus einem Artischockenherz, ein Modell des Sonnensystems aus Zitrusfrüchten. Sie illustriert den Liebeskummer, indem sie ihn zu wollenen Bildern verstrickt.
Letztes Semester unterrichtete sie als Gastprofessorin an der UdK Berlin und verstrickte die Studenten des Industrial Design Studiengangs der UdK und die Berliner Schaufenster in eine intensive Beziehung. Das Projekt ALLES MUSS RAUS, das sie zusammen mit Prof. Axel Kufus von der UdK leitet, will die Schaufensterkultur des Berliner Einzelhandel wiederbeleben.
Einfallsreich und liebevoll entwickelten sie in vier Monaten Konzepte, suchten und fanden Läden, überzeugten die Ladenbesitzer und entwarfen Modelle. Wundervolle Schaufenster entstanden. Im Fenster der Apotheke zum Goldenen Einhorn schlägt jetzt ein Apotheken-A wie ein Herz im Schritt der Passanten.
Seit Montag sind die Fenster fertig gestaltet (auf den Fotos oben sind die Modelle zu sehen). Und am Freitag, dem 17. Februar, wird um 18.00 Uhr zu einer kleinen Street-Vernissage eingeladen. Bei Efekt, einem Kopierladen, Admiralstraße 38 in Berlin-Kreuzberg, kann man sich einen Stadtplan holen, auf dem die 14 Orte eingetragen sind. Aber Obacht: Nach Einbruch der Dunkelheit scannt das revitalisierte Schaufenster die Passanten und projiziert das verzerrte Bild auf das Glas.
ZEITmagazin: Wie entstand die Idee zu diesem Projekt?
Sarah Illenberger: Aus dem Dialog zwischen Prof. Axel Kufus und mir. Nach meiner Präsentation für Hermès in den Schaufenstern des Kaufhauses KaDeWe im Sommer 2011 hat uns das Thema Schaufenstergestaltung sehr interessiert: Ein Designbereich, der viel zu wenig Aufmerksamkeit erhält und doch ein so wichtiger Teil des Stadtbildes ist.
ZEITmagazin: Warum ist Ihrer Meinung nach die schöne Gestaltung von Schaufenstern so selten geworden?
Sarah Illenberger: Zum Großteil liegt diese Vernachlässigung an dem Zuwachs der vielen Geschäftsketten, die einheitliche Schaufensterkonzepte anwenden. Bei Supermarktketten sind es oft Sparmaßnahmen, die dazu führen, dass die Fenster komplett zugeklebt werden. Den Schaufensterbummel gibt es nicht mehr. Das Straßenbild ist doch geprägt von Menschen, die auf die Displays ihrer iPhones und Blackberrys schauen und ihrer Umwelt wenig Aufmerksamkeit schenken.
ZEITmagazin: Hat es für Sie etwas mit Nostalgie zu tun, die Schaufensterkultur wiederzubeleben? Ist nicht das Internet das größte Schaufenster, das man sich wünschen kann, um Waren anzubieten?
Sarah Illenberger: Sicherlich ist das Internet eine spannende Plattform und auch ein Fenster, um Ware anzubieten, aber am Ende laufen wir ja noch durch die Straßen, sitzen in Cafés und erfreuen uns an einer schönen Umgebung. Es muss ja kein Entweder-oder sein. Ich finde aber, ein Geschäft mit einer Fensterfront ist mitverantwortlich für das Erscheinungsbild einer Stadt.
ZEITmagazin: Wie haben die Ladenbesitzer reagiert, als sie gefragt wurden, ob Studenten ihr Schaufenster umgestalten dürfen?
Sarah Illenberger: Generell war die Reaktion viel positiver als erwartet. Eigentlich musste keiner der Studenten das Konzept ändern und anpassen, nachdem wir es dem Ladenbesitzer vorgestellt hatten. Die Geschäftsinhaber haben den Studenten viel Vertrauen entgegen gebracht und sich sehr viel offener und kooperativer gezeigt als erwartet.
ZEITmagazin: Waren die Besitzer in die Ideenentwicklung involviert?
Sarah Illenberger: Alle Besitzer waren involviert. Manche kamen sogar an die UdK zur Zwischenpräsentation und haben sich die Modelle angeschaut. Andere haben mit einem „Mach’n Se ma nur“ den Studenten eine carte blanche in die Hand gedrückt.
ZEITmagazin: Erhoffen sich die Landebesitzer Laufkundschaft durch schönere Schaufenster?
Sarah Illenberger: Im Ganzen ist es ein Experiment, das von den Ladenbesitzern sicherlich mit großer Neugierde betrachtet wird: Was bewirkt es, wenn man etwas mutiger und experimentierfreudiger an die Gestaltung eines Fensters geht? Noch schöner für die Ladenbesitzer ist es aber, dass sie die Möglichkeit haben, die Geschichte ihres Geschäfts zu erzählen. Bei dem Second-Hand-Laden „Lindt“ in der Körtestrasse in Kreuzberg, einem ehemaligen Süßwarenladen, wurde die Geschichte in der Gestaltung aufgegriffen. Die Kleider wurden wie Pralinen drapiert. Scheinbar hat sich der Vorbesitzer und Pralinenhersteller das Leben genommen, weil er in seine Auszubildende verliebt war, die jedoch die Liebe nicht erwidert hat. Plötzlich entsteht Gesprächsstoff, und Geschichten werden neu belebt.
ZEITmagazin: Jetzt läuft ALLES MUSS RAUS als Pilotprojekt; in den nächsten Jahren soll daraus ein Wettbewerb werden. Wie wird das aussehen?
Sarah Illenberger: Im Idealfall würde in Kooperation mit dem jeweiligen Quartiersmanagment ein Wettbewerb ausgesprochen werden, an dessen Ende die schönsten Fenster ausgezeichnet werden. Es wäre schön, wenn wir dadurch das Straßenbild neu gestalten und revitalisieren könnten.
Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen – ihnen ist im ZEITmagazin jede Woche eine Seite gewidmet. Die ZEITmagazin-Redaktion stellt ihre persönlichen Entdeckungen nun auch täglich auf dem Heiter-bis-glücklich-Blog vor. Wenn Sie uns die Entdeckungen, die Sie heiter bis glücklich stimmen, mitteilen möchten, schicken Sie sie einfach an: heiter@zeit.de