Antennenarm

In Berlin ist man sich-bei-Rot-über-stark-befahrene-Straßen-mogelnde Radler so gewöhnt, dass mich die ältere Dame völlig überrascht, die an der Kreuzung vor mir steht und auf Grün wartet. Sie will nämlich nicht etwa geradeaus, über die vierspurige Straße, nein, sie will nur rechts abbiegen. Also einmal um die Bürgersteigsecke kurven. Gerade mal zwei Meter Verkehrsrowdietum! Das nenne ich vorbildlicher als bei der Verkehrserziehung in der 1. Klasse. Die ältere Dame hat den rechten Arm formvollendet bis in die Fingerspitzen nach rechts ausgestreckt, der linke Fuß steht auf der Pedale und ihr ganzer Körper verharrt in leichter Spannung, die beim Umschalten der Ampel ein sofortiges, den Verkehr nicht verzögerndes Anfahren ermöglicht. Besonders schön der kurze Moment, als ein Fußgänger auf die bis auf den Gehweg ragende Arm-Barriere zuläuft: Ohne ihren auf die Ampel gerichteten hochkonzentrierten Blick abzuwenden, zieht die ältere Dame teleskopartig den Arm ein, lässt den Mann passieren um ihn gleich danach wieder akkurat auf volle Länge auszufahren. Zzzzzzzt, zzzzzzzt.

 

Und, haste Dich jetzt entschieden?!

Es gab ja eine Zeit, da war es regelrecht Mode, sich über die Berliner Service-Wüste aufzuregen. Gab ja leider auch so viel zum drüber Aufregen. Ich dachte, diese Zeiten seien vorbei.
Von wegen.
Sonntag nachmittag in einem beliebten Café in der Oranienstraße. Es gelüstete mich nach einem großen, gemischten Fruchtsaft. Vitaminausgleich nach einem leicht exzessiven Wochenende.
Ich (freundlich): „Wäre es möglich, auch mehrere Fruchtsäfte zu mischen?“
Bedienung (barsch): „Ich kann doch hier nicht x Flaschen für dich aufschrauben!!“
Ich: gucke ungläubig.
Bedienung: „Zwei Säfte, des geht, aber mehr nicht!“
Rauscht davon.
Drei Minuten später:
„Und, haste Dich jetzt entschieden?!“
Wahrscheinlich hätte ich mich entscheiden sollen, zu gehen, aber meine Begleitung hatte ihren Bestellwunsch schon geäußert und, zack, bereits ihren Tomatensaft vor der Nase stehen. So flott wie diese Bedienung ist, dachte ich mir da, die hätte in 0,3 Sekunden meine Säfte zusammengemischt.

 

Den Tag ausklingen lassen

Jeden Abend, wenn es dämmrig wird, füllt sich die Admiralsbrücke, die östlich vom Urbankrankenhaus über den Landwehrkanal führt. Da sitzen dann Bier aus Flaschen trinkende Menschen auf den breiten Brückenköpfen, auf den Betonpollern, die praktischerweise wie Sitzhocker über die ganze Brücke verstreut sind (Verkehrsberuhigung?), oder einfach auf dem Boden.
Ich behaupte, die Berliner Abenddämmerung ist nirgends romantischer als hier. Schmal und kopfsteingepflastert ist die Brücke an sich schon ganz hübsch. Noch viel hübscher ist jedoch der Ausblick: Bei Sonnenuntergang scheinen sämtliche Schwäne Berlins vors Urbankrankenhaus zu schwimmen, während sich der Landwehrkanal fast schon kitschig rosa-rot färbt. Ist es dann dunkel, wirft die Schummer-Beleuchtung der Restaurantschiffe auf dem Kanal goldene Reflexe aufs Wasser.
Auf dieser Brücke fühlt man sich wie im Urlaub, irgendwo in Spanien oder Italien. Man sitzt in der lauen Abendluft, plaudert entspannt und lässt den Tag gemütlich ausklingen – manchmal bis in die frühen Morgenstunden.

 

Ruhige Klänge aus Schweden

Aus Schweden kommen gerade eine Menge wunderbarer Bands, die einfach göttergleich rocken. Das hat sich mittlerweile ja auch in Deutschland rumgesprochen, Gottseidank, ich hatte die ABBA-Witze echt über, kaum dass ich auf „gute schwedische Musik“ zu sprechen kam. Ich sag nur: Ceasars! The Hives! Mando Diao! The Ark! Weeping Willows! The Sounds! Shout out Louds! Sugar Plum Fairy!
Auch die noch viel göttergleicheren KENT kamen, allerdings lange vor dem großen Schweden-Hype, nach Deutschland, doch nur einige wenige besuchten ihre Konzerte, während sie in Skandinavien bereits vor Tausenden spielten und für ihre Alben jede Menge Grammys absahnten. Also sangen KENT danach wieder auf schwedisch statt englisch, ihre Musik ist aber immernoch einfach wunderbar und wenn man sie live sehen will, muss man eben nach Schweden fahren. Ich also mit meinem Süßen (der KENT bereits hautnah live erlebt hat! Wieviel Neid verkraftet eigentlich eine Beziehung?) für ein langes Wochenende nach Stockholm. Die Stadt an sich ist schon ein Traum, aber das ist eine andere Geschichte. Das Konzert hatte Gänsehautfaktor 10, auch wenn ich kein Wort verstanden habe, und, wie befremdlich, nicht wie alle anderen lauthals mitsingen konnte.
Genauso mitreißend war auch die Vorband, die gar keine Band war, sondern eine Frau mit Klavier, die recht verloren auf der riesigen Bühne mit dem Rücken zum Publikum saß. Oha, dachte ich noch, da wartet eine zehntausendköpfige Meute darauf, ordentlich zu rocken, die wird’s nicht leicht haben. Doch schon beim ersten Stück war die Skepsis vergessen: Rauhe, markante Stimme, melancholische, ruhige Songs, aber weit und breit kein Pathos oder Kitsch. Wow!
Anna Ternheim heißt die 28-jährige Musikerin und weil ihr Album „Somebody Outside“ jetzt auch in Deutschland erschienen ist, muss man keine Reise nach Schweden mehr machen, um sie live erleben zu können. Unbedingt hingehen!
KENT-Alben kann man übrigens auch außerhalb Schwedens käuflich erwerben. „Isola“ (1998) und „Hagnesta Hill“ (2000) heißen jene, die auch auf englisch erschienen sind. Aber auch die schwedischen lohnen sich. Kaufen, kaufen, kaufen! Vielleicht überlegen die Jungs sich ja dann, dass es mal wieder an der Zeit wär für eine Konzerttour nach Deutschland?

Anna Ternheim, 2.8., 21 Uhr, Kalkscheune. Karten 17,50 Euro.

 

Uniform oder auffällig

Jeden Morgen beim Frühschwimmen das gleiche Bild: Das Bad ist noch fast leer, keine herumtobenden Kinder, keine flanierenden Teenies, keine Sonnenanbeter auf Strandlaken. Nur Schwimmer, die eifrig das Becken rauf und runter pfügen. Kopf eintauchen, prusten, auftauchen, Luft holen, wieder eintauchen. Das bisschen Mensch, das da aus den Wellen ragt, sieht schwimmbebrillt ziemlich uniform aus.
Umso auffälliger sind diejenigen, die hier nicht zielstrebig ihre Bahnen ziehen.
Da wäre das Bleienten-Duo. Die klassische Besetzung: zwei ältere Damen, die halb so schnell schwimmen wie alle anderen, dafür jedoch nebeneinander und meist mitten im Becken. Das Hindernis ist zum Glück gut zu erkennen: Steif recken die Damen ihre Hälse weit aus dem Wasser, damit die gut frisierten und einparfümierten Locken keinen Schaden nehmen.
Weitaus amüsanter anzuschauen: die nahtlos gebräunte Schönheit, die sich jeden Morgen Schaumstoff-Gamaschen um die durchtrainierten, schlanken Waden schnallt. Bojenartig steht sie dann aufrecht im Wasser und joggt mit angestrengtem Gesichtsausdruck fast auf der Stelle.
Den Vogel schießt jedoch jene Lady ab, bei der ich nicht genau weiß, ob sie zum Sporteln ins Prinzenbad gekommen ist, oder nur, um am frühen Morgen die Herren ein wenig aufzumischen. Oben ohne stolziert sie am Beckrand entlang, hüpft höchstens mal kurz ins Becken, um sich dann mit einer gut einstudierten lasziven Bewegung wieder aus dem Wasser zu stemmen, und legt schließlich ein Laken direkt neben das Schwimmbecken, auf dem sie dann Sit-Ups macht.
Nein, langweilig wird es wirklich nicht, morgens im Freibad.

 

Der Unterschied zwischen Beck’s und Beck’s Gold

Äußerst intime und freundliche Lokalität für einen entspannten Drink: die Minibar in der Gräfestraße (Kreuzberg). Im Sommer sitzen die Leute draußen zwischen Jugendstilfassaden, bei schlechtem Wetter geht’s rein in die gute Stube und die ist wirklich mini. Um die Theke herum hat nur eine handvoll Leute Platz und weil’s so kuschelig ist, nimmt man, oft unfreiwillig, an den Gesprächen anderer teil. Neulich diskutierten Zwei mal wieder das abgedroschene Streitthema: „Beck’s Gold ist ein Mädchenbier! “ Daraufhin inszenierte der Barkeeper einen spontanen Beck’s-Test, an dem gleich alle begeistert teilnahmen. Und der ging so:
Barkeeper gießt Beck’s (das grüne Original) und Beck’s Gold in zwei Gläser.
Gast kostet, ohne zu wissen, welches welches ist.
Gast versucht, Beck’s Gold am Geschmack zu erkennen.
Das verblüffende Ergebnis: Geht nicht! Die Tester waren sich einig, dass beide Biere genau gleich schmecken.
Vielleicht waren das jetzt alles Menschlein, deren Zungen vom vielen Rauchen und scharfes Essen Essen unter Geschmacksknospenverödung litten. Aber wenn’s mal wieder darum geht, dass echte Männer niemals Beck’s Gold trinken würden, muss ich jedes Mal schmunzeln.
Jetzt warte ich natürlich gespannt auf Ihre Testberichte: Kann man die beiden Biere am Geschmack unterscheiden, oder nicht? Aber nicht schummeln!

 

Frisch in den Tag starten

Alle ächzen unter der Hitze, beklagen Kreislaufprobleme und Mattigkeit. Ich sage: Auf zum Frühschwimmen! Frischer kann man gar nicht in den Tag starten! Viele Berliner Freibäder öffnen schon um 7:00 Uhr (manche allerdings auch erst um 8:00), das reicht für ein paar Bahnen vor der Arbeit. Das Frühschwimmen (zwei Stunden ab Öffnung) kostet übrigens nur 2 statt sonst 4 Euro Eintritt.

Passendes Freibad suchen: www.berlinerbaederbetriebe.de

 

„Eine mitnehmen?!“

Die Karawane der Probeabo-Aufschwätzer macht mit Vorliebe vor Unis und Bibliotheken halt. So auch vor der Amerika-Gedenk-Bibliothek. Tag für Tag stecken hier die Promo-Teams ihre Claims ab, bauen große Stände auf, entfalten Sonnenschirme, auf denen schon von Weitem gut lesbar die Namen namhafter Zeitungen prangen.
Ein Stück weiter, strategisch günstig mitten auf dem Weg postiert, ein etwa 50-jähriger Mann ohne Stand und Schirm. Sein kariertes Hemd steckt in einer ausgebeulten Jeans, an der Gürtelschlaufe baumelt ein Schlüsselbund am Karabinerhaken, im Arm hält er einige zusammengefaltete Zeitungen. „Neues Deutschland“ ist darauf gerade so zu entziffern. „Eine mitnehmen?!“, knurrt er im Stakkato-Deutsch die Vorbeieilenden an. Natürlich bleibt keiner stehen, um sich noch ein bisschen mehr anknurren zu lassen. Könnte natürlich auch am „Neuen Deutschland“ liegen. „Endet automatisch!“, versucht der Maulfaule von Zeit zu Zeit eine neue Masche. Wie ein gratis verteiltes Probeexemplar automatisch enden kann, versteht allerdings wohl nur er.

 

Feuchter Rock’n‘Roll

1994 habe ich die Rolling Stones am Hockenheimring gesehen. Ich war blutjung und der festen Überzeugung: Das ist die letzte Chance, diese Legende live zu erleben! Auf keinen Fall verpassen! Damals konnte ich auch live erleben, wie Mick Jagger der Backgroundsängerin, die etwa in meinem Alter war, minutenlang die Zunge in den Hals steckte. Hätte ich geahnt, dass die alten Herren auch 2006 noch auf der Bühne stehen, ich hätte mir das wohl erspart.

Rolling Stones: 21.7., 20 Uhr, Olympiastadion. Es gibt noch ausreichend Karten, die kosten allerdings zwischen 75 und 180 Euro.