‹ Alle Einträge

Zurück in den Sattel 4: Rückschläge

 
© Sandra Jacques
© Sandra Jacques

Sein Plan sah anders aus. Ursprünglich wollte Christian Krämer im Februar schon viel fitter sein. Im Herbst sah er sich um diese Jahreszeit regelmäßig und kraftvoll durch Wasser pflügen, er sah sich mit TRX-Bändern hantieren und auch mal auf einer  Yogamatte entspannen. Das alles neben dem Radtraining, das ihm der Leistungsdiagnostiker Marc Wonneberger aufgetragen hatte. In der realen Welt war Phaty in den vergangenen Wochen vor allem eines: krank. Er konnte sein Training kaum durchziehen. Aber er hat etwas Entscheidendes erfahren: Training ist in Gesellschaft leichter und positives Feedback pusht.

Christian Krämer alias “Phaty” will am ersten Samstag im August eine Runde bei Schlaflos im Sattel (SIS) drehen. Das Moutainbike-Rennen ist einzigartig in der Bikeszene. Die Teilnehmer rasen nachts durch den Pfälzer Wald und wer nackt unterwegs ist, bekommt auf jeden Fall einen Preis. Warum er ausgerechnet dort starten will? Phaty hat sich das Rennen ausgedacht und organisiert es seit neun Jahren. Sein Handicap: Er ist Fußgänger und viel zu schwer. Deshalb muss der 46-Jährige abnehmen und bis zum Sommer Mountainbiker werden. ZEIT ONLINE begleitet ihn dabei.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich dauernd in den Seilen hänge“, sagte Krämer vergangene Woche. Die zurückliegenden Wochen waren hart für ihn. Eine Krankheit löste die nächste ab. Seine Trainingintervalle konnte er oft nicht einhalten.

Rückblickend erkennt er, dass er an seinem Zustand nicht unschuldig ist. Er hat ein paar Sporteinheiten in Eigenregie eingeschoben. Sie haben ihn wahrscheinlich außer Gefecht gesetzt.

Die Ursache für sein K.o. waren TRX-Bänder, Fitnessbänder mit denen laut Hersteller der komplette Körper bewegt werden kann. Gerade mal drei Minuten hatte die Stretcheinheit mit den Bändern gedauert. Doch das Ergebnis war verheerend: Phaty fühlte sich krank. Er wollte nur noch ins Bett. Zwei Tage später konnte er sich nur noch mühsam bewegen. Kaum hatte der Physiotherapeut seine muskulären Beschwerden einigermaßen beseitigt, ging es weiter: Er bekam Grippe, dann Herpes und dann schlimmes Zahnfleischbluten.

Diese Episode war ärgerlich und überflüssig. Denn eigentlich lief es ganz gut. Zwischen Weihnachten und Neujahr hatte Phaty frei und fuhr Intervalle. Die Temperaturen in der Pfalz waren frühlingshaft und er war mit dem Training zufrieden. Mir wird nicht mehr schlecht“, sagt er damals. „Ich überfordere mich nicht und meine Waden krampfen nicht mehr.“

Ein Problem hatte er trotzdem: Sein Kopfkino. Er dachte nach, immer und immer wieder: Über seine anstehenden Geschäftsreisen – wie er unterwegs Training und Arbeit überein bringt; über das Wetter – ihm fehlte Radkleidung für Regen, Eis und Schnee, über seine Leistung – ob er wirklich kräftig genug in die Pedale trat und über vieles mehr.

Das hat einen Grund. Phaty ist Perfektionist. Er verschafft sich gerne optimale Rahmenbedingungen. Zudem mag er keine Unwägbarkeiten. Sich in einer fremden Stadt im Dunkeln aufs Rad setzen und einfach los zu fahren, widerspricht seiner Natur. Wer ihn kennt, ahnt warum.

Der Pfälzer ist Logistiker. Er optimiert Abläufe. Störfaktoren eliminiert er. Unbekannte Faktoren, die sein Training während einer Geschäftsreise beeinflussen, regen ihn auf. Mehr noch: „Es nervt mich dermaßen, dass ich andere Sachen versuchen werde“, hatte er im Dezember angekündigt.

Da kam ihm die Einladung einer Freundin zu einer  TRX-Einheit gerade recht. Das Resultat hat ihn auf sein eigentliches Vorhaben zurück geworfen: Radfahren und zwar ausschließlich. Sein vorrangiges Ziel ist es, den VO2-Wert zu steigern, also seinen Muskeln beizubringen, mehr Sauerstoff aus dem Blut aufzunehmen.

© Sandra Jacques
© Sandra Jacques

Krank und verärgert über die Zwangspause half ihm ein Telefonat mit seinem Coach Wonneberger. Dem Sportwissenschaftler vom Staps-Institut in Köln sind Phatys Erfahrungen nicht fremd. „Komplette Sportanfänger brauchen jemanden, der sie an die Hand nimmt und Hilfestellung gibt“, sagt er.

„Bei Christian ist es leicht“, sagt Wonneberger. „Er hat Lust sich zu bewegen, Radfahren macht ihm Spaß.“ Sein Problem ist eher sein Perfektionismus und das er übermotiviert ist. Er möchte alles auf einmal. Ihn muss der Sportwissenschaftler fokussieren.

Wonneberger versteht sich als Koordinator. Bei Phaty ist es jetzt entscheidend, allen Menschen, die ihn begleiten, einen Überblick zu geben. Sie sollen wissen, was ansteht und ihn nicht überfordern.

Bei ihm hat er recht wenig Arbeit. Der Pfälzer, der im Internet seine Radbewegungen akribisch dokumentiert, schirmt sich auf der Trainingsstrecke ab. Er kennt unzählige Radfahrer und viele von ihnen würden gerne mit ihm fahren. Aber er will nicht. Noch schreckt ihn der Leistungsunterschied ab. Vielleicht ändert sich das bald. Schließlich hat er neulich erlebt, das Training in Gesellschaft nicht nur Spaß macht, sondern auch ablenkt.

Eine befreundete Fotografin hat ihn ein ums andere Mal einen Berg hochgejagt, weil sie ihn beim Radfahren fotografieren wollte. „Plötzlich habe ich festgestellt, dass ich sieben acht Mal das Intervall gefahren bin“, sagt er. Obwohl es zwischendurch weh getan hatte, ist er weitergefahren. Alleine hätte er das nicht geschafft, sagt er. „Da komme ich schon ins Grübeln.“

Der Sport ist nur ein Teil des Ganzen, hat Wonneberger mal gesagt. Der ganze Lifestyle ändert sich, wenn man mit Sport beginnt. Zurzeit motivieren Phaty die positiven Kommentare zu den Fotos, die er von sich mit Fahrrad bei Facebook postet. Innerhalb weniger Minuten erhält er dazu 25 Likes. „Diese positive Bestärkung macht ganz viel aus“, sagt er. Für ihn erwächst daraus fast so etwas wie eine Verpflichtung. Die Verpflichtung weiter zu machen. Auch wenn es weh tut.

Teil 1: Zurück in den Sattel

Teil 2: Schöne Sportbekleidung für Dicke? Fehlanzeige

Teil 3: Wenn Muskeln zu wenig Sauerstoff aufnehmen

5 Kommentare

  1.   GuF

    Hi Phaty, keep on moving (body, brain and soul)!

  2.   Thomas

    Ein Logistik-Profi könnte ja schon ahnen, dass ‚unbekannte Faktoren‘ stets und überall lauern: man entkommt ihnen nicht.

    Schlauer ist es doch, ein Reaktionspotenzial für Unvorhergesehenes aufzubauen. Entsprechenden Umgang mit den Störfaktoren zu trainieren könnte da ja sehr lohnend sein.

    Wie ein Tiger drauf lauern, was denn sonst noch geht wenn der Ablauf aus dem Gleis gerät – das wären dann Wettkampfqualitäten…

    Viel Erfolg!

  3.   SchorleSchluckerRacingTeam

    Phaty der PFÄLZER………Krch..:D

  4.   willi

    Phaty, freu dich auf die Ausfahrt mit den Kids.

  5.   Heckenschutz

    Vielleicht sollte der Proband das Mountainbike im Gelände schlicht vergessen.
    Wolfram Lindner hat vor Jahren ein Buch über Radsporttraining geschrieben(heute noch erhältlich), mit diesem Buch arbeite ich heute noch.

    Der Kraftausdauerbereich ist für ihn tabu!

    Ich wohne und trainiere im Alpenvorland, an den steilsten Strecken sieht man wenige Mountainbiker.

    Als Quintessenz habe ich den Zusammenhang von Trittfrequenz und Pulsfrequenz „erfahren“. Trainingsreizschwelle, Pulsgrenzfrequenzen, Fettstoffwechseltraining. das ist alles ziemlich umfangreich, also hier nicht zu erläutern.

    Was er braucht ist ein Fahrradcomputer der sowohl die Trittfrequenz als auch die Pulsfrequenz misst. Einstellbare Alarme sind auch nötig.

    Bewegung im Gelände kommt nicht am Anfang sondern erst sehr viel später!
    Also im Flachen fahren!

    Zuerst muß er die nötige Trittfrequenz automatisieren, das kann schon mal die erste Saison dauern! Dabei sinken aber auch die Trainingsreizschwelle und der Puls unter Belastung, also nachjustieren bzw. Belastung schrittweise erhöhen. Da können 3 km mehr und ein sanfter Hügel drin schon viel sein.
    Optimale Trittfrequenz 60-90 U/min.

    Training des Fettstoffwechsels geht über die Umfänge(2-3 Stunden+/Trainingseinheit) ist nicht einfach, also etwas lesen.

    Nicht mehr als 3 Trainingseinheiten pro Woche, Erholung ist genauso wichtig wie Anstrengung!

    Das mit der Erschöpfung kenne ich auch, nach meinen ersten 10km Rennrad stand ich hilflos vor dem Bordstein, und ich war erst 26.

    Trotzdem: „Kopf hoch“ wird schon werden. Aber nicht sofort!

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren