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Traumstagnation

 

Christian Ulmen liest aus Sibylle Bergs „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“ – am 26. Februar auf Kampnagel, mit Live-Musik der Gruppe Kreidler.

Bei Rasmus und Chloe läuft eigentlich alles glatt, wäre da nicht die Midlife-Crisis, die an ihre Türe klopft. Denn dass auch sie nur klassische Vertreter des von ihnen verhassten Spießertypus „linksliberale, künstlerisch interessierte, antikapitalistische Doppelverdiener“ sind, ist ihnen völlig bewusst. Wie also kommen sie da wieder raus – hilft es wirklich, aufzubrechen und Jugendliche in einem Dritteweltland zu retten? Natürlich nicht. Und letztlich hilft ihnen auch ihre ganze zynische Selbstreflektiertheit nicht über körperliche Sehnsüchte, das drohende Altwerden und eine gefühlte Anwesenheit des Todes hinweg. Und plötzlich, ohne zu wissen, wie ihnen geschieht, versinken Rasmus und Chloe im Abgrund einer existenziellen Katastrophe. So weit, so typisch für Sibylle Berg. Und auch erzählt wird dieses Märchen ganz im Berg-Stil: mit messerscharfem Blick auf den Menschen in seiner ganzen Kläglichkeit. Doch dann entwickelt sich die Handlung nach und nach ungewohnt, beinahe optimistisch. Und so wird der Roman zu einer in seiner Tragik komischen Parabel, in der eine existenzielle Katastrophe zum Katalysator wird und der totale Zusammenbruch als unverhoffte Chance auf ein zufriedenes Leben aufscheint.

Text: Almuth Strote


 

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