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Die Muslime und der dekadente Westen

 

Morgen erscheint in der Wochenendausgabe der taz (magazin) ein umfangreicher Text von mir, der durch die abgewendeten Terroranschläge zusätzliche Aktualität bekommt. Auszug:

Die Urszene der modernen islamischen Kritik am Westen spielt in einer Kirche im Mittleren Westen, genauer gesagt in Greeley, Colorado. Ein ägytischer Beamter namens Sayyid Qutb war vom Bildungsministerium Ende 1948 ans dortige State College geschickt worden, um das amerikanische Bildungswesen zu studieren. In seinen Briefen und Artikeln beschrieb er die amerikanische Kleinstadtgesellschaft. Eine bis heute in der islamischen Welt berühmte Episode betrifft ein Tanzvergnügen in einer der zahlreichen Kirchen von Greeley.

Nach dem Abendgottesdienst, so Qutb, dreht der Pastor die Lichter im Pfarrheim herunter und legt eine Aufnahme von „Baby, it’s cold outside“ auf, um auch die letzten Mauerblümchen auf die die Tanzdiele zu locken: „Der Tanzsaal bebte zu den Tönen des Grammophons und war voller sich verführerisch verschlingender Beine“, schrieb Qutb. „Arme umfassten Hüften, Lippen trafen auf Lippen, Brust schmiegte sich an Brust, und die Atmosphäre war voller Leidenschaft.“

Greeley mit seinen getrimmten Vorgärten erscheint bei Qutb zwar als „so schön, dass man denken könnte, man sei im Paradies“. Metaphysisch aber sind die Mittelwestler obdachlos: „Das wichtigste für diese Leute ist die Gartenpflege, die sie betreiben wie ein Händler seinen Laden in Ordnung hält oder ein Fabrikbesitzer seine Fabrik. Es steckt kein Schönheitssinn oder künstlerischer Geschmack hinter dieser Aktivität. Es ist die Maschinerie der Organisation und des Ordnens, aller Spiritualität und aller ästhetischen Freuden beraubt.“ Ein andermal schreibt er: „Überall wird gelächelt und überall gibt es fun, und an jeder Ecke Umarmungen und Küsschen. Doch niemals sieht man echte Zufriedenheit auf den Gesichtern.“

In einem Ton, der nicht von ungefähr an die zeitgleich entstehenden Beobachtungen eines anderen unglücklichen Intellektuellen erinnert – Adornos „Minima Moralia“ -, zeichnet Qutb Amerika als zugleich enthemmt und freudlos, materiell reich und innerlich verarmt, aufgewühlt und geistig flach, demokratisch und doch konformistisch. Qutb, der 1966 von Nasser hingerichtet wurde, war einer der einflussreichsten Intellektuellen des letzten Jahrhunderts. Nach seiner Rückkehr wurde er zum Chefideologen der Muslimbruderschaft. Sein Werk „Meilensteine“ wurde das Manifest des Islamismus, in dem der Kampf gegen den Westen und seinen Einfluss in der islamischen Welt beschworen wird. Bis heute muss es jeder junge Dschihadist mit geistigem Anspruch lesen. Und weil Qutbs Bild des Westens maßgeblich in Colorado geformt wurde, ist es nicht nur ein Bonmot, von Al-Kaidas Wurzeln in Greeley zu sprechen. Qutb war ein Besucher auf Zeit, der nur sechs Monate blieb und nie wieder eine Fuß auf westlichen Boden setzte. Das Bild des dekadenten Westens hat heute auch unter jenen Zuspruch, die längst keine Gäste mehr sind und doch Fremde bleiben.

Zu Beginn dieses Jahres wurden die Ergebnisse einer ersten umfassenden Umfrage unter britischen Muslimen bekannt. Sie zeigen eine tiefe Ambivalenz gegenüber dem Westen, die sich durch moralisierende Kulturkritik Luft verschafft. Die jungen Muslime haben den Eindruck, in einem dekadenten Land zu leben, dessen Freiheiten einen zu hohen Preis fordern und dessen Sitten zusehends verfallen. Wohlgemerkt: Nicht die Älteren beklagen hier wie üblich die Dekadenz der Gesellschaft im Licht einer intakten Vorzeit. Es sind die Jungen, die die Gegenwart verwünschen.

Das ist etwas Neues in der Geschichte der Migration: Statt den Traum der Eltern von Aufstieg und Anerkennung umzusetzen, wendet sich die zweite und dritte Generation moralisch indigniert von der Mehrheit ab und kultiviert Überlegenheitsgefühle. Statt den Kampf um Anerkennung mit der etablierten Mehrheit auf zunehmen, entziehen sie der Mehrheitsgesellschaft ihrerseits die Anerkennung im Zeichen religiöser Gegenidentitäten. Wie sollen die europäischen Gesellschaften damit umgehen, dass ein erheblicher – und wachsender – Teil der Einwanderer und ihrer Nachkommen sie als dekadent ablehnt und das Heil darin sieht, sich
von ihnen abzukapseln? Dies trifft nicht nur die britische Gesellschaft ins Mark und führt europaweit zu Ressentiments gegenüber islamischen Einwanderern.

Es ist kaum noch zu vermitteln, dass der islamische Fremde am Beginn der Moderne eine positiv besetzte Figur war. Am Anfang der europäischen Kulturkritik stand die Selbstrelativierung durch den Muslim.
Montesquieus „Persische Briefe“ begründen ein Muster westlicher Selbstkritik….

Morgen mehr an einem Kiosk Ihres Vertrauens. (Und später dann auch hier an dieser Stelle.)

0 Kommentare

  1.   Kai Könnings

    Sehr geehrter Herr Lau,
    erst kürzlich las ich von Ihnen: ‚Ich halte den westlichen Lebensstil einfach für zu attraktiv, als dass die Moslems ihn nicht übernehmen wollten.’ Paßt das zusammen mit dem obigen Artikel?

  2.   mathilde

    Spitzenartikel Herr Lau! Ja klar passt das zusammen: einige finden den Lebensstil attraktiv – andere der 2. und 3. generation lehnen ihn ab (s.o)

  3.   emcee

    Vielleicht sollte ich mir morgen auf der langen Zugfahrt, doch noch eine TAZ mit auf die Reise nehmen. Vielen Dank Herr Lau für die (Eigen-) Werbung.


  4. Da freue ich mich auf den gesamten Artikel.

  5.   Chamaedorea

    ich liebe diesen Blog. Ein links-liberaler Betreiber, ehemaliger TAZist, und ein Haufen rechter Islampolemiker, gemischt mit stubenhockenden Schönrednern, Milchmädchen Komödianten und 2-3 zweifelnden Moslems, zwischendrin sich blutige Finger schreibende Relativisten, umgeben von blumigen Jasminen die uns Blütenblättchen in die Augen träufeln und – nicht zu vergessen – ein Haufen verzweifelter Multi-Kultis aus Mexiko, N-Amerika und dem Iran, die um ihr Selbstverständnis ringen.

    Herrlich, einfach herrlich. Eigentlich vermisse ich die Sponti Demos meiner Jugend nun garnicht mehr.

  6.   eipott

    Sie aber, sehr geehrter Chamaedora, sind der allwissende, weise übermensch, der alles verstanden und durchschaut hat. Oh allmächtiger Guru, bitte lass mich an deiner Weisheit teilhaben, auf dass ich mein Haupt demütig vor deinen Füssen im Staube wühle…….

  7.   Riccardo

    Herrlich Chamaedorea, dieser satirische Ausbruch. Wen stellen Sie eigentlich in diesem von Ihnen beschriebenen Sauhaufen dar? Hoffentlich nicht das linksliberale Blütenblättchen.

  8.   milko

    aus dem text von herrn Lau
    „Teil der Einwanderer und ihrer Nachkommen sie als dekadent ablehnt und das Heil darin sieht, sich
    von ihnen abzukapseln?“

    ich nehme mal eine seltene variante, damit es deutlicher zu tage kommt was ich ausdrücken will, nämlich die variante des sehr frommen orthodoxen immer Gott gedenkenden Muslims
    der ganz gerade auf den wege seiner „vorfahren“ (nicht völkisch genetisch gemeint, sonder islamo historisch den sogenannten Salaf) wandelt, so richtig mit langen Bart, weißer kleidung und einer frau an seiner seite tief verhüllt und vielleicht sogar mit gesichtsschleier …. der also dem einfachen teutonischen durchschnitts bürger durchaus den puren schrecken mit viel adrenalin in die adern fahren lassen kann, da das weite afghanistan oder ossama bin laden aus dem kleinen flimmer kasten direkt vor ihm präsent wird.

    solche menschen haben im leben nur einen sinn
    der lebensdienst ist = Gottesdienst
    und nur noch
    ein ziel = das leben mit der vollen gotteserkenntniss zu verlassen
    und hoffen das es gottes wohlgefallen fand dass mit der bei weitem besseren, größeren, schöneren, nicht mehr vergänglichen schöpfung weil ganz in der nähe gottes plaziert, das paradies belohnt wird das gott seinen dienern als lohn verheißen hat.
    die wollen nicht reich werden, die wollen keinen ruhm, keine karriere, keine villa, keinen eintrag ins guiness buch,……
    also nichts weltliches erreichen.
    die geringst mögliche versorgung reicht für sie völlig aus
    damit man die meiste zeit in den reinen gottesdienst verbingen kann, denn der tod kann einen jederzeit ereilen den nur allah weiß wann er eintrifft.
    Im christentum gingen früher solche männer in die mönchsburg und frauen in klöster und lebten dort völlig weltabgewandt der welt den rücken kehrend ihr dasein.
    der islam mißt im grunde der vergänglichen welt den gleichen wert zu, nämlich nichts. Das leben dauert nicht lange vieleicht lustige 20, schon härter werdende 30, müder werdende 40, vieleicht noch eingeschränkente 50, augenlicht nachlassende 60, kranke 70 oder sogar dahin dämmernde 80 und das war es auch schon, aber gegensätzlich zum christentum sperrt der muslim sich nicht weg, dreht der welt nicht den rücken oder nimmt sogar unnatürliche sexuelle qualen auf sich, sondern gott will das seine diener mitten im leben stehen bleiben, das heißt heiraten, arbeiten, kinder groß ziehen und sich den widrigkeiten des lebens stellen, den gegenwind auch spüren und dabei nicht ausweichen, den allah liebt die standhaften.

    solch jemand wird man an vielen öffentlichen treffpunkten nicht antreffen. Wen es nicht gerade die arbeit ist und das einkaufen
    bleiben bei den öffentlichen treffpunkten fast nur die reichlich verstreuten unterhaltungs/event treffpunkte und dort wird man einen frommen nicht zu gesicht bekommen, der hat seinen event entweder zu hause bei seiner familie, frau, kinder oder im gottesdienst dem koran studium, das koran hören, im gebet stehen, dem vertiefen, versinken, gedenken, danken, preisen und wird seine zeit nicht im cafe mit unsinnigen angeheiterten gesprächen vetrödeln wollen, im kino mit leinwand geschichten vergeuden oder gar an plätzen wo die sünden lauern zb wie in der essener loveparade wo die nackigen mädchen rumlaufen. während andere im restaurante eine neuste raffinierte kreation in 4 gängen mit einem guten roten geniessen, geniesst der fromme vielleicht sein fasten zu hause oder eine einfache suppe und sinniert darüber welch großartige gabe Allah ihm damit gab und zu welchem dank man deswegen zu Allah verpflichtet ist und welch schlechter diener man doch in wirklichkeit vor Allah sei und betet, preist, bittet nachts nochmal um vergebung zu Allah bis das morgengebet erreicht ist, der tag einbricht und die mühen beginnen.

    das sind vollkommen konträhre lebensentwürfe, lebensweisen, glaubensgrundlagen
    der fromme kapselt sich nicht einfach nur ab,
    er will seine Ruhe, passt auf seine sinne auf, sucht eine innere kehrtwendung will einen inneren frieden, während andere eine unruhe brauchen, sehen und gesehen werden wollen, den event, die unterhaltung brauchen, den kick und das weltliche bis ins letzte detail auskosten, man lebt ja eh nur einmal,
    während der fromme weiß das wirkliche leben kommt noch
    oder wie muhammad es ausdrückte das weltliche gleicht dem jenseits im verhältniss, wie wen man den finger ins meer taucht und jenes was am finger hängen bleibt ist das weltliche
    und das Meer das jenseitige.
    für den frommen muslim gleicht jemand der dem weltlichen hinter rennt wie jemanden der fasziniert ist von den paar tropfen am finger ohne zu wissen das es etwas viel gewaltigeres gibt auf das man sich vorbereiten sollte.

    der von mir beschriebene fromme muslim ist auch unter den muslimen eine minderheit, aber unter den muslimen die meist geachteste person und hat vorbild funktion dass denoch die meisten selber so nicht erreichen, genauso wenig wie die andere seite zb einen dieter bohlen mit seinem lebenstil erreichen wird oder um nicht ganz platt zu sein dem lebenstils eines feingeistigen wohlhabenden künstlers mit seinen cafe, theater und weltreisen

  9.   Tuotrams

    >andere der 2. und 3. generation lehnen ihn ab (s.o)

    Das Schizophrene ist ja, viele dieser Jugendlichen leben extensiv aber eben einseitig diesen freiheitlichen/liberalen Lebenstil und hassen sich unterbewusst dafür.

    Wer plädiert denn in Umfragen für die Sharia und Frau nur mit Kopftuch, das sind auch viele junge Männer die jeden Abend mit ihren Kumpels kiffen und Stammkunden im örtlichen Bordell sind.

  10.   LittleBerta

    Es ist alles schön und richtig. Nur, warum wollen die Muslime bei uns leben, wenn sie uns für so dekadent halten? Welchen Sinn macht das?

    Gehe ich in die Sauna oder zum FKK-Strand, wenn ich mein Zumpferl nicht herzeigen will?

 

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