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Iranischer Journalist: Wir Muslime brauchen einen Nietzsche

 

Der iranische Journalist Ahmad Zeidabadi, der im Jahr 2000 in Iran verhaftet und verurteilt wurde, weil er die Selbstmordattentate der Palästinenser abgelehnt hatte, schreibt in der refomorientierten Publikation Rooz:

„We need someone like Friedrich Nietzsche to hit us hard so we are awakened to the dangers brewing ‎within the Islamic world. And just as his declaration of ‘God is dead’ opened the aperture ‎to the dark world out there, today, the irreconcilable nature of the modern world with the ‎identity of Muslims has opened up the gates of horror to us.
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Ahmad Zeidabadi

The assassination of Benazir Bhutto in a country whose modern identity is built on ‎religion, is only a small example of the violence that appears to drown us, if permitted to ‎unleash. Some Muslims who have tasted this danger at close range know of its scope and ‎horrors. But unfortunately, there is no serious discourse among them and no practical ‎road map to deal with it. …

I am occasionally questioned for using the term ‘us’ whenever I use the term Muslim and ‎their violence. ‘It is they who perpetrate the violence and ‘we’ are not part of ‘them’’, ‎they protest. The reality is that when I read the writings of some of these secular thinkers ‎in the Islamic world I am astounded and perhaps even envious of how naïve they are in ‎the lines they draw between themselves and the Islamicists. They believe that by ‎changing their own views they acquire an identity that is independent from their native ‎culture and have a destiny that is different as well.‎

I think they have only eliminated the façade of the problem. Certainly this is one way to ‎simply shake off some of the baggage and tensions that they carry. I believe that anybody ‎born in a place that has the stamp of Islam on it is at least partly subject to the historic ‎and identity destiny of that culture, regardless of whether he accepts it or not.‎

Salman Rushdie may be among Muslims who denied having the same destiny and put ‎that in words that are said to be insulting to the prophet of the Muslims, but his destiny ‎has not turned out much different because Ayatollah Khomeini’s death fatwa has been ‎following him ever since, depriving him of his desired and normal life.‎

So there is a group that I label ‘we’ or ‘us’ which is undergoing a historic crises ‎vacillating in choice between the modern and the traditional worlds, roots, and identity – ‎or somewhere in between. This crisis boils in some violent and bloody spheres, and ‎ironically has even appeared in the centers of Western civilization.‎

…‎

So, a problem that is rooted in our world and had to be resolved by us, is now imposed on ‎others who will resolve it to their own benefit – if of course they succeed in resolving it. ‎In other words, we have been driven to the periphery in our own country of origin, while ‎this periphery is dangerous and unsafe.“

Ganzer Text hier.

164 Kommentare

  1.   iceman

    Weil ich selber oft zu faul zum Übersetzen bin, habe ich den Text von Zaidabadi kurz mal ins Deutsche übersetzt:

    Wir brauchen jemanden wie Friedrich Nietzsche, der uns hart trifft, damit wir uns der in der islamischen Welt brütenden Gefahren bewusst werden.
    Ebenso, wie seine Deklaration „Gott ist tot“ die Blende für die dunkle Welt da draussen öffnete, ist das unvereinbare Wesen der modernen Welt mit der Identität von Muslimen eine Pforte zum Horror für uns.

    Das Attentat auf Benazir Bhutto in einem Land, dessen moderne Identität auf Religion gegründet ist, ist nur ein kleines Beispiel für die Gewalt, die uns zu ertränken droht, wenn wir ihr nachgeben.
    Einige Muslime, die diese Gefahr in unmittelbarer Nähe zu spüren bekamen, wissen um ihr Ausmass des Schreckens.
    Unglücklicherweise gibt es keinen ernsthaften Diskurs unter ihnen, und keinen praktischen Weg, um damit umzugehen.
    Allein dieser Umstand macht die Lage noch fürchterlicher, und gesellt sich zum allgemeinen Pessimismus gegenüber der Möglichkeit, den unseligen Geist der muslimischen Welt zu konfrontieren.
    Vielleicht stimmt es, dass unsere Vorgänger versehentlich Schritte unternahmen, die uns in die jetzige missliche Lage brachten.
    Aber vielleicht sollte man sie nicht verurteilen für das, was sie getan haben, weil sie keine Alternative zu ihrem eigenen Handeln kannten.
    Vielleicht lagen die Denker der Aufklärung falsch als sie dachten, Wohlstand und geistige Mündigkeit für jedermann seien über unabhängige Gedanken und Ideen zu haben.
    Vielleicht ist es das Informationszeitalter (Internetrevolution), dass die geografischen Unterschiede und Räume unserer Welt aufhebt, und dass uns mit ihrer Fülle an nutzlosen Neuigkeiten überfordert, so dass einige von uns nur noch einen Ausweg in der Gewalt sehen.

    Gelegentlich wurde ich schon gefragt, warum ich den Begriff „wir“ im Zusammenhang mit muslimischer Gewalt anwende.
    „Es sind doch ´die Anderen´, die Gewalt anwenden, und ´wir´ sind kein Teil von ihnen“, protestieren sie.
    Die Realität ist aber, dass wenn ich die Schriften einiger säkularer Denker der islamischen Welt lese, ich verblüfft bin – und vielleicht sogar ein wenig eifersüchtig darauf – wie naiv sie die Grenze ziehen zwischen sich selbst und den Islamisten.
    Sie glauben, dass wenn sie ihre eigenen Ansichten wechseln, sie damit eine bessere Identität erlangen, die unabhängig ist von ihrer angestammten Kultur, und damit auch ein anderes Schicksal haben.

    Ich denke, dass sie nur das Problem nur oberflächlich behandeln.
    Sicher, das ist ein Weg, um sich von den eigenen Belastungen und inneren Spannungen zu befreien, die sie zu ertragen haben, aber ich denke auch, dass jeder, der in der Region geboren wurde, und vom Islam geprägt ist, ein persönlicher Teil der historischen Identität und des Schicksals dieser Kultur ist, unabhängig davon, ob sie sie das akzeptieren oder nicht.

    Salman Rushdie mag einer der Muslime sein, die dieses Schicksal verleugnen, und dies auch in Worte gefasst hat, die angeblich den Propheten der Muslime beleidigen, aber sein Schicksal unterscheidet sich nicht allzusehr von dem anderer Muslime, weil der Ayatollah Khomeini eine Todesfatw gegen ihn erlassen hat, das ihn aus einem normalen Lebensumfeld vertrieben hat.

    In diesem Sinne gibt es also eine Gruppe, die ich als ´wir´ oder ´uns´ bezeichne, die eine historische Krise erlebt, die in der schwankenden Wahl zwischen moderner und traditioneller Welt, den Wurzeln, der angestammten Identität besteht – oder irgendetwas dazwischen.
    Diese Krise kocht auf in einer gewalttätigen und blutigen Sphäre, und hat ironischerweise sogar die Zentren der westlichen Zivilisation erreicht.

    Wir sind nicht in der Lage, eine unabhängige Studie über die Auswirkungen der internationalen Einmischung auf die Krise der islamischen Welt abzugeben.
    Tatsächlich sind wir nicht einmal in der Lage, sie offen und auf logischer Grundlage zu diskutieren.

    Damit wird das Problem, das wir eigentlich selber lösen sollten, von anderen aufgegriffen und zu ihrem eigenen Vorteil ausgenutzt – sofern sie es zu lösen wissen.
    Mit anderen Worten, wir sind also auf ureigenem Boden an die Peripherie gedrängt worden, wo es sehr gefährlich und unsicher ist.


  2. Menschen denken. Der Islam verbietet das. Aber Menschen denken dennoch.


  3. @ iceman: cool, Danke!

  4.   iceman

    Das Motto sollte lauten: „Leave them alone!“

    Falsch übersetzt: Im Stich oder alleine lassen.

    Richtig übersetzt: In Ruhe lassen!

    Der Prozess der Aufklärung kann nur aus der Kultur der Muslime selber kommen.
    Da kann man von aussen nur abwarten.
    Wenn das mal begriffen wird, dann ist man weiter.
    Eine kurzfristige Umsetzung dieser Einsicht ist leider auch nicht mehr möglich.
    Einerseits gibt es innerhalb des Westens schwer desintegrierte Muslime.
    Zum anderen gibt es im Nahen Osten westliche Streitkräfte, die man nicht mit gutem Gewissen ad hoc abziehen kann.
    Deshalb:
    Im eigenen Umfeld müssen westliche Werte besser „verteidigt“ werden, und im Nahen Osten Exitstrategien gesucht werden (sobald es ein wenig Stabilität gibt sofort raus).

  5.   Apoll

    @ iceman
    In Ruhe lassen? Exitstrategien?
    Letztendlich ist der Westen doch nur hineingegangen, weil wir bei uns zu Hause nicht in Ruhe gelassen wurden, warum auch immer und warum auch immer wir selber daran Schuld waren.
    In Ruhe lassen wird nicht mehr gelingen, weil wir längst viel zu stark miteinander verwoben sind.
    Deshalb haben Sie vor allem Recht, wenn Sie sagen. Im eigenen Umfeld müssen westliche Werte besser verteidigt werden.

  6.   Sebastian Ryll

    Was ich nicht verstehe: Nietzsche hat es ja gegeben. Würde es nicht reichen, wenn sich die islamische Welt für seine Gedanken in Schriften öffnen würde?
    Nietzsche stand ja nicht allein im Luftleeren Raum, sondern lebte und schrieb im Kontext eines unheimlich reichen kulturellen Erbes.
    Wenn Muslime dort anknüpften, werden manche Geister schon von ganz allein zu leuchten anfangen.

    Ein anderer Gedanke wäre, daß es doch eigentlich traurig ist, daß sich Muslime quasi nach Plagiaten sehnen. Die gleiche Debatte gabts doch hier im Blog auch schon mit Spinoza.
    Ich wünsche den Muslimen Originalität.
    Oder als Basis mal zur Abwechslung Konfuzius? 😉


  7. Der Mann sagt genau die gleichen Dinge, die Islamkritiker hierzulande sagen. Der gilt als mutiger Oppositioneller, die gelten als üble Rassisten. Es kommt also doch darauf an, in welchem gesellschaftlichen Kontext man bestimmte Dinge sagt.
    Zeidabadi weist insbesondere darauf hin, dass auch die gemäßigten Muslime Teil des Problems sind; denn man kann sich zwar gegen Gewalt aussprechen, man kann aber seine ganze Sozialisation nicht an der Garderobe ablegen. Zafer Senocak hat in diesem Zusammenhang von den Denkstrukturen der Muslime gesprochen.
    Dass der Westen einen Nietzsche hervorgebracht hat, liegt ua daran, dass Nietzsche in einer Zeit lebte, in der man zwar noch Ärger kriegte für solche Aussagen wie „Gott ist tot“ aber schon nicht mehr umgebracht wurde.
    Wenn man sich in Karatschi an einer Straßenecke aufstellen und „Allah ist tot“ ausrufen würde, wäre man selber schneller tot als man denken kann.
    Die islamische Welt hat bestimmt schon einige Nietzsches hervorgebracht, doch die haben wahrscheinlich nicht lange überlebt.
    Und auch im Westen gibts inzwischen Gefängnis für das Aussprechen so offensichtlicher Wahrheiten wie die , dass Mohammed nach heutigen Massstäben ein … (gelöscht, JL) gewesen ist. [lebowski, führen Sie diese geniale Pädo-Debatte anderswo. Ich kanns nicht mehr hören. Ist mir einfach zu blöd. JL]

    Was Zeidabadi wahrscheinlich nicht weiß, ist, dass Nietzsche Sympathien für den Islam hegte, zB im „Antichrist“:

    „Unter uns, es sind nicht einmal Männer … Wenn der Islam das Christenthum verachtet, so hat er tausend Mal Recht dazu : der Islam hat Männer zur Voraussetzung … “

    Nietzsche hat das verweichlichte Christentum verachtet und den Islam für sein Herrenmenschentum bewundert.
    Und ausgerechnet der wird jetzt als Kronzeuge gegen den Islam in Stellung gebracht. Was für eine Pointe.

    Im übrigen gibt es Leute (Navid Kermani), die meinen, um Selbstmordattentäter zu verstehen, muss man weniger den Islam studieren als vielmehr Nietzsches Gedanken zur Selbstaufopferung.

  8.   Rafael

    Iceman, Sebastian, lebowski, Danke!

  9.   emcee

    Wie können wir Muslime einen Nietzsche brauchen, der Gott „umgebracht“ hat. Ich kann auf so einen Unsinn sehr gut verzichten.

  10.   emcee

    @ lebowski

    „Und auch im Westen gibts inzwischen Gefängnis für das Aussprechen so offensichtlicher Wahrheiten wie die , dass Mohammed nach heutigen Massstäben ein … (gelöscht, JL, siehe oben, lebowski 7) gewesen ist.“

    Vorsicht lieber Herr L.! In Österreich hat selbst die Evang. Kirche Strafanzeige gegen Frau Susanne Winter von der FPÖ gestellt.

    „Wien – Die evangelisch-lutherische Diözese bringt bei der Staatsanwaltschaft Graz eine Strafanzeige wegen des Verdachts der Verhetzung gegen die Grazer FPÖ-Obfrau Susanne Winter ein.“ (Der Standard)

    Wird Zeit, dass all die Keleks und Giordano durch den Staat zur Verantwortung gezogen werden.

 

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