‹ Alle Einträge

Schuldet der Westen dem Islam nichts?

 

Dies behauptet der Historiker Sylvain Gouguenheim von der ENS Lyon in seinem neuen Buch. Er will darin die gängige These widerlegen, dass das Mittelalter erst durch islamische Gelehrte mit dem Erbe der Antike wieder vertraut worden sei. Gouguneheim bestreitet, dass das Erwachen Europas aus dem Mittelalter erst durch die arabischen Gelehrten möglich geworden sei, die das Wissen der Griechen tradiert hätten.
In Frankreich gibt es schon eine kleine Kontroverse um das Buch.

Hier ein Ausschnitt des Artikels von John Vinocur in der heutigen Herald Tribune:
For a controversy, here’s a real one. Gouguenheim, a professor of medieval history at a prestigious university, l’École Normale Supérieure de Lyon, is saying „Whoa!“ to the idea there was an Islamic bridge of civilization to the West. Supposedly, it „would be at the origin of the Middle Ages‘ cultural and scientific reawakening, and (eventually) the Renaissance.“

In a new book, he is basically canceling, or largely writing off, a debt to „the Arabo-Muslim world“ dating from the year 750 – a concept built up by other historians over the past 50 years – that has Europe owing Islam for an essential part of its identity.

„Aristote au Mont Saint-Michel“ (Editions du Seuil), while not contending there is an ongoing clash of civilizations, makes the case that Islam was impermeable to much of Greek thought, that the Arab world’s initial translations of it to Latin were not so much the work of „Islam“ but of Aramaeans and Christian Arabs, and that a wave of translations of Aristotle began at the Mont Saint-Michel monastery in France 50 years before Arab versions of the same texts appeared in Moorish Spain.

Mehr hier.

157 Kommentare

  1.   Wachtmeister

    Auch wenn Gouguenheim nicht Recht hätte: „Der Westen“ schuldet „dem Islam“ grundsätzlich ebensowenig wie Deutschland z.B. dem Staatsmann schuldet, der die Autobahnen bauen ließ.

    Eventuelle Leistungen vor 1000 Jahren sind kein Grund, mit Problemen der Gegenwart nachlässiger umzugehen.

  2.   Gelincek

    Höchste Zeit, dass mit diesem Schmuh aufgeräumt wird. Danke, dass Sie hier drauf aufmerksam machen, Herr Lau.

  3.   molinocampo

    Zu diesem Mythos des „westlichen Schuldens“ gegenüber der islamischen Welt des Frühmittelalters wäre es mal ganz angebracht,

    die Usrprünge dieses Mythos zu beleuchten – es sind die gleichen wie das uninformierte Reden über das ach so goldene „Andalus“….

    diese Mythen wurzeln im 19. Jahrhundert – sie waren damals Teil einer westlichen Kultur(selbst)kritik, und wie vieles aus solcher Motivation geflossenes durchtränkt mit Romantizismen –

    wir erinnern uns (doch alle ganz gerne!) an die schwülstige orientalisierende Harems- und Bädermalerie der Ingres, der Gerome (tants pis pour les accents!):

    http://de.wikipedia.org/wiki/Harem

    Genauso wenig wie ein Bild von Ingres mit der Lebenswirklichkeit (oder auch nur der Haremswirklichkeit) des Orients zu tun hat,
    tut dies der Andalus-, bzw. der „erleuchteter Orient versus finsteres Mittelalter“ – Mythos mit den historischen Fakten.

    Es waren übrigens vor allem Juden, die mit dem Verweis auf ein angeblich historische goldenes, süper-tolerantes Andalus unter maurischer Herrschaft die Judenemanzipation in Europa vorantreiben wollten – und einen idealisierten Islam dem angeblich korrupten Christentum gegenüberstellten.

    In diese Tradition gehört eigentlich auch noch ein spätes Büchlein, das ich zufällig meinem Besitz befindet:

    Der Spiegel des großen Kaisers, von Arnold Zweig (1926)

    Auch in dieser Novelle (eigentlich eine Parabel) hält ein weiser Jude mithilfe eines Zauberspiegels dem großen Friedrich v. Staufen (stupor mundi) die Vergeblichkeit seiner Pracht vor – nichtsdestotrotz wird dieser – gerne als „unchristlich“ stilisierte – Kaiser als idealer, weil religions-toleranter Herrscher vorgeführt – nicht zuletzt seine bekannte muslimische Leibwache wird da gerne zitiert…

    Weiteres zum Andalus-Mythos, der in letzter Zeit allerdings arg gerupft wurde:

    http://www.weltwoche.ch/artikel/?AssetID=11897&CategoryID=73

    Wirkliche Mittelalter- und Frühneuzeithistoriker wissen das aber schon länger besser – nur liest leider niemand deren (wirklich empfehlenswerten! Bücher) – stattdessen bessert man sich die Pisa-Bildung mithilfe von Dan Brown auf…

    Mein Tipp:

    Der Klassiker: Aaron Gurjewitsch: Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen

    Zur Entstehung „Europas“ (als Geschichts- Kultur- und Sozialraum):

    Ferdinand Seibt, Die Begründung Europas

    Witzig auch:

    Horst Fuhrmann, Überall ist Mittelalter (die Präsenz des scheinbar überwundenen in der heutigen Welt)

    Die Franzosen sind da einfach unschlagbar:

    Jacques LeGoff, Die Geburt Europas im Mittelalter

    und überhaupt alles von Jacques LeGoff !!!

    Georges Duby: Kunst und Gesellschaft im Mittelalter. Wagenbach Verlag, Berlin 1998

    Georges Duby: Geschichte des privaten Lebens, Band 1-5, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3100336305.

    Inzwischen scheint sich sogar in der Laienwelt langsam rumzusprechen, daß das Mittelalter eigentlich schreiend bunt (und extrem dynamisch) war :

    http://www.mediaevum.de/tagung/cfp_bamberg09.pdf

    http://www.visitnordjylland.dk/tyskland/de-de/menu/turist/inspiration/kunst_kultur/das_mittelalter/mittelalter.htm

    http://www.thorbecke.de/goldenes-mittelalter-p-1280.html

  4.   Wachtmeister

    Der Religionswissenschaftler Lewy hatte vor einiger Zeit schon über die arabisch/islamische „aggressive Schuldzuweisungskultur“ geschrieben:

    http://www.zeit.de/2003/04/Schuld_im_Islam

  5.   molinocampo

    Bei aller Begeisterung über die Schuldkultur, Herr Lau,

    aber da ist ein „schuldet“ zuviel in Ihrer Überschrift….

  6.   iceman

    „Schuldet der Westen dem Islam nichts?“

    Nein, der Islam ist eine geistige und ethische Totgeburt.

  7.   tati

    Nein, der Islam ist eine geistige und ethische Totgeburt.

    Kommentar von iceman

    Dann dauert sie Reanimationsphase aber bereits ganz schön lange an.

  8.   N. Neumann

    “Schuldet der Westen dem Islam nichts?”

    iceman: Nein, der Islam ist eine geistige und ethische Totgeburt.

    Hätte auch von Drewermann sein können.

  9.   iceman

    Okay, Neumann, 1:0 für Dich!

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren