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Ein Prozess gegen „Islamophobie“

 

In Kanada steht eine Entscheidung an, die weitreichende Folgen für die Meinungs- und Pressefreiheit haben könnte. Das Magazin Macleans ist angeklagt, eine Reihe von Artikeln veröffentlicht zu haben, die  offensichtlich islamophobisch seien. So sieht es jedenfalls der Canadian Islamic Congress, der bei der Canadian Human Rights Comission Beschwerde eingelegt hat.

Ein Stein des Anstosses ist eine Titelgeschichte von Mark Steyn, The Future belongs to Islam. In diesem Essay erklärt Steyn, es drohe eine muslimische Dominanz in Europa, die sich über die demographische Entwicklung gewissermassen automatisch ergeben werde.

Auszug:

On the Continent and elsewhere in the West, native populations are aging and fading and being supplanted remorselessly by a young Muslim demographic. Time for the obligatory „of courses“: of course, not all Muslims are terrorists — though enough are hot for jihad to provide an impressive support network of mosques from Vienna to Stockholm to Toronto to Seattle. Of course, not all Muslims support terrorists — though enough of them share their basic objectives(the wish to live under Islamic law in Europe and North America)to function wittingly or otherwise as the „good cop“ end of an Islamic good cop/bad cop routine. But, at the very minimum, this fast-moving demographic transformation provides a huge comfort zone for the jihad to move around in. And in a more profound way it rationalizes what would otherwise be the nuttiness of the terrorists‘ demands.

In a few years, as millions of Muslim teenagers are entering their voting booths, some European countries will not be living formally under sharia, but — as much as parts of Nigeria, they will have reached an accommodation with their radicalized Islamic compatriots, who like many intolerant types are expert at exploiting the „tolerance“ of pluralist societies.

Ich halte diese Weise, von der Demographie auf die Ideologie zu schliessen, für falsch und fahrlässig. Sie hat einen nicht zu verleugnenden rassistischen Unterton, weil sie Meinungen und Überzeugungen an die Herkunft koppelt und aus der Demographie auf die Verbreitung der Scharia schliesst. Sie trifft sich übrigens auf eine fatale Weise mit der Sicht der radikalen Muftis und Ayatollahs, die auch glauben, wer als Muslim geboren wird, müsse automatisch ein trefflicher Dschihadi sein.

Trotzdem bin ich dagegen, diesen Diskurs unter der Rubrik „Islamophobie“ zu kriminalisieren. Er gehört widerlegt durch rationale Argumente, durch eine seriöse Statistik – und hoffentlich durch die faktische Entwicklung der Migranten aus islamischen Ländern und ihrer Kinder und Kindeskinder. Der Versuch des Canadian Islamic Congress, eine Zeitschrift wegen Verletzung der Menschenrechte anzuprangern und damit einem breiten Begriff von Islamophobie den Status einer Menschenrechtsverletzung zu verschaffen, ist fatal. Er leistet den Verschwörungstheorien und der Islamhysterie Vorschub, statt ihr den Boden zu entziehen.

Ein Grundsatzartikel in der New York Times beleuchtet das Problem mit der Meinungsfreiheit und erklärt die amerikanische Ausnahme des First Amendment:

Harvey Silverglate, a civil liberties lawyer in Boston, disagreed.

„When times are tough,“ he said, „there seems to be a tendency to say there is too much freedom.“

„Free speech matters because it works,“ Silverglate continued. Scrutiny and debate are more effective ways of combating hate speech than censorship, he said, and all the more so in the post-Sept. 11 era.

„The world didn’t suffer because too many people read ‚Mein Kampf,“‚ Silverglate said. „Sending Hitler on a speaking tour of the United States would have been quite a good idea.“

Silverglate seemed to be echoing the words of Justice Oliver Wendell Holmes, whose 1919 dissent in Abrams v. United States eventually formed the basis for modern First Amendment law.

„The best test of truth is the power of the thought to get itself accepted in the competition of the market,“ Holmes wrote. „I think that we should be eternally vigilant,“ he added, „against attempts to check the expression of opinions that we loathe and believe to be fraught with death.“

The First Amendment is not, of course, absolute. The Supreme Court has said that the government may ban fighting words or threats. Punishments may be enhanced for violent crimes prompted by race hate. And private institutions, including universities and employers, are not subject to the First Amendment, which restricts only government activities.

But merely saying hateful things about minority groups, even with the intent to cause their members distress and to generate contempt and loathing, is protected by the First Amendment.

Ich kann verstehen, wenn sich Muslime durch die Äusserungen von Mark Stezn verletzt fühlen. Aber es ist ein gefährlicher Weg, Gefühle unter Schutz zu stellen. Wir alle müssen in einer multikulturellen und multireligiösen Welt lernen, andere Sichtweisen auszuhalten. Konfliktfähigkeit muss trainiert werden, statt immer mehr Zäune zu errichten, die Sensibilitäten vor Verletzung schützen sollen.

p.s. Ich schreibe dies in der chinesischen Metropole Chongqing, von wo ich bald hier auch berichten werde.

79 Kommentare


  1. @JL
    „Wir alle müssen in einer multikulturellen und multireligiösen Welt lernen, andere Sichtweisen auszuhalten. “

    Ach, das müssen wir erst noch lernen? Wie konnten denn Demokratien überhaupt Jahrhunderte existieren, wenn die Menschen noch gar nicht in der Lage waren, unterschiedliche Sichtweisen zu akzeptieren?

    Das Problem sind nicht die unterschiedlichen Sichtweisen, sondern dass sich eine Sichtweise absolut setzt bzw. für die einzige richtige hält und dementsprechend gegen andere Sichtweisen juristisch oder im schlimmsten Falle mit Gewalt vorgeht.
    Wenn ich bei meiner Sichtweise nicht mal mehr die theoretische Möglichkeit einkalkuliere, dass sie falsch sein könnte, kann ich nicht in einer multireligiösen Welt leben.

  2.   JR

    Es klingt ja schon lächerlich, dass ein Religion jede Kritik an ihr verbieten will. Und gerade die Leute, die gegen die kath. Kirche gehetzt haben, kuschen im Falle des Islam. Angst?

  3.   Samuel

    @ JR
    Nicht nur Angst. Dritte-Welt-Romantizismus mit dem der Islam gleichgesetzt wird. Ich behaupte: Hätte der Islam sich in Europa entwickelt, würde niemand vor dieser Religion kuschen. Und die Linke erst Recht nicht.

  4.   Wachtmeister

    Der Anstieg der Zahl der Muslime in Europa hat nun einmal primär demographische Ursachen und ist nicht etwa eine Folge einer relevanten Zahl von Konvertierungen. Und der Anteil der Unterstützer der Einführung islamischen Rechts ist unter Muslimen z.B. in Großbritannien (rund 50%, bei steigender Tendenz, da größere Unterstützung für islamisches Recht bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen) größer als unter Nichtmuslimen.

    Wo ist der „Rassismus“, wenn man aus diesen beiden unbetreitbaren Fakten die Schlußfolgerung zieht, dass es bei gleichbleibenden Trends, verbunden mit der beobachteten Konzentration der muslimischen Bevölkerung in Ballungsräumen und Großstädten, künftig sehr wahrscheinlich Zonen in Europa geben wird, in der zumindest informell islamisches Recht stärkere Wirkungskraft haben wird als säkulares, staatliches Recht?

    Wenn man diese Argumentation nicht teilt, sollte man auf eventuelle Fehler hinweisen anstatt mit direkten oder indirekten „Rassismus“-Vorwürfen zu reagieren.

    Ich erkenne gegenwärtig jedoch keine stichhaltigen Einwände. Es wird z.B. immer wieder argumentiert, dass die demographische Entwicklung sich ändern könne. Dafür gibt es aber gegenwärtig keine Anzeichen, und demographische Entwicklungen gehören zu den sozialen Phänomenen, die am zuverlässigsten prognostiziert werden können.

    Andere Einwände behaupteten, dass die jüngere Generation von Muslimen säkularer eingestellt sein würde als ihre Elterngeneration. Das praktisch einheitlich entgegengesetzte Ergebnis demoskopischer Untersuchungen hat diesen Einwand jedoch weitgehend zum Verstummen gebracht.

    Wo also ist der Fehler in Steyns Argument?

  5.   Erol Bulut

    @Wachtmeister

    Der Fehler ist, eine zwangsläufige Durchsetzung der Sharia als unumstößlichen Fakt darzustellen, obwohl beispielsweise in der Türkei mit nahezu ausschließlich muslimischer Bevölkerung die Sharia immer weniger (10-12% und abnehmend) Befürworter findet. Dies dient nur dazu, um einen Kulturkreis zu stigmatisieren. Jene, die Steyns Argumentation aufnehmen, demonstrieren nicht vorhandenes Differenzierungsvermögen bezüglich denen, die dem Buchglauben hörig sind (und tatsächlich die Sharia sich erwünschen) und denen, die fromm Ihre Religion leben oder gar nicht gläubig sind. Solche undifferenzierte Art inklusive der erstrebten Stigmatisierung bezogen auf einen Kulturkreis, ist eine rassistische Vorgehensweise.

    Natürlich kann man behaupten, Muslime seien in Ihrer Denke auf eine Art genauso vorausberechenbar, wie es Ihre Ansichten auch sind. Andere können für sich auf die gleiche Weise wie Sie oder Steyn es bei den Moslems tun, bei Ihnen oder Stein darauf schließen, dass sie gleichermaßen Moslems unterdrücken wollen, wie es Moslems mit Nichtmoslems wollen oder wollen sollen, und darin eine Gefahr für die Demokratie sehen. Wenn man dazu sagt, alle Christen wären so, wäre das auch im Ansatz rassistisch.

    Das ist alles durch die Meinungsfreiheit gedeckt und die Klage in Kanada hat auch keine Aussichten, angenommen zu werden. Sicher ist die Methode nicht neu, mit scheinbarer Gefahr für die Meinungsfreiheit Hysterie anzustacheln, wie es auf ähnliche Weise mit einer Klage gegen Ostereier Antwerpen von einer Muslima getan wurde, aber wer sich über klagen in einem Rechtsstaat aufregt, statt über Urteile, surft dann auch nur auf einer Welle.


  6. Das Problem ist natürlich auch gar nicht die Einführung der Scharia, sondern diejenigen Probleme, die sich aus der islamischen patriarchalischen Sozialisation ergeben wie ein überzogener Ehrbegriff oder die Stellung der Frau.

    Und was den Multikulturalismus angeht, vielleicht nochmal der Hinweis auf „Zeit“-Interview mit Egon Flaig:

    https://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2008/06/09/multikulturalismus-fuhrt-in-den-burgerkrieg-gesprach-mit-prof-dr-flaig-iii_320

  7.   Wachtmeister

    @Erol Bulut
    Nehmen Sie es mir nicht übek, aber ich finde Ihre Antwort richtig gut! Ansatzpunkte zum Rassismus sehe ich selbst übrigens auch bei Leuten wie „Politically Incorrect“ oder „Akte Islam“. Steyn argumentiert aber anders als diese tatsächlich aufgehetzt wirkenden Stimmen. Er bezieht sich auf reale Tendenzen in muslimischen Bevölkerungen in Europa. Wenn man von „Tendenzen“ spricht macht man damit doch deutlich, dass man nicht allen Muslimen eine unwandelbare und pauschale Position unterstellt.

  8.   Wachtmeister

    Ein ermutigendes Beispiel ist Rotterdam, wo es offenbar gelungen ist, multikulturalismusbedingte Verwahrlosungsprozesse nicht nur aufzuhalten, sondern sogar rückgängig zu machen:

    http://www.tagesspiegel.de/berlin/Buschkowsky-Jugendgewalt;art270,2551330

  9.   Gelincek

    Das ist ja großartig. Danke für den Link, Wachtmeister.


  10. […] >> Zum Weblog von Jörg Lau […]

 

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