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Mein Lieblings-Minarett

 

Gestern habe ich in dem Thread über die Schweizer Volksbefragung zum Minarettverbot geschrieben, ich sei kein „Minarettbefürworter“. Damit war gemeint: Wer für das Recht auf Moscheebau mit Minarett eintritt, muss nicht zugleich für jedes Minarett in jedem städtebaulichen Kontext sein. Es ist legitim, gegen konkrete Bauvorhaben zu argumentieren und auch zu mobilisieren, wenn man dafür andere Gründe hat als den Generalverdacht gegen „den Islam“. Moscheebauvorhaben müssen sich in den städtebaulichen Kontext einfügen.

Nun bin ich aber Befürworter eines ganz bestimmten Minaretts und der dazugehörigen Moschee. Es steht im bayrischen Voralpenraum, in Penzberg.

So sieht es aus:

Postkarte$20minarett

Und siehe da: Die oberbayrischen Alteingesessenen sind mittlerweile regelrecht stolz auf „ihre Moschee“. Das Minarett besteht vollständig aus stilisierten Schriftzügen. Das Moscheegebäude hat auch keine osmanische Kuppel. (Mehr hier.)

Es wurde gestaltet von dem jungen bosnischstämmigen Architekten Alen Jasarovic, der mit seinem Moschee-Design auch ein Zeichen für eine genuin europäisch-muslimische Baukultur geben will, die sich nicht sklavisch an einem traditionellen osmanischen oder maurischen Stil orientiert.

Das Gebäude ist sehr licht und hell. Es öffnet sich auch bausprachlich der Umgebung.

Die Gemeinde hat das Bauprojekt sehr stark mit der Bevölkerung debattiert. Es gab zwar einige Vorbehalte, aber kaum Proteste. Man kennt sich von der Arbeit und aus der Nachbarschaft.

Merkwürdig: In Penzberg ist eine größere Offenheit für die islamische Gemeinde spürbar, als etwa in Köln. Die Penzberger Muslime haben selber einen grossen Anteil daran, weil sie  Offenheit für ihre Umgebung zeigen – schon in der Architektur.

Ich zitiere den Architekten Alen Jasarevic:

„Wir sind der festen Überzeugung, dass sich ein mitteleuropäischer Moscheetyp entwickeln wird, mit dem sich die muslimischen Einwanderer, vor allem der dritten und vierten Generation, wie auch die nichtmuslimischen Bürger leichter identifizieren können als mit Übernahmen traditioneller Moscheetypen aus der islamischen Welt.

Neben der Kirche und dem Rathaus wird sich die Moschee wie auch die Synagoge als selbstverständlicher Bestandteil unserer Städte etablieren. Wir stehen noch ganz am Anfang dieser Entwicklung. Über Generationen gefestigte Bilder von Moscheen und Vorurteile müssen auf beiden Seiten aufgebrochen werden.
Noch gilt die osmanische Interpretation mit Zentralkuppel und spitzem Minarett als einzig legitimer Typ für einen Moscheebau. Sogar die Moscheegegner berufen sich auf ihren Protestplakaten auf dieses Bild. Dabei ist dieser Typ nur ein Element im weiten Spektrum der islamischen Architekturvielfalt.
Die erste Moschee war das Wohnhaus des Propheten Mohammed: ein einfaches, teilweise überdachtes Hofgeviert. Der Muezzin rief vom Dach des Hauses zum Gebet. Das Minarett und die Kuppel entwickelten sich erst in der Folgezeit unter den ersten Kalifen.
Die folgenden Jahrhunderte brachten ganz unterschiedliche Moscheetypen hervor. So erinnert uns ein chinesisches Minarett eher an eine Pagode oder eine schwarzafrikanische Lehm-Moschee an einen Ameisenhaufen.
Dennoch erfüllen alle Moscheen die gleiche Aufgabe, sie sind Gebetsplätze und Orte der Niederwerfung (arabisch für Moschee) und damit gleichwertig. Eine mitteleuropäische Moschee mit eigenen Gestaltungsmerkmalen ist daher genauso legitim wie etwa die Hallenmoschee im Maghreb. Umgekehrt wäre eine traditionelle chinesische Moschee in der Türkei genauso deplatziert wie eine traditionelle osmanische Moschee in Deutschland.

Moscheen waren immer Orte der Kommunikation und nicht primär Orte der Repräsentation. Gerade in einer offenen und pluralistischen Gesellschaft ist die kommunikative Aufgabe von grundsätzlicher Bedeutung. Fruchtbare Gespräche gelingen gerade in einer ungezwungenen und vorurteilsfreien Atmosphäre. Gebäude, die auf Traditionen beharren, können dagegen zu Barrieren werden.
Als mich die islamische Gemeinde Penzberg das erste Mal zu einem Gespräch in ihre Räumlichkeiten einlud, wunderte ich mich über den provisorischen Charakter der Gebetsstätte. Er überträgt sich mit der Zeit auf die Arbeit der Gemeinde und ihres Vorstandes. Alles ist ein Provisorium.
Doch in Penzberg war alles im Fluss. Der junge, charismatische Imam entwickelte in unserem Gespräch eine mitreißende Vision von der Zukunft der Muslime in Deutschland. Endlich! Eine Gemeinde, die sich und ihre Religion als selbstverständlichen Teil der deutschen Gesellschaft sieht.
Während des Schlussspurtes waren auch wir Architekten täglich auf der Baustelle, um die Arbeiten zu koordinieren und zu überwachen. In dieser Zeit fiel mir ein älterer Herr auf, der regelmäßig die Baustelle besuchte. Eines Tages nahm er mich zur Seite und fragte nach dem Minarett, wann es denn komme und ob es in die Umgebung passe.

Es stellte sich heraus, dass er genau gegenüber der Moschee wohnte und zusammen mit seiner Frau besorgt war. Ich versicherte ihm, dass ich nach wie vor zu meinem Wort stünde und dass die Gemeinde der Stadt mit dem Minarett ein bemerkenswertes Kunstwerk schenken würde.
Der Nachbar bedankte sich nach der Eröffnung beim Vorstand und erzählte, dass er nun mit seiner Frau abends seinen Kaffee am Fenster mit zurückgezogenen Gardinen trinkt und die schöne Aussicht genießt.
Ich frage mich häufig, welchen Anteil am Erfolg der islamischen Gemeinde die Architektur tatsächlich hat. Das Haus ist natürlich nur ein Passepartout, ein Rahmen für die Gemeinde, und ohne die Aktivität und Offenheit ihrer Mitglieder wäre auch die schönste Moschee kein Erfolg.
Allerdings trägt die Architektur entscheidend dazu bei. Ein ungewöhnliches, kunstvoll, offen und transparent gestaltetes Gebäude verhilft der Gemeinde zu Identität und Selbstbewusstsein.
Rückblickend lässt sich sagen, dass der Vorstand klug und vorausschauend gehandelt hat. Die Befürchtungen der Bevölkerung wurden von allen ernst genommen und in vielen gemeinsamen Gesprächen entkräftet. Insgesamt wurde ein Projekt realisiert, das Leuchtturm-Qualität besitzt und hoffentlich auch andere Städte und Gemeinden inspiriert.“

21 Kommentare


  1. Wirkt schon anders als der Kitsch, der bei uns auf’s Dach gepappt wurde (und daneben die Fahne der Grauen Wölfe).

  2.   Krause

    Das läßt hoffen. Wenn Muslime immer so offen, liberal und diskursfähig wären wie in Penzberg, hätten wir viele Probleme nicht. Bekanntlich ist dies bei vielen Vorhaben bzw. Gemeinden etwas anders: da wird beschönigt, gelogen, relativiert oder man reagiert beleidigt. Am haarsträubensten sind die Fälle, wo Minarette höher gebaut werden als in der Baugenehmigung erlaubt bzw. das Fundament schon mal gegossen wird, obwohl gar kein Minarett genehmigt ist. Gleiches gilt für Salami-Taktiken wie in Rendsburg, wo erst ein riesiges Minarett gebaut und dann versucht wird, den Muezzin durchzudrücken. Da kommt kein Vertrauen auf – und erst recht keine Sympathie.

  3.   lebowski

    Bei uns kann man vom Zug aus die Moschee in Hamm-Heessen sehen. Ich finde sie sowohl von der Form als auch von den verwendeten Baumaterialien her, reichlich verunglückt. Sieht aus wie ein weißes Nadelkissen. Fügt sich in keiner Weise in die Umgebung ein. Ein architektonisches Zeichen der Desintegration. Die von Ihnen gezeigte sieht da schon erheblich besser aus. Ich kann verstehen, wieso auch die nicht-muslimischen Bewohner der Stadt stolz auf diese Moschee sind.
    Wahrscheinlich gibt es inzwischen auch genug muslimische Architekten in Europa, die solche Sakralbauten entwwerfen könnten.

  4.   Vergil

    Sehr interessanter Punkt.
    Architektonische Lösungsvorschläge für die Minarettproblematik in der heutigen Zeit.

  5.   Dr. Frank Melchior

    Man sollte Minarette nur in Industriegebieten bauen, dann stoeren Sie niemand.
    Bei uns ist auch ein Minarett, direkt an einer Moschee.
    Dort ist es leider nicht so idyllisch wie in Ihrem Beispiel. Ringsherum haben sich Teestuben angesiedelt, in denen nach Polizeiangaben im Hinterzimmer Drogen und gestohlene Gegenstaende gehandelt werden.
    Letzte Woche wurde auch mein Fahrrad trotz Doppelschloss gestohlen.

  6.   PBUH

    Ein sehr schönes Gebäude – und dezente Moscheen sind in Deutschland ja auch eher die Regel.

    Die Probleme haben ganz klar mit diesen politisch motivierten Grossmoscheebauten angefangen.

    Deswegen sollte man das Votum in der Schweiz auch als Stärkung derjenigen Muslime begreifen, die ihren Glauben nicht als Eroberungsinstrument betrachten und die darauf Wert legen in guter Nachbarschaft mit Bürgern anderen Glaubens zusammenzuleben.

  7.   PBUH

    @Dr. Frank Melchior

    Seit in Duisburg-Marxloh vor ein paar Jahren die grösste Moschee Deutschlands errichtet wurde verfällt der Stadtteil immer schneller und die sozialen Probleme nehmen ständig zu, das ist ein Fakt den die politische Klasse nicht wahrhaben will.

  8.   M. Riexinger

    @ ODD

    Seit in Duisburg-Marxloh vor ein paar Jahren die grösste Moschee Deutschlands errichtet wurde verfällt der Stadtteil immer schneller und die sozialen Probleme nehmen ständig zu, das ist ein Fakt den die politische Klasse nicht wahrhaben will.

    Das war meines Wissens am 26.10.2008. Auf welche Grundlagen stüzen Sie ihre Behauptung?

  9.   Ratio

    tati wird wohl die durch die Schriftzüge entstandenen Öffnungen im Minarett als künftige Schießscharten der muslimischen Eroberer deuten.

  10.   Mattes

    Der zumehmende Verfall eines Stadtteils ist auch in Bonn-Bad Godesberg gut zu beobachten. Inzwischen herrschen da Zustände die man vor ein paar Jahren noch nicht für möglich gehalten hätte, z. B. Gruppenangriffe frustrierter MiHiGru-Jugendlicher auf Schulhöfe und Karnevalsfeiern.

    Da hat es nicht mal eine Großmoschee gebraucht. Eine König-Fahd-Akademie und ein oder zwei kleine Moscheen haben auch gereicht.

 

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