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Bremst der Wohlfahrtsstaat die Integration?

 

Siegfried Kohlhammer, ein singulär freier Kopf seit vielen Jahren, an dessen islamdiskurskritisches Buch aus den 90ern ich meine meistgebloggte Kategorie hier angelehnt habe, hat im neuen MERKUR mal wieder zugeschlagen.

Kohlhammer ist nach Jahren in Berlin leider wieder nach Japan zurückgegangen, von wo aus er aber immer wieder einen kühlen Blick zurück auf die europäischen Verhältnisse wagt. Ich bin durch seinen Umzug in den Besitz einer exzellenten und beeindruckend durchgearbeiteten Bibliothek von islamwissenschaftlichen Werken gekommen. Traurig bleibt es trotzdem, dass Kohlhammer nicht von Berlin aus die Debatte mit bestimmt.

Aber sein Text sollte genügend Stoff zur Debatte liefern. Auszug:

Niemals zuvor in der Migrationsgeschichte hat es einen derartig hohen Grad an materieller, rechtlicher und ideologischer Unterstützung der Migranten von staatlicher und nichtstaatlicher Seite gegeben wie im heutigen Europa, und Deutschland nimmt dabei einen der Spitzenplätze ein. Seit Jahrzehnten werden hier erhebliche Summen für Integration ausgegeben, in die Sprachprogramme allein sind Milliardenbeträge investiert worden. Schon die Gastarbeiter in den sechziger Jahren waren von Anfang an arbeits- und sozialrechtlich gleichgestellt, erhielten also Tariflohn, Arbeitslosengeld und -unterstützung, Kinder- und Wohnbeihilfe, BAFÖG, ärztliche Betreuung – das volle Programm. Das hatte denn auch zur Folge, dass das (1973 eingestellte) Gastarbeiterprogramm zwar für die Privatwirtschaft, auf deren Druck es eingeführt worden war, einen Erfolg darstellte, nicht aber gesamtwirtschaftlich, da die Folgekosten die Gewinne schließlich übertrafen. Generell gilt in Europa, dass die Migranten insgesamt den Wohlfahrtsstaat mehr kosten, als sie zu ihm beitragen. Eine Lösung der Probleme Europas durch mehr Migranten, wie sie die EU wünscht, ist eher unwahrscheinlich.

Während früher den Einwanderern selbst die Last der Integration auferlegt wurde – und sie funktionierte in der Regel, auch ohne Sozialhilfen und Wohlfahrtsstaat und Antidiskriminierungsgesetze –, gilt heute Integration immer mehr als in die Verantwortung des Staates fallend. Und doch sind die Ergebnisse insgesamt immer dürftiger. »Nie zuvor in der Geschichte der Migration gab es so viel Rücksichtnahme und Planung. Doch die Ergebnisse waren dürftig.« (Laqueur) Das hatte unter anderem zur Folge, dass der Anteil der Erwerbstätigen unter den Migranten stetig sank und eine Lebensplanung auf der Grundlage von Sozialhilfe möglich wurde. So machen etwa die Muslime in Dänemark 5 Prozent der Bevölkerung aus, nehmen aber 40 Prozent der wohlfahrtsstaatlichen Leistungen in Empfang – und andere Länder weisen ähnliche Missverhältnisse auf. »Die Muslime in Europa erhielten mehr wohlfahrtsstaatliche Leistungen als jede andere Gruppe irgendwo und irgendwann.« (Bawer). Omar Bakri Mohammed, Gründer der islamistischen Hizb ut-Tahrir in England, lebte mit seiner Familie von wohlfahrtsstaatlichen Leistungen in der Höhe von circa 2000 Pfund im Monat. »Der Islam erlaubt mir, die Leistungen des (wohlfahrtsstaatlichen) Systems in Anspruch zu nehmen. Ich bin ohne Einschränkungen anspruchsberechtigt. Ohnehin lebt ja der größte Teil der Führerschaft der islamischen Bewegung von Sozialhilfe.«

Überall in Europa, wo eine nennenswerte Zahl muslimischer Zuwanderer sich niedergelassen hat, stößt man auf dieselben Probleme – und es scheint dabei keine Rolle zu spielen, ob die Muslime aus Pakistan oder aus der Türkei kommen, aus Algerien oder aus Bangladesch. Diese Probleme scheinen alle ihren Grund in der zunehmend misslingenden Integration zu haben, wobei gerade auch die zweite und dritte Generation, die traditionell die Integration schaffte, nicht besser integriert sind. Deutlich zeigt sich dies an den ethnischen Kolonien vieler Städte.(7)

Das ist ein zentraler Punkt: Wer hat die Verantwortung für Integration? Der Staat oder primär die Migranten selber?

Bei einem Moscheebesuch mit Sigmar Gabriel in Gelsenkirchen ergab sich letzten Freitag eine interessante Debatte. Es ging um die Schulen, an denen 80 oder mehr Prozent Migranten konzentriert sind. Eine junge Frau meldete sich, Alev Aksu, die sich als Alevitin vorstellte:  “Sorry. Mir kann keiner erzählen, dass die schlechten Bildungserfolge daran liegen, dass achtzig Prozent Türken in einer Klasse sind. Was spricht denn für ein Selbstbild aus so einer Aussage? Wenn wir zuviele auf einem Haufen sind, lernen wir nicht mehr? Es wird genug getan für die Bildung in diesem Land. Alle Chancen sind da. Aber wenn ich den Lehrer nicht respektiere und mich daneben benehme, kann es eben nichts werden. Setzt euch auf den Hintern und lernt!”

Es ist eben nicht so, dass die Migranten selber blind für die Zusammenhänge wären. Wir brauchen mehr Alev Aksus, die den Mund aufmachen.

(Tip: tati, Bakwahn)

47 Kommentare

  1.   Hippodamos

    Guten Morgen @all, kann nicht schlafen.

    Bezeichnend ist, dass Frau Aksus Frau und Alevitin ist.
    Solange der „junge muslimische Mann“ nicht erreicht werden kann
    wird es bei der Integration keinen Fortschritt geben.
    Der „junge muslimische Mann“ will nicht von liberalen gesellschaftlichen Gruppen behütet werden, diese respektiert er nicht, das widerspricht seinem Selbstverständnis.
    Ein Schlaglicht auf diese These wirft der Angriff einer muslimischen Gruppe auf linke Demonstranten am Wochenende in Duisburg.
    Respekt wird nur dem entgegengebracht, der selbst auf dem Fundament eines gesunden Selbstbewusstseins steht. Davon ist man in Deutschland aber aus den bekannten Gründen,
    ich befürchte unaufholbar, entfernt.
    Aber man soll die Hoffnung nicht aufgeben, auch auf eine gelingende Integration der Muslime nicht.
    Wenn ich mich in die Herkunft und Situation der Muslime hineinversetze, kann ich sie verstehen, und wollte mich auch nicht in die gegenwärtige westliche Gesellschaft integrieren.
    Ich denke der Kardinalfehler liegt im sozialistischen Ansatz der Integrationspolitik, im sozialistischen Menschenbild.
    Die Entwicklung dieses Menschenbildes, fußend in der Aufklärung, von Rousseau auf Kurs in die falsche Richtung gebracht, durch die „Väter des Sozialismus“ im 19 Jahrhundert in ihre Ideologie eingebettet, von den Exekutoren des Sozialismus des 20. Jahrhunderts pervertiert, um schließlich, nachdem man sich zwischenzeitlich in der Formulierung eines „Wissenschaftlichen Sozialismus“ verstiegen hatte, alle Fehlentwicklungen ausblendend, von den „Ur-Urenkeln“ bis heute im Katechismus der Linken als unberührbares Dogma geführt zu werden.
    Die gescheiterte Integration scheint m.E. tatsächlich in einem Versagen der aufnehmenden Gesellschaft zu liegen.
    Vielleicht sollte man versuchen einen anthropologischen Ansatz finden!?
    Ich hoffe, ich habe mich durch die Erwähnung der Anthropologie nicht schon verdächtig gemacht, nehmen wir sie einfach als Wissenschaft vom Menschen und gehen empirisch vor.


  2. Kohlhammer war mir vor der Lektüre dieses Artikels kein Begriff. Das ist zwar einerseits bedauerlich, weil Kohlhammers Aufsatz sehr gelungen ist und es nur wenige Autoren gibt, die derlei Ansichten in aller Deutlichkeit bekunden. Andererseits aber kannte ich, dessen ungeachtet, alle in dem Artikel wiedergegebenen Fakten, Statistiken und Deutungen und auch alle angesprochenen Personen schon vorher (namentlich Frau Klausen). Laqueur habe ich im Original schon im letzten Sommer gelesen (allerdings hat mich seine Quellenarbeit nicht wirklich überzeugt, da sie mir zu „leger“ erschien).

    Mir scheint an alledem deshalb etwas anderes beachtenswert als die Frage nach der Wirkung des „Sozialstaates“, die als weitgehend geklärt betrachtet werden kann: nämlich dass in dem Artikel, trotz des Aufmachers von Jörg Lau, er biete reichlich „Stoff zur Debatte“, keinerlei neuen Thesen vertreten oder atemberaubende neue Erkenntnisse mittgeteilt werden. All das, was Kohlhammer schreibt, ist seit langem bekannt – zumindest sollte es bekannt sein. Zwar kommt Kohlkammer, dessen ungeachtet, natürlich das Verdienst zu, all dies sachlich fundiert und sprachlich prägnant zusammengetragen zu haben. Mehr ist es dann aber auch nicht.

    Zwar gelingt es, Ihnen, Herr Laum, im Übrigen auch wieder einmal, den Beweis dafür zu erbringen, dass es wenig Sinn hat, Menschen in Schubladen stecken zu wollen (auch wenn viele es nur allzu gerne tun). Trotzdem frage ich mich, wie Sie wohl mit einem genau gleichlautenden Artikel umgegangen wären, stammte er nicht von Kohlhammer und wäre er also nicht von einem Mann geschrieben worden, von dem Sie eine „Bibliothek“ islamwissenschaftlicher Werke „geerbt“ haben…

    Was nun Ihre Schilderung zu der Diskussion in der Moschee angeht, so bestätigt sie eine wesentliche Annahme von mir, die zugleich manches mit dem „Wohlfahrstaat“ zu tun hat: nämlich dass wir vor allem ein Problem mit „falschen Advokaten“ haben.

    Zu diesen „falschen Advokaten“ mag auch ein Mann wie Sigmar Gabriel gehören. Vielleicht verfalle ich selbst in unbegründetes und falsches Schubladendenken, doch ich bezweifle, dass ein Herr Gabriel von Integrationspolitik allzu viel versteht. Mit dem Islam dürfte er sich gleich noch viel weniger beschäftigt haben, Gabriel ist also auch nicht kompetent, dazu Stellung zu beziehen. Und doch sucht er sich bei den Muslimen anzubiedern und mischt er sich deshalb ein.

    Was nun allerorten geschieht, ist, dass sich Menschen, die meist selbst gar keine Muslime sind (und die vom Islam wenig bis nichts wissen), dazu aufschwingen, die Muslime und den Islam zu verteidigen – egal worum es geht. Darin entlarvt sich übrigens wohl nicht selten zugleich ein gewisser Dünkel jener „falschen Advokaten“, den man, wollte man böse sein, selbst „rassistisch“ zu nennen hätte, verbirgt sich doch dahinter mit großer Wahrscheinlichkeit ganz überwiegend der alte Paternalismus Europas, der sich selbst überlegen und alles andere unterlegen dünkt, so dass er glaubt, jenes andere gegen „europäische“ Anschuldigungen abschirmen zu müssen, da es sich selbst nicht zu verteidigen vermag.

    Manche Muslime mögen froh sein über die „falschen Advokaten“, die ihnen plötzlich zur Seite springen, egal worum es geht, und die sie – pauschal – in Schutz nehmen, auch egal, worum es geht. Das Ergebnis aber ist fatal: Es führt dazu, dass sich das Volk „selbst verhetzt“, wie Abdel-Samad schreibt. Denn weil die „falschen Advokaten“ nicht darauf aus sind, bestehende Missstände zu beheben und Probleme offen zu diskutieren, sondern gerade weil ihr einziges Anliegen darin besteht, Kritik zu unterbinden, egal ob sie begründet ist oder nicht, verschlimmern sich die bestehenden Missstände nur und werden die Probleme schließlich in der Verdrängung und Untätigkeit virulent. Im Kern geht es diesen „falschen Advokaten“ also erkenntlich nicht um sachliche Argumente, nicht um einen begründeten Vortrag zur Verteidigung fälschlich Angeschuldigter; es geht wohl in Wahrheit nicht einmal darum, andere zu verteidigen; es geht einzig um Rabulistik, die häufig allein deshalb vorgetragen wird, weil sie dem eigenen (ideologischen) Dünkel entspricht.

    Darum ist es auch nicht überraschend, dass in Gesprächen mit Muslimen nach meinem Empfinden viel seltener Anschuldigungen einer vorgeblichen (oder bisweilen auch tatsächlichen) fremdenfeindlichen Gesinnung erhoben werden, um sich so gegen die Kritik und die Anschuldigungen der Gegenseite zu verteidigen. Das ist nämlich vor allem eine Methode jener „falschen Advokaten“.

    Dazu passt denn auch, dass die angeblich rigorose Trennung, die zwischen Islam und „Islamismus“ möglich sein soll, zumindest im aufrichtigen Diskurs mit informierten Muslimen als vom Westen imaginiertes Konzept eingestanden wird, das unsinnig ist. Leider aber lernt der Mandant auch von seinem Anwalt, und so hören wir nun dieselbe Rabulistik nicht selten gleichfalls von den Muslimen.

    Namentlich unter Politikern ist es ferner seit langem üblich, Integrationsdefizite, zumal bei Muslimen, auf das Versagen der Aufnahmegesellschaft zu schieben, zumal auf das Versagen des Staates, da dieser sich, als gesichtsloses Gebilde, wohl kaum gegen diese Anschuldigungen verwahren wird – mögen sie auch in Wahrheit Verleumdung und üble Nachrede sein. Dass nicht alle Migrantengruppen gleich stark von diesen Integrationsdefiziten betroffen sind, wird dabei meist ausgeblendet, als wäre es eine Nebensächlichkeit. Werden solche Diskrepanzen im öffentlichen Diskurs doch angesprochen, so sind die „falschen Advokaten“ wiederum häufig zur Stelle und beschwören rasch Diskriminierung und Rassismus allerorten.

    Kohlhammer stellt in seinem Artikel zu Recht fest, dass es durchaus Diskriminierung und Rassismus gibt – damit hatten indes auch andere Zuwanderergruppen in der Vergangenheit zu kämpfen, und sie haben sich doch integriert. Die extreme Gegenposition, wohl gleichfalls vorgetragen von „falschen Advokaten“ und meist genährt von Fremdenfeindlichkeit, behauptet zwar, solche Phänomene wie Rassismus und Diskriminierung existierten gar nicht, sie seien nur ideologische Kampfbegriffe. Das ist selbstverständlich eine Unwahrheit. Eine mindestens ebenso große Unwahrheit ist demgegenüber aber auch die Behauptung, dass die mangelende Integration vieler Muslime in Europa (nicht nur in Deutschland!) ausschließlich oder vorwiegend der Aufnahmegesellschaft anzulasten sei und dass sie sich als geradezu zwingende Folge von Rassismus und Diskriminierung darstelle.

    Kohlhammer weist überdies zu Recht darauf hin, dass es gerade die Zuwanderer sind, die sich – bewusst – verweigern: Sie weigern sich vielfach, die Sprache zu lernen, und sie richten sich in den Sozialsystem ein. Sie verweigern sich, indem sie sich abschotten, und sie weigern sich, indem sie jeder gesellschaftlichen Partizipation aus dem Weg gehen – das im Übrigen nicht selten unter dem Vorwand der Religiosität.

    Freilich gilt das nicht für alle, aber es gilt für viel zu viele. Und je stärker nun diese „falschen Advokaten“ darauf dringen, es sei stets die Schuld der Gesellschaft, dass Integration misslinge, desto mehr stärken sie die Verweigerungshaltung jener Zuwanderer, die augenscheinlich gar nicht „zuwandern“ wollen. Sie laden zur Verweigerung ein und vermitteln diesen Menschen somit nicht nur das Handwerkszeug der Rabulistik und werten deren Verweigerungshaltung moralisch auf, indem sie die Zuwanderer zu reinen „Opfern“ der Gesellschaft stilisieren; die „falschen Advokaten“ verhindern durch dieses Gebaren vor allem auch, dass eine „Anklage“ formuliert werden kann. Das klingt hart, doch Gesellschaften leben von Anklagen, sie leben von Auseinandersetzungen, die Gerichtsverfahren gleichen, wobei beide Seiten ohne falsche Rücksichtnahme ihre Argumente vorgetragen und durch die so andere Perspektiven eröffnet werden. Wer es indes wagt, gerade diese „Mandanten“ anzuklagen, läuft auch heute noch Gefahr, alsbald selbst zum Angeklagten zu werden: Selbst ein sachlicher Staatsanwalt mag rasch selbst zum Angeschuldigten werden, die Anklage lautend auf Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Die zur Exkulpation bemühte Rhetorik der Rabulistik, namentlich Unterstellungen und Vorwürfe, richten sich dann indes nicht mehr nur gegen „den Staat“, sondern gegen den je Einzelnen, der es wagt, solchermaßen Unbequemes auszusprechen.

    Das Bild des Staatsanwaltes ist, zugegeben, nicht ganz stimmig, weil sich in diesem Fall jeder zum Staatsanwalt aufschwingen kann und es darunter somit unweigerlich auch wahre Fremdenfeinde und Rassisten geben wird. Doch statt auf das Gewicht der Argumente zur Sache zu vertrauen, muss von den „falschen Advokaten“ stets und unvermeidlich das argumentum ad personam vorgetragen werden – wieder und wieder, bis zum Erbrechen.

    Und es scheint zu wirken. Was es aber in Wahrheit und auf Dauer bewirkt, das ist einzig, dass sich Ressentiments aufstauen. Und zwar auf beiden Seiten. Ressentiments leben vor allem von dem Nicht-Gesagten und dem Nicht-Ausgesprochenen. Sie leben davon, dass Menschen nicht miteinander kommunizieren und zuletzt auch nicht mehr miteinander reden können. Dem Ressentiment liegt stets ein „heimlicher Groll“ zugrunde. Und wo auf der einen Seite zusehends mehr Nicht-Muslime in Europa heimlich (oder gar nicht mehr so heimlich) grollen und bald schon dazu neigen, alle Muslime als eigentliche Ursache ihres Grolls zu betrachten, da verhetzten sich die Muslime andererseits gleichfalls selbst und werden freilich auch von ihren Funktionären und ihren „falschen Advokaten“ verhetzt: Es sind zuvörderst diese „Mietmäuler“, die jede Kommunikation unterbinden, die Debatten niederschlagen, die wieder und wieder etwa von „liberalem Rassismus“ schwadronieren, die darum also notwendigerweise glauben müssen, die Menschen, welche sie zu verteidigen vorgeben, wären gar nicht imstande, sich zu verteidigen, und die anderen wären nicht in der Lage, Argumente vernünftig abzuwägen. Natürlich wollen diese „falschen Advokaten“ dessen ungeachtet zu ihrem Paternalismus und ihrem offen gelebten Urmisstrauen, den Menschen und die gesellschaftliche Auseinandersetzung durch Kommunikation betreffend, nicht stehen; denn obgleich diese Menschen selbst so sehr Bevormundung und Unterdrückung pflegen, dünken sie sich doch der Debatte und dem „Dialog“ zugewandt. Allein: Sie sind es nicht.

    Es sind also z.B. Migrantinnen wie diese aus dem Bericht von Jörg Lau, die aufzeigen, wie dumpf und sinnlos, wie rabulistisch und verlogen das Gerede jener „falschen Advokaten“ ganz überwiegend ist, das alles als Verschulden der Gesellschaft begreifen will:

    Nein, es ist eben nicht die Aufnahmegesellschaft, die jede Partizipation der Migranten zu verunmöglichen suchte; es ist eben nicht der deutsche Staat, der diese Menschen hängen ließe; es ist auch nicht so sehr das nach sozialen Kriterien selektierte deutsche Bildungssystem, das wir anzuklagen haben. Es fehlt vielfach schlicht die Bereitschaft zur Integration unter den „zu Integrierenden“. Es fehlt bereits die Bereitschaft zum Erlenen der deutschen Sprache, es fehlt die Bereitschaft zum Anerkenntnis unserer Gesellschaftsordnung, und — das wiegt wohl am schwersten — häufig fehlt auch die Bereitschaft, an sich selbst und die Kraft der eigenen Initiative zu glauben.

    Zu einem nicht unwesentlichen Teil ist das wohl wiederum das Verschulden der „falschen Advokaten“. Denn wo es keine offiziellen Erwartungen gibt, wo diese gar nicht mehr zu formulieren gewagt werden, da gibt es auch kaum mehr Ansporn. Falls es überhaupt Erwartungen gibt, so sind sie diese sogar weit überwiegend negativ: Statt von Migranten Integration und gesellschaftliche Partizipation, schulischen Erfolg inbegriffen, zu erwarten, wie es selbstverständlich wäre, werden von Anfang Rechtfertigungen vorgetragen, weshalb Integration unter Umständen trotz gutem Willen misslingen werde und weswegen schulischer Erfolg häufig ausbleibe. Das nennt man dann wohl eine „self-fulfilling prophecy“: Glaubt der Lehrer nur fest genug daran, dass sein Schüler dumm sei, so wird der Schüler mit einiger Wahrscheinlichkeit diese Erwartung auch bestätigen.

    Hier geraten wir nun wieder in die Nähe eines gefährlichen und falschen Paternalismus, da die Existenz der „falschen Advokaten“ wiederum zur Exkulpation missbraucht werden könnte. Doch selbst wenn ich mit alledem recht haben sollte, würde all dies doch nicht dazu taugen, jene zu exkulpieren, die sich vorsätzlich oder zumindest willfährig der Integration verweigern. Das Treiben der „falschen Advokaten“ wird vielmehr von diesen mit Dank entgegengenommen und goutiert.

    Die Frage, ob nun der Staat die Verantwortung für die „Integration“ der Zuwanderer trage oder aber diese bei den Migranten liege, erweist somit letztlich in Gestalt einer „Entweder-oder-Konstruktion“ als verfehlt, will sich das „entweder-oder“ auch hinter dem Wort „primär“ verbergen. BEIDE tragen in dem selben Maße Verantwortung, Integration herbeizuführen – wenn nötig auch mit Zwang. Der deutsche Staat hat sich viel zu lange von „falschen Advokaten“ einlullen lassen, mehr noch: er ist selbst durchsetzt von diesen „falschen Advokaten“.

    Demgegenüber wäre es freilich zuvörderst Aufgabe der Migranten, nicht nur die Wahrheit zu gesellschaftlichen Realitäten auszusprechen, wie jene Migrantin es tat, sondern es wäre vor allem auch notwendig, dass jene in aller Deutlichkeit herausschrien, dass die „falschen Advokaten“ keine aufrichtigen Anwälte der Sache der Migranten, namentlich der Muslime, sind und dass ihr Wirken auch nicht der Sache von Toleranz und friedlichem Zusammenleben dienen wird. Es sind mithin Anwälte, die niemand je in dieses Verhältnis berufen hat.

    Denn um das noch einmal hervorzuheben: Ein unredlicher Anwalt wird seine Klienten in diesem Verfahren niemals gut vertreten können. Sosehr Rabulistik auch verlocken mag: Wird der gesellschaftliche Diskurs mit ihr unterbunden oder zumindest unerträglich erschwert, bedingt eben diese Rabulistik mit verheerender Gewissheit das Ressentiment. Und nichts ist so gefährlich wie das Ressentiment, weil es alles frisst.

    Nach alledem finde ich es im Übrigen nicht überraschend, dass es sich schon seit einiger Zeit in Yokohama besser über dieses Thema denken und schreiben lässt als etwa in Berlin.

  3.   riccardo

    Nach den inzwischen üblichen Kriterien der deutschen Großpresse wäre Kohlhammers Text das üble Pamphlet eines Haßpredigers, in einer Reihe mit Broder u.Co, wenn nicht, warum auch immer, Jörg Lau die Absolution erteilen würde.

    „Der Islam erstrebt nicht ein gleichberechtigtes Nebeneinander mit anderen Religionen und kulturellen Systemen, sondern die Herrschaft des Islam über die anderen, die zu seinem superioren System – der besten Gemeinschaft, die je auf Erden entstand – in einem Verhältnis der Inferiorität und Duldung stehen.“

    Würde ein Normalsterblicher hier sowas schreiben, würde ihn Zeus Blitz in den Orkus der Rechtsradikalität befördern. Kohlhammer dagegen…? Na ja. Ein singulärer, freier Kopf eben.


  4. Wenn das wirklich so dramatisch ist, gibt es eigentlich nur einen Ausweg, der die Ausschaffung der alimentierten „Muslime“ bedeutet.
    Das Problem ist, dass die Türkei und andere betroffene Länder die abgeschobenen „Muslime“ auch nicht mehr haben wollen.
    Ob sich wohl eine Partei an diese Aufgabe wagen würde? Hier scheint auch eine Ursache der tieferen Problem im Umgang mit den Muslimen zu liegen.
    Interessant war für mich in diesem Zusammenhang die Haltung einiger Salafiten, die ansonsten keine Gelegeneheit auslassen, gegen Alles in der „Kuffar“-Welt zu agitieren. Beim Thema „Geld vom Staat“ war auf einmal wieder alles halal.

  5.   Hippodamos

    @unabhaengiger muslim
    Zitat: „Wenn das wirklich so dramatisch ist, gibt es eigentlich nur einen Ausweg, der die Ausschaffung der alimentierten “Muslime” bedeutet.
    Das Problem ist, dass die Türkei und andere betroffene Länder die abgeschobenen “Muslime” auch nicht mehr haben wollen.
    Ob sich wohl eine Partei an diese Aufgabe wagen würde? Hier scheint auch eine Ursache der tieferen Problem im Umgang mit den Muslimen zu liegen.“
    —————————————————-

    Ich denke auch, hier liegt die Ursache für das Schweigen der Politik.
    Man ist sich des Dilemmas bewusst, und wagt es deshalb nicht, eine ehrliche öffentliche Integrationsdebatte zu führen.
    Es ist ein Pulverfass, an das sich niemand heranwagt, der politisch überleben will.
    Mittlerweile geht es in der Frage darüber hinaus nicht nur um das politische Überleben.
    Es scheint im politisch-medialen Komplex die Devise zu herrschen:
    Ball flach halten, solange es möglich ist.

  6.   Krause

    Die Frau ist Alevitin, das sagt alles. Man sollte mal eine Analyse nach den üblichen Kriterien machen (d.h. Bildungserfolg, Hartz4 Quote, Kriminalität), ob Aleviten besser integriert sind als sunnitische Muslime. Ich könnte mir vorstellen, dass die Unterschiede sehr groß sind.

  7.   Christoph Leusch

    Lieber Herr Lau,

    Offensichtlich mussten Sie, angesichts des ach so fulminant hingeschriebenen Artikels Herrn Kohlhammers im „Merkur“, ´mal wieder was für Ihren „Fanklub“ hier tun. Schließlich „hinterließ“ er Ihnen ja auch seine Bibliothek und die Annotierungen. Das wird sicher ein Erfolg, selbst wenn auch dies,

    „Schon die Gastarbeiter in den sechziger Jahren waren von Anfang an arbeits- und sozialrechtlich gleichgestellt, erhielten also Tariflohn, Arbeitslosengeld und -unterstützung, Kinder- und Wohnbeihilfe, BAFÖG, ärztliche Betreuung – das volle Programm. „, und dies,

    „So machen etwa die Muslime in Dänemark 5 Prozent der Bevölkerung aus, nehmen aber 40 Prozent der wohlfahrtsstaatlichen Leistungen in Empfang“

    völliger Blödsinn und schlicht gelogen ist. Die Angabe der Quelle (Bawer!!) macht es nicht besser, denn Sie werden ja auch bald als Quelle zitiert. – Was meinen Sie, wie viele Leute schon ein solches Blog für eine seriöse Quelle halten?

    Herr Lau, ich glaube, Sie warten nur noch auf den rechten Zeitpunkt um auf das „richtige Pferd“ aufsteigen zu können. Derzeit halten Sie noch für jeden Zweck eines im Stall. Ich schaue ab und zu zu, wohin es Sie noch führt und bin sehr gespannt.

    Wenn Sie noch einen Funken Anstand haben, dann prüfen Sie mal diese Botschaften aus Japan genau nach. Aber bitte an den Statistiken. Sonst landen Sie nämlich in der Abschreibfalle. Ausgerechnet Bawer führt Herr Kohlhammer
    als seriöse Quelle an und Sie hängen dann noch die Geschichte mit Alev Aksu dran, um denn ganzen Plunder durch Scheinauthentizität zu adeln. Da sind Merkur, Kohlhammer und Sie, mittlerweile auf Udo Ulfkotte und Wilders Niveau gelandet. Das Prinzip, jede Woche eine Kolportage und Scheingenauigkeit, es bleibt immer was hängen und sachlich überprüfen kann man die Angaben auch nur mit sehr viel Aufwand. Ist dann was widerlegt, stehen schon fünf neue Kolportagen. – Na, wenigstens haben Sie die Anführungsstriche nicht vergessen, so kann man Ihnen nicht allzu viel vorwerfen, außer, solchen Mist empfohlen und vorgesellt zu haben.

    Da sieht man auch, wie tief mittlerweile das Niveau beim „Merkur“ gesunken ist.
    Die steilen Thesen der Autoren werden gar nicht mehr hinterfragt, die dürfen, wie Sie so schön einführen, Herr Lau, „zuschlagen“.

    Selbstverständlich ist auch die materielle Kernthese, die Zuwanderer kosten volkswirtschaftlich mehr, als sie erwirtschaften, schlicht falsch.

    Liebe Grüße
    Christoph Leusch


  8. „Die Frau ist Alevitin, das sagt alles“

    Unsinn. So groß sind die Mentalitätsunterschiede zwischen Sunniten und Aleviten nicht.


  9. @ C. Leusch

    „Selbstverständlich ist auch die materielle Kernthese, die Zuwanderer kosten volkswirtschaftlich mehr, als sie erwirtschaften, schlicht falsch.“

    Belege?

  10.   Raphael

    @Leusch

    „Selbstverständlich ist auch die materielle Kernthese, die Zuwanderer kosten volkswirtschaftlich mehr, als sie erwirtschaften, schlicht falsch“

    Haben Sie dazu auch Fakten/Quellen?
    Zu den Muslimen in Dänemrk auch ?

    Wenn Sie es besser wissen muss es da ja etwas geben…

 

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