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Warum die Islamkonferenz auch ohne den „Zentralrat der Muslime“ auskommt

 

Am kommenden Montag will Innenminister Thomas de Maizière die zweite Rundes der Deutschen Islam Konferenz feierlich im Berliner Palais am Festungsgraben lancieren. Heute ließ der „Zentralrat der Muslime in Deutschland“ (ZMD) verkünden, der für ihn reservierte Stuhl werde leer bleiben. Was soll eine DIK ohne den ZMD?

In Wahrheit steht nicht der Sinn der Islamkonferenz in Frage, sondern die Legitimation des so genannten „Zentralrats“. Denn andere, teils größere, Verbände nehmen weiter teil – wie etwa die türkische Ditib, die Aleviten, der Verband Islamischer Kulturzentren und der Verband bosnischer Muslime. Ausserdem dabei: eine hochkarätige Auswahl von 10 nicht organisierten Muslimen, darunter Theologen, Islamwissenschaftler, Anwälte und andere zivilgesellschaftliche Akteure.

Der pompöse Name „Zentralrat“ – in Anlehnung an den Zentralrat der Juden gewählt – war immer schon Anmaßung. Nichts ist „zentral“ an der Schirmorganisation, die schätzungsweise kaum zehn Prozent der hiesigen Muslime vertritt (nach  Studien, auf die sich das Innenministerium beruft, sogar nur maximal 3 Prozent) . Auf der Führungsebene dominieren deutsche Konvertiten wie der Vorsitzende Ayyub Axel Köhler, im Hintergrund agieren zwielichtige Figuren wie der ehemalige Chef der „Islamischen Gemeinde in Deutschland“, Ibrahim El Zayat, der im Verdacht steht, der Muslimbruderschaft anzugehören.Was von Köhlers Führungsstil zu halten ist, zeigte sich im Jahr 2007, als er  El Zayat einfach mit ins Plenum der Islamkonferenz einschleuste, gegen den Willen der deutschen Behörden.

Der ZMD kann keineswegs für die Mehrheit der Muslime in Deutschland sprechen. Er ist ein Relikt aus der Zeit, als der deutsche Staat und die Medien sich wenig auskannten mit den hier lebenden Muslimen. Man suchte händeringend Ansprechpartner, und da kam man bei flüchtigem Googlen eben immer auf den ZMD mit seinen wenigen sprechfähigen Köpfen: Nadeem Elyas, Ayyub Axel Köhler, Aiman Mazyek.

Diese Zeit ist vorbei – und zwar dank der Islamkonferenz. Der Islam in Deutschland hat angefangen, selbst sprechen zu lernen: Aus den türkisch dominierten Verbänden sind einige Köpfe hervorgegangen, die kompetent und eloquent Rede und Antwort stehen können – Bekir Alboga von der Ditib, Ali Ertan Toprak für die Aleviten zum Beispiel.

Immer mehr „Kulturmuslime“ melden sich zu Wort, weil sie sich nicht von den stockkonservativen Verbänden vertreten fühlen. Marokkaner, Bosnier und Iraner haben eigene Persönlichkeiten, die für die Vielfalt des Islams hierzulande stehen. Und auch die vielen Stimmen – sehr oft Frauen -, die sich kritisch mit dem islamischen Erben befassen,  sind hier zu nennen: von der frommen Schiitin Hamideh Mohagheghi über liberale Sunniten wie Lamya Kaddor oder Hilal Sezgin bis zu radikalfeministischen Kritikerinnen wie Seyran Ates und Necla Kelek reicht das Spektrum. Untereinander sind sich manche spinnefeind – aber das zeigt ja gerade, dass Deutschland im realen Pluralismus des islamischen Lebens in Europa angekommen ist.

Wir haben in der aktuellen Nummer der Zeit ein Interview mit drei neuen Teilnehmerinnen der Islamkonferenz. Alle drei sind nicht organisiert. Sie reden unverkrampft über ihren Glauben, über die Mißstände und das Schöne an der islamischen Spiritualität. Ihre Familien stammen aus Marokko, dem Iran und Bosnien. Sie sind unterschiedlich stark religiös, eine von ihnen trägt Kopftuch, die anderen nicht – und doch kann man sehr gut miteinander reden. Sie sind alle auf ihre eigene Art Musliminnen – und sie gehen nicht in die Moscheen der Männer. Diese Frauen sind die Zukunft des Islam in Deutschland.  Nicht die wichtigtuerischen Herren in den Verbänden. Der Innenminister tut recht daran, ihnen eine Stimme zu geben in der Konferenz. Ein reiches Stimmengewirr hat die Verbände an den Rand gedrückt – und das ist gut so!

Natürlich leiden die (meist) Herren darunter, dass ihre Vereine nicht umstandslos als quasi-Kirchen anerkannt werden (obwohl sie auch immer wieder behaupten, genau das wollten sie vermeiden, weil es unmuslimisch sei). Und nur so ist die beleidigte und unpolitische Aktion des ZMD jetzt zu verstehen:

„Die DIK II ist in der jetzigen Form ein unverbindlicher Debattier-Club. Der ZMD wird unter diesen Bedingungen an der DIK II nicht teilnehmen“, heißt es in der Pressemitteilung.

„Die DIK ist und bleibt eine von der Bundesregierung verordnete Konferenz. Der Staat versucht sich über die Selbstorganisation der faktischen islamischen Religionsgemeinschaften hinwegzusetzen. …

Das BMI ist nicht bereit im Rahmen der Islamkonferenz zusammen mit den legitimierten muslimischen Organisationen und den Vertretern der Länder im Rahmen einer Arbeitsgruppe einen Fahrplan zu entwickeln, der zur Anerkennung als Religionsgemeinschaft führt.“

Die Islamverbände können nicht als Religionsgemeinschaften im vollen sind der deutschen Verfassung  anerkannt werden. Sie haben keine direkten Mitglieder. Ihre Repräsentationsstrukutren sind wenig transparent und demokratisch. Sie haben keine theologische Kompetenz, um als Partner des Staates bei der Entwickung von Curricula helfen zu können. Teilweise (Ditib) hängen sie viel zu sehr vom Ausland ab. Sie müssten sich neu aufstellen, um das zu erreichen. Der Koordinierungsrat der Muslime war kein Aufbruch in diese Richtung, sondern einfach nur eine weitere Dachorganisation über schon bestehenden Dachorganisationen.

Vielleicht ist das ganze Aufhebens um den Köperschaftsstatus ohnehin eine Sackgasse: Denn die dringenden Bedürfnisse der Muslime hierzulande – Religionsunterricht und Imamausbildung, Lehrstühle für islamische Theologie – kann man auch unterhalb dieser rechtlichen Schwelle regeln. Erfolgreiche Feldversuche – etwa in Niedersachsen – weisen in diese Richtung.

Der ZMD hat sich verzockt. Er wollte dem Innenminister eine rechtliche Aufwertung abtrotzen, ohne sich selbst vorher zu reformieren. Thomas de Maizière ist darauf nicht hereingefallen. Sein Ansatz, die Islamkonferenz pragmatischer zu gestalten, ist richtig: Islamunterricht und Imamausbildung beschleunigen, über Geschlechtergerechtigkeit reden, Islamfeindlichkeit und Islamismus als Zusammenhang debattieren. Das ist ein gutes Programm. Es läßt sich auch ohne den Zentrarat der Muslime bearbeiten. Vielleicht sogar besser.

125 Kommentare

  1.   lebowski

    Eine gute Nachricht! Niemand wird den Marginalrat der Muslime vermissen.
    Und ohne die mediale Aufmerksamkeit, die dieser „Zentralrat“ seit Jahren durch die Medien bekommt, wird er wieder dahin kommen, wo er hingehört: in die Bedeutungslosigkeit!

  2.   Don Altobello

    „Islamunterricht und Imamausbildung beschleunigen, über Geschlechtergerechtigkeit reden, Islamfeindlichkeit und Islamismus als Zusammenhang debattieren…“ — Ich glaube, genau aus dem Grund ist der sogenannte Zentralrat der Muslime an diesem Punkt ausgestiegen. Jetzt geht es nämlich an die Sachthemen ran. Die Debatte über die o.g. Punkte hätte sehr ungemütlich werden können. Schließlich hätte man sich hier klar positionieren müssen und nicht (mehr) die Möglichkeit gehabt, die Agenda selbst mit zu bestimmen. Bei den zu verhandelnden Themen hätte ich es aber schon interessant gefunden, wie der Zentralrat sich hierzu geäußert hätte (auch wenn ich es mir mitunter denken kann). Schade! Wenn es zur Sache geht, kneifen sie.


  3. Diese Briefkastenfirma von Milli Görüs in Deutschland namens „Zentralrat der Muslime“ unter der Führung des Konvertiten Herrn Köhler braucht kein Mensch. Genausowenig wie solche dubiosen Veranstaltungen wie die „Islamkonferenzen“.

  4.   bpeinfo

    Zustimmung!

    kleiner Lapsus am Rande: El-Zayat ist seit ein paar Monaten nicht mehr der Boss der IGD. Neuer Vorsitzender ist Samir Falah, obwohl der Multifunktionär El-Zayat wohl vermutlich immer noch die Strippen zieht.


  5. Ich hatte mal – in meiner Zeit als Muslim – die Bekanntschaft von el-Zayats Anwältin gemacht, einer kopftuchtragenden deutschen Konvertitin.
    Die warnte mich damals im Vertrauen, mich mit Melanie Miehl und Thomas Lemmen einzulassen, den wichtigsten katholischen Aktivisten im christlich-islamischen Dialog, mit denen ich damals befreundet war.
    Begründung: Lemmen beriet das Bundesinnenministerium.

    El-Zayat und seine Clique (d.h. die Führung von IGD und IGMG) verstehen sich als eine Art Geheimagenten, deren Ziel es ist, die deutsche Gesellschaft zu unterwandern.

  6.   Flash

    Vielen Dank für die überaus positive und optimistische Sichtweise. Schauen wir mal, ob sich die männlichen Muslime damit arrangieren können, daß unabhängige Musliminnen bei der Konferenz dabei sind. Schmecken dürfte ihnen das ja nicht wirklich.

    Übrigens bin ich überzeugt, daß irgendein islamischer Verband in naher Zukunft den Status als KdöR erhalten wird. Die Muslime haben bisher mit Salamitaktik alle Barrieren geknackt, so wirds auch mit dieser sein.


  7. Nur: was macht der Zentralrat der Muslime jetzt, wo er nicht mehr Debattiert?

  8.   Lutz1

    Das ist mit den Zentralrat der Muslime wie mit dem Zentralrat der Juden. Beide sind absolut überflüssig.

  9.   Jörg Lau

    @ Don Altobello: De Maizière hat dem ZMD gesagt: Ihr wollt über Islamophobie reden? Könnt ihr haben, Superthema. Lasst es uns zusammen mit Islamismus debattieren. Und vielleicht fällt euch ja eine Definition für Islamismus ein?
    Da waren sie weg.

  10.   tati

    Werter Herr Lau,

    vor ziemlich genau 3 Jahren führten Sie ein Interview mit
    Ayyub Axel Köhler in der ZEIT.
    Titel des Artikels »Wir vertreten einen Mainstream-Islam«

    http://www.zeit.de/2007/17/Islam_Koehler

    Finde ich wirklich pikant.
    Der „mainstream-Islam“ hat sich jetzt aus der deutschen Islamkonferenz zurückgezogen.

    Was bleibt denn nun übrig, wenn der mainstream nicht teilnimmt???

 

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