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Was Geert Wilders wirklich in Berlin gesagt hat

 

Es reicht nicht, Wilders als Nazi oder Scharlatan abzutun. Man muss versuchen, die Radikalität seiner Thesen zu verstehen. Mein Text aus der ZEIT von morgen, Donnerstag, den 7. Oktober, zum Auftritt von Geert Wilders in Berlin:
Der Erfolg des Rechtspopulismus in Europa hat viele Gründe. Einer davon ist die Kombination von Entrüstung und Ahnungslosigkeit aufseiten seiner Gegner. Die paar Dutzend, die gegen Geert Wilders Berliner Auftritt am vergangenen Samstag mobilmachten, trugen stilisierte Hitler-Bilder. Antifa-Folklore statt Analyse.
Wilders ist aber kein Nazi. Drinnen, im Saal des Hotel Berlin, leuchtete der Wahlspruch der neuen Partei (»Die Freiheit«), deren Geburtshelfer er sein möchte, auch in hebräischen Buchstaben( »Wir lieben die Freiheit!«). Bewusst wird die Grenze zur alten Rechten gezogen. Wilders Israelfreundschaft erfüllt zwei Funktionen. Erstens sagt sie: Ich bin zwar sehr blond, aber keine Bestie. Zweitens hat Israel in seiner antimuslimischen Geschichtstheorie eine wichtige Rolle als Frontstaat des Westens gegen die Welle des Islams, die Europa zu überrollen droht.
Geert Wilders Rechtspopulismus ist für Konservative eine größere Herausforderung als für die Linke. Karl-Theodor zu Guttenberg scheint das erkannt zu haben. Doch auch der CSU-Politiker macht es sich leicht, wenn er Wilders abtut als einen »jener Scharlatane, die dieser Tage herumturnen«.
Man muss sich die Mühe machen, jener Berliner Rede genau zuzuhören, der 700 Zuhörer im Hotel Berlin zujubelten. Denn wer dem zugleich abgedrehten und konsequenten Gedankengang von Wilders folgt, der versteht, welcher neue Radikalismus der Mitte sich zusammenbraut.
Gleich zu Beginn baut der freundliche Demagoge die Grundlage seines Arguments auf: Deutschland brauche »eine politische Bewegung, die die deutsche Identität verteidigt und sich der Islamisierung Deutschlands entgegenstellt«. Angela Merkel hingegen erkläre die Islamisierung Deutschlands für unvermeidlich«. Sie habe, so Wilders, die Bürger aufgerufen, sich auf »Veränderungen durch Einwanderung einzustellen«.
Damit ist mit wenigen Sätzen die Kampfzone skizziert: »Deutsche Identität« steht gegen »Islamisierung«, und Einwanderung ist gleich »Islamisierung«. Die deutsche Regierung nimmt Einwanderung hin, ergo: Merkel ist eine nützliche Idiotin der Islamisierung.
Dann begründet Wilders, warum der Islam eine politische Ideologie sei, die nur Ahnungslose für eine Religion halten könnten. Er beruft sich auf Islamkritiker ebenso wie auf radikale Islamisten. Zwischen Islam und Islamismus zu unterscheiden, wie es die Bundesregierung mit ihrer Islamkonferenz macht, ist danach sinnlos: Der Islam sei der dritte Totalitarismus nach Kommunismus und Nationalsozialismus. Die heutigen Führer des Westens seien unfähig, die Gefahr zu erkennen. Das Establishment – Politik, Medien, Kirchen, Universitäten – setze die Freiheit aufs Spiel, indem es den Islam anderen Re­ligionen gleichstelle. Das ist »Appeasement« des Islams, und also ist auch das gesamte Establishment ein Instrument der »Islamisierung«. Widerstand dagegen wird zur Pflicht.
Der Islam ist beileibe nicht nur durch Terrorismus gefährlich (obwohl dieser nach Wilders keine Pervertierung, sondern sein Wesen ist). Seine Ausbreitung, sagt er, geschehe historisch entweder durch militärische Eroberung – oder »durch die Waffe der Hidschra, der Einwanderung (…). Mohammed eroberte Medina durch Einwanderung. Hidschra ist auch das, dem wir uns heute gegenübersehen. Die Islamisierung Europas schreitet kontinuierlich voran.« Man muss sich die Radikalität dieses Gedankens und seiner logischen Konse­quenzen klarmachen: Muslimische Einwanderer sind Eroberer, Migration ist eine Waffe im Kampf des Islams um Herrschaft.
Wenn man diese Weltsicht teilt, müssen viele Maßnahmen legitim erscheinen, gegen die sich mancher vielleicht noch sträubt. Wilders möchte die Deutschen von ihren Schuldkomplexen befreien, damit sie ungehemmt »dem Kampf für ihre eigene Identität« nachgehen können. Er zeichnet eine apokalyptische Situation, die jedes Mittel gerechtfertigt erscheinen lässt. Ein Verbot des Korans, wie von Wilders gefordert, kann dann eigentlich nur ein Anfang sein. Moscheen und Kopftücher in unseren Städten zu akzeptieren ist Defätismus, eine Versündigung an der Freiheit. Wer Wilders Gedanken nachvollzieht, kann konsequenterweise Muslime nicht einmal dulden wollen.
Ein Scharlatan? Wilders sieht sich als Prophet des Endkampfs »für unsere Identität«. Er ist groß im Angstmachen, aber auch als Erlöser – von Schuldgefühlen und bürgerlichen Bedenken. Die Entfremdung des Volkes von der Politik ist sein Geschäft. Es läuft recht gut. Auch mitten in Berlin.

329 Kommentare

  1.   Hein_W

    @Jörg Lau

    >> Wilders ist aber kein Nazi. <<

    Dem stimme ich zu. Der Übergang ist allerdings fließend. So soll Wilders auch gute Kontakte zum Politically Incorrect Chef Stefan Herre haben, der nun allerdings ein lupenreiner Neonazi ist (auch wenn er selbst dies abstreitet). Hetze gegen alles was links erscheint, gegen den ZdJ, Gewaltexzesse, Hass gegen Schwarze, Genozidfantasien, Mordabsichten etc.pp.


  2. Der Erfolg des Rechtspopulismus in Europa hat viele Gründe. Einer davon ist die Kombination von Entrüstung und Ahnungslosigkeit aufseiten seiner Gegner.

    Eine wichtige, nicht zu unterschätzende Feststellung, die auch im Falle von Sarrazin (seiner Befürworter, Kritiker und Gegner) Geltung hat.

    Mit billig-primitiver Kritik,
    die ja aus der realitätsuntauglichen Haltung erwächst, ideologisch richtig liegen und sich zu den ‚Gerechten‘ zuzählen zu wollen,
    wird man den jeweils zugrundliegenden Problemlagen ja wohl kaum gerecht.

  3.   docaffi

    @Unsichtbarer Geist
    „Bevor ich fortfahre und um jedes Missverständnis zu vermeiden, möchte ich betonen, dass ich über den Islam spreche, nicht über Muslime. Ich mache immer einen klaren Unterschied zwischen den Menschen und der Ideologie, zwischen Muslimen und dem Islam.“

    So ähnlich formuliert es Ahmadinejad auch. Er hat nichts gegen die Juden sondern gegen die Ideoligie des Zionismus. Aber hätte ich die Bombe, würde ich Israel von der Weltkarte tilgen, damit die Ideologie des Zionismus ihr Ende findet.


  4. @J.L.

    Er ist groß im Angstmachen, aber auch als Erlöser – von Schuldgefühlen und bürgerlichen Bedenken. Die Entfremdung des Volkes von der Politik ist sein Geschäft.

    Ich sehe es ein bisschen anders. Weder die Angst noch die Entfremdung geht auf das Konto von Wilders. Sie bilden vielmehr den Nährboden, auf dem er gedeihen kann.

  5.   FreeSpeech

    @Hans Joachim Sauer

    Das ist eine Verschwörungstheorie: Er zeichnet eine apokalyptische Situation, die jedes Mittel gerechtfertigt erscheinen lässt.


  6. Es ging um den Vorwurf, dass Wilders nicht zwischen gemäßigten Moslems und strengen Moslems unterscheiden würde. Das tut er aber ganz offensichtlich. Er unterscheidet vor allem auch zwischen den Menschen, und der Ideologie.

    Im Übrigen will Wilders keine Menschen umbringen und auch kein Land auslöschen wie Achmadinejad. Wilders will nur die Einwanderung stoppen und durchsetzen, dass Menschen die hier herkommen wollen oder gekommen sind UNSERE Werte und Kultur annehmen.

  7.   Bounce

    Wenn wir es jetzt nicht tun, werden unsere nachkommen in ihrem Blut ersticken.

    Meine Fresse, ist das ein Wortbild. Bei der Rhetorik die offenbar durch Wilders ausgelöst wird, ist es vielleicht doch ernster als gedacht.

    Mich schaudert.

  8.   Jens

    UnsichtbarerGeist

    Wenn er das tatsächlich so meinte, wieso wird denn dann eine so deutliche Ethnisierung von Muslimen vorgenommen? Wieso wird ständig von „den“ Muslimen geredet und nicht von z.B. „den orthodoxen Muslimen“?
    Wieso bekommt man auf den deutschen Partnerseiten wie bspw. „PI-News“ den Eindruck, daß dort eine nach Blut geifernde Meute nur darauf wartet, auf alle loszugehen, die irgendwie eine dunklere Haut- und Haarfarbe haben?
    Schauen Sie mal dort in den Kommentarbereich, da hat man das Gefühl, in einer Stammkneipe der SA gelangt zu sein …

  9.   NKB

    @JL

    Wilders Israelfreundschaft erfüllt zwei Funktionen. Erstens sagt sie: Ich bin zwar sehr blond, aber keine Bestie. Zweitens hat Israel in seiner antimuslimischen Geschichtstheorie eine wichtige Rolle als Frontstaat des Westens gegen die Welle des Islams, die Europa zu überrollen droht.

    Wilders Israelfreundschaft ist, so meine ich, zumindest in Teilen auch ein Selbstzweck – eine Frage, die Sie leider gar nicht würdigen. Wilders versteht sich meiner Meinung nach nicht nur deshalb als aufrichtiger Freund Israels, weil es ständig von islamistischen Horden bedroht ist und mithin dazu zu taugen scheint, Wilders politische Ansichten jedenfalls in Ansätzen zu bestätigen. Es scheint vielmehr, dass Wilders manisches Thema „Islam“ auch und gerade damit zu tun hat, dass er sich ernstlich um Israel sorgt. Das gilt zumal, wenn man sich Wilders Biographie anschaut. Wilders schätzt Israel unter diesem Gesichtspunkt wohl weniger, weil er den Islam so sehr hasst, sondern er hasst den Islam nicht unwesentlich auch aus dem Grund so sehr, weil er Israel schätzt und es zudem als Beispiel begreift, wie bedrohlich der Islam ist.

    Er ist groß im Angstmachen, aber auch als Erlöser – von Schuldgefühlen und bürgerlichen Bedenken. Die Entfremdung des Volkes von der Politik ist sein Geschäft. Es läuft recht gut. Auch mitten in Berlin.

    Die Frage ist doch aber – und hierzu sagt Ihr Artikel leider gar nichts -, was für Schlüsse daraus zu ziehen sind. Ihre Antwort auf Wilders erschöpfte sich bislang z.B. in der wohlfeilen Bezeichnung desselben als „blondmähniger Volkstribun aus Limburg“. Damit heben Sie sich zwar noch positiv von denjenigen ab, die Wilders samt und sonders als „Nazi“ verdammen wollen, hilfreich oder sachlich ist aber auch das nicht. Nebenbei: Was für Schuldgefühle sollen es sein, von denen Wilders die Menschen „erlöst“? Wie oft soll man noch betonen, dass es reale Missstände sind, die den Erfolg Wilders bedingen und von denen die „Angst“ herrührt, die er zu seinen politischen Gunsten zu nutzen weiß?

  10.   FreeSpeech

    @Miriam G. , 14

    Die von Ihnen zitierten Sätze sind ein schönes Beispiel für die Sicht des Erlauchten auf das gewöhnliche Volk, auch mal Mob genannt. Die Erlauchten haben das Wissen, denken sie. Eine elitistische Sicht.

 

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