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Was Angela Merkel meint, wenn sie auf „Multikulti“ schimpft

 

Mein früherer Kollege Thomas Kleine-Brockhoff, seinerzeit Washington-Korrespondent dieser Zeitung und heute Chef der politischen Programmabteilung beim German Marshall Fund in Washington, hat sich mit dem globalen Echo von Angela Merkels Rede zum „Multikulturalismus“ beschäftigt. Offenbar ist die Sache auch in Amerika hauptsächlich als Absage an Einwanderung und Diversität, als Rückkehr eines unheimlichen, geschichtlich nicht erfolgreichen deutschen Wunsches nach Homogenität gewertet worden.

Kleine-Brockhoff widerspricht und gibt eine andere Deutung der Rede – und ich möchte gerne glauben, dass er Recht hat:

„Angela Merkel is not the woman she is currently made out to be. It is time to consider what she really said and really meant. It is time to put her remarks into context.

A good place to start is the quote itself, the full quote, in a translation as colloquial as her speech: ‚We are a country that invited guest workers to come to Germany in the 1960s. Now they live among us. For a while we kidded ourselves. We said: They won’t stay, they’ll be gone at some point. But that is not the reality. And most certainly the approach failed to say: We’ll do a multi-kulti thing here; we’ll just live next to and detached from each other and declare how happy we are with each other – this approach has failed, utterly failed.‘ Germans are not known for their humor, but they do do irony and sarcasm. Both traits rarely convey in translation. But the video of the speech reveals that Merkel displayed utter sarcasm when she disparaged the ‚multi-kulti thing‘ as a hippie vision of peace, love, and brotherhood, as some sort of German adaptation of a multi-ethnic Haight Ashbury.

The German term ‚multi-kulti‘ is commonly translated to mean ‚multiculturalism‘. But multiculturalism has two meanings. As a descriptive term, it simply refers to cultural diversity. As a normative term, it implies a positive endorsement, even celebration, of communal diversity, typically based on certain group rights and the absence of pressure or even incentives to assimilate. The German term ‚multi-kulti‘ only captures the second, normative meaning. That’s why ‚multi-kulti‘, to Merkel, is a synonym for leftism and early Green utopianism. She thinks it has produced not-so-benign neglect and, as she has put it multiple times, will lead to “parallel societies” of immigrants that have no connection to German mainstream society. Not even the German language is spoken in the neighborhoods that she pictures when using this term.

Angela Merkel is a conservative. A ’salad bowl‘ approach to integration is not hers — too hands off. She would not endorse a version of a melting pot in which cultures integrate with each other to create a new society. Her concept sees immigrants who integrate into a culturally dominant mainstream society. Her conservative party takes an aggressive, state-centered, and hands-on stance toward integration best summed up in six words: assimilate — take it or leave it! It is debatable whether this concept is appropriate for a multi-religious, multi-ethnic Europe, in which the free movement of people is the norm. But the end of cultural pluralism it is not, racism it is not. And that makes all the difference. In fact, in the very same speech, Merkel emphasized that ‚Islam is now a part of Germany.‘ She is preparing her party and her country for more, not less, immigration, and she is explicitly rejecting the views of the populists and the anti-islamic hatemongers.“

Das mag sein. Es ist aber schon ein Problem, wenn diese Botschaft nirgends ankommt. Oder: Wenn bei den Migranten und ihren Kindern ankommt: ok, auch die will uns nicht. Und bei den Sarrazinisten: siehste wohl, langsam kommt sie rum.

Und dass nur Leser von Thomas Kleine-Brockhoffs Blog die Botschaft hören, liegt daran, dass Merkel überhaupt kein Konzept von der Zukunft dieses Einwanderungslandes hat. Eines Landes, das, wie ich nicht aufhöre zu betonen, ein neues WIR braucht.

Wo will sie, wo will ihre Koalition mit dieser Gesellschaft hin, die derzeit (nicht nur an der Nahtstelle Einwanderer/Inländer) auseinanderreißt. Ich kann Menschen nur für „more immigration“ einnehmen, wenn ich dazu eine Vorstellung formulieren kann – zum Beispiel in Form eines neuen Einwanderungsrechts nach kanadischem Vorbild.

Nur eine selbstbewußte Gesellschaft traut sich so etwas zu, und Merkel befördert durch ihr ängstliches Taktieren in der Integrationsdebatte eher die Verunsicherung.

152 Kommentare

  1.   Samuel

    Was meint der Blogmeister eigentlich, wenn er von „Integration“ spricht? Ich jedenfalls verlange von Einwanderern nur eines: Dass sie mich gefälligst mein Leben leben lassen und darauf verzichten, ihre persönlichen Werte anderen aufzwingen zu wollen.
    Ob sie in Burka, mit Kopftuch oder nackt durch die Straßen laufen, ist mir dabei vollkommen egal.

  2.   marriex

    Guter Artikel, nur der Anfang ist etwas übertireben „golabal tsunamii“. Wenn man aus dem Miami Herald zitiert, heißt das doch, dass die NYT der Rede wenig Beachtung geschenkt hat.

  3.   Bernd Berger

    Angela Merkel muss sich eigentlich bewusst sein, welche Geister sie mit ihren Aussagen ruft. Es scheint mir zu einfach, hier nur Missverständnisse zu sehen. Wenn Merkel den Forderungen Seehofers nach einem Zuwanderungsstopp für die Türkei und arabische Länder nur halbherzig widerspricht, signalisiert das deutlich, wohin die Reise geht. Wer aber Multikulti für absolut gescheitert erklärt, muss erst einmal ein besseres Konzept vorlegen. Der Abschied von alten Illusionen einer bunten und weitgehend konfliktfreien Multikuti-Idylle ist notwendig, Multikulti für gescheitert zu erklären hingegen ist schlicht unverantwortlich. Denn Integration kann nicht darauf reduziert werden, dass die Zuwandernden sich eben vollständig zu assimilieren haben. Mehr dazu habe ich in meinem Atemhausblog geschrieben: http://atemhaus.wordpress.com/.

  4.   Serdar

    @Samuel

    Ich jedenfalls verlange von Einwanderern nur eines: Dass sie mich gefälligst mein Leben leben lassen und darauf verzichten, ihre persönlichen Werte anderen aufzwingen zu wollen.
    Ob sie in Burka, mit Kopftuch oder nackt durch die Straßen laufen, ist mir dabei vollkommen egal.

    Einrahmen und an die Wand hängen!

  5.   LePresident

    Zur grundsätzlichen Wahrnehmung Deutschlands im Ausland

    http://www.economist.com/node/17305755

    Sehr interessanter Artikel des Economists.

  6.   Myself

    Ganz ehrlich? So ganz langsam wird mir das ganze Getue echt zuviel.

    Wir kommen den moslemischen Einwanderern zuwenig entgegen, WIR müssen mehr dafür tun, dass sie sich besser integrieren, WIR müssen an unseren Schulen Islamunterricht einführen, WIR müssen am besten noch türkisch lernen usw, usw.

    Der Islam gehört zu Deutschland, sagte Wulff.
    Das wüsste ich aber. Nirgends in unserer Geschichte bis in die Zeit um Christi Geburt hat irgendwann dazischen sich eine derartige Kultur hier ausgebildet. Nicht mal zu der Zeit, als sich der Islam aus dem Christentum entwickelte, war das hierzulande ein Thema. Wohingegen das Christentum (und Judentum) durchaus eine gewachsene Kultur in moslemischen Ländern ist. Erklärt sich ja eigentlich schon durch die Entstehung des Islam. Dann schauen wir uns doch mal die Situation in diesem Kulturkreis an, in dem tatsächlich alle Religionen und Kulturen seit jeher angesiedelt sind/waren:

    Die katholische Kirche bemüht sich seit Jahren darum, in Tarsus ein Gotteshaus einzurichten. Die Paulus-Kirche selbst ist ein Museum, kann aber für Gottesdienste genutzt werden – diese müssen jedoch bei den Behörden allerdings jeweils einzeln beantragt werden. Wulff hatte sich in seiner Rede vor dem türkischen Parlament in Ankara am Dienstag für die volle Anerkennung der christlichen Religion in der Türkei eingesetzt. Die etwa 100.000 Christen unter den gut 70 Millionen Einwohnern des islamisch geprägten Landes haben bei weitem nicht die gleichen Rechte wie Muslime.

    Quelle: diverse Tageszeitungen

    Fakt: Selbst die, die für Ihre Glaubensbrüder in der Fremde immer mehr an Verständnis, Unterstützung, Hilfe usw. von den fremden Regierungen fordern, halten es im eigenen Land nicht mal ansatzweise für notwendig, eben dieselben Voraussetzungen für andere Religionen im eigenen Land zu schaffen.

  7.   Samuel

    @ Myself
    Geh beten!

  8.   Myself

    @Samuel

    Warum???

  9.   Myself

    Weil ich der Meinung bin, ehe der Islam uferlose Forderungen an seine Gastländer richtet, sollte er sich erst mal an die eigene Nase packen und annähernd die Gegebenheiten in den eigenen Ländern schaffen?

  10.   Samuel

    @ myself

    Ziemlich fies die eingewanderten Moslems für die Defizite in den islamischen Ländern verantwortlich zu machen, oder? Stellen Sie sich mal vor, Sie wären als Deutscher zur Nazizeit nach Amerika ausgewandert und man würde Ihnen Rechte verwehren wollen, mit dem Hinweis, in Nazideutschland gäbe es diese Rechte auch nicht.

 

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