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Die Insel im Wind

 

Auf SamsØ hat die Zukunft schon begonnen: Die Insulaner erzeugen ihren eigenen Strom – und schützen dabei auch noch die Umwelt

Von Margrit Gerste

Kinderzeit© Jesper Kjems

Die Eisberge schmelzen, die Bären ertrinken und wir womöglich auch, jedenfalls hier im schönen Hamburg: Weil es immer wärmer wird auf der Erde; weil wir viel zu viel Kohle und Öl verbrennen. Die Leute auf der dänischen Insel Samsø haben sich etwas einfallen lassen: Öl und Kohle brauchen sie nicht mehr, um es warm zu haben im Winter und hell, wenn es dunkel wird. Fürs Heizen, für warmes Wasser und Strom haben sie sich Quellen erschlossen, die keinen Schaden anrichten wie das Öl und die Kohle. Es sind Wind und Sonne, Holz und Stroh – alles sogenannte erneuerbare Energien.

Samsø ist eine wunderschöne Insel mit viel Wind und Sonne. 4.100 Menschen leben hier, Bauern, die Kartoffeln, Weizen und Kürbisse anbauen, Handwerker und Lehrer. Im Sommer, wenn etwa eine halbe Million Touristen an die weißen Strände kommen, gibt es hier Arbeit und Einkommen. Vor zehn Jahren aber gerieten die Samsøer in Schwierigkeiten. Das Schlachthaus machte dicht, fast hundert Leute verloren ihre Arbeit; für die Fischer gab es nichts mehr zu fischen im Kattegat der Nordsee; wer jung war, musste weggehen.

Doch dann hatte Samsø Glück: Die Einwohner gewannen ein Preisausschreiben der dänischen Regierung, und Samsø wurde zur »Insel der erneuerbaren Energien« gekürt. Die Leute waren verblüfft und hatten keine Ahnung, wovon überhaupt die Rede war, denn den Plan, wie man eine solche Revolution anzetteln könnte, hatte ein Ingenieur vom Festland eingereicht. Was nun? Glücklicherweise gab es Søren Hermansen, er war auf Samsø Lehrer für das Fach Umwelt. Er muss ein toller Lehrer gewesen sein, einer, der nicht von oben nach unten spricht: Tu dies, tu das! Erwachsene mögen das ebenso wenig wie Kinder. Die wollen überzeugt werden, die gucken erst mal: Was macht mein Nachbar, und was hält der Großbauer Jørgen davon? Überhaupt: Was habe ich davon – und kann man auch etwas verdienen bei dieser Energiegeschichte? Man kann! Aber es hat gedauert, es wurde viel diskutiert und gestritten auf Bürger- und Nachbarschaftsversammlungen, Søren Hermansen musste viel reden, bis die Samsøer ihm folgten – und etwas riskiert haben. Jetzt haben sie: elf Windräder zu Lande, die ihnen allen Strom liefern, und das auch noch billiger als zuvor, plus zehn Windräder, die vor der Küste im Meer rotieren. Den so erzeugten Strom verkaufen die Insulaner aufs Festland.

Außerdem haben die Samsøer: vier Heizkraftwerke, die mit Stroh von den Weizenfeldern und mit Holz aus den Wäldern gefüttert werden; obendrein ein Sonnenheizsystem und Solarzellen auf etlichen Häuschen. Alles in allem erzeugen die Inselbewohner 75 Prozent dessen, was sie für Heizung und heißes Wasser brauchen, selbst. Und die Energie gehört auch nicht irgendwelchen Konzernen, die dauernd die Preise erhöhen, sondern Samsøer Bürgern und der Gemeinde. Sie alle haben Geld investiert, zwischen 2.000 und 800.000 Euro. Damit geht natürlich die ganze Sache jeden Einzelnen eine Menge an, alle fühlen sich verantwortlich für ihr Projekt – das inzwischen weltberühmt ist. Journalisten aus Amerika und Forscher aus Japan kommen und staunen. In der »Energiakademi« werden sie empfangen, zum Beispiel von Jesper Kjems, einem jungen Journalisten, der von der Hauptstadt Kopenhagen nach Samsø zog, weil es Spaß macht dort zu leben, wo die Zukunft schon in der Gegenwart angekommen ist.

In der Akademie gibt es auch eine »Camp school«, wo der Lehrer Frank Mundt seine jungen Besucher anleitet, selbst etwas zu bauen: eine Windmühle etwa oder eine Solarzelle. Frank freut sich, wenn es ihm gelingt, Kinder, die im Alltag ständig Dinge benutzen, von deren Entstehung sie keine Ahnung haben, zu Erfindern zu befördern. »Ich möchte«, strahlt er, »Hoffnung auf die Zukunft machen: Die wird total anders, aber auch schön!«

Weitere Informationen unter www.energiakademiet.dk

 

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