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Singen für die Freiheit

 
© Andrey Solovyov/AFP/Getty Images
© Andrey Solovyov/AFP/Getty Images

Vor 20 Jahren fanden sich Esten, Letten und Litauer zu einer 600 Kilometer langen Menschenkette zusammen. Mit ihren Liedern kämpften sie für die Unabhängigkeit ihrer Länder
Von Alexandra Frank

Liilika friert. Ihre Füße schmerzen, und ihre Beine sind steif vom Stehen. Der Wind fegt durch den Wald rechts und links der Straße. Es sollte wärmer sein, es ist schließlich August – genauer gesagt der 23. August 1989. Doch hier in Estland, im Norden Europas, kann es auch im Sommer kühl bleiben. Die 13-jährige Liilika beschwert sich nicht: Sie ist stolz, hier zu sein. Neben ihr stehen ihre Eltern, Nachbarn, Freunde, Fremde – eine Million Menschen, einer neben dem anderen. Sie sind gekommen, um Hand in Hand für die Freiheit ihres Landes zu demonstrieren.Die Menschenkette, die sie bilden, ist 600 Kilometer lang. Sie reicht von Tallinn, der estnischen Hauptstadt, über die lettische Hauptstadt Riga bis nach Vilnius in Litauen (Karte).

© Sonja Heilmann
© Sonja Heilmann

Die Demonstranten, auch Liilika, singen ein besonderes Lied: Estland, Estland, wie schön du bist. Ein Lied, das eigentlich verboten ist. Wie so vieles – Estland ist 1989 kein freies Land wie heute, sondern Teil der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, kurz UdSSR oder Sowjetunion genannt. In der Sowjetunion gibt es nur eine politische Partei, die von Moskau aus bestimmt, was im Land geschieht. Sie entscheidet, was in der Schule gelehrt wird, wo sich Fabriken ansiedeln dürfen und was diese produzieren. Sie schreibt den Bauern vor, was sie anzubauen haben, und verbietet den Menschen, frei zu reisen, etwa in den Westen. Westeuropa und die USA sind nämlich Feinde der UdSSR.
Estland ist nicht freiwillig Teil der Sowjetunion, ebenso wenig wie Lettland oder Litauen, sondern wurde, wie Liilika von ihren Eltern weiß, besetzt. Am 23. August 1939, genau 50 Jahre bevor sich Liilika, ihre Eltern und all die Menschen zusammenfanden, um für die Freiheit ihres Landes zu demonstrieren, schlossen die Diktatoren Hitler und Stalin einen Pakt. Sie vereinbarten, dass sich ihre Länder im Falle eines Krieges nicht angreifen sollten. Dabei beschlossen sie heimlich, welche Länder künftig zu Hitlers Deutschland und welche zu Stalins Sowjetunion gehören sollten. Als schließlich der Zweite Weltkrieg ausbrach und die Truppen der riesigen Sowjetunion Estland belagerten, konnte sich das kleine Land nicht wehren.
Gegen diese geheime Vereinbarung und ihre Folgen wollen die Menschen an diesem Augusttag im Jahr 1989 protestieren. Lange Zeit haben sie sich nicht getraut, sich gegen die Machthaber zu wehren. Wer sich gegen die Partei auflehnte, verlor seinen Job, wurde ins Gefängnis gesteckt oder aus dem Land verbannt. Doch plötzlich schöpfen die Menschen Hoffnung. Ende der achtziger Jahre kommen Politiker an die Macht, die die Politik verändern und Frieden mit dem Westen schließen wollen. Die Esten, Letten und Litauer sind fest entschlossen, sich für ihre Freiheit einzusetzen. Die Menschenkette ist nur eine Demonstration von vielen. Die drei Völker kämpfen für mehr Mitspracherecht und Selbstbestimmung. Aber sie kämpfen nicht etwa mit Bomben, Pistolen oder Panzern, sondern sie singen.

© privat; Liilika war 13 Jahre alt, als die Esten begannen, sich gegen ihre russischen Unterdrücker zu wehren
© privat

»Gesang war für uns schon immer wichtig«, weiß Liilika. Wie fast alle Esten ist sie Mitglied eines Chors und fährt alle fünf Jahre in die Hauptstadt Tallinn zu einem großen Sängerfest, an dem Zehntausende teilnehmen. Nicht umsonst bezeichnen sich die Esten gerne als Sängernation.

»In Liedern kann man vieles sagen, was in einer Rede verboten wäre«, erklärt Liilika. »Gesang hat uns geholfen, in all den Jahren unter fremder Herrschaft unsere Kultur zu bewahren.« Außerdem, erklärt sie, redeten die eher wortkargen Esten nicht so gerne über ihre Gefühle. »In Liedern geht das viel einfacher«, sagt Liilika.
Deshalb singen die Esten auch Ende der achtziger Jahre, um sich für mehr Freiheit einzusetzen. Es finden Rockkonzerte statt, bei denen die Bands keine Liebeslieder, sondern politische Parolen singen. Auf den Demonstrationen werden immer wieder Lieder angestimmt. Und 1988 versammeln sich gar mehr als 300 000 Menschen zum traditionellen Sängerfest, um sich zu einem riesigen Chor zu vereinigen.
Auch in Lettland und Litauen protestieren die Menschen – oft mit Gesang. Deshalb wird diese Protestbewegung auch »singende Revolution« genannt. Sie hat Erfolg. Irgendwann erkennen die Machthaber in Moskau, dass sie gegen den friedlichen Freiheitskampf nichts ausrichten können. 1991 wird Estland unabhängig. Auch seine beiden Nachbarstaaten werden wieder eigenständige Länder, und die Sowjetunion wird aufgelöst.
Heute ist Liilika längst kein Kind mehr, sie ist 33 Jahre alt. Längst können die Esten frei wählen und reisen, wohin sie wollen. Seit fünf Jahren gehört das Land zur Europäischen Union. »Vieles hat sich geändert«, sagt Liilika. Nur eines nicht. Die Liebe zum Gesang. Auch heute halten die Esten alle fünf Jahre ihr Sängerfest ab. Wenn Liilika daran denkt, bekommt sie eine Gänsehaut. Aber nicht weil sie friert, wie damals in der Menschenkette, sondern weil es sie bis heute berührt, wie sich ihr Land freigesungen hat.

 

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