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Film ab!

 
Kinder hinter der Kamera und als Interviewer/ Foto: Vera Tammen

Ins Kino kann man nicht nur gehen, Kino kann man machen: Zu Besuch bei Deutschlands einziger Kinder-Filmuniversität

Von Ulrike Linzer

Halbe Häuserfassaden, verrostete Autos und ausgebrannte Straßenbahnen: Ziemlich abenteuerlich, woran Sarah so vorbeigeht. Aber die Elfjährige schlendert auch keine normale Straße entlang. Sie ist auf dem Weg zur Kinderfilm-Universität. Die Autos, Straßenbahnen und Fassaden sind Kulissen für Filme – also Gegenstände und Gebäude, die extra gebaut oder herangeschafft werden.

Die Kinder-Filmuniversität in Potsdam ist die einzige in Deutschland – und sogar in ganz Europa. Seit vier Jahren gibt es diese Ausbildung, bei der Kinder zwischen neun und zwölf Jahren lernen, wer und was hinter einem Film steckt. Sarah ist eine von 80 Teilnehmern, die in den vergangenen Monaten am Wochenende Vorlesungen an der Hochschule für Film und Fernsehen besucht haben. An diesem Samstag bekommen die Kinder zum Abschluss ihre Diplomurkunden.

Sarah ist »Filmfreak«, wie sie selbst sagt. Sie möchte später gern Schauspielerin oder Reporterin beim Fernsehen werden. Am liebsten würde das Mädchen ja das Filmgymnasium in Potsdam besuchen. Aber das ist eine private Schule, und ihre Eltern wollten lieber, dass ihre Tochter eine normale besucht. Die Kinder-Film-Uni ist für Sarah deshalb ein guter Ausgleich. »Ich lerne dabei ganz viel Neues«, sagt sie.

Wie die »großen« Studenten auch, besuchen die Kinder Vorlesungen über Filmgeschichte, Kamera und Schauspiel. Immer kommen Profis, die von ihrer Arbeit erzählen. Der Komponist Uli Reuter hält zum Beispiel eine Vorlesung über Filmmusik. »Musik wird im Film eingesetzt, um Gefühle zu verstärken oder eine neue Szene anzukündigen«, erklärt er: So ahne man bei spannenden Stellen in Krimis oft schon vorher, dass etwas Schlimmes passiere, weil die Musik bedrohlich klinge.

Während der Fachmann erzählt, sitzt Sarah im dunklen Hörsaal, vor sich einen Zettel und einen Stift. Gespannt hört sie zu, meldet sich bei Uli Reuters Fragen – und muss manchmal auch ihrer Mutter etwas erklären. »Diese Musik ist aus Star Wars«, flüstert sie ihr zu. Wie die meisten Kinder ist Sarah in Begleitung eines Elternteils gekommen.

Uli Reuter zeigt bestimmte Szenen erst ohne und dann mit den Klängen. Die Kinder sollen sagen, was für eine Stimmung die verschiedenen Instrumente und Rhythmen bei ihnen hervorrufen: »Angst«, »Schauer« oder »Spannung«, rufen sie in den Saal. Musik komme eben bei jedem anders an, sagt Uli Reuter.

An einem anderen Tag erwartet die Kinder ein Überraschungsgast: Ralph Caspers, der Moderator der Fernsehsendungen Wissen macht Ah! und der Sendung mit der Maus ist für einen Nachmittag ihr Lehrer. In einem schrägen Video berichtet er, was er vor und hinter der Kamera tut. Und dann dürfen die Kinder ihn alles fragen, was sie interessiert. Ein Junge möchte wissen, was Ralph Caspers an seinem Job toll findet. Die Antwort: »Dass ich sogar übers Popeln sprechen kann. Und dass das die Eltern meiner Zuschauer nicht mal richtig schlecht finden können.« Denn in seiner Sendung erkläre er wie ein Forscher, warum sich überhaupt so komische Knubbel in Menschennasen bilden. Das sei hoch spannend – und gar nicht eklig.

Nach der Vorlesung darf sich Sarah selbst vor der Kamera üben. Sie hat sich bei der Kinder-Film-Uni nämlich nicht nur als Studentin angemeldet, sondern auch als Kinder-Reporterin. Vor oder nach jeder Vorlesung interviewt sie zusammen mit vier weiteren »Kollegen« die Dozenten. Die Ergebnisse veröffentlichen sie auf einer Website im Internet – dort gibt es Tondateien, Texte und Fotos.

Doch auch wer »nur« Student und nicht zusätzlich Reporter ist, kann praktisch arbeiten. Zur Kinder-Film-Uni gehört nämlich auch ein Wettbewerb. Dafür können die Kinder einen kleinen Film, ein Drehbuch oder ein Storyboard einreichen. Ein Storyboard zeigt die Geschichte des Films in gezeichneten Bildern oder Fotos und beschreibt so, was im gesamten Film oder in den einzelnen Szenen passiert. »Es ist erstaunlich, wie professionell die Beiträge sind«, sagt Claudia Wegener, die Leiterin der Kinder-Film-Uni. Von Trick- und Animationsfilmen über Realfilme (also welche mit echten Menschen) sei alles dabei.

Sarah hat für den Wettbewerb eine Fotogeschichte erarbeitet. Sie spielt darin selbst die Hauptrolle. Es geht um ein Mädchen, das nachts in eine Wohnung einbricht und dabei von den Hausbesitzerinnen erwischt wird. Die Einbrecherin will weglaufen, wird aber festgehalten und schließlich der Polizei übergeben. »Ich habe mir dieses Thema ausgedacht, weil ich gerne etwas machen wollte, was im Dunkeln spielt«, sagt Sarah. Geholfen haben ihr eine Freundin und ihre kleine Schwester. Die drei Mädchen haben sich bei ihr zu Hause getroffen, haben sich gestylt und besprochen, wie die Szenenabfolge sein sollte. Dann ging es los, immer abwechselnd hat eine von ihnen fotografiert. »Vor den Blitz vom Fotoapparat haben wir immer etwas gehalten, damit es wie richtige Dunkelheit aussieht«, sagt Sarah. Ein »echter« Filmstudent hat ihr noch ein paar Tipps gegeben, was sie besser machen kann. »Mehr Nah- und Detailaufnahmen nehmen, zoomen und so was«, sagt Sarah. Deshalb hat sie noch einmal neu fotografiert – vor allem die Anfangsbilder, die müssen stark sein.

An diesem Samstag nun wird es spannend, denn die Kinder-Film-Uni-Studenten bekommen nicht nur ihre Diplome, drei von ihnen dürfen auch ihren ersten Filmpreis mit nach Hause nehmen. Ob Sarah dabei ist, kannst Du selbst nachsehen. Die Gewinner werden mit ihrer Arbeit auf der Homepage der Kinderfilm-Uni vorgestellt: www.kinderfilmuni.de.

 

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