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Kommissar auf vier Hufen

 
Polizeipferde werden oft bei Fußballspielen eingesetzt, wie hier beim Hamburger Lokalderby HSV gegen St. Pauli/ Foto: Bongarts/ Getty Images

Caribic war ein Springpferd, jetzt ist er in Hamburg bei der Polizei. Er hilft Strafzettel verteilen, macht Jagd auf Einbrecher und beruhigt Fußballfans

Von Julia Nolte

Na, komm!«, sagt Carsten Richter und führt seinen Kollegen freundlich, aber energisch hinaus. Der rupft im Vorbeigehen etwas Heu von einem Ballen und lässt sich dann vor dem Stall an einem Ring in der Wand festbinden. Carsten Richter ist Polizist, sein Kollege ein Pferd namens Caribic. Sie bereiten sich an diesem Tag im Frühling auf einen Einsatz vor. Gemeinsam mit sechs anderen Polizisten und Polizeipferden sollen sie bei einem Fußballspiel in Hamburg dafür sorgen, dass sich die Fans nicht prügeln.

Carsten Richter nimmt eine Bürste und einen Striegel und beginnt mit kreisenden Bewegungen Caribics Fell zu putzen. Immer wenn er den Striegel auf dem Steinboden klopft, macht es klack, klack. Caribic dreht den Kopf nach hinten. Er knabbert an der Waffe, die Carsten Richter am Gürtel trägt. Er scharrt mit einem Vorderhuf. Er zupft an der blauen Uniform des Polizisten und reißt eine Schulterklappe der Uniform ab.

»Ist gut, Dicker, hör auf!« Er sei gerade im Flegelalter, sagt Richter über den sieben Jahre alten Caribic. Wie die meisten Polizeipferde ist er ein Wallach, also ein kastrierter Hengst. Bis vor einem Jahr sprang er noch mit anderen Pferden um die Wette, doch weil er seinen Eigentümern nicht hoch genug sprang, verkauften sie ihn an die Polizei. Richter ist der Charakter des Tieres viel wichtiger als die Höhe seiner Sprünge: »Caribic ist so, wie ein Polizeipferd sein soll: ruhig, ausgeglichen und unerschrocken.« Er geht sogar durchs Feuer.

Das wird in der Ausbildung zum Polizeipferd geübt (sie dauert bis zu zwei Jahre) und danach einmal wöchentlich auf dem Reitplatz. Dabei werden Strohbüschel angezündet, zwischen denen die Polizeipferde hindurchlaufen müssen. Sie trainieren das für den Fall, dass es bei einem Einsatz brennt. Die Beamten feuern auch Schreckschüsse vom Pferderücken ab, damit die Tiere später nicht scheuen, wenn es in ihrer Nähe knallt. »Sie lernen, dass ihnen nichts passiert und dass sie ihrem Reiter vertrauen können«, sagt Carsten Richter.

Caribic ist fertig gestriegelt. Jetzt werden noch seine Hufe ausgekratzt, und der Hauptkommissar schraubt ihm kleine Metallstifte – Stollen – in die Hufeisen, damit er auf glattem Straßenbelag nicht ausrutscht. Kommissar Caribic ist einsatzbereit. Über eine Rampe klettert er in einen speziellen Lastwagen, der neben dem Stall steht und der ihn und drei andere Pferde zum Einsatzort bringen soll. Während der Fahrt sehen die Polizisten auf einem Bildschirm neben dem Lenkrad, was die Pferde im Laderaum tun: Meistens fressen sie Heu.

Nach einer halben Stunde hat das Gespann die Hamburger Innenstadt erreicht. Pferde und Reiter steigen aus. Caribic wird gesattelt und aufgezäumt, dann steigt Carsten Richter auf. Er trägt zwar keinen Cowboyhut, sondern einen weißen Reithelm, doch trotzdem erinnert der reitende Hauptkommissar mit Knarre und Sporen an einen Sheriff im Wilden Westen. »Sheriff?«, fragt er. »Nein. Der sitzt doch bloß auf der Veranda und schnitzt.« Carsten Richter hingegen muss jetzt die Leute finden, die Ärger machen könnten.

Nicht nur bei Fußballspielen hilft Caribic. Er ist jeden Tag vier Stunden im Einsatz mit einem von zehn Polizisten, die zur Hamburger Reiterstaffel gehören. Sie gehen auf Streife durch Wohngebiete und sind gemeinsam so groß, dass sie über Hecken hinweg nach Einbrechern schauen können. Sie kontrollieren, ob Lastwagenfahrer am Steuer telefonieren. Vor Weihnachten sind sie zwischen Glühweinbuden unterwegs und suchen im Getümmel nach Taschendieben – erwischt haben sie noch keinen. Doch einmal hat Caribic einen Autofahrer gestoppt, der ohne Kennzeichen unterwegs war. Die Vorteile: Auf dem Pferderücken sitzt der Polizist höher und sieht dadurch besser, und er kann an Orte gelangen, wo mit dem Auto kein Durchkommen wäre, etwa in Menschenmengen oder auch in Waldstücken.

Trotzdem sind nicht alle von den Pferden überzeugt. Stall, Futter, Hufschmied und Tierarzt kosten viel Geld – rund 100000 Euro im Jahr. Polizeipferde gibt es nicht in allen Bundesländern Nur die Bundespolizei und sieben Bundesländer haben sie, Baden-Württemberg, Bayern, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen.

Carsten Richters Funkgerät knarzt, und eine Stimme meldet drei Busse mit Fußballfans aus einer anderen Stadt. Er gibt den Befehl zum Aufbruch: »Im Schritt folgen!« In zwei Zweierreihen reiten die Polizisten zu einem Eingang des Stadions. Dort treffen soeben die Busse ein. Als sich die Türen öffnen und etwa 150 Fans mit bunten Schals und Fahnen aussteigen, stehen die Pferde abwartend da. Doch alles bleibt ruhig. Caribic kaut entspannt auf seiner Trense, sein Speichel schäumt grünlich vom Heu.

»Marschordnung herstellen! Im Schritt folgen!« Die Reiterstaffel verlässt den Parkplatz und reitet auf die Straße. Bis das Spiel beginnt, wollen die Polizisten die Umgebung kontrollieren. Immer bevor die Staffel abbiegt, strecken Carsten Richter oder seine Kollegin Christina Havermann, die neben ihm reitet, den Arm nach links oder rechts – blinken können sie ja nicht. Dass Autos dicht an ihnen vorbeifahren, scheint die Pferde nicht zu stören. Auch nicht, dass Fußgänger neben ihnen herlaufen und sie fotografieren. Einmal hört man einen Knall, und Caribic zuckt zur Seite, doch ansonsten fällt nichts vor.

Inzwischen ist die Reiterstaffel wieder vor dem Stadion angekommen. »Fertig machen zum Absitzen!«, befiehlt Richter. Während des Spiels haben die Pferde bis kurz vor dem Schlusspfiff Pause. Plötzlich dröhnt Jubel aus dem Stadion – ein Tor ist gefallen. Kommissar Caribic beeindruckt das nicht. Er steht im Pferdetransporter und knabbert Heu.

 

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