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Die Geschichte von »Leos« Geburt

 

Wie macht man ein Magazin für Kinder? Das geht nur mit Leuten, die ihre Kindheit nicht vergessen haben

Von Bettina Wündrich

Es gibt Zeiten, da fühlt man sich »wie ein Toastbrot im Regen«: So jedenfalls erging es mir, als ich noch in Hamburg lebte. Und hätte die Hamburger Band Kettcar, die da so treffend meinen damaligen Seelenzustand beschreibt, schon früher existiert, ich hätte deren Song rauf- und runtergedudelt. Ich war zum Studieren in den Norden gezogen – an die hässlichste Uni der Welt, wie sich bald herausstellte – und hatte große Pläne: Ich wollte Journalistin werden. Doch die Wesensart der Hamburger machte mir zu schaffen: der wache, abschätzende Blick, bevor die Hamburger auch nur »Moin, Moin!« sagen. Das einschüchternde, scharfe »s«. Der flotte, zielstrebige Schritt, mit dem sie über den Jungfernsssstieg eilen. Ich kam zu folgendem Schluss: Hamburg ist eine Stadt für kluge Erwachsene. Und beschloss, dahin zu fliehen, wo meiner Meinung nach jene leben, die nicht erwachsen werden möchten.

Ich zog nach München. Und würde auch heute noch Hamburg scheuen wie Käpt’n Blaubär die Wahrheit, wenn ich nicht, tja, wenn ich nicht jene zehn Quadratmeter am Hamburger Speersort betreten hätte: das Zimmer, in dem die Fantasie wohnt. Oder, weniger poetisch ausgedrückt: Das Minibüro im Pressehaus, in dem das neue ZEIT- Kindermagazin Leo entstehen sollte.

Zuerst schien alles wie immer: Hamburg präsentierte sich mir, wie ich es gewohnt war, schwer zugänglich. Was machte ich hier bloß? Der Chefredakteur der ZEIT hatte mich gebeten, ein kleines Team beim Konzipieren und Produzieren des neuen Heftes zu unterstützen. Ich reiste also von der Isar an die Elbe, um mir die Sache etwas genauer anzuschauen. Auf dem Weg durch das unübersichtliche ZEIT- Gebäude verirrte ich mich erst einmal gründlich. Und wieder traf mich dieser musternde, abwartende Blick, wenn ich nach dem Weg fragte – in München fallen wir uns gleich um den Hals, drücken auch Wildfremden die Wange ins Gesicht. Nein, der Anfang war nicht ganz leicht.

Aber dann, als ich endlich in der »Denkstätte« des neuen Magazins angelangt war, sah die Sache schon etwas freundlicher aus: Regale, vollgestopft mit Kinderbüchern. Dazwischen lustige Teufelchen aus rot kariertem Stoff. Eine quer durch den Raum gespannte Wimpelkette. Das Team war tatsächlich sehr klein, bei meiner Begrüßung hatten alle in dem Winzbüro Platz. Ja, sie konnten tatsächlich etwas Unterstützung gebrauchen. Und so kam es, dass ich hautnah die Geburt eines Löwen miterlebte.

Das Konzept für das neue Kindermagazin – und seinen Namen – erfanden wir an einem höchst arbeitsreichen Wochenende auf einem norddeutschen Herrenhaus. Dort waren wir so fleißig, dass niemand die Zeit fand, mehr als eine große Zehe in den Swimmingpool zu stecken. Aber was mussten wir nicht auch alles entscheiden! Das fing mit der Frage an, wie alt die Kinder eigentlich sein sollten, für die wir schreiben wollen. Die Antwort darauf fiel noch einigermaßen leicht: etwa acht bis zwölf Jahre, so alt wie die Leser der KinderZEIT, die in Leserbriefen immer wieder darüber klagen, dass es für sie in der großen ZEIT »nur« eine eigene Seite gibt.

Und wie sollten wir das Magazin organisieren? Schließlich müssten dort im Prinzip alle Themen vorkommen können, die auch die große ZEIT beschäftigen – von Politik und Wirtschaft über Kultur bis Sport. Aber war so eine klassische Ressortaufteilung wirklich attraktiv für Kinder? Nach langen – und ich meine: langen – Diskussionen hatten wir eine Idee, wie wir neben der Information auch die emotionale Seite der Kinder ansprechen könnten und ihre Lust am Mitmachen. Die Grundhaltung des Heftes sollte sein: Die Welt ist ein ungeheuer interessanter Ort, es gibt viel zu erleben, zu entdecken, zu durchschauen, zu verstehen – und zu tun! So entstand eine unkonventionelle Ressortaufteilung: Der Inhalt gliedert sich in die Abschnitte »Erleben«, »Verstehen« und »Was tun!«, und besonders im letzten Teil möchten wir die Leser dazu verlocken, selbst aktiv zu werden, ihre Umwelt nicht nur so zu nehmen, wie sie halt ist, sondern sie zu gestalten: Dabei kann es auch einmal um Sport, Musik oder Basteln gehen, vor allem aber um gesellschaftliche Initiative, um Freude an der Demokratie in Schule, Schülerzeitung und Verein, um Hilfsbereitschaft und Gemeinschaftsgefühl. In der ersten Nummer von ZEIT Leo gibt es dafür eine beispielhafte Reportage: Eine ganze Schule verwandelt sich da für vier Tage in einen eigenen Staat, komplett mit Parlament (und Königspaar). Aber Kinder sollen sich auch am Heft selbst beteiligen: Sie besprechen Bücher, sie testen Museen, sie zeigen ihre Schätze oder stellen ihr tollstes Kunststück vor.

Weil auch außergewöhnliche Literatur für junge Leser im Heft eine große Rolle spielen wird, packte das Team dann kistenweise Bücher aus: In den Stapeln, die wir ins Kaminzimmer schleppten, entdeckte ich plötzlich die Lieblingslektüre meiner Kindheit. Zum Beispiel Die Mumins von Tove Jansson, die Erlebnisse nilpferdartiger Trolle. Wir legten die Füße hoch und lasen uns gegenseitig vor. Hier, vor dem flackernden Feuer, holte ich mir meine Kindheit zurück.

Ebenso wichtig wie der Inhalt ist bei einem Magazin für junge Leser natürlich die Gestaltung: Wie bunt und schrill muss ein Kinderheft sein? Gibt es ein Coolness-Gebot? Das Team war sich bald einig: Buntes und Schrilles gibt es genug – auch Kinder haben ein Recht auf Eleganz und guten Geschmack. Was uns noch wichtig war: jene Elemente, die auch den erwachsenen Lesern der ZEIT gefallen, für Kinder zugänglich zu machen. Deshalb gibt es nun in jedem Heft eine Infografik wie im Wissen-Ressort der ZEIT . Christoph Drösser beantwortet »Stimmt’s«-Fragen von Kindern. Gekocht wird auch: statt mit Wolfram Siebeck allerdings mit Sarah Wiener, die zum Beispiel weiß, wie gesund Pizza für Kinder sein kann. Und sogar der Chefredakteur der ZEIT muss mit ran: In dem Heft, dessen Grundstein wir an jenem Wochenende legten, ist er fortan mit kleiner, schief sitzender Krone zu sehen. Und beantwortet alle Leserfragen, die etwas mit Kindheit zu tun haben.

Zurück in München, war ich plötzlich gar nicht mehr so sicher, was ich von den Hamburgern halten sollte. Dieser Humor, der fast überbordende Enthusiasmus des Leo- Teams, die Lust am Tabubruch und Experiment – nie hätte ich das den kühlen Norddeutschen zugetraut. Aus den klugen Erwachsenen waren witzige Kinder geworden, die mir sogar beibrachten, wie anders man die Welt noch sehen kann, wenn man nur die Perspektiven verändert. Ich lernte zum Beispiel, dass die Stängel einer Gänsedistel wie die Fühler eines schleimigen Monsters aussehen können (unter einem Mikroskop betrachtet). Ich erfuhr, was Winnetou mit Old Shatterhand verband und die Biene Maja mit dem Angsthasen Willi. Oder warum Erwachsene Kindern etwas verbieten, was sie selbst sehr gerne tun.

Wenn ich heute nach Hamburg reise und mal wieder in eine der typischen strengen Mienen blicke, denke ich bei mir: Tu doch nicht so! Und wer fortan wie ich etwas Fantasie und Lebenslust tanken möchte, kann das jetzt mit dem Kinderheft der ZEIT, denn es feiert in dieser Woche seine Premiere am Kiosk: Wie schön dass es ZEIT Leo nun alle zwei Monate geben wird.

Bettina Wündrich/ © by Susanne Wegele

Autorin Bettina Wündrich arbeitet als Medienberaterin und Autorin in München und hat schon etliche Magazine aus der Taufe gehoben

 

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