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Sechs Stunden Tageslicht

 
Tórshavn, die Hauptstadt der Färöer-Inseln, ist bekannt für ihre bunten Häuser/ © Erik Christensen

Johannes wohnt auf den Färöer-Inseln. Weil die sehr weit im Norden liegen, gibt es dort derzeit nur wenige Sonnenstunden. Was macht man da den ganzen dunklen Tag? Der Zwölfjährige erzählt es Katrin Hörnlein im KinderZEIT-Interview

KinderZEIT: Johannes, was siehst Du, wenn Du aus Deinem Zimmerfenster schaust?

Johannes: Ich sehe das Haus eines Nachbarn, das Meer und eine andere Insel, die Nólsoy heißt.

KinderZEIT: Beschreib doch bitte Deine Heimat, die Färöer-Inseln, für ein Kind in Deutschland!

Johannes: Es gibt viele Berge bei uns, grüne Berge. Und die Häuser sind fast alle aus Holz und sehr bunt bemalt. Wir haben keine hohen Gebäude, das höchste ist das Krankenhaus mit acht Stockwerken. Es gibt bei uns auch keine Freizeitparks wie Disney World oder den Europa-Park oder so etwas. Wir haben nicht einmal einen Zoo. Und auch keine Eisenbahn. Es gibt hier nur Landstraßen, auf denen man 80 km/h fahren darf.

KinderZEIT: Was gefällt Dir an Deiner Heimat?

Johannes: Alles. Besonders mag ich, dass es keine Diebe und kaum Gewalt gibt. Im November hat die Polizei einen Mann festgenommen, der einen anderen umgebracht haben soll. Das ist der erste Mordfall hier seit 23 Jahren.

KinderZEIT: Wie viele Stunden ist es jetzt im Winter dunkel?

Johannes: Fast den ganzen Tag! Mitte Januar geht die Sonne erst gegen halb zehn auf und schon um halb vier wieder unter. Wir haben also nur etwa sechs Stunden Tageslicht.

KinderZEIT: Was machst Du an einem typischen Tag im Winter?

Johannes: Man kann nicht viel draußen unternehmen, wenn es so viele Stunden dunkel ist. Deshalb bin ich im Winter viel drinnen. Wenn ich von der Schule nach Hause komme, spiele ich oft am Computer oder sehe fern. Leider gibt es bei uns nur selten Schnee. Aber wenn es schneit, gehen wir raus, egal, ob es dunkel ist oder nicht. Wir machen Schneeballschlachten und fahren Schlitten.

KinderZEIT: Verbringst Du die Tage im Sommer anders?

Das ist Johannes, 12 Jahre, der auf der Insel Streymoy lebt/ © Helle Thede Johansen

Johannes: Ja, da haben wir ganz viel Licht. Die Sonne geht schon mitten in der Nacht auf, im Juni um halb vier. Und sie geht erst gegen halb elf abends wieder unter. Wir sind dann ganz lange draußen und spielen bis in die Nacht Fußball oder fahren mit den Rädern umher. Leider ist es bei uns aber sogar im Sommer zu kalt, um im Meer schwimmen zu gehen. Eigentlich muss man immer eine Jacke anziehen. Und manchmal ist es bei all dem Licht auch richtig schwierig, einzuschlafen.

KinderZEIT: Das ist ja jetzt im Winter anders…

Johannes: Ja, da ist man immer müde. Aber es ist auch gemütlich. Und manchmal fällt bei uns einfach der Strom aus. Dann wissen wir nie, wie lange wir auch noch ohne elektrisches Licht auskommen müssen…

KinderZEIT: Fällt dann die Schule aus?

Johannes: Nein. Das passiert leider nie!

KinderZEIT: Zündet Ihr im Winter viele Kerzen an?

Johannes: Nur selten. Mein Papa bekommt Kopfschmerzen, wenn wir zu viele Kerzen anmachen.

KinderZEIT: Was magst Du am Winter?

Johannes: Wenn es schneit – und natürlich die Weihnachtsgeschenke.

KinderZEIT: Und was magst Du nicht?

Johannes: Schnee unter die Kleidung und Schneebälle ins Gesicht zu bekommen.

KinderZEIT: Erzählt Ihr Euch besondere Geschichten über die Dunkelheit, alte Sagen oder Märchen?

Johannes: Früher, bevor es Fernsehen und Computer gab, haben sich die Menschen bei uns an langen Winterabenden immer viele Geschichten erzählt. Es gab ja sonst nicht viel zu tun. Sie mochten es, sich gegenseitig ein bisschen Angst einzujagen – und haben sich von Trollen, Nixen und Ungeheuern erzählt. Das war in der Dunkelheit besonders unheimlich. Wir kennen noch heute viele dieser alten Legenden. Nicht nur gruselige. Auch welche über berühmte Leute, etwa über Sigmundur Brestisson. Der hat den christlichen Glauben auf unsere Inseln gebracht. Aus einigen dieser alten Sagen und Geschichten wurden Lieder, die wir immer noch in der Schule lernen. Bei Festen singen wir diese traditionellen Lieder und tanzen dazu im Kreis.

KinderZEIT: Feiert Ihr, wenn mit dem Frühling auch das Licht zurückkommt?

Johannes: Wir feiern Ostern, wie die meisten christlichen Länder. Aber ein typisches Färöer-Fest für den Frühling haben wir nicht. Am Tag mit den meisten Sonnenstunden des Jahres, das ist meist der 21. Juni, steigen viele Menschen auf den Gipfel des höchsten Berges. Dort singen und tanzen sie, während die Sonne nur für kurze Zeit verschwindet. Bisher war ich noch nie dabei, aber vielleicht mache ich das in diesem Sommer.

 

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