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Toll, super, am besten

 
Illustration: Jan von Holleben (janvonholleben.com)
Illustration: Jan von Holleben (janvonholleben.com)

Wer kann besser Mathe, Englisch, Weitsprung? In der Schule messen wir uns ständig mit anderen. Wofür ist das gut? Und wann ist es auch mal genug?

Von Ines Schipperges

Ätsch, ich hab ’ne Eins!«, diesen Satz hat Antonia schon öfter in der Schule gehört. Und jedes Mal ärgert sie sich. Schon mit dem Ätsch fängt’s an – ätsch ist ein fieses und hämisches Wort. Aber wenn Antonia es hört, macht es sie nicht traurig, es spornt sie an. »Der zeig ich’s«, denkt sie sich. »Beim nächsten Mal hab ich ’ne Eins.«

Wer hat die bessere Note? Wer ist schneller gelaufen? Wer spielt am schönsten Klavier? Ständig vergleichen wir uns mit anderen. Warum tun wir das bloß?

Viele Wissenschaftler sagen, dass es eine Art Instinkt ist. Unsere Vorfahren mussten besser, schneller, stärker sein, um zu überleben. Und das tragen wir noch heute in uns – auch wenn wir nicht mehr wie die frühen Menschen keulenschwingend Tieren hinterherjagen. Das Vergleichen ist uns angeboren. Dass wir mit unseren Freunden um die Wette rennen und dass wir uns freuen, wenn wir eine gute Note geschrieben haben, liegt in unserer Natur.

»Es ist wichtig, dass wir uns mit anderen messen«, erklärt die Psychologin Beate Schuster: »So finden wir nämlich heraus, was wir können. Und wir lernen, uns selbst einzuschätzen.«

So weiß der eine, dass er für die blöden Mathe-Aufgaben drei Stunden braucht, während der beste Freund sie – schwups – in zehn Minuten erledigt hat. Unfair, denkt er. Doch dann sieht er, dass der Kumpel sich mit dem Deutsch-Aufsatz quält und beim Fußball noch nie ein Tor geschossen hat. Auch unfair – oder zusammengenommen vielleicht ganz fair.

Niemand kann alles gleich gut. Und indem wir lernen, was wir gut können und was weniger gut, lernen wir auch, unseren Platz in einer Gruppe zu finden – sei es in der Klasse, im Sportverein oder in der Familie. Wenn man sich mit anderen vergleicht, merkt man, wo der eigene Platz ist, welche Aufgaben man übernehmen kann – und welche nicht.

Das Vergleichen ist also eigentlich ziemlich nützlich. Na ja, es kann trotzdem anstrengend sein. Für Antonia ist es ein Ansporn, wenn die Klassenkameradin sie mit einem »Ätsch, ich bin besser« aufzieht. Für Antonias Bruder Vincent ist die ewige Notenvergleicherei in der Schule eher Stress. »Ohne Noten würde Schule viel mehr Spaß machen!«, sagt der Zwölfjährige. In seiner Klasse will jeder der Beste sein. »Das kann ganz schön nerven«, sagt er. Manchmal hat er gar keine Lust mehr, zur Schule zu gehen. Er findet es total unangenehm, wenn ein Lehrer laut vorliest, wer welche Note geschrieben hat. Oder wenn die Mitschüler immer gleich fragen: »Und was hast du?«

Derjenige, der fragt, will natürlich wissen, ob er besser oder – hoffentlich nicht! – schlechter ist als der andere. Und in der Schule funktioniert dieser Vergleich besonders gut, denn eine Note sagt ganz eindeutig, ob etwas »sehr gut« oder nur »ausreichend« war. Da gibt es nichts zu diskutieren. Ebenso wenig wie bei der Stoppuhr im Sportunterricht, die auf die Hundertstelsekunde genau misst, wer beim 100-Meter-Sprint der Schnellste war.

Noten messen Gleiches miteinander. Wie gut Lukas rechnen kann und wie gut Ida rechnen kann. Wie weit Anna springen kann und wie weit Emil. Wenn man aber Lukas’ Mathearbeit mit Emils Weitsprung vergleicht, bringt das nichts. Und das Vergleichen soll natürlich gerecht sein. Besonders bei Noten in der Schule ist das wichtig. Aber jeder Lehrer bewertet anders und achtet auf andere Dinge. Manche wollen, dass sich die Schüler möglichst viel melden – egal, ob die Antwort richtig ist. Andere Lehrer benoten nur das Ergebnis und merken gar nicht, wenn in der Gruppenarbeit einer die Aufgaben für seine Mitschüler macht.

Und dann gibt es noch ein zweites Problem: Bei Noten geht es oft um den Moment. Es zählt nur die eine Stunde, in der die Klassenarbeit geschrieben wird. Vielleicht kann man sich aber gerade an dem Tag nicht konzentrieren, weil man in der Nacht zuvor einen gruseligen Traum hatte und einfach müde war. Oder man hat ganz viel gelernt, aber leider nicht das, was drankommt. »Aber ohne Noten würde niemand mehr lernen!«, denkt Antonia.

Zum Glück geht es in der Schule ja nicht nur um »sehr gut« und »ungenügend«. Wir finden auch heraus, wer für uns ein Freund ist, oder sogar genauer, wer ein guter Freund ist und wer ein schlechter. Denn auch das ist beim Vergleichen wichtig: Es geht nicht nur um Noten, um Können und Fähigkeiten. Wenn man beobachtet, dass der eine Klassenkamerad in der Schule immer nett zu anderen ist und der andere eher nicht, dann hat man die Wahl, wie man sich selbst verhalten möchte. Das ist auch der Psychologin Beate Schuster wichtig: dass unser Können zum Beispiel in Mathe nichts darüber aussagt, was für ein Mensch man ist. Das findet man viel besser durch andere Vergleiche heraus.

Man kann dem Aneinander-Messen in der Schule also ruhig ab und zu mal die Zunge rausstrecken und laut »Ätsch« sagen.

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