Skulpturen aus Kriegsschrott

Zuerst eine Anmerkung in eigener Sache: Das Kongo-Blog geht weiter – auch wenn ich inzwischen wieder in Deutschland bin. „In einer Woche sind Sie eh wieder hier“, sagte mir ein UN-Mitarbeiter vor dem Abflug aus Kinshasa. „Hier brodelt’s und ich weiß nicht, ob wir das unter Kontrolle bekommen.“ Der Mann gehörte bislang zu den notorischen Optimisten, doch jetzt hatten ihm die giftige Gerüchteküche in Kinshasa, die Betrugsvorwürfe zahlreicher Präsidentschaftskandidaten und die militanten Drohgebärden aus verschiedenen politischen Lagern offensichtlich zugesetzt.

Nun, Kinshasas Strassen sind bislang weitgehend ruhig geblieben, ich kann mir mit dem nächsten Besuch vielleicht noch Zeit lassen, aber die Stimmung ist, gelinde gesagt, ernüchtert. Die Auszählung der Stimmzettel für die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen kriecht im Schneckentempo voran. Dass bis nächsten Sonntag ein vorläufiges Endergebnis vorliegen soll, mag man glauben oder nicht. Der Amtsinhaber Joseph Kabila führt nach der Auszählung von nicht einmal der Hälfte der Wahlbezirke mit 51 Prozent, sein Erzfeind Jean-Pierre Bemba liegt bislang bei 19 Prozent – all das heißt noch wenig, weil die Ergebnisse aus Kinshasa noch nicht bekannt sind. Immer mehr Unregelmäßigkeiten und Fälschungsversuche werden gemeldet, immer mehr Präsidentschaftskandidaten schreien „Betrug“ – ob zu Recht oder Unrecht, wird man vielleicht nie genau feststellen können. Am schnellsten haben wieder mal die Strassenhändler in Kinshasa reagiert: Sie verkaufen „offizielle Endergebnisse“, selbst fabriziert und kopiert, wobei es sich hier weniger um politische Propaganda als um ökonomische Selbsthilfe handelt. „Sehen wir es mal positiv“, sagt Freddy, „es wird nicht geschossen.“
Freddy hatte ich noch kurz vor meinem Abflug in Kinshasa erwischt, seine Telefonnummer trug ich schon seit Monaten herum. Er sei Kinshasas eigenartigster Bildhauer, hatte ich gehört, und mache in seinem Atelier in Matonge Skulpturen aus Munitionsresten.
Der Mann heißt mit vollem Namen Freddy Bienvenu Tsimba, sein Atelier liegt im Stadtteil Matonge, was Monsieur Vicky, meinem Taxifahrer, gar nicht passte, weil Matonge in seinen Augen das „Zentrum der Diebe und Gangster“ ist. Monsieur Vicky ist nicht nur sehr gottesfürchtig, sondern meines Wissens der einzige Kongolese, der sich beim Autofahren anschnallt. Insofern ist sein Urteil nicht wirklich repräsentativ. Für Freddy ist Matonge das „Herz von Kinshasa“, das Zentrum der Künstler, der Live-Musik, der Kneipen und damit des Lebens schlechthin. Also genau der richtige Ort für sein Atelier, auch wenn diese Bezeichnung etwas übertrieben ist, denn Freddy schweißt, biegt, hämmert, schleift und lötet in einem anderthalb Meter breiten Gang zwischen zwei Hausmauern. Er arbeitet gern mit Bronze, in der Ecke steht seine Skulptur „Paradoxe Conjugal“: eine Frau, das Kind auf dem Rücken, stemmt mit beiden Armen den schlaffen Körper ihres Mannes in die Luft. „Eheliches Paradox“ – eine Hommage an den täglichen Überlebenskampf der kongolesischen Frauen, die Kinder und Männer von einem Tag in den nächsten ziehen. Die Figuren sind dünn und langgliedrig, die Köpfe seiner Skulpturen nehmen sich oft aus wie kubistische Verfremdungen kongolesischer Holzmasken. „Man merkt den Einfluss von Giacometti“, sagt Freddy, ein kleiner, dünner Mann mit zauseligem Vollbart und einem Diplom der Akademie der schönen Künste in Kinshasa, „und natürlich von Nginamau.“ Letzteren kenne ich zu meiner Schande nicht, obwohl er zu Kongos berühmtesten Künstlern zählt.

Der Bildhauer Freddy Tsimba mit seiner Skulptur „La Chute des Dictateurs“ – Foto: Andrea Böhm

Vor sechs Jahren war Freddy Bienvenu Tsimba die Idee gekommen, Kriegsschrott zu sammeln. Er war mit dem Schiff den Kongo flussaufwärte gefahren, um die Geschichte von Flüchtlingen aus Kisangani nachzuverfolgen, die der Krieg bis nach Kinshasa getrieben hatte. In Kisangani verlor er ihre Spur und fand stattdessen kiloweise den Müll des Krieges: Abertausende rostiger Hülsen von Geschossen, die er in Maniokkörben zurück nach Kinshasa schmuggelte und zuhause zu kniehohen Haufen aufgetürmt hat. In seiner „Galerie“, einer winzigen dunklen Kammer neben seinem „Atelier“, hängen fertige Werke, zum Beispiel „Silhouettes Effacées“, die „ausgelöschten Schattenbilder“, schwangere Frauenkörper, die auf den ersten Blick schön und wohlgeformt aussehen und mit jeder weiteren Sekunde immer mehr verstören. Freddy hat sie aus hunderten von Patronenhülsen zusammengeschweißt.
daneben baumelt an einer Kette „La Chute des Dictateurs“, die „Sturzfahrt der Diktatoren“, ein am Vorderreifen aufgehängtes Motorad, auf den Sitz ein bronzener Affenschädel geschweißt, zwischen Lenker und Fußrasten ein offensichtlich im Sturz befindlicher Körper aus Granathülsen, das eine Bein gen Himmel gestreckt und mit einem löchrigen Lederschuh geschmückt. George Grosz hätte seine Freude daran gehabt.
„Was sagen denn Ihre Nachbarn zu Ihrer Arbeit?“ Rechts hört man Kneipenlärm, links hämmern Schreiner.
„Die halten mich für bekloppt, weil ich das Motorad an die Decke hänge, anstatt es zu reparieren.“
Geld verdient er natürlich kaum. Für die kongolesische Oberschicht ist solche Kunst ein Affront, und die UN-Mitarbeiter suchen auf ihrer Souvenierjagd nach tradionellen Holzmasken, nicht nach moderner kongolesischer Kunst. Aber hin und wieder winkt ein Stipendium. Manchmal kann er ein Stück in einem der vornehmen Hotels von Kinshasa ausstellen, oder wird sogar ins Ausland eingeladen. In Dakar ist er gewesen, in Port-au-Prince, Ottawa, Brazzavile, Béziers, Brüssel, vor drei Jahren sogar im Libanon. „Beirut war schön“, sagt Freddy, „jetzt könnte ich da nur Nachschub an Rohmaterial holen.“ Das Reisen wird zunehmend schwieriger. Jedesmal muss er stundenlang mit Zöllnern diskutieren, die wie Minenhunde um seine Skulpturen schlichen, nicht glauben wollend, dass hier der Müll des Krieges und nicht dessen Sprengstoff verladen werden soll. Ganz zu schweigen von den Mühen, ein Visum für das europäische Ausland zu bekommen. „Die glauben immer, ich will heimlich bei ihnen einwandern.“ Die Vorstellung findet Freddy so abwegig, dass er kichern muss. In diesem Jahr will er in Frankreich ausstellen. Es wird schon klappen. Irgendwie.

 

Bemba, Kabila und Jesus

Es ist nicht klar, wie viele Parlamente es in Kinshasa gibt. Da ist natürlich das offizielle Parlamant, in dem, wenn alles gut geht, demnächst 500 gewählte Abgeordnete Platz nehmen werden. Aber noch wird gezählt und gerechnet und bis dahin tagen umso lauter die „parlements debouts“, die „Parlamente ohne Sitze“. Das sind Debattier- und Streitclubs unter freiem Himmel, wo die Kinois zwischen Schlammpfützen und kokelnden Abfallhaufen in dichten Menschentrauben die neusten politischen Ereignisse diskutieren. Wie zum Beispiel im Stadtteil Matonge am Place de la Victoire, gleich neben einer schrottreifen Tankstelle.
Genauer gesagt: die Männer diskutieren. Sie beschwören mit theatralischen Gesten und anschwellenden Halsadern abwechselnd Untergang und Auferstehung ihres Landes, beschimpfen mal den kongolesischen Präsidenten, mal die Vereinten Nationen, mal die Stadtverwaltung, weil diese weder etwas gegen den Straßenmüll unternehme noch gegen die nigerianischen Immigranten, die in Matonge den Handel mit Autoreifen monopolisiert haben. „Wir sind die Stimme des Volkes“ sagen die „Parlamentarier ohne Sitze“.
„Wo sind dann die Frauen“, möchte ich wissen und ernte verblüffte Blicke. Welch dumme Frage. Wo sollen sie schon sein:
„Auf dem Markt, Maniok verkaufen.“
„Daheim mit den Kindern. Sie näht für die Nachbarn.“
„Auf dem Feld, Essen organisieren“ (Es gibt auf dem Brachland der Stadt kommunale Gärten, in denen Obst und Gemüse angebaut wird)
„Ihre Frauen verdienen also Geld und Sie reden den ganzen Tag über Politik?“
Jetzt werden die Blicke empört. „Aber Madame, es gibt doch keine Arbeit in dieser Stadt…“ Und schon sind sie mitten in der nächsten Tirade gegen die korrupte Regierung, die satten, faulen internationalen Helfer, den unfähigen Bürgermeister.
Das „parlement debout“ in Matonge am Place de la Victoire ist fest in der Hand von Anhängern des Präsidentschaftskandidaten Jean-Pierre Bemba. Sympathisanten von Etienne Tshisekedi, dem ewigen Oppositionellen der kongolesischen Politik, sind ebenfalls willkommen. Anhänger des amtierenden Präsidenten Kabila sollten sich besser nicht blicken lassen. Was ausländische Journalisten betrifft, so schätzt die „Stimme des Volkes“ in Matonge weder Belgier noch Franzosen, deren Regierungen als Kabila-freundlich verschrieen sind. Die Auskunft, aus Deutschland zu kommen, wirkt hingegen deeskalierend. „Kein Problem, Madame, wir haben ja nichts gegen Weiße. Aber Sie müssen folgendes schreiben: Wir wissen längst, dass Bemba gesiegt hat“, sagt ihr Wortführer und reicht mir einen Zettel mit den handgeschriebenen Ergebnissen aus den Wahllokalen von Matonge, in denen Bemba angeblich mit zwei Dritteln aller Stimmen gewonnen hat. Nur besteht der Kongo eben nicht nur aus Matonge. „Und wenn Kabila die Wahl stiehlt und Europa ihm dabei hilft, dann erobern wir die Straße, dann gibt es wieder Gewalt. Und Europa ist dann schuld. Das müssen Sie schreiben, Madame. Und dann dürfen Sie es zuhause nicht wegwerfen, sondern müssen es auch veröffentlichen.“ Was hiermit geschehen ist.
Im Kongo hat sich nun wirklich keiner der aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten als Lichtgestalt präsentiert. Entweder haben sie als ehemalige Kriegsherren Blut an den Händen, oder als Teil des „Großgemüses“, wie die Kinois die Elite des Landes nennen, die Arme bis zu den Ellbogen in der Staatskasse. Oder auch beides.
Jean-Pierre Bemba, Sohn eines Mobutu-Ministers, Vize-Präsident der Übergangsregierung und ehemaliger Kriegsherr, dessen Truppen alle möglichen Verbrechen bis hin zu Kannibalismus vorgeworfen werden, wirft aber besonders finstere Schatten, weshalb mich seine Popularität in Kinshasa wundert. Also wage ich in der Menge verschwitzter Möchtegern-Politiker einen zaghaften Einwand:
„Man sagt, Bembas Kämpfer hätten während des Krieges besonders schlimme Verbrechen begangen…“
„Krieg ist Krieg,“ antwortet „die Stimme des Volkes“. „Da muss man Härte zeigen. Alle anderen waren genauso schlimm.“
Also ein zweiter Versuch:
„Manche sagen auch, Bemba habe sich in der Übergangzeit bereichert und das Volk bestohlen…“
Jetzt reagiert die „Stimme des Volkes“ eher nachsichtig als aggressiv: „Madame, da hat man Sie belogen. Bemba ist für die kleinen Leute. Er arbeitet hart, er ist ein echter Kongolese, ein richtiger Kerl….“ Von allen Seiten prasseln jetzt die Vorzüge dieses Mannes auf mich ein, die ganz offenbar viel mit seiner Körpergröße, seinem massigen Körper und seinem Jähzorn zu tun haben. In den Augen der „Parlamentarier“ von Matonge ist Bemba ein „echter Kerl“ und Führer – im Gegensatz zu dem kleineren, ewig schläfrig dreinblickenden Kabila, der hier als tumber Handlanger ausländischer Mächte verachtet wird.
„Sehen Sie Madame, das ist unser Zeichen,“ sagt einer und deutet auf das Wahlkampf-T-Shirt seines Nachbarn. „Mit Gott werden wir siegen“, heisst es da über einer schwarzen Ameise. „Ameisen können Armeen bilden. Sie können Gigantisches leisten…“ Mir reicht diese Kostprobe des kongolesischen Freiluft-Parlamentarismus. Ich bedanke mich für das Gespräch. Die „Parlamentarier ohne Sitze“ bahnen mir mit formvollendeter Höflichkeit einen Weg durch Schlamm und Müll. Hinter mir schwillt sofort wieder das dramatisches Geschrei der Redner an – jetzt nicht mehr auf Französisch, sondern auf Lingala. Ich kann nur drei Worte heraushören: „Bemba“, „Kabila“ und „Jesus“.

 

Alles ist möglich

Endlich der Morgen der Wahlen: so ruhig und entspannt habe ich die Strassen von Kinshasa noch nie erlebt. Es herrscht kaum Autoverkehr, die Menschen sind meist zu Fuß in die Wahllokale gekommen. Erster Stopp auf meiner Route durch die Stadt ist an diesem Morgen das „Institute Georges Simenon“ im Bezirk Kasa Vubu, eine für kongolesische Verhältnisse recht intakte Schule mit Asterix-Bildern statt Schimmel an den Wänden. 15 Wahllokale hat man hier aufgebaut: je vier große Kabinen aus Pappe, eine orangefarbene Urne für die Stimmzettel mit den Präsidentschaftskandidaten, eine weiße Urne für die Stimmzettel zur Parlamentswahl. Alles läuft geordnet und ruhig. Die Polizisten am Eingang müssen Höflichkeitspillen geschluckt haben. Keiner brüllt, droht, schubst oder schlägt. Im Gegenteil: sie regeln den Zustrom der Menschen ausgesprochen freundlich.

Das gleiche Bild in Matonge im „Lycee Technique de Kalamu“, wo elf Wahllokale untergebracht sind. Büro 1132/G befindet sich in einem Klassenzimmer mit eingeschlagenen Fensterscheiben und schimmeligen Wänden. An der Tafel stehen noch die Fragen der letzten Unterrichtsstunde: „Was ist das wichtigste Buch des Islam?“ „Wie heißt der Gott der Muslime?“

Heute amtiert hier in der orangenen Weste der „Unabhängigen Wahlkommission“ Joseph Muhindo als „Präsident des Wahllokals“ und erklärt jedem einzelnen Wähler die gesamte Prozedur, um ihn dann mit den tapetenschweren Wahlzetteln in die Pappkabine zu schicken. Sein „Wahlbüro-Sekretär“ Yvon Kassaka mahnt freundlich all jene zur Eile, die etwas hilflos über den fünf plakatgroßen Seiten mit den Namen und Passfotos von 719 Parlamentskandidaten grübeln oder ihr mühsam zusammengefaltetes Wahlzettelpaket nicht allein in die Urne stopfen können. Dann nimmt Madame Dada Kalata, „zweite Assessorin des Wahllokals“, noch den Fingerabdruck des Wählers und taucht den Daumen in nicht abwaschbare Tinte.

Gleich neben dem „Lycee Technique“ befindet sich die Kirche des Erweckungspredigers und Kabila-Freundes „General Sony Kafuto Rockman“, die bei den Unruhen am letzten Donnerstag wahrscheinlich von Anhängern Jean-Pierre Bembas geplündert worden ist. Angeblich hätten diese in der Kirche Waffen und jede Menge Wählerkarten gefunden. Wie immer im Kongo gilt auch für dieses Gerücht: Nichts glauben und alles für möglich halten.

Jedenfalls ist heute nichts, absolut nichts, von der gespannten Atmosphäre jenes Donnerstages zu merken. Fast alle Geschäfte haben geschlossen, der Zentralmarkt ist verwaist, nur die „Ghaddafis“, die fliegenden Benzinhändler, die Verkäufer von Handykarten, ein paar Kneipen und Imbissbuden haben geöffnet. Wer gewählt hat, flaniert mit Freunden zwischen den kokelnden Müllhaufen und Straßenständen, gönnt sich ein Primus-Bier, Fleischspieße oder Maniok.

Jeder Wahlbeobachter, jeder Journalist – egal ob aus Sambia, Deutschland oder Südafrika – wird freundlichst begrüßt, selbst in Massina und Ndjili, den größten Slums der Stadt, wo man auf Fremde nicht immer freundlich reagiert. „Madame, wir zählen auf Euch“, sagt ein Wähler, nachdem er meinen Presseausweis entziffert hat. „Ihr müsst aufpassen, dass sie uns nicht wieder bescheißen.“ Sie- das sind fast alle Köpfe auf der Liste der Präsidentschaftskandidaten. So begeistert die Kongolesen an dieser Wahl teilnehmen, so nüchtern ist ihre Meinung über das politische Personal, das ihnen zur Auswahl steht.

Nächste Station: ein Wahlbüro, in Kisambeke am Rande von Kinshasa. „Madame Commissaire“, Nene Luamba, eine 45-jährige Polizistin, leitet hier den Polizeieinsatz, der für sie in einen gemütlichen Nachmittag mündet, „weil das hier ein anständiges Viertel ist und niemand Ärger macht.“ Polizisten dürfen ebenso wie Soldaten nicht wählen, was angesichts der unrühmlichen Geschichte dieser beiden Institutionen im Kongo eine weise Beschränkung ist. Ihre Freundin Maman Zola, arbeitslos und sechsfache Mutter, darf hingegen abstimmen und kümmert sich wenig um das Wahlgeheimnis: „Kabila, wer sonst. Ich hoffe, der schafft Arbeit. Mein Mann verdient nichts und tut nichts. Ich organisiere von morgens bis abends, verkaufe hier ein paar Getränke und nähe da ein paar Kleider. Es reicht hinten und vorne nicht. Also: Arbeit für die Männer. Die Frauen brauchen mal eine Pause. Wissen Sie überhaupt, wie müde ich bin?“

17 Uhr, die Wahllokale schließen. Ich hatte Schlangen von ungeduldigen Menschen erwartet, die noch eingelassen werden wollen: nichts da. Alles ruhig. Die Wahlhelfer haben sich mitsamt Beobachtern eingeschlossen und mit dem Auszählen der Stimmen begonnen. Das große Warten auf das Ergebnis beginnt.

Zwischendurch ruft Jean Claude Kibala an und meldet den letzten Stand der Dinge aus Kamituga: ein Besoffener, so die Polizei, soll am Freitag auf der Kundgebung geschossen haben. Wenn das stimmt, muss er die Schüsse wenigstens nicht persönlich nehmen. Inzwischen wirkt er eher wütend als ängstlich oder besorgt. Er fürchtet, dass die vielen Analphabeten in seinem Wahlbezirk von nicht-autorisierten „Helfern“ bei der Stimmabgabe manipuliert worden sind.

Anderswo werden größere Probleme gemeldet: In Mbuji-Mayi, einer Hochburg des Oppositionsführers Etienne Tshisekedi, der die Wahlen boykottiert hat, wurden sieben Wahllokale angezündet, aber das kann bis zum frühen Abend die Feierstimmung in Kinshasa nicht trüben. Und es erscheint ja tatsächlich wie ein Wunder: Keines der worst-case-Szenarien ist bislang eingetreten – auch nicht im Osten des Landes, wo immer noch Milizen operieren.

Es reicht für heute, ich fahre auf dem Boulevard Lumumba zurück Richtung Innenstadt, bin selbst in Feierlaune. Auf der Gegenfahrbahn kommen Lastwagen mit Polizisten in Kampfausrüstung und Gasmasken entgegen. Es soll Straßenschlachten in einem der Armenviertel geben – ein Kabila-Anhänger soll versucht haben, Wähler zu bestechen, worauf diese sein Haus in Brand gesetzt haben sollen. So schnell bricht der reine Friede eben doch nicht aus.

 

Schüsse auf den Kandidaten

Freitagabend habe ich es endlich mit einem Flugzeug der UN von Kisangani nach Kinshasa geschafft. Nach den Unruhen vom Vortag mit mindestens vier Toten ist die Stadt ruhig – soll heißen: es herrscht das totale Verkehrschaos auf dem Boulevard Lumumba, links und rechts der Strasse in den Slums flackern die Öllampen der Händler, in der Luft hängen die Rauchschwaden offener Feuerstellen, aus den Sammeltaxis baumeln die Arme und Beine der zusammengepferchten Passagiere, kleine Pulks von Kabila-Anhängern feiern jetzt schon, was sie für den sicheren, grandiosen Sieg ihres Kandidaten halten. Hütten, Laternenpfahle, Zäune; Brücken sind gepflastert mit Wahlplakaten der Kandidaten. In der Dunkelheit erscheint der Irrsinn dieser Megastadt irgendwie unwirklich. Ich sitze im Bus im Stau, mein Handy klingelt, Jean Claude Kibala ist dran: „Jemand hat auf mich geschossen. Ich stehe vor dem Camp der UN-Soldaten in Kamituga, aber die sagen, sie sind fuer den Schutz von Kandidaten nicht zuständig.“

„Wie bitte? Was ist passiert?“

Vor drei Tagen hatten die Wahlkampfhelfer seines Konkurrenten Paul Musafiri, ehemals ein kleiner Rebellenkommandant, dann Minister und jetzt Parlamentskandidat des „Mouvement de la libération du Congo“ (MLC) begonnen, Kibala als „Blanc“, als „falschen Kongolesen“ und „Marionette Deutschlands“ zu bezeichnen. Das MLC ist die von einer Plünderarmee zur Partei mutierte Truppe des ehemaligen Warlords Jean-Pierre Bemba, der in diesem Wahlkampf immer wieder xenophobische und rassistische Töne angeschlagen hat. Er habe die Gerüchteküche seines Gegners etwas auslüften wollen, sagt Kibala, und habe gestern Nachmittag noch einmal ein paar hundert Menschen auf dem Platz vor der Stadtverwaltung versammelt. Er habe gerade zu einer Rede ansetzen wollen, da habe jemand das Feuer eröffnet. Vier Schüsse, niemand verletzt, aber die Menge sei in Panik auseinander gestoben. Und jetzt stehe er hier vor dem Camp der Blauhelme, die gerade erst zum Schutz der Wahlen nach Kamituga entsandt worden sind, und der Befehlshabende Offizier habe bedauernd erklärt, dass für solche Vorfalle die kongolesische Polizei zuständig sei. Die aber habe ihm am Telefon erklärt, dass sie derzeit keine Streife frei habe, um ihn sicher nach Hause zu geleiten.

Es ist im Osten des Landes bald Mitternacht. Ich küsse vor meinem geistigen Auge den Erfinder des Handys und klingele jemanden vom regionalen Hauptquartier der MONUC, der UN-Mission im Kongo, in Bukavu aus dem Bett. Der erstattet dem General der dort stationierten Blauhelm-Brigade Bericht. Der wiederum lässt halbe Stunde später ausrichten, der Schutz politischer Kandidaten sei wirklich nicht Aufgabe der MONUC, er sei aber über das Verhalten der Polizei in Kamituga empört.

„Das ist schön“, sage ich, 2000 Kilometer entfernt zwischen stinkenden Sammeltaxis eingekeilt und innerlich fluchend, „aber Herr Kibala braucht jetzt gleich Hilfe.“ Inzwischen hat auch das Blauhelm-Camp in Kamituga Bericht im Hauptquartier erstattet und macht sich offenbar ernsthaft Sorgen um den Mann, der da sichtbar geschockt vor ihrem Tor steht. Zwanzig Minuten vergehen, das Telefon bleibt still. Kibala ist plötzlich nicht mehr zu erreichen. Dann ruft er endlich wieder an. Ein kongolesischer Soldat ist zu seiner Bewachung aufgetaucht, außerdem ein Freund samt Motorrad, der ihn über Schleichwege abseits des Stadtzentrums nach Hause gebracht hat. Dort hätten sie jetzt Türen und Fenster verrammelt. „Ich gehe jetzt schlafen“, sagt er, und klingt wie jemand, der heute Nacht kein Auge zutun wird.

Heute Morgen habe ich ihn wieder angerufen. In der Nacht ist alles ruhig geblieben in Kamituga. In Kinshasa äußern sich Vertreter der MONUC überrascht, dass es im Vorfeld der Wahlen so wenig Gewalt gegeben habe. Das stimmt – für kongolesische Verhältnisse ist es bislang erstaunlich friedlich zugegangen. Bloß tröstet das den Kandidaten Kibala nicht. Er wird trotz allem noch zwei Tage in Kamituga bleiben. Er muss. Das nächste Flugzeug aus Bukavu landet erst wieder am Montag.

 

Alles kann passieren

Sorry, die letzten paar Tage herrschte Sendepause. Mein Satellitentelefon hat den Dienst verweigert, Außerdem sitze ich seit zwei Tagen auf den verranzten Flughäfen dieses Landes herum und versuche, aus dem Osten des Landes in die Hauptstadt Kinshasa zu kommen. Gestern Nachmittag hätte es fast geklappt. Doch kurz vor der Landung dreht die Maschine der UN wieder ab und kehrt nach Kisangani zurück. „Flughafen in Kinshasa gesperrt“, lautet die dürre Auskunft des Piloten.
In der Wartehalle von Kisangani schwirren die Gerüchte. In Kinshasa gebe es Schießereien, ein Munitionsdepot sei explodiert, man erwäge die Evakuierung, wir sollten am besten gleich nach Uganda ausfliegen. Wir bleiben in Kisangani, finden ein akzeptables Hotel – sieht man einmal davon ab, dass mein Bett bei der ersten Berührung zusammenbricht, und die Ratten in der Hotelbar an eine Hundeleine gehören. Eine Stunde später meldet sich per Handy Monsieur Vicky, mein bewährter Taxifahrer aus Kinshasa. „Madame, hier ist die Lage wieder ruhig.“ Also alles halb so wild – und doch nicht ungefährlich. Eine Massenkundgebung des Präsidentschaftskandidaten Jean-Pierre Bemba war eskaliert, was womöglich durchaus in dessen Interesse lag. Unter anderem wurde das Gebäude der Unabhängigen Medienkommission angegriffen. Ein Nachtklub ging in Flammen auf – aber erst, nachdem die Biervorräte geplündert waren.
Bemba hat als ehemaliger Warlord in der Übergangsregierung eines der vier Vizepräsidentenämter ergattert. Seinen Milizen werden schlimmste Gräueltaten in Kriegszeiten vorgeworfen. Mehr noch als andere Ex-Kriegsherren gehört er auf die Anklagebank des Internationalen Strafgerichtshofs, nicht auf eine Kandidatenliste. Genau davor hat er womöglich auch Angst, sollte er nach diesen Wahlen ohne Amt und Würden dastehen. Die gestrige Demonstration war offensichtlich auch eine Warnung: ‚Seht her, was passieren kann, wenn meine Anhänger frustriert sind…’
Und hier, per Handy eingeholt, die letzten Neuigkeiten aus Kamituga: Ein sehnlicher Wunsch der Menschen in Kamituga hat sich vorgestern erfüllt. Endlich sind Blauhelm-Truppen in Kamituga eingetroffen. Eine Einheit der pakistanischen Armee soll am Sonntag rund um Kamituga Überfälle von Hutu-Milizen auf Wähler und Wahlbüros verhindern.
Jean-Claude Kibala hat inzwischen auch die Goldgräberstädte im Süden seines Wahlkreises per Motorrad abgeklappert und spürt vor Müdigkeit kaum mehr seine Knochen. Seine Konkurrenten nehmen ihn jetzt offenbar so ernst, dass sie eine Kampagne gegen ihn gestartet haben. Kibala sei kein echter Kongolese, er sei von Deutschland gesteuert, er werde die Interessen der Kongolesen verraten. Bis heute um 24 Uhr darf noch Wahlkampf geführt werden. Kibala wird noch einmal in die Stadt gehen, Hände schütteln, Gerüchte dementieren, Wahlkampf-T-Shirts verteilten. Er hat jetzt immer zwei Soldaten mit Kalaschnikows an seiner Seite. Reine Vorsichtsmaßnahme.
Am Montag wird er sich auf den Weg nach Troisdorf machen. Erstens hat er seit über einem Monat seine Familie nicht mehr gesehen, zweitens erscheint es ihm sicherer, die Bekanntgabe des Ergebnisses im Kongo abzuwarten. Niemand weiß, wie lange das dauern wird. Und niemand weiß, was in der Zwischenzeit alles passieren kann.

 

Schluss mit Karaoke

Es war die erste ruhige Nacht in dieser Woche. Abbe Polydor hat sich endlich bei seinem Nachbarn, dem Besitzer der „Bar de la Famille“, über die Ruhestörung beschwert. Die „Bar de la Famille“, bestehend aus ein paar zusammengezimmerten Brettern, einem offenbar unerschöpflichen Vorrat an Palmwein und „Primus“-Bier und einer Lautsprecheranlage, hat die letzten Nächte bis drei Uhr morgens mit kongolesischer Musik, französischen Schnulzen und Karaoke ihre Nachbarschaft beschallt – und damit auch mich. Denn ich wohne in der Gemeinde St. Francois Xavier des Abbe Polydor, dem einzigen „Hotel“ der Stadt.

Zehn Dollar für ein Zimmer mit Bett und Stuhl. Nicht gerade sauber – die Decke schimmelt und Hobbyarchäologen können an den Wänden studieren, welche Würmer, Spinnen und Insekten die Gäste über die Jahre totgeschlagen haben. Aber der Service beinhaltet Moskitonetz und drei Mahlzeiten, die in Kamituga sonst niemand bekommt. Also sollte man nicht meckern – wäre da nicht der laute Nachbar.

Aufgrund der miesen Qualität der Musikanlage klingen die Karaoke-Einlagen, als wäre ein Trupp besoffener Muezzins in Kamituga eingefallen. Der Krach beginnt schon gegen acht Uhr abends, genau dann, wenn der Abbe mit seinen Kollegen während des Abendessens gebannt auf den Fernseher starrt. Die katholische Gemeinde ist nämlich im Besitz einer Satellitenschüssel. Es läuft eine Seifenoper aus Burkina Faso, „Monia et Rahma“ (oder so ähnlich), ein Gerichtsdrama über den Testamentsstreit zwischen der Witwe und der Konkubine ihres verstorbenen Mannes. Monia und Rahma sind zwei stattliche Damen mit wogenden Kleidern und wogendem Busen, bei deren Anblick die Abbes von St. Francois Xavier schon mal das Tischgebet vergessen.

Jedenfalls hat Abbe Polydor gestern dem Barbesitzer eine kleine Strafpredigt gehalten. Jetzt gehe es in die Endphase des Wahlkampfs, hat er gesagt, es würden sich Wahlbeobachter aus dem Ausland und andere wichtiger Persönlichkeiten in der Gemeinde einquartieren. „Und die müssen ausgeschlafen sein.“ Es hat offenbar gewirkt. In dieser Nacht hörte man nur die Zikaden.

Es ist Sonntag. Noch genau eine Woche bis zu den Wahlen. Ganz Kamituga hat sich in einen Kirchenchor verwandelt. Die Hallelujahs rollen in Wellen durch die Stadt, mal kommen sie von den Methodisten, dann von den Erweckungskirchen, dann aus St. Francois Xavier. Seit dem gewaltigen Regenguss vom letzten Abend steckt die Stadt im Schlamm, doch vom Knöchel aufwärts sind die Leute heute herausgeputzt wie für eine Hochzeit.

Jean Claude Kibala will heute bei den Katholiken „Präsenz zeigen“, wie er es nennt. Denn die drei Abbes, allen voran der Abbe Polydor, so glaubt Kibala, haben sich bereits für einen seinen Gegner entschieden und werden das auf die eine oder andere Weise auch an ihre Gläubigen weitergeben.

Neben mir wohnt das Wahlkampfteam von Kibalas schärfstem Konkurrenten, Paul Musafiri, was allerdings auf eine gewisse Voreingenommenheit des Abbe schließen lässt, denn eigentlich hat er beteuert, aus Gründen der Neutralität nicht an Kandidaten und ihre Helfer zu vermieten.

Nun ist Musafiri selbst gar nicht da, sondern sitzt offenbar im sehr viel bequemeren Kinshasa, wo er in der Übergangsregierung einen Ministerposten bekleidet. Aber er hat drei junge Männer und einen roten Pick-up-Truck nach Kamituga geschickt, ist damit der einzige Kandidat mit einem Auto, lässt so per Megafon die Hütten mit Wahlparolen beschallen. Hin und wieder steuern seine Wahlkampfhelfer auch mal mit Karacho und scharfem Bremsmanöver auf die Wahlversammlung eines Gegners zu. Ob das allein ausreicht, sich eines der drei Mandate dieses Wahlkreises zu ergattern, wage ich zu bezweifeln.

Musafiri hat während des letzten Krieges auf Seiten der von Ruanda unterstützten Rebellen des RCD gekämpft, die in einem Dorf nahe Kamituga Frauen lebendig begraben haben, weil diese angeblich mit gegnerischen Milizen sympathisierten. Dieses Verbrechen ist bis heute ein Fanal in dieser Gegend. Aber Musafiri hat inzwischen die Fronten gewechselt, kandidiert nun für eine andere Partei. Außerdem, heißt es in Kibalas Wahlkampfteam, sei der Leiter der örtlichen Wahlkommission sein Halbbruder.

Kibala hat unterdessen noch ein anderes Problem: Seine Wahlkampfposter sind zu schön. Aus Deutschland hat er farbige Hochglanz-Plakate mitgebracht – sehr zum Neid seiner Gegner, die hier nur in mattem Schwarz-Weiß und dazu meist noch mit grimmigem Gesichtsausdruck von den Wänden starren. Doch Kibalas Bilder werden immer wieder abgerissen. Neulich hat er eine Frau auf frischer Tat ertappt: „Mon Honorable“, hat sie gesagt, denn so nennen sie hier alle Kandidaten, „das Bild ist so schön, das hänge ich bei mir zu Hause auf.“

 

Der Major von Kamituga

Der Major hat uns einbestellt. Major Amuli Civiri ist der stellvertretende Kommandant der 122. Brigade der kongolesischen Armee in Kamituga und dem umliegenden Distrikt. Blauhelme der UN haben sich hier noch nie blicken lassen. Damit ist der Major der ranghöchste Militär in der Stadt.

Weil sich nun weder der Kandidat Kibala noch die deutsche Journalistin sofort nach ihrer Ankunft vorgestellt haben, ist er indigniert. Jetzt gibt es ein Problem: Kibala ist am Tag zuvor mit dem Motorrad „schnell mal“ in die 30 Kilometer entfernte Nachbarstadt Mwenga gefahren, um Plakate aufzuhängen und sich mit den traditionellen Oberhäuptern zu treffen. Seither ist er verschwunden, auch per Handy nicht zu erreichen. Also muss ich allein zum Höflichkeitsbesuch.

Major Civiri sitzt mit Drei-Tage-Bart und „New York-Yankee“-T-Shirt auf der Veranda seines Hauptquartiers, vor sich ein Tisch mit metallenem Aktenkoffer, zwei Handys und einem Röhrchen Vitamintabletten. Unterwürfig dreinblickende Händler aus Kamituga drängen sich wie Prüflinge auf einer Holzbank. Sie wollen mit dem Major ins Geschäft kommen. Der verscheucht sie nun mit einer Handbewegung und einem Redeschwall auf Kisuahili und studiert eingehend die deutsche Telefonnummer auf meiner Visitenkarte, „falls ich Sie mal anrufen muss“. Das hat mir gerade noch gefehlt.

Civiris 122. Brigade soll die Bevölkerung in Mwenga vor Hutu-Milizen schützen. Gemeint sind jene Resttruppen der Interahamwe, die 1994 den Völkermord an den Tutsi in Ruanda ausführten, dann in den Kongo flohen und damit das Land in einen Teufelskreis aus Plünderzügen und Kriegen stürzten. Weiter oben im Norden sind einige dieser Milizen durch Blauhelm-Truppen der UN aufgerieben worden, andere sind nach Amnestieangebote nach Ruanda zurückgekehrt. Wieder andere sind geblieben und haben sich nach zwölf Jahren in den Wäldern zu ausgefuchsten Buschkämpfern entwickelt, die sich immer wieder mit Kindersoldaten aus der Region verstärken. „Ich leite gezielte Operationen gegen den Feind. Das ist gefährlich, aber erfolgreich“, sagt der Major. Seine Handys klingeln ununterbrochen, was mir die Gelegenheit gibt, sein „Hauptquartier“ genauer zu betrachten. In seinem Garten haben seine nachgeordneten Offiziere für sich und ihre Familien Grashütten aufgebaut. Seine Gefreiten sind teils in Abbruchhäusern über die Stadt verteilt, teils auf den Strassen in die umliegenden Kleinstädte postiert, wo sie an Barrikaden Wegezoll verlangen. Ich spreche, als beide Handys für einen Moment ruhen, ganz sachte die altbekannten Probleme der kongolesischen Armee an, die seit dem Kriegsende 2003 aus Angehörigen aller Kampfparteien zusammengestoppelt wird: dass der Sold für die Soldaten oft schon in Kinshasa in den Taschen der Generäle verschwindet, dass es zunehmend „Probleme mit der Disziplin“ gebe, was eine sehr galante Umschreibung für Plünderungen und Vergewaltigungen ist. „Keine Sorge“, sagt Major Civiri, „das haben wir jetzt alles im Griff.“ Die Bürger von Kamituga, allen voran die Frauen, sehen das anders.

Bevor das Gespräch einen unerfreulichen Verlauf nehmen kann, dreht Major Civiri den Spieß um und fragt mich aus.
„Wird Kandidat Kibala auch in Kamituga bleiben, wenn er die Wahl verliert?“
„Das müssen Sie Herrn Kibala fragen.“
„Ich habe nämlich beschlossen, ihn zu unterstützen.“
„Das wird ihn sicher freuen“, sage ich. „Aber Soldaten dürfen doch gar nicht wählen?“
„Stimmt, wir sind politisch völlig neutral. Aber unsere Frauen dürfen wählen. Außerdem kommunizieren wir täglich mit der Bevölkerung und können durchaus mitteilen, welche Kandidaten wir uns wünschen.“
Aha. Ich bedanke mich für das Gespräch, und der Major wendet sich wieder seinen Geschäften zu.

Jean Claude Kibala taucht an diesem Abend lange nach Einbruch der Dunkelheit wieder auf – von oben bis unten mit Schlamm besprenkelt und kurz davor, im Stehen einzuschlafen. Als ich ihm den Dialog mit Major Civiri wiedergebe, sagt er nur: „Um Gottes Willen…“

Seine Mini-Delegation, bestehend aus drei Motorrädern und sechs Männern sieht aus, als hätten sie die Rallye Paris-Dakar absolviert. Sie mussten nach einem Regenguss in Mwenga übernachten und haben über sechs Stunden für die 30 Kilometer Rückfahrt gebraucht. In der Nacht war ein Haus keine hundert Meter neben ihrer Unterkunft von Hutu-Milizen geplündert worden. Keine Toten, keine Verletzten, keine Vergewaltigten, „ aber“, sagt Kibala, „alles total ausgeräumt.“ Er selbst habe noch nicht einmal etwas gehört. „Ich war so müde, ich habe einfach nur gepennt.“

 

Das Krankenhaus in Kamituga

Kamituga, 20.7.2006

„Instandsetzung des Krankenhauses von Kamituga“ steht als Priorität in Jean Claude Kibalas Wahlprogramm. Also habe ich mir heute das Krankenhaus angesehen. „Fragen Sie nach den fünfzehn Müttern, die sie dort eingesperrt haben“, hatte Maman Leonie gesagt. Maman Leonie hat in Kamituga die erste Frauenberatungsstelle eröffnet: „Regroupement des Mamans de Kamituga“, kurz REMAK, einen winzigen Laden in der Hauptgeschäftsstraße von Kamituga, eingekeilt zwischen Abwasserkanälen, den verrußten Schuppen der Holzkohlehändlerinnen und den Brettertheken der Goldankäufer. Maman Leonie organisiert zusammen mit den anderen Mamans Saatgut und Verhütungsmittel verteilen, schlichtet bei Familienstreitigkeiten, stellt prügelnde Ehemänner zur Rede, betreut „femmes violees“, vergewaltigte Frauen und streitet sich mit Doktor Amisi, dem Krankenhausdirektor, um besagte fünfzehn junge Mütter, die angeblich mitsamt ihren Babys seit Wochen im „Hopital General“ eingesperrt sind, weil sie die 80 Dollar für ihre Kaiserschnittentbindung nicht bezahlen können. 80 Dollar für einen Kaiserschnitt ist für europäische Verhältnisse lächerlich wenig, für eine Kongolesin sind es drei bis vier Monatseinkommen, für eine Frau aus den Slums in Kamituga ist eine schier unvorstellbare Summe.

Zahlungsunfähige Patienten festzuhalten, bis ihre Verwandten sie mit Geld oder Naturalien auslösen, ist in kongolesischen Krankenhäusern durchaus üblich, aber im Fall junger Mütter doch etwas hartleibig. Radio Okapi, das landesweite UN-Radio, hat schon über die Angelegenheit berichtet.

Das Krankenhaus besteht aus einer Ansammlung von Backsteinhäusern, erbaut irgendwann Anfang der 50er Jahre von den belgischen Kolonialherren, die hier schamlos die Erz- und Goldvorkommen ausbeuteten, den schwarzen Arbeitern aber auch ein gewisses Maß an sozialer Versorgung boten. Der Pförtner öffnet das Holztor und warnt vor den knöcheltiefen Löchern auf dem Hof. Es hat zu regnen begonnen, alle Wege in Kamituga verwandeln sich in Sekundenschnelle in rote, glitschige Schlammbahnen. Patienten in verwaschenen Kitteln tasten sich zurück auf ihre Station – so vorsichtig, als liefen sie ihm Dunkeln.

Doktor Amisi, der kugelrunde Chef, ist zunächst nicht erbaut über meinen unangemeldeten und zweifellos dreisten Besuch. Ich sage kein Wort von den fünfzehn Frauen, bitte ihn nur, mir sein Krankenhaus zu zeigen. Er tuschelt mit seinem Verwaltungschef, wägt ab, ob ich eher eine Bedrohung oder Chance darstelle. Seit Jahren hat sich kein Bleichgesicht hier mehr blicken lassen, keine internationale Hilfsorganisation ist in Kamituga präsent, einer Stadt mit immerhin 120.000 Einwohnern. „Kommen Sie“, sagt der Doktor. „Ich zeige Ihnen, wie es hier aussieht.“

Erster Stop: Vorbei an den eingeschlagenen Fenstern der Röntgenabteilung, wo schon seit Jahren kein Apparat mehr funktioniert, vorbei an der Apotheke, die aussieht wie nach einem Räumungsverkauf, zur Entbindungsstation. Eine Reihe Holzbetten mit blauen Moskitonetzen und durchgelegenen, fleckigen Matratzen. Darin liegen 35 Frauen mit ihren Neugeborenen, es ist feucht, die Decke des Saals schimmelt. Im Nebenraum glüht ein rostiges Drahtgeflecht und verbreitet stickige Wärme. Hier liegen in den Armen ihrer Mütter die Frühgeburten. Überlebenschance? Maman Furaha, die Hebamme, zuckt müde mit den Schultern. Sie bräuchte ein Thermostat für den Heizlüfter, außerdem einen neuen gynäkologischen Stuhl anstelle des rostigen Eisenmonsters im Entbindungssaal. Sie hat keine Medikamente, keine Transfusionen, und ihr Gehalt von 20 Dollar kommt auch nur alle paar Monate. Ultraschallgerät? Maman Furaha sieht mich an, als wäre ich nicht mehr ganz bei Sinnen.

Nächster Stopp: die Interne. Das gleiche Bild, nur kommt der Tod hier auf andere Weise. An der Wand kauert Majosi Musiko, eine magere Frau mit schiefem Gesicht. „Taxoplasmose cerebrale“, diktiert Dr. Amisi auf französisch, „mit teilweiser Lähmung des Gesichts. Den Rest erkläre ich Ihnen draussen.“ Auf ihrem Bett liegt eine Tüte mit Foufou, dem gummiartigen Maniokbrei und Hauptnahrungsmittel im Kongo. Ihre Kinder haben es vorbeigebracht. Das Krankenhaus bietet kein Essen, die Patienten müssen sich von ihren Familien versorgen lassen. „Auto-financement“, nennt man das. „Selbstfinanzierung.“ „Die Patientin hat AIDS“, sagt Amisi später, aber „wenn ich ihr das jetzt sage, bricht sie in Panik aus.“ Die Frage nach AIDS-Medikamenten erübrigt sich. Es gibt keine.

„Und jetzt zeige ich Ihnen noch den OP.“ Amisi ist jetzt in seinem Element, teilt mir Kopfhaube und Mundschutz aus, schiebt mich durch die Tür mitten hinein in eine Kaiserschnittoperation. Doktor Bernard Bulambo verbindet gerade den Schnitt der Patientin, die stöhnend auf einem OP-Tisch liegt, die Arme mit bräunlichen Mullbinden fixiert. Die Narkose wird hier knapp bemessen. Man muss sparen. Der Tisch ist ein eisernes Ungetüm aus den fünfziger Jahren – eines der wenigen Ausrüstungsteile, die im Krieg nicht geplündert worden sind.

„Dritter Kaiserschnitt, dritte Fehlgeburt“, murmelt der Chirurg in seinen Mundschutz. Seine Patientinnen sind oft erst fünfzehn oder sechzehn, jung und zu klein für eine normale Entbindung. Wieviele durch eine Vergewaltigung schwanger geworden sind, weiß er nicht. Jedenfalls hat das Krankenhaus allein im letzten Jahr 500 Vergewaltigungsopfer behandelt. Vergewaltigung war Kriegsstrategie aller Kampfparteien, jetzt findet man die Täter meist in der Baracke der kongolesischen Armee, die zum Schutz der Bevölkerung in Kamituga stationiert ist.

Zum Schluß also doch noch die heikle Frage: „Man sagt, Sie würden Patientinnen hier festhalten, die ihre Rechnung nicht bezahlen können.“ „Aber nicht doch“, antworten Amisi und der Verwaltungschef im Chor. „Das war eine Falschmeldung. Diese Frauen sind längst nicht mehr hier.“

„Lüge“, sagen später die Frauen im REMAK-Büro. „Sie haben sie versteckt.“

 

Herr Kibala

Eigentlich hatte ich mir geschworen, nie ein solches Flugzeug zu betreten. Ein russisches Propellermodell, geschätztes Baujahr 1976, gefühltes Baujahr 1946. Aber es ist die einzige Möglichkeit, nach Kamituga zu kommen, einer Goldgräber-Stadt in Süd-Kivu, 140 Kilometer von Bukavu entfernt. Mit dem Auto dauert die Reise zwei Tage, mit dem Flugzeug zwanzig Minuten – und von Bukavu nach Kamituga fliegen nur ukrainische Piloten mit ihren hellbraunen Herrensandalen und verbeulten Maschinen. Unsere wird seit einer Stunde von 15 schwitzenden Kongolesen mit Bierkisten, Säcken voller Zwiebeln und Weißkohl, chinesischen Fahrrädern, Ölkanistern, Koffern und Matratzen beladen – Nachschub für mehrere Goldminen-Städte, die nur aus der Luft zu versorgen sind. Als das Flugzeug endlich vollgestopft ist wie ein Truthahn zu Thanksgiving, sagt der Ukrainer: „Now, you can go in and sitt down.“ Wir klettern durch die Ladeluke über Kisten und Koffer, graben zwei Sitzplätze frei, stemmen uns gegen den Frachtberg, der bei der leichtesten Linkskurve über uns zusammenstürzen wird. Die Motoren heulen auf, die Maschine nimmt Anlauf auf der Startbahn, hebt ab und gewinnt torkelnd an Höhe.

Ich will Wahlkampf im Kongo abseits der großen Städte kennen lernen. Kamituga eignet sich, weil es, wie seine Bewohner sagen, „vraiement dans la brousse“, wirklich im Busch liegt, und weil es einen ungewöhnlichen Parlamentskandidaten vorweisen kann. Jean Claude Kibala, geboren in Kamituga, aufgewachsen in Kamituga, als Student unter dem Mobutu-Regime in Ungnaden gefallen, weswegen er sich mithilfe eines Bundeswehrstipendiums nach Deutschland verabschiedete. Grundausbildung, Offizierschule, Studium an der Bundeswehrhochschule, Arbeit als Ingenieur. Kibala könnte jetzt daheim in Troisdorf bei Bonn mit seiner deutschen Frau und zwei Söhnen den Sommer genießen. Stattdessen hat er beschlossen, sich als Parteiunabhängiger um einen Sitz im kongolesischen Parlament zu bewerben. Wenn im Kongo wirklich eine neue Zeit anbricht, dann will er nicht aus seinem Garten im Rheinland zusehen. Als Einziger der nunmehr 42 Kandidaten in seinem Wahlkreis, womöglich als Einziger im ganzen Kongo, hat er ein Wahlprogramm drucken lassen, das den Einfluss von 17 Jahre Deutschland verrät: Mikrokredite für Handwerker, Einführung des deutschen Schulsystems, Förderung der Frauen in der Landwirtschaft, Kampagnen gegen AIDS, Malaria und Tuberkulose, Schutz der Wälder vor kommerzieller Abholzung. Bei der Landung stürzt es in 500facher Ausfertigung auf uns herab, und Herr Kibala würde am liebsten dem Piloten ein paar unfreundliche Worte in Sachen Flugsicherheit auf den Weg geben. Aber dafür ist jetzt keine Zeit.

Der Flughafen in Kamituga besteht aus einer Staubpiste und dem rostigen Skelett einer Lagerhalle, vor dem sich heute ein Empfangskomitee formiert hat. Singend, Palmblätter schwenkend und die Hüften schwingend begrüßen die Kooperative der Fischerinnen, das Fußballteam von Kamituga, eine Abordnung der Taxifahrer (worunter man sich im Kongo meist Mopeds vorzustellen hat) den Kandidaten. Der tut, kaum ist er aus der Heckklappe gekrochen, was ein Kandidat nicht tun sollte: Anstatt siegessicher zu lächeln und zu winken, sieht er für einen Moment aus, als würde er am liebsten nach Troisdorf zurück.

Zu spät.

Eine ständig anschwellende Menschenmenge schiebt ihn unter Anfeuerungsrufen, Schauspiel- und Tanzeinlagen durch die Straßen Kamitugas, die sich seit dem letzten Regen in Schlammrinnen verwandelt haben. Es geht vorbei an den Ruinen der Bergwerksgesellschaft, die hier jahrzehntelang das Gold aus dem Boden und zum großen Teil in Mobutus Taschen förderte. Vorbei an den rußgeschwärzten kahlen Bretterbuden der Schuster, Schreiner, Friseure, Schneiderinnen, Handyverkäufer und Goldhändler – denn Gold schürfen sie hier jetzt auf eigene Faust.

Herr Kibala ist innerhalb einer Stunde in seine Rolle hineingewachsen, lächelt, winkt, zeigt mit den Daumen nach oben, begrüßt alte Bekannte, macht seine Aufwartung beim Bürgermeister, hält kurze Reden, schüttelt Hände mit einer Abordnung kongolesischer Soldaten, die mit Panzerfaust durch die Stadt streifen, in der es viel Krieg, aber nie einen Panzer gegeben hat.

Ich stapfe hinterher, bestaunt wie ein Unfall der Natur. „Muzungu, muzungu – kuckt mal, eine Weiße.“ Weil mich die Hitze inzwischen in einen nassen Lappen verwandelt hat, bietet mir ein kleiner Mann seinen Sonnenschirm an – auch dann noch, als ich ihm zu seiner Enttäuschung erklärt habe, dass ich nicht die Wahlkampfmanagerin bin und ihm deswegen auch kein Handy schenken kann.

Im großen Umzug durch die Stadt geben jetzt die „Mamans des Policieres“ den Ton an, die Damen vom „Verband der Polizistinnen in Kamituga“. Zur Feier des Tages haben sie Kleider mit Tigermuster angelegt. „Kibalaaa, Kibalaaa“, singen sie, „unsere Stimmen gehören dir.“ So wälzt sich der Strom – 2000 sind es wohl – einmal quer durch die Stadt bis ins Kalingi-Viertel, wo die Kibalas bis zum Krieg gewohnt haben. Ein solider Steinbau mit Veranda, schönem Blick auf die Stadt, Einschusslöchern in allen Zimmern und komplett leer geplündert von den verschiedenen Kriegsherren der letzten Jahre: Von Ruanda unterstützten Rebellen des RCD, Mayi-Mayi-Milizen, Soldaten der kongolesischen Armee. Alles ist weg, Kloschüssel, Waschbecken, Steckdosen, selbst die Stromkabel sind aus der Wand gerissen.

Der Kandidat ist ziemlich erschöpft auf einer Pappkiste zusammengesunken, irgendjemand schafft einen Stuhl herbei, denn jetzt müssen die Würdenträger empfangen werden. Der Mwami tritt herein, das traditionelle Oberhaupt im Landkreis, ein Mittfünfziger, der mit einer Kette aus Raubtierzähnen, einer Basthandtasche und seiner hochtoupierten Haarmähne aussieht wie James Brown. Es folgen der Stadtteilchef, die Vorsitzende der Polizistinnen – sie alle entbieten den Willkommensgruß und nehmen mit einem Händedruck ein paar Geldscheine entgegen. Anerkennung des Kandidaten, Belohnung dafür, heute das Fußvolk mobilisiert zu haben. Spontane Kundgebungen – das ist die erste Lehre – gibt es in diesem Wahlkampf nicht. Wer marschiert, tanzt, singt und lobpreist, bekommt Geld. Frei nach dem Motto: „Es interessiert mich nicht, was du in fünf Jahren in meinem Wahlkreis erreichen willst. Mich interessiert, was du hier und heute für mich tun kannst.“ Die Grenzen zwischen Bestechung und Überlebenskunst sind fließend in einem Land, wo man am Morgen nicht weiß, ob man bis zum Abend etwas gegessen haben wird. Das gilt auch für die unermüdlichen Marschierer, die draußen vor der Tür auf Freibier und Palmwein warten. Doch genau das hat Kibalas Wahlkampfkomitee in der Eile vergessen. Also kriegen die verschiedensten Gruppen Geld, um sich für den Abend selbst zu versorgen. Denn wenn die Leute in der Stadt herumerzählen, „dass es bei Kibala nichts zu trinken gibt“, sagt Kibala, „dann habe ich schon verloren.“