‹ Alle Einträge

Einblicke in die Werkstatt der Weltöffentlichkeit

 

Schwer zu fassen, manipulierend und unberechenbar„. So charmant und warmherzig charakterisiert Bill Keller, Chefredakteur der New York Times, den Wikileaks-Gründer Julian Assange. Beschreibungen wie „arrogant, dünnhäutig, verschwörerisch und seltsam leichtgläubig“ folgen. Es klingt nach dem bitterbösen Ende einer kurzen und intensiven Liebesbeziehung. Immerhin gehörte die New York Times über Monate zu den exklusiven Medienpartnern der Whistleblowingplattform. Auch wenn Verweise auf Assanges brilliantes Technikverständnis und seinen beunruhigend scharf arbeitenden Verstand nicht fehlen.

Das Assange-Bild Kellers ist gerade in einem Artikel des Magazins der New York Times erschienen als vorab publiziertes Vorwort eines in Kürze erscheinenden Buchs, das die New York Times zum Thema Wikileaks veröffentlichen wird.  Der Titel „Open Secrets: Wikileaks, War and American Diplomacy“. Ab Montag kann das Buch als eBook bei zahlreichen Onlinebuchhändlern bestellt werden. Es fügt sich damit ein in die Reihe der aktuellen Wikileaks-Bücher (Übersicht hier „Whistleblowing auf Papier„).

Für den Leser des Artikels wird schnell klar, dass die Arbeiten im Maschinenraum der Weltöffentlichkeit alles andere als einfach gewesen sein dürften. Unterschiedliche Interessen, versteckte Agenden der diversen Parteien, komplexe technische Zusammenhänge und vor allem eine ganz offenbar eher kühle Atmosphäre zwischen Assange und Keller scheinen die Kooperation streckenweise massiv belastet zu haben.

Kein Wunder also, dass Wikileaks sich nach den gewaltigen Coups des letzten Jahres von den Medienpartnern aktuell emanzipieren will und angeblich Kooperationen mit über 60 Medien weltweit anstrebt. Was jedoch eine schwer zu organisierende, geschweige denn zu kontrollierende Größe sein dürfte. Allein was die Botschaftsdepeschen betrifft, hat Wikileaks mit Blick auf Aftenposten und Die Welt bereits die Kontrolle verloren. Dort werden seit Wochen Depeschen ohne jede Abstimmung mit Wikileaks veröffentlicht.

Bleibt die Frage, ob die angestrebten neuen Kooperationen individuell verhandelt werden sollen. Oder ob Wikileaks zukünftig ein Akkreditierungsverfahren für Medienpartner installieren wird, wie es OpenLeaks.org plant. Sollte an Kellers Portrait etwas dran sein, dürften individuelle Verhandlungen mit einem Chefunterhändler Assange jedenfalls kompliziert werden. Soviel gibt das Vorwort Kellers schon einmal her, auch wenn es manchmal wirkt, als würde einfach nur böse nachgetreten. Denn immerhin hatte Wikileaks die Absicht, die New York Times beim Depeschen-Projekt aus dem Verbund der Medienpartner zu verabschieden.

Wikileaks reagierte übrigens umgehend über Twitter auf Bill Kellers Assange-Portrait im Magazin der New York Times und sprach von einem schwarzen Tag für die us-amerikanische Presse.

„NYTimes does another self-serving smear. Facts wrong, top to bottom. Dark day for US journalism.”

Nicht gerade das, was man eine Liebeserklärung nennt.

UPDATE: Hier noch ein Video (Wikileaks: The Back Story) der New York Times mit Statements von Bill Keller und anderen (leider nicht embeddbar)

22 Kommentare


  1. […] Einblicke in die Werkstatt der WeltöffentlichkeitZEIT ONLINE (Blog)So charmant und warmherzig charakterisiert Bill Keller, Chefredakteur der New York Times, den Wikileaks-Gründer Julian Assange. Beschreibungen wie “arrogant …WikiLeaks-EnthüllungenSpiegel Online"NYT" veröffentlicht Chronik der Wikileaks-EnthüllungenAFPAlle 38 Artikel » […]

  2.   Zooey

    Hier mal wieder der Hinweis, wie Politik funktioniert: Drehen Sie doch einfach den Spieß um, personalisieren Sie die Debatte! Das ist doch auch, was die Leute hören/lesen/sehen wollen! Nicht die Beweise für Hinterzimmergekungel mit Kryptodiktatoren, nicht das Antichambrieren, das Wirken von Schattenregierungen und Geheimverträge an Parlamenten vorbei, z.B. mit Großkonzernen. Nein, was wirklich interessiert, ist das Zwischenmenschliche, wie gut der mit dem kann oder nicht kann. Da verschwinden die kleinen Schweinereien nahezu über Nacht.
    Wieder und wieder wird der Verdacht bestätigt, dass große Teile der veröffentlichten Meinung auf dem Sofa sitzt und schmollt. Und das noch nicht mal auf hohem Niveau.


  3. Interessant ist, dass die ZEIT ihr Totschweigen von Assange beendet hat. Kam da eine Anweisung von oben? Der große Knall kommt doch noch, wenn die geheimen Dokumente zur Bank of America veröffentlicht werden. Muss der Leser dann wieder auf andere Zeitungen ausweichen?


  4. Wen interessiert Assange? Wen interessiert wie WikiLeaks funktioniert? Alles nur Ablenkungsmanöver um vom INHALT der Enthüllungen abzulenken und uns weiterhin für dumm verkaufen zu können. Danke, Zooey, hab’s nur etwas zusammengefasst.

  5.   ich54

    Ich warte schon mit Spannung darauf, das Wikileaks die Protoklle der Geheimversammlungen unsere Kanzlerin mit der Stromwirtschaft an die Öffentlichkeit bringt.
    Solche Geheimverhandlungen zwischen Politik und Wirschaft darf es in Zeiten der alles einbeziehenden Informationsgesellschaft nicht mehr geben. Das ist unanständig.

  6.   PW

    Kaum beraubt die Verschwörungstheoretiker ihres Messias, wird eine weitere Verschwörung als Erklärung herbeigezaubtert. Ich wünschte mir eine ähnlich simple Weltsicht, in der alles unerklärbare durch eine unerklärbare Verschwörung „erklärt“ wird.

  7.   Lena Stern

    Der Artikel vergisst zu erwähnen, dass der Times-Artikel vornehmlich der „Selbstbeweihräucherung“ dient.
    …die wahren Journalisten. Einfach unzumutbar, dass da so einer wie Assage daher kommt und was der sich alles herausnimmt… Und natürlich hat die gute alte Times (Ironie aus und an) vorher alles mit dem Weißen Haus abgeklärt (wie schon mit dem WH von Bush).
    Lachhafte Bande!

  8.   Vogtland

    Jeder weiß es eigentlich …..Krieg ist UNMENSCHLICH !
    Mal sehen eo die „Urmacht der Demokratie“ die nächsten Masenvernichtungswaffen (nicht)findet, und wie sie dann „ihre“ Auslegung durchsetzt.
    Alles natürlich im Namen der Demokratie!!!
    Demokratie hat immer Recht !!! Egal was man damit bezeichnet.


  9. Das was durch Wikileaks an Dokumenten ausserhalb der diplomatischen Klatschgeschichten veröffentlicht wurde und wird sollte Thema sein.
    Die Person Julian Assange hat damit nichts zu tun.
    Natürlich sei es jedem unbebommen Julian Assange zu kritisieren oder zu versuchen ihn als Person zu demontieren.
    Doch wenn man bedenkt das J.A.wegen Vergewaltigung international gesucht wurde und seine Fangemeinde trotz solch massiver Vorwürfe immer größer wurde und die Menschen sich nicht von ihm zurückgezogen haben, werden solche Beschreibungen seiner Person nicht schaden.

  10.   Zack34

    @REDAKTION und Mitkommentierende:
    Merkt denn keiner, was hier geschrieben wird? Zitat:
    UPDATE: Hier noch ein Video (Wikileaks: The Back Story) der New York Times mit Statements von Bill Keller und anderen (leider nicht embeddbar


    „embeddbar“ ??????????????…


    Was für ein Armutszeugnis.

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren