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Zwanzig Jahre nach dem Ende der Apartheid

 

Robben Island, Südafrika, im März 2014. Ich erlebe bewegende Momente, denn Ahmed Kathradra sitzt mit uns auf dem kleinen Fährboot, das uns auf die kleine Gefängnisinsel bringt, die eine Stunde von Kapstadt entfernt im Südatlantik liegt. Kathradra, Jahrgang 1929, war zusammen mit seinen beiden früheren Mitgefangenen Walter Sisulu und Nelson Mandela einer der historischen Führer des African National Congress (ANC). Er zeigt uns den großen Gefängnishof, in dem das legendäre Foto von den inhaftierten Apartheidsgegnern entstand, das sie dabei zeigt, wie sie in kurzen Hosen auf dem Boden sitzend Steine klopfen. Wir schauen uns den Steinbruch an, in dem sie unter gesundheitsschädigenden Bedingungen arbeiten mussten. Und ich bin voller Bewunderung für die Ruhe und Gelassenheit, aber auch für den ungebrochenen Kampfeswillen, den Kathrada und seine Mitstreiter seit Anfang der 1960er Jahre auf dem langen Weg zur Freiheit (so der Titel der Autobiografie von Nelson Mandela) ausstrahlten.

In Rivonia, einem Vorort von Johannesburg und meiner nächsten Station, nahm diese Geschichte ihren Ausgang. Und zwar auf der Liliesleaf-Farm, 1961 angemietet von weißen Kommunisten um Arthur Goldreich, um den bewaffneten Kampf des ANC gegen das Apartheidsunrecht im Untergrund aufzubauen. Im Juli 1963 werden bei einer Razzia fast alle führenden Kader verhaftet, wenige Monate später beginnt der politische Prozess gegen sie: Der Rivonia-Prozess, der im Juni 1964 mit lebenslangen Freiheitsstrafen für Kathradra, Sisulu und Mandela endet.

Es ist schmerzhaft, alleine auf der halbstündigen Fahrt vom Zentrum Johannesburgs bis zur Farm, hunderte von Zäunen, Mauern, Stacheldrähten, Posten, Überwachungsanlagen und Werbeschildern von Sicherheitsfirmen zu sehen. In Kapstadt sieht es ähnlich aus, auch hier gibt es zahllose sichtbare und unsichtbare Mauern: hier die langgestreckten Townships auf dem Weg vom Flughafen zur Waterfront; dort die gentrifizierte Hafengegend, in der vornehmlich weiße Konsumenten hauptsächlich von Schwarzen bedient werden.

Ich bin auf einer internationalen Konferenz mit erfahrenen, aber auch sehr jungen Menschenrechtsanwältinnen und -anwälten aus der ganzen Welt. Meine südafrikanischen Freunde berichten von weiteren Problemen: Der junge Anwalt Dmitri Holtzman setzt sich mit seiner Organisation Equal Education für das Menschenrecht auf Bildung ein, ein schwieriges Unterfangen angesichts des privatisierten Bildungssystems in Südafrika. Charles Abrahams verklagt mit seiner Kanzlei vor allem multinationale Unternehmen, die unter gesundheitsschädlichen und menschenunwürdigen Bedingungen produzieren.

Und dann ist da noch das nach wie vor unaufgeklärte Massaker von Marikana, bei dem am 16. August 2012 Polizisten 34 Platinminen-Arbeiter erschossen, die für höhere Mindestlöhne streikten. Die Arbeit der staatlichen Untersuchungskommission zieht sich hin. Bisher sind weder die entscheidenden Polizeioffiziere angehört, noch die Schützen identifiziert worden – geschweige denn, dass die Rolle des Bergbauunternehmens Lonmin geklärt worden wäre.

Die formale Freiheit und die Wahlfreiheit – am 7. Mai hat Südafrika ein neues Parlament gewählt – hat die Generation um Ahmed Kathradra erstritten, das ist ihr historisches Verdienst. Nun liegt es an den nachfolgenden Generationen und vielleicht neu entstehenden politischen Formationen, die sozialen und wirtschaftlichen Rechte zu erkämpfen, die zum Beispiel in der Freedom Charter und der südafrikanischen Verfassung festgelegt sind.

Es gibt viel zu tun in Südafrika. Und es wäre schön, wenn die westlichen Regierungen und Unternehmen dieses Mal auf der Seite der Mehrheit der südafrikanischen Bevölkerung stünden.

Wolfgang Kaleck ist Berliner Rechtsanwalt und Generalsekretär des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR). Kaleck hat sich in den vergangenen Jahren mit Menschenrechtsverletzungen in Argentinien bis Abu Ghraib und Kolumbien bis Philippinen beschäftigt; aktuell ist der NSA-Whistleblower Edward Snowden einer seiner Mandanten.

7 Kommentare


  1. Ehrlich gesagt finde ich den Rassismus in RSA nicht so heftig wie bei uns.
    Es ist immer leicht, mit dem Finger auf andere Länder zu zeigen und zu
    kritisieren. Aber in RSA gibt es dunkelhäutige Piloten, Ärzte, Sozialarbeiter,
    Polizisten usw. Und bei uns müssen sie im Kaufland mit dem Besen sauber
    machen, behördlich angeordnet!


  2. Die Hauptprobleme Südafrikas sind vom ANC verschuldet;
    – die AIDS-Krise, die mit bis zu 40% Durchsuchung große Teile der schwarzen Bevölkerung ins Elend gestürzt hat. Sie wurde unter Mandela ignoriert, während sein politischer Ziehsohn Mbeki aktiv gegen AIDS-Aufklärer vorging.
    – der brain-drain, der durch die „positive Diskriminierung“ der Weißen die gebildete weiße Mittelschicht aus dem Land trieb.
    – die totale Korruption vieler ANC-Politiker
    – die totale Korruption der Polizei, die daran Schuld ist, dass sich nach Einbruch der Dunkelheit keiner auf die Straße traut
    – die Vernachlässigung der Infrastruktur, von permanenten Stromausfällen bis zu all den Schlaglöchern in den Straßen

    Da ist es schön, wenn man immer noch die Apartheit als Sündenbock benutzen kann, Mugabe in Simbabwe versucht es auch immer noch, nur gibt kaum noch einen naiven Europäer, der es ihm glaubt.


  3. Das angeblich privatisierte Bildungssystem Südafrikas zum Problem auf dem Weg zum Menschenrecht Bildung abzustempeln ist doch bar jeder Vernunft. Das Land hatte einmal ein ziemlich gutes öffentliches Schulsystem. Es brachte Leute wie Mandela und Tutu hervor. Wenn man sich anschaut, wie die Alphabetisierungsrate und andere Indikatoren bis in die 90er Jahre stets nach oben zeigten, muss man das anerkennen.

    Aber es wurde kaputt gemacht in diesem Selbstbedienungsladen, zu dem das Land verkommen ist. In den staatlichen Schulen, beispielsweise in der Provinz Limpopo im letzten Schuljahr, kamen selbst in reichen Innenstadtschulen keine, die falschen, oder zu wenig Lehrbücher an. Die Eltern mussten sie ihren Kindern extra besorgen. Ein Beispiel unter hunderten. Die Situation in Townships und auf dem Lande ist noch schlimmer. Da gibts aber keine solventen Eltern, die sich darum kümmern können.

    Natürlich weicht also jeder, der es kann, auf das private System aus – ein System, was verlässlich arbeitet, weitaus bessere Bedingungen bietet, als hierzulande, und gute Schüler, Studenten und Akademiker produziert. Wer jetzt also das funktionierende private Bildungssystem, das übrigens im englischen wurzelt und hundert Jahre Tradition hat, als schlecht bezeichnet, der denkt doch um die Ecke. Da funktioniert in Südafrika mal irgendwas – und es soll schlecht sein?! Die Regierung/Verwaltung scheint mir das Problem.


  4. „- der brain-drain, der durch die “positive Diskriminierung” der Weißen die gebildete weiße Mittelschicht aus dem Land trieb.“

    Weil natürlich nur die „Weißen“ gebildet sind.

    Lassen Sie mich Ihnen sagen, dass ich auf meinen Reisen durch Südafrika viele „Schwarze“ mit Universitätsabschluss kennengelernt habe.

    Insofern sage ich: Lass sie gehen, sie werden nicht vermisst werden.


  5. Eines noch:

    „Da ist es schön, wenn man immer noch die Apartheit als Sündenbock benutzen kann, Mugabe in Simbabwe versucht es auch immer noch, nur gibt kaum noch einen naiven Europäer, der es ihm glaubt.“

    Es ist auch vollkommen unerheblich was die Europäer glauben oder nicht.

    Wenn man die Welt danach ausrichten würde, hätte es ja auch die Kolonialzeit nicht gegeben bzw. mehrer Hundert Jahre Kolonialzeit haben genau Null Auswirkungen auf die heutige Situation.


  6. Ich habe vor kurzem dieses Dokumentation über die Post-Apartheid-Generation gesehen. Ist zwar kurz, aber ganz interessant:

    http://www.youtube.com/watch?v=elrWczhTZBk&list=PLlGSlkijht5gyYNkhTOmpP-3AKawhjkdv


  7. Leider habe ich jetzt eine Playlist gepostet. Ich meine den Film „South Africa’s Post Apartheid Generation „. Der ist an der 6. Stelle der Playlist zu finden.

 

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