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Ein kleiner Sieg innerhalb der großen Niederlage

 

In diesen Tagen fällt es mir schwer, die Fernsehnachrichten zu ertragen. Der drohende Krieg in der Ukraine, der blutige Vormarsch des Islamischen Staates in Syrien und Irak und die Zerstörungen in Gaza lassen mich oft sprachlos zurück, denn vernünftige Lösungen für diese Konflikte sind derzeit wenig realistisch. Umso schöner ist diese gute Nachricht aus Argentinien: Meine Freundin Cristina erzählt, wie sie in einem Laden in Buenos Aires in der Schlange steht, als sie es von ihrer Tochter hört und ihr die Freudentränen kommen. Es ist eine Neuigkeit, die uns alle berührt, einen großen Teil der argentinischen Gesellschaft und uns, die wir daran mitwirken, die Verbrechen der argentinischen Militärdiktatur aufzuarbeiten. Der seit mehr als drei Jahrzehnten verschwundene Enkel von Estela de Carlotto, Guido Montoya Carlotto, 36 Jahre alt, ist gefunden.

Die argentinischen Militärs ließen während ihrer Diktatur 1976 bis 1983 nicht nur 30.000 Menschen verschwinden – wirkliche und mutmaßliche Oppositionelle –, folterten sie und ermordeten sie. Sie eigneten sich auch etwa 500 Kinder ihrer Opfer an. Viele der Verhafteten waren schwangere Frauen, was sie nicht vor Folter wie den berüchtigten Elektroschocks bewahrte. Die Verbrecher ließen die Frauen, zumeist an Händen und Füßen gefesselt, auf Entbindungsstationen innerhalb der Folterlager gebären und töteten die Mutter danach. Die Kinder wurden Familien der Militärs oder ihnen nahestehenden Personen zugeführt.

Und so wie die Mütter von der Plaza de Mayo seit den 1980ern für Wahrheit und Gerechtigkeit für ihre verschwundenen Kinder demonstrieren, versuchen die Großmütter der Plaza de Mayo, das Schicksal ihrer verschwundenen Enkel nachzuvollziehen. Aus den rudimentären Dossiers der ersten Jahre sind umfangreiche Akten und Datenbänke mit Fotos, aber auch genetischen Datensätzen geworden, ab 1989 wurde eine umfassende Gendatenbank aufgebaut. Den Militärs wurde auch auf Druck der Großmütter der Prozess wegen des organisierten Kindesraub gemacht.

Ignacio ist eigentlich Guido

Die in den Diktaturjahren Geborenen, mittlerweile Erwachsene, wurden öffentlich aufgefordert, ihre Daten mit der Datenbank abzugleichen, sollten sie den Verdacht haben, dass ihre Eltern nicht die leiblichen sind. Auf diese Weise wurde mit Guido Carlotto der mittlerweile 114. Enkel wiedergewonnen – recuperado, so bezeichnen die Großmütter diesen Akt des Auffindens und Identifizierens. Denn den Militärs war es nicht nur darum gegangen, ihre Gegner physisch auszuschalten, sie wollten die Erinnerung an sie und ihre aufklärerischen und linken Ideen bis in die nächsten Generationen auslöschen.

Deswegen sind für die Menschenrechtsbewegung die Aufklärung des Schicksals der Verschwundenen und Ermordeten sowie die Rekonstruktion ihrer Identität ebenso wie die Nachforschungen nach den Enkeln auch politische Akte. Jeder wiedergewonnene Enkel ist ein kleiner Sieg innerhalb der großen Niederlage. Die Großmutter von Guido ist allerdings nicht irgendjemand: Estela de Carlotto, die charismatische weißhaarige Grande Dame der Menschenrechtsszene, führt die Abuelas seit Jahrzehnten an und wurde bereits mehrfach für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, ist jedoch in den vergangenen Jahren aufgrund ihrer großen politischen Nähe zu Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner in die Kritik geraten.

Auf der ersten Pressekonferenz – die musste angesichts der viel beachteten Familienzusammenführung sein – machte Carlotto klar, welche Bürde das Enkelsein mitunter bedeutet, als sie Guido als „unseren Enkel, meinen Enkel, den Enkel von allen“ bezeichnet. Guido, ein früh ergrauter Musiklehrer aus der Provinz in Lederjacke war zwar hocherfreut, doch sichtlich nervös und aufgewühlt, als er sich den Kameras und den vielen Fragen der Journalisten zu seiner Person, seinem Leben, seinen Gefühlen äußern sollte. Er insistierte, dass er sich weiter als Ignacio fühle und als solcher angesprochen werden will, er habe sich aber auch mit seinem alten neuen Namen Guido angefreundet hat.

(Eine Reihe weiterer Schicksale von Enkeln schildert übrigens Analía Argento in dem sehr subjektivem, 2010 auf Deutsch erschienenem Bericht „Paula, du bist Laura“.)

Wolfgang Kaleck ist Berliner Rechtsanwalt und Generalsekretär des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR). Kaleck hat sich in den vergangenen Jahren mit Menschenrechtsverletzungen in Argentinien bis Abu Ghraib und Kolumbien bis Philippinen beschäftigt; aktuell ist der NSA-Whistleblower Edward Snowden einer seiner Mandanten.

5 Kommentare


  1. „… ist jedoch in den vergangenen Jahren aufgrund ihrer großen politischen Nähe zu Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner in die Kritik geraten.“

    Tatsächlich? Hätten Sie die Güte, mir zu verraten, von wem diese parteipolitische Kritik herrührt?

    Im übrigen verweise ich auf meinen Beitrag „Liebe ZEIT-Redaktion“ (06.08.2014).

  2.   iboo

    Leider muss man ergänzen, dass bei der Sache wohl auch ein deutscher Konzern eine ziemlich unrühmliche Rolle spielte:

    http://vg01.met.vgwort.de/na/997df9560cb326f9e0bddf26e1cc79?l=http://www.gabyweber.com/dwnld/artikel/die_geraubten_babys/geraubten_babys_MB.pdf

  3.   TDU

    Verdienstvoll dieser Artikel. Wurde doch die Nachricht vom wiedergefundenen Enkel in der Zeit eher als „gesellschaftliches“ Ereignis gewertet und entsprechend kommentiert. Über das „warum“, ähnliche Vorkommnisse in der DDR?, will ich nicht spekulieren. Jedenfalls wird Pinochets Diktatur eher kritisiert. Vielleicht, weil in Argentinien die Handschrift der USA nicht so leicht zu erkennen und zu kritisieren ist.

    Dass die Zusammenführung im Einzelfall problematisch sein könnte, spricht nicht gegen die Aktivitäten der Bewegung. Alle Beteiligten, auch die Presse, müssen halt mit der gebotenen Einfühlsamkeit agieren.


  4. OFFENER BRIEF AN HERRN WOLFGANG KALECK

    Sehr geehrter Herr Wolfgang Kaleck,

    den oben erwähnten Beitrag habe ich mit voller Aufmerksamkeit gelesen – ein wohltönendes Musikstück in drei Sätzen: a) il mondo – una porca miseria; b) allegro moderato nel mezzo della porca miseria; c) l’Argentina, una porca miseria anche. Denn Ihr Lobgesang auf Frau Carlotto klingt dahin aus, diese sei „jedoch in den vergangenen Jahren aufgrund ihrer großen politischen Nähe zu Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner in die Kritik geraten“ – eine m. E. im Zusammenhang vollkommen unnötige Zutat.

    Dabei übersehen Sie zwei Fakten:

    1) Auf die argentinische Militärdiktatur sind mehrere, demokratisch gewählte Präsidenten gefolgt. Zur Amtszeit des Präsidenten Alfonsín standen die Hauptvetreter der Militärdiktatur vor Gericht und wurden verurteilt. Präsident Menem amnestierte sie dann alle. In der sog. Kirchner-Ära wurden sie erneut vor Gericht gezogen und verurteilt. Wurden und werden – denn manches läuft noch. Und diesmal alle, nicht nur die Hauptvertreter. Nie hatte sich eine argentinische Regierung so sehr für die human rights eingesetzt. Wo sonst könnte sich die „liebe Estela“, die jahrzehntelang nach dem eigenen Enkel gesucht hatte, politisch wohl fühlen?

    2) Keineswegs sind die argentinische Militärdiktatur oder z. B. das Dritte Reich ab-solute Ideen, die ab-solut agieren. ‚ab-solut‘ meint hier ‚ohne Anhänger‘. JENE Anhänger sind teilweise nicht mehr da. Aber Anhänger gibt es immer noch. Heutzutage –und Gott sei Dank- drücken sich DIESE Anhänger parteipolitisch aus. Wenn Sie also unnötigerweise von parteipolitischer Kritik an Frau Carlotto berichten, wäre es schon wünschenswert, Sie verrieten uns gleichzeitig auch, wo genau diese (allgemeine?) Kritik herrührt. Leere Antworten wie „die freie Presse“, „unabhängige Beobachter“ und dgl. nehme ich nicht an.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Luciano A. Cordo.


  5. Ad kalendas Graecas?

 

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