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Die harmlosen Garnelen und Kant

 

Aus unserer Serie: Einführung in die Philosophie

Wir prüfen mit Kant, ob konventioneller Konsum vertretbar ist.

Was kann ich guten Gewissens noch kaufen? © ZEIT ONLINE/David Füleki
Hackfleisch aus Massentierhaltung, Socken aus Bangladesch, in Sklaverei gefischte Garnelen: Was kann ich guten Gewissens noch kaufen? © ZEIT ONLINE/David Füleki

 

Was kann ich essen? Was darf ich kaufen? Was kann ich importieren? Was ist nachhaltig? Fairtrade-Produkte, lokaler Einkauf, Vegetarismus und Veganismus sind im Kommen. Kaum ein Lebensmittelladen, der nicht mindestens ein Bio-Regal anbietet, Bio-Supermarktketten eröffnen allerorten, viele klassische Importwaren wie Kaffee oder Kakao bekommt man überall auch in einer Fairtrade-Variante. Auf Bahnsteigwerbungen prahlen Eishersteller offensiv mit dem Fairtrade-Label. Doch an der Idee, den Markt durch sein Konsumverhalten verändern zu können, gibt es Zweifel: „Wenn Du so anfängst, darfst Du gar nichts mehr essen“. „Wir können doch eh nichts ausrichten“. „Die da oben kümmern sich doch auch nicht darum“. Aber: Bedeutet, dass man wenig ändern kann, gleichzeitig, dass es gut ist, wie wir konventionell konsumieren?

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Es ist Anfang 2014 und Sie stehen im Discounter, umgeben von braunen Fliesen, Neonlicht, Bananenduft. Vor Ihnen eine überbordende Auswahl an billigen Lebensmitteln, die sich eng gepackt auf den Regalen stapeln. Sie wissen: Irgendwie müssen diese günstigen Preise zustande kommen, und Sie wissen auch, dass dies teils durch die Arbeitsbedingungen der Hersteller, teils durch die niedrigen Lohnniveaus in fernen Herstellerländern und entsprechend lange Transportwege erzielt wird.

Fragen Sie sich einmal bevor sie kaufen: Bei welchem Produkt verursacht der Kauf am meisten Leid, bei welchem am wenigsten?

Es gibt: Socken, hergestellt in Bangladesch, Äpfel aus Südamerika, Weintrauben aus Indien, Hackfleisch, dessen Herkunftsland nicht auszumachen ist, Mineralwasser aus Südeuropa und einiges mehr. Auch Garnelen sind im Sortiment.

Die einfachste Methode, zu erheben, wie gut oder schlecht der Einkauf sein kann, ist eine Folgenabschätzung. Diese Folgenabschätzung ist ein Verfahren, um die Konsequenzen einer Handlung zu erkennen. Man tut dies, um im sogenannten konsequenzialistischen Denken den moralischen Wert einer Handlung festlegen zu können. Dazu muss man aus verschiedenen Faktoren eine Bilanz bilden. Die Faktoren sind: 1.) Die Arten der Konsequenzen der Handlung, 2.) das Glück, das die Handlung bei den Betroffenen hervorruft, 3.) das Leid, das die Handlung bei den Betroffenen hervorruft und 4.) die jeweilige Anzahl der positiv oder negativ betroffenen. Man kann sagen: Die Folgen des Einkaufs machen seinen moralischen Wert aus.

Die schlechteste Wahl

Nehmen wir einmal an, Ihr gedankenschwerer Einkauf hätte im Januar 2014 stattgefunden und Sie hätten sich dafür an eine Filiale des Discounters Aldi Nord gewendet. Über die Produktionsbedingungen von Garnelen-Produkten bei Aldi Nord konnte Ihnen bis dahin noch nichts bekannt sein. Sie sortierten also die Produkte nach moralischem Wert: Welches hat am wenigsten negative Folgen? Hackfleisch verursacht Leid bei den geschlachteten Tieren, eventuell bei den Arbeitern in der Fabrik, und je nachdem, woher es herbei gefahren wurde, ist die Klimabilanz schlecht. Die Katastrophen und Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken der Entwicklungsländer, aus denen das besagte Sockenpaar stammt, sind Ihnen hinlänglich bekannt. Ganz klar: Für jedes der zum Verkauf stehenden Produkte sind Szenarien denkbar, die für eine schlechte Bilanz sprechen. Und weil es schwer fällt zu entscheiden, welches denn nun der „schlechteste“ Einkauf ist, sammeln sich während unserer Folgenabschätzung möglicherweise fast alle Produkte am unteren Ende der Werte-Skala.

Garnelen_Jon_Worth Kant Ethik
CC BY 2.0 Jon Worth

Passiert dies, ist unser Experiment geglückt: Denn beim Versuch einer genauen Folgenabschätzung gibt es eine ganze Reihe Probleme, die das Experiment zeigen kann. Es ist zum Beispiel nicht einfach, die Folgen seines Einkaufs abzuschätzen. Es ist nicht einfach, abzuschätzen, wie intensiv das Leid oder Glück ist, das der Einkauf verursacht, denn für Glück oder Leid gibt es keine Maßeinheit. Es ist nicht einfach, abzuschätzen, wie viele Menschen das hervorgerufene Glück oder Leid in erster Linie oder als indirekt Betroffene empfinden. Damit sind die grundlegenden Probleme der konsequenzialistischen Folgenabschätzung, oder des hedonistischen Kalküls, herausgestellt.

Konsequenzialistisches Denken hat also seine Schwächen, wie wir weiter auch sehen werden. Infolge dieser Schwächen und Unsicherheiten kann man viele Verhaltensweisen rechtfertigen.

Alles nicht so schlimm?

Mitte Juni wird bekannt: Möglicherweise sind manche Garnelenprodukte des Discounters Aldi Nord in Sklavenarbeit entstanden. Gemeint ist nicht Sklavenarbeit im übertragenen Sinne, sondern es geht um Sklaven, die ohne Lohn unter Zwang auf den Kuttern festgehalten werden. Gehen wir für unseren Zweck einmal davon aus, dass dies stimmt und dass die Garnelen, die Sie schlussendlich kauften, wirklich betroffen waren. „Damit konnte keiner rechnen!“, könnten Sie im wahren Wortsinne einwenden, denn sonst hätten Sie die Garnelen beim Glückskalkül sicherlich schlechter bewertet. Und wenn wir konsequenzialistisch werten, sind die Auswirkungen Ihres Einkaufs auch tatsächlich verschwindend gering. Mit anderen Worten: Die Produkte der betroffenen Firma CP Foods werden weltweit von Millionen Menschen gekauft. Damit ist die Leidbilanz ihrer zwei Garnelenpackungen nicht so schlimm. Zwar hatten Sie Anteil am Leid von Sklaven, aber das nur in verschwindend geringem Maße. Und überhaupt: Wir kennen doch die Probleme des Glückskalküls – und wie hätte man solche Auswirkungen erwarten können? „Man denkt doch nicht an so etwas, wenn man einkaufen geht!“ Urteilen können hätten Sie kaum. Und vielleicht haben Sie ja sogar in einer Filiale eingekauft, die beinahe geschlossen worden wäre. Dann hätten Sie durch Ihren strukturfördernden Einkauf vielleicht sogar eine Menge Glück bei den heimischen Angestellten des Discounters erzeugt, und zwar soviel, dass es Ihren geringen Anteil am Sklavenleid aufwiegt. Also: Alles nicht so schlimm und es sind Ihnen keine Vorwürfe zu machen. Korrekt?

Probieren wir es einmal mit dem Kategorischen Imperativ: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die zu zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Der Verallgemeinerungstest („kann ich meinen Handlungsgrundsatz zum allgemeinen Gesetz machen wollen?“) ist im Beispiel von der Sklavenarbeit zunächst nicht ganz einfach. Probieren wir die Verallgemeinerung einmal:

Die Handlung: Wir kaufen billige Garnelen vom Discounter, die in Sklavenarbeit gefischt worden sind.

Die abgeleitete Maxime: Willst Du billige Produkte, greife auf Sklavenarbeit zurück.

Denken wir uns diese Maxime als allgemeinen Handlungsgrundsatz: Zugegeben, sie mag merkwürdig sein. Kant stellt ja aber die Frage, ob wir es wollen können, dass man die Maxime verallgemeinert. Damit wir es nicht wollen können, müsste sich an der Maxime ein logischer Widerspruch ablesen lassen, der dazu führt, dass sich die Maxime, mit den Worten Kants, selbst zerstört. (Wie das aussehen kann, haben wir hier anhand des Beispiels vom Versprechen gezeigt.) In unserem Beispiel ist das offenbar nicht der Fall. Also ist es legitim, Sklaven für uns arbeiten zu lassen. Korrekt?

Natürlich ist es das nicht. Passenderweise hält Kant für unseren aktuellen Fall ein wichtiges Puzzlestück für uns bereit: Die sogenannte Menschheitszweckformel. Kant leitet sie in Umschweifen vom Kategorischen Imperativ ab. Sie lautet:

„Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchtest.“ (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 429; zwischen 60 und 61).

Die Umformulierung passt genau auf unsere Situation. Denn in welchem Fall haben wir es deutlicher damit zu tun, dass wir Menschen bloß als Mittel unseres Handelns sehen, als bei Sklaverei?

Wie kann es aber für Kant so einleuchtend sein, dass die Menschheit oder einzelne Menschen nicht bloß als Mittel verwendet werden dürfen? Der Grund dafür liegt in einer Setzung des Selbstzwecks der Vernunft, die Kant für die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten voranstellt. Darin erstellt Kant eine ethische Theorie, die für alle vernunftbegabten Wesen gelten soll, unabhängig von ihren Interessen und Neigungen und unabhängig von den Situationen, in denen sie sich befinden.

Kants Maßstab des guten Handelns

Interessen und Neigungen können unterschiedlich sein. Würde man sie zum Maßstab des guten Handelns machen, käme man zu lauter Wenn-Dann-Sätzen: „Wenn Du einen guten Ruf haben willst, zieh‘ keine vergammelte Kleidung an!“, oder „Wenn du ein guter Fotograf werden willst, dann wähle deine Motive so, dass andere sie nicht entdecken können!“ Offensichtlich handelt es sich um alles andere als um universale Prinzipien, die immer und für jeden gelten. Unser zweiter Satz zum Beispiel gilt nur dann, wenn ich ein guter Fotograf werden will. Deshalb heißen diese Sätze hypothetische Imperative, also: Handlungsanweisungen, die abhängig sind von ihren „wenn“-Bedingungen.

Der kategorische Imperativ hingegen steht über all dem und gilt in jeder Situation für alle vernunftbegabten Wesen. Damit er das kann, muss er aus dem, was die Vernunft ist, unmittelbar ableitbar sein. Denn alle vernunftbegabten Wesen könnten sich in jeglicher Hinsicht stark voneinander unterscheiden, nur darin nicht: die Begabung zur Vernunft haben sie alle gemein. Kant muss die Vernunft darum als das einzige Kriterium setzen, auf das er sich für sein Projekt beruft.

Laut Kant existiert die Vernunft als Zweck an sich selbst. Das heißt: Sie als Zweck zu haben gilt zunächst einmal für jedes Vernunftwesen unmittelbar und unbedingt. Damit unterscheidet sie sich von allen anderen, individuellen Zwecken. Zum Beispiel „schöne billige Garnelen“ zum universellen Zweck für alle Vernunftwesen zu erheben, wäre offensichtlicher Unsinn. Individuelle Interessen und Neigungen sind eben nicht absolut: Nicht jeder mag – zum Glück! – schön billige Garnelen. Oder anders herum: Wenn ich für alle denkbaren vernunftbegabten Wesen eine einzige Weise bestimmen will, um sie zu behandeln, muss ich fragen, welche Interessen sie teilen, und da individuelle Interessen dafür nicht infrage kommen, bleibt als Kriterium nur die Vernunft. Sie müssen daher mindestens als Zweck behandelt werden, denn sie sind ja vernunftbegabt.

Das ist Kants Ausgangspunkt: Kein anderer Wert hat den absoluten Anspruch der Vernunft, der für alle Menschen geltend gemacht werden kann. Können Sie den Ruhm für alle Menschen verbindlich zum Zweck erklären? Oder den Reichtum? Nein: Nicht jeder Mensch möchte Ruhm, und nicht jeder möchte großen Reichtum; Eremiten legen davon Zeugnis ab. Aber: Alle Menschen teilen die Begabung zur Vernunft. Darum kann man sie keinem anderen Wert ausschließlich unterordnen, oder anders gesagt: Sie zum bloßen Mittel für diesen anderen Wert machen. Dies gilt für alle vernunftbegabten Wesen und ergibt sich aus der Vernunft: Also ist es ein objektives Prinzip.

Wir haben aber durch den Garnelenkauf genau das getan, was Kant in der Menschheitszweckformel ausdrückt: Wir haben Menschen als Mittel für die Erlangung günstiger Garnelen verwendet, ohne ihnen in irgendeiner Weise gerecht zu werden, sei es durch Entlohnung, sei es dadurch, dass wir Ihnen ihre Freiheit zugestanden hätten, zu gehen. Also haben wir gegen Kants objektiv geltendes Prinzip verstoßen und können mit Kant schließen: Unsere Handlung war objektiv schlecht, egal, was wir wissen konnten oder ob es nur zwei kleine Packungen Garnelen waren.

Was halten Sie von der Menschheitszweckformel? Glauben Sie, durch Ihr Konsumverhalten etwas an den Produktionsbedingungen anderswo auf der Welt ändern zu können? Oder lehnen Sie solches Denken ab?

Weiterführende Materialien:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=hpAMbpQ8J7g]

  • In diesem Video analysiert Philosoph Slavoj Žižek die moderne Warenkultur, die die Wiedergutmachung in den Einkaufsprozess integriert: Wer einen Kasten Krombacher kauft, rettet einen Quadratmeter Regenwald. Wer seinen Kaffee bei Starbucks kauft, investiert in fairen Handel und Anbau. Strukturell, meint Žižek, würden diese Maßnahmen nichts an der Armut und Abhängigkeit der Produzenten in der zweiten und dritten Welt ändern, im Gegenteil: Ihre Lage würde sich sogar verschlechtern. (Englisch. Quelle: RSAnimate/YouTube)
  • Keine Garnelen gegessen – keine Sklaven bezahlt? Bei Slaveryfootprint.org können Sie erheben, wie viele Sklaven ungefähr für Sie arbeiten.
  • Aus welchen Ländern stammt die Mode in unserem Kleiderschrank? Und was bedeutet „Made in Bangladesh“ oder „Made in Italy“? ZEIT ONLINE hat die 41 Produktionsländer der zehn in Deutschland meistverkauften Marken zusammengetragen, von C+A bis Jack Wolfskin. Dazu zeigt die ZEIT-ONLINE-Weltkarte generelle Informationen über das Entwicklungsniveau, die Arbeitsrechts- und Arbeitsschutzsituation vor Ort und das Engagement der Modemarken im Hinblick auf Sozialstandards in ihrer Lieferkette. Verändert sich die Industrie nach der Katastrophe von Bangladesch? Diese Infografik gibt Aufschlüsse. (Quelle: ZEIT ONLINE)

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