Durch die WM mit der brasilianischen Wunderbeere

Baskets of acai berries sit on a truck waiting to be taken to market in Abaetetuba
Die Beere in Reinform (Foto: Paulo Santos/Reuters)

Sie werden lachen, aber so eine WM ist eine anstrengende Sache. Das Turnier hat noch nicht einmal begonnen, schon hat mich der brasilianische Alltag so gut wie verschlissen. Dass ich mit meiner Wohnung in Rio de Janeiro auch zwei Katzen gemietet habe, kann ich, obwohl eher Hundetyp, noch verschmerzen. Sie verheddern sich am liebsten in meinen mitgebrachten Ladegeräten, von denen eines (Smartphone) problemlos in brasilianische Steckdosen passt, das andere (Notebook) jedoch nicht. Ein technisches Rätsel, das ich wohl bis zum Finale nicht gelöst haben werde.

Schon anstrengender: Für den Erwerb einer brasilianischen SIM-Karte sollte man sich als Ausländer mindestens einen halben Tag Zeit nehmen. Nur das geballte Wissen von etwa sechs SIM-Karten-Verkäuferinnen kann am Ende des (halben) Tages weiterhelfen. Wer dann fröhlich aus dem Laden läuft und träumend eine erste SMS in die Heimat tippt, der wird durch die Gefahren des Straßenverkehrs wachgerüttelt. Autos und Busse brettern durch Rios Straßen, dass einen der Fahrtwind fast vom Bürgersteig fegt.

Und selbst am Strand, dem Sehnsuchtsort jedes Teutonen, ist alles nicht so einfach. Schon von Weitem fallen wir auf, mit unseren blassen, schlappen Körpern. Die Brasilianer sitzen breitbeinig daneben, grinsen und streicheln über ihre braun gebrannten, öligen Muskeln. Wer es dann noch wagt, ein Buch in die Hand zu nehmen, braucht sich nie wieder hintrauen. Ein Buch! Am Strand! Wo es da doch so viel zu sehen gibt. Gehst du auch mit einem Buch ins Fußballstadion? Das fragte mich mal ein braun gebrannter, öliger Muskelmann.

Ja, sie raubt schon jetzt Kraft, diese WM. Doch es gibt Hilfe. Eine kleine, dunkelblaue Beere wird mich durch das Turnier tragen. Eine wahre Wunderbeere, ohne die in Rio de Janeiro schon längst nichts mehr geht. Sie ist eine natürliche Droge, Rios Red Bull, bloß ohne Dosen. Vergessen Sie die Strände, den Samba, den Jesus. Der einzig wahre Grund in diese wundervolle Stadt zu reisen heißt: Açaí.

Vor 20 Jahren kannte die kleine, dunkelblaue Beere außerhalb der Amazonas-Region noch niemand. Sie wächst nur dort auf den sogenannten Kohlpalmen. Mittlerweile ist sie Teil der brasilianischen Strandkultur. Jede Saftbar, jeder Sandwichladen, der sie nicht im Angebot hat, kann eigentlich dicht machen. Die Beere macht stark, gibt Energie und soll auch als Aphrodisiakum wirken. Es gibt Erzählungen, wonach sich der Kinderwunsch bei einigen brasilianischen Paaren erst nach regelmäßigem Açaí-Konsum eingestellt hat.

Dabei sieht das Zeugs zunächst einmal aus wie ein Haufen Schlamm. Açaí wird halbgefroren als eine Art Sorbet gelöffelt. Der Geschmack erinnert an eine Mischung aus Himbeeren, dunkler Schokolade und einer Handvoll Mutterboden. Erst nach einem halben Becher fängt es an, zu schmecken. Nach zwei Bechern ist man süchtig.

acai
Die Beere zum Löffeln (Foto: Christian Spiller)

Açaí soll vor Herzinfarkt und Krebs schützen. Die Beere strotzt vor Vitaminen und hat Kalorien ohne Ende. Oft gibt es sie mit viel Zucker, geschreddertem Müsli und anderen zermanschten Früchten. Die großen Becher nennen sich dann Açaí Bombada oder Super Energético. Wie gemacht für die körperbessenen Cariocas, die Einwohner Rios. Tim Wiese würde es lieben.

Das Schöne an der Beere: Sie verdirbt schnell, weshalb sie in ihrer echten Form nicht weit über Brasilien hinauskommt. In den USA gab es vor ein paar Jahren mal einen Boom, allerdings mussten die Amerikaner sich mit der Pulverform begnügen. Ein toller Anachronismus im Zeitalter der Globalisierung: In einem Teil der Welt wollen es alle, in einem anderen hat man noch nie etwas davon gehört.

Darauf ein Buch am Strand.

 

Sperrgebiet Traumstrand

Der DFB ist in Brasilien in einem Dilemma. Einerseits soll sich die Nationalelf in Ruhe auf das WM-Turnier vorbereiten. Andererseits versteht sich der Verband als Botschafter Deutschlands. Der DFB wolle ein Teil Brasiliens sein, sagte Oliver Bierhoff während der Eröffnungspressekonferenz am Montag: „Wir wollen das zweite Team der Brasilianer sein.“

Das Dilemma führt zu rhetorischen Anstrengungen. Die Delegation und die Mannschaft hätten sich von der brasilianischen Lebensart beeinflussen lassen, sagte Bierhoff. Sie hätten sich darauf vorbereitet, sich zu arrangieren. Das eine oder andere „Problemchen“ sei bereits gelassen gemeistert worden. „Mit Widrigkeiten muss man in Brasilien klarkommen“, sagte der Manager des Nationalteams.

Deutschlands neue Mauer
Deutschlands neue Mauer (Copyright O. Fritsch für ZEIT ONLINE)

Als ein Journalist wissen wollte, welche Widrigkeiten er meine, antwortete Bierhoff: „Da fließt mal das Wasser nicht, und da geht die eine Steckdose nicht.“ Und verwies auf die allseits bekannte Anekdote vom Vortag, als der Reisebus des DFB zunächst nicht die Fähre verlassen konnte, die den Fluss Joao de Tiba überquert.

Das klang ein bisschen nach Abenteuer im Urwald. Das klang dem ehemaligen CDU-Politiker Friedrich Merz, der seine bürgerliche Sauerländer Jugend nachträglich mit wilden Storys frisieren wollte, mit angeblichen Fahrten auf dem Moped.

Helmut Sandrock, der Generalsekretär, sagte auf der gleichen Pressekonferenz: „Wir sind freundlich begrüßt worden – von Menschen, Frauen und Kindern.“ Ein Versprecher, freilich, aber vielleicht bezeichnend dafür, dass uns Deutschen die diplomatische Eleganz nicht im Blut liegt. Zur Frage, ob die sozialen Proteste und das Fifa-Desaster die WM in Brasilien beeinträchtigen könnten, sagte Sandrock: „Dazu werden wir uns zu gegebenem Zeitpunkt äußern.“

Der DFB hat sich zur Mission Titelgewinn in eine Traumwelt zurückgezogen, manche sagen in eine Parallelwelt. Er hat nicht eins der Quartiere gewählt, das die Fifa vorgeschlagen hat, sondern eins, das erst gebaut werden musste: das Campo Bahia in Santo André. Zugänglich ist der Abschnitt nur über eine Fähre. Andere Teams residieren in den Metropolen Rio und Sao Paolo (und werden nun mit U-Bahn-Streiks bestraft). Der DFB hat sich in ein Nest am Atlantik einquartiert, das keine tausend Einwohner zählt. Sie leben an einem Traumstrand. Manche von ihnen leben aber auch in armen Häusern und an Sandstraßen. Einige Läden sind in Garagen untergebracht.

Santo André erlebt nun staunend die Invasion der Deutschen. Am nördlichen Ende des Orts hat der DFB einen Trainingsplatz mit perfektem Rasen und Flutlicht bauen lassen, mitten im Naturschutzgebiet. Das Teamhotel ist abgeschirmt. Davor stehen Militärpolizisten mit Gewehren. Sie bewachen auch den Trainingsplatz während des Trainings, ihn umgibt ein Zaun mit Sichtschutz. In den wenigen Restaurants spricht man nun Deutsch.

Die Leute im Ort sind den Fremden gegenüber zwar aufgeschlossen, das sah man beim Empfang am Sonntag. Bloß bietet sich ihnen ein ungewohntes Bild. Sicherheitskräfte sehen sie hier sonst selten. Und der kolonnenhafte Verkehr der riesigen deutschen Delegation samt einem riesigen Appendix namens Presse provoziert irritierte Blicke, auch Ansätze von Trotz. Auf dem Mittelstreifen der einzigen asphaltierten Straße bewegt sich ein schwarzer Hund auch dann nicht vom Fleck, wenn von zwei Seiten Autos auf ihn zufahren (was nie passieren dürfte, wenn nicht gerade WM ist).

Manche Leute in Santo André merken nun, dass sie für die nächsten Wochen in einem Sperrgebiet leben werden. Einwohner bestimmter Zonen müssen sich ausweisen, wenn sie ihr Haus betreten wollen. Kinder fühlen sich auf dem Weg zur Schule behindert, es gibt einige Facebook-Einträge dazu.

Spricht man mit Einheimischen, ist augenzwinkernd die Rede von der Invasion der deutschen Armee. Folha, eine der wichtigsten Zeitungen Brasiliens, schreibt: „Deutschland baut die Mauer wieder auf.“ Das ist weit übertrieben. Doch eine Straßenverkäuferin, die in der Nähe der Deutschen wohnt, lässt sich in dem Artikel mit den Worten zitieren: „Ich empfinde es als demütigend. Wer sich hier auszuweisen hat, sind die Zugereisten, und nicht ich. Ich bin hier geboren.“

Die Spieler bekommen davon wohl nichts mit. Sie sollen ja auch ein Fußballturnier gewinnen. Am Montag gab es eine nette Geste gegenüber den Einheimischen. Zu Besuch waren die Pataxó, ein indigenes Volk. Sie kamen mit Federschmuck und Pfeil und Bogen. Sie feierten Miroslav Klose, der Geburtstag hatte, mit einem Ständchen. Von Journalisten sammelten sie Autogramme und ließen sich zu „Deutschland, Deutschland“-Chören verleiten. Lukas Podolski machte eine Art Polonaise mit ihnen, vielleicht auch weil er sich wie beim Karneval in Kölle fühlte.

 

Beim Empfang am Sonntag wirkten die deutschen Profis in ihren schwarzen Hemden und hinter dunklen Sonnenbrillen noch nicht voll akklimatisiert. Man wünscht ihnen eine Spur der Leichtigkeit, die man etwa den Holländern nachsagt, und von denen es heißt, sie spielten in Rio am Strand. Sie kommt sicher auf dem Platz.

Am Dienstag fragte eine argentinische Journalistin auf der Pressekonferenz Philipp Lahm und André Schürrle nach ihrer Meinung über den Artikel in Folha. Die beiden Spieler schwiegen kurz irritiert, dann antwortete ein Sprecher des DFB, das Sicherheitskonzept sei mit den lokalen Behörden abgestimmt – und bevor Lahm etwas zu sagen wollen schien: „Nächste Frage, bitte.“