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Ernst Nolte I: Der Faschismus als Epochenphänomen und der „kausale Nexus“

 

Als Prof. Ernst Nolte im Jahr 1963 sein Hauptwerk „Der Faschismus in seiner Epoche“ veröffentlichte, ahnte wohl niemand, dass er knapp zwei Jahrzehnte später als „revisionistischer Historiker“ verfemt werden würde. Überraschend erscheint dies nicht nur, weil die Kernfrage des Historikerstreits des Jahres 1986 lediglich eine Weiterentwicklung von Noltes Grundthese darstellt, sondern ausgerechnet die politische Linke seinen Thesen anfänglich wohlwollend gegenüber stand.

Nolte, geboren im Jahr 1923 in Witten an der Ruhr, studierte zunächst Philosophie, Germanistik und Gräzistik. Im Jahr 1952 promovierte er ausgerechnet mit einer Arbeit über den Begriff der Entfremdung im deutschen Idealismus und bei Karl Marx. Im Jahr 1963 schließlich veröffentlichte er nach historischen Studien das umfangreiche Werk „Der Faschismus in seiner Epoche“, das im Jahr 1964 außerdem als Habilitationsschrift angenommen wurde. Die Wirkung dieses Buches war so außerordentlich groß, dass Nolte bereits im Jahr 1965 in Marburg zum ordentlichen Professor für Neuere Geschichte ernannt wurde. Innerhalb der Geschichtswissenschaft wurde der Schüler Martin Heideggers und autodidaktische Historiker Nolte dabei seinen Ruf, eigentlich ein Philosoph zu sein, bis heute nicht los. Dabei machte er nie ein Geheimnis daraus, dass ihn eine „innere Grenze“ von Heidegger trenne und er die „sehr subtilen und auch rätselhaften Seiten der Heideggerschen Philosophie“ bis heute kaum zu verstehen vermag. Vielleicht auch deshalb wird umgekehrt der „Philosoph“ Nolte innerhalb der Philosophie kaum zur Kenntnis genommen.

Noltes Faschismustheorie stieß in der politischen Linken der Bundesrepublik allein schon deshalb auf Wohlwollen, weil sie einen Gegenpol zur Totalitarismusdoktrin des bürgerlichen Lagers darstellte: Während letzteres u.a. mit Hannah Arendt Sowjetkommunismus und Nationalsozialismus gleichermaßen als totalitaristische Auswüchse verurteilte, stellte die kommunistische Faschismuskonzeption den Kampf gegen den Faschismus als einer inneren „Notwendigkeit“ des Kapitalismus in den Vordergrund. So bezieht sich bspw. der der Kritischen Theorie verpflichtete H.C.F. Mansilla in seinem Werk „Faschismus und eindimensionale Gesellschaft“ noch im Jahr 1973 überaus positiv auf Nolte, wenn er hervorhebt, dass dieser in seinem Hauptwerk sehr richtig darauf hingewiesen hätte, dass „die Angst als die Grundempfindung Hitlers“ angesehen werden müsste, die ihn zu den überaus brutalen Vernichtungsprogrammen gegenüber den Juden veranlasst hätte. Den italienischen Faschismus und den deutschen Nationalsozialismus dabei gleichermaßen unter den Begriff „Faschismus“ zu subsumieren, begründete Nolte im Rahmen seines ideologiegeschichtlich ausgerichteten Ansatzes u.a. damit, dass nach seiner Ansicht der Antisemitismus als „potentielle Existenz“ in „keinem Faschismus“ gefehlt hätte.

Mansilla hob in der Tat eine der beiden wesentlichen Thesen Noltes hervor. Denn dieser behauptete in „Der Faschismus in seiner Epoche“ erstens, dass der Faschismus ein epochales, also keinesfalls auf Deutschland oder Italien begrenztes Phänomen gewesen sei. Lediglich in den beiden genannten Staaten habe er es jedoch zu einer „echte(n) Volksbewegung“ mit einem „Führer an der Spitze des Staates“ gebracht. Nolte definierte den Faschismus jedoch zweitens mit der Formel „Faschismus ist Antimarxismus“ als eine Reaktion und damit Gegenbewegung zum Bolschewismus. Bereits im Jahre 1963 behauptete er also nicht weniger, als dass es „ohne Marxismus keinen Faschismus“ gegeben hätte. Oder anders formuliert: Ohne Oktoberrevolution im Jahre 1917, ohne Terrorherrschaft der Bolschewiki unter Lenin und Stalin kein angsterfüllter Adolf Hitler, kein Auschwitz und kein Zweiter Weltkrieg. Nolte wollte damit, wie er auch im Jahr 1996 in einem Brief an den französischen Kommunismusforscher François Furet bekräftigte, die Totalitarismustheorie keinesfalls überwinden, sondern in eine „historisch-genetische Version“ verwandeln, die nicht nur strukturelle Übereinstimmungen zwischen Sowjetkommunismus und Nationalsozialismus untersucht, sondern sie vor allem in ein historisches Bedingungsverhältnis zueinander setzt und so einen bestehenden „kausalen Nexus“ zwischen beiden betont.

Nolte sah dabei ganz richtig, dass diese Konstruktion eine erhebliche Nähe zum Denken seiner späteren scharfen Kritiker auf Seiten der politischen Linken aufwies. Und dies betraf bemerkenswerter Weise sowohl den Anspruch eines epochalen Ansatzes wie die These, dass der Nationalsozialismus sein Selbstverständnis im Wesentlichen aus seinem Anti-Bolschewismus zog. Denn es war ja ebenfalls die These der (kommunistischen wie postkommunistischen) Linken, dass der Faschismus als (notwendiges) Produkt des Kapitalismus schlechthin zu verstehen sei und keinesfalls auf Deutschland und Italien begrenzt werden könne. Und es war für sie ebenfalls eine Selbstverständlichkeit, dass sich die Nazis in erster Linie gegen den Bolschewismus richteten. So erklärte bspw. im Jahr 1935 Wilhelm Pieck auf dem VII. Kongress der Kommunistischen Internationale klar und deutlich mit Blick auf die in Deutschland stattfindende Aufrüstung: „Diese Vorbereitung des Krieges ist (…) in erster Linie auf die Vernichtung der Sowjetunion als Herd, Basis und Bollwerk der proletarischen Revolution gerichtet. (…) Sie propagieren den ‚Mythos des Blutes und der Ehre’, die ‚Rassentheorie’, diese Theorie des kriegslüsternen deutschen Imperialismus. Sie predigen den Kreuzzug gegen die Sowjetunion und zur Ausrottung des Marxismus in der ganzen Welt.“

Um so bemerkenswerter erscheinen vor diesem Hintergrund die Ereignisse des Jahres 1986. Nolte stand kurz vor der Veröffentlichung eines neuen großen Buches unter dem Titel „Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945“. In diesem entwickelte er, verkürzt gesagt, die These, dass im 20. Jahrhundert zwischen Bolschewismus und Nationalsozialismus ein zweiter 30-jähriger Krieg stattgefunden habe. Dabei wiederholte er die These vom „kausalen Nexus“ und veröffentlichte am 6. Juni 1986 in der FAZ mit dem Artikel „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ eine Kurzfassung seines neuesten Werkes. Die am meisten zitierten Zeilen dieses Textes waren dabei die Sätze: „Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine ‚asiatische’ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer ‚asiatischen’ Tat betrachteten? War nicht der ‚Archipel GULag’ ursprünglicher als Auschwitz?“

Fortsetzung folgt

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