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Aktionswochen gegen Antisemitismus 2009

 

Tocotronic-Sänger Dirk von Lotzow will das antisemitische, deutsche Süppchen versalzen

Auch in diesem Jahr vernetzt die Amadeo Antonio Stiftung bundesweit vielfältigste Aktivitäten und Aktionen in den Aktionswochen gegen Antisemitismus. In 75 Orten finden 231 Veranstaltungen zum Thema historischer und moderner Antisemitismus statt. Neben Gedenkveranstaltungen zum 71. Jahrestag der staatlich organisierten Pogrome gegen jüdische Menschen in Deutschland, Theater- und Filmvorführungen und Zeitzeugengesprächen, setzen sich die Veranstaltungen auch mit Formen aktuellen Antisemitismus auseinander.

So wird es laut Pressemitteilung beispielsweise vom Sportverein Roter Stern Nordost Berlin e.V. einen Vortrag zu „Antisemitismus im ostdeutschen Fußball“ geben, im ABC Bildungs- und Tagungszentrum e.V. in Drochtersen-Hüll ein Seminar zu „Antisemitismus & Antiamerikanismus in DDR und BRD“, in der Evangelischen Kirche Sterkrade in Oberhausen eine Theateraufführung des Stücks „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ und in Leipzig lädt die „Gruppe Gedenkmarsch“ alle Bürger dazu ein, in Gedenken an die Reichspogromnacht alle Stolpersteine zu putzen. Im Rahmen der Aktionstage „respekt – gegen alltägliche gleichgültigkeit“ in Hamburg am 14./15.11. gibt es neben Zeitzeugengesprächen, Vorträgen Aktionen u.a. auch einen Workshop, der sich mit der Frage beschäftigt, wie Judenfeindschaft, Antizionismus und „Israelkritik“ zusammenhängen. Eine vollständige Übersicht über alle Veranstaltungen findet ihr hier.

Zum Start der Aktionswochen gegen Antisemitismus am 5.11. in Berlin rief Tocotronic-Sänger Dirk von Lotzow dazu auf, das antisemitische, deutsche Süppchen zu versalzen:

„Hallo,

ich will mich kurz vorstellen, mein Name ist Dirk von Lotzow, ich bin unter anderem Sänger und Gitarrist der Rockgruppe Tocotronic.
Ich fühle mich sehr geehrt bei dieser Pressekonferenz zum Beginn der Aktionswoche gegen Antisemitismus eingeladen zu sein. Ich unterstütze diese Aktion von ganzem Herzen, denn ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Antisemitismus keineswegs ein Phänomen ist, dass sich in Deutschland mit dem Aussterben der Nazigeneration von selbst erledigt hat und dass demnach nur noch in einigen wenigen Randgruppen virulent ist. Der alltägliche Antisemitismus lässt sich in Deutschland 2009 keineswegs nur in ostdeutschen Jungmännerbünden oder in schwäbisch islamistischen Zellen aufspüren.

Vielmehr hat der Antisemitismus seinen festen Platz tief in der bürgerlichen Gesellschaft. Gerade auch in den sogenannten „besseren Kreisen“werden antisemitische Ressentiments gehegt und gepflegt und wenn man sich „unter sich“ wähnt auch hemmungslos verlautbart. Hannah Arendt hatte also sicher Recht, als sie schrieb: „Vor dem Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher“, denn er wird, nach den Regeln der Vererbung, in vielen Fällen von Generation zu Generation weitergegeben. Im Klein- und Großstädtischen Milieu gedeiht er vortrefflich, sei es durch kleinliche Widerstände, mit denen sich Aktionen gegen das Vergessen der Shoah immer wieder konfrontiert sehen, sei es durch Schändungen aller Art oder sei es durch bewusste Übertretungen dessen, was latente Antisemiten und Rassisten als „Tugendterror“ bezeichnen. Man wird ja wohl noch sagen dürfen etc pp.

Verbunden mit einem, seit der deutschen Wiedervereinigung erstarkten, „Wir-sind-wieder-wer-Gefühl“, lebt er am Stammtisch wie im Bridgeclub fort, überall dort, wo von „den Juden“ die Rede ist und sich über deren angebliche Macht und Einflussnahme in der deutschen Gesellschaft mokiert wird, überall dort, wo deutsche Juden aufgefordert werden doch „nach Israel“ zu gehen, wenn sie sich als Ruhestörer erweisen und zu vielerlei Anlässen mehr. Gepaart mit unqualifizierten und verschwörungstheoretischen Äußerungen über Nahost, denen stets eine gewisse Häme nachzuweisen ist, ergibt das ein Süppchen, das der Deutsche gerne kocht und verspeist. Lasst es uns gemeinsam versalzen!

Vielen Dank“

Ihr habt vielfältige Möglichkeiten, dazu beizutragen, dass die Suppe ungenießbar wird: Beteiligt Euch an den Veranstaltungen oder organisiert selbst Ähnliches in Eurer Region. Die Aktionswochen könnten ein guter Anfang sein. Anregungen finden sich mit Sicherheit genug.