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Erneut Angriff auf jüdischen Antifaschisten und Holocaustüberlebenden

 

Karl Pfeifer wollte über die extreme Rechte referieren (Foto: c/o LOTTA)

Karl Pfeifer ist 81 und überlebte den Holocaust. Bis heute ist der in Wien lebende Journalist antifaschistisch aktiv, schreibt für die englische Antifa-Zeitschrift Searchlight, für die Jungle World, gilt als ausgewiesener Kenner der Nazi-Szene in Ungarn und engagiert sich seit Jahrzehnten gegen die rechte FPÖ.

Nun sollte in der vergangenen Woche in einem Bielefelder alternativen Kulturzentrum mit Pfeifer ein Vortrag über die extreme Rechte in Ungarn stattfinden. Doch die Veranstaltung musste in einen anderen Raum verlegt werden, weil einige AJZ-Aktivisten den Vortragenden ablehnten: Er sei Gerüchten zu Folge in einer jüdischen Militäreinheit gewesen, die möglicherweise an „Massakern“ beteiligt war und außerdem sei er ja „Zionist“…

Wie redok berichtet, fußt die gesamte Entscheidung der Verweigerung von Räumlichkeiten auf Gerüchten und schlechter Recherche einiger weniger. Um einen umfassenden Einblick in die Ereignisse zu vermitteln, hier der redok-Beitrag in voller Länge:

„Seit vielen Jahren ist Karl Pfeifer als Journalist tätig. Der
81-Jährige kennt sich aus mit Rechtsextremismus und Antisemitismus,
insbesondere in Österreich und Ungarn. Bis zu seinem zehnten Lebensjahr
hat er in Baden bei Wien gelebt; nach dem „Anschluss“ Österreichs an
das Nazi-Reich verließ die Familie das Land und ging nach Budapest.
Doch auch dort nahm die Bedrohung für Juden ständig zu. Mit 14 Jahren
konnte Pfeifer mit gefälschten Papieren in einem der letzten
Kindertransporte der linkszionistischen Jugendorganisation Hashomer
Hatzair, der Budapest noch verlassen konnte, vor der nahenden
Vernichtung flüchten. SS-Offiziere standen an der bulgarischen Grenze
bereit, den Transport aufzuhalten und umzuleiten; nur mit Mühe gelang
es, bulgarische Regierungsstellen einzuschalten und den Transport
durchzubekommen. Ein Jahr später sollten weit über 400.000 ungarische
Juden den Weg nach Auschwitz-Birkenau antreten müssen.

In Palästina angekommen, arbeitete Pfeifer in einem Kibbuz. Mit 17
Jahren ging Pfeifer zum Palmach, der Eliteeinheit der illegalen Hagana,
einer Selbstverteidigungstruppe, aus der dann später die israelische
Armee entstand. Beim Palmach war er von 1946 bis 1948, bis 1950 gehörte
er den israelischen Streitkräften Zahal an. 1951 kehrte er nach Europa
zurück; seit langem lebt er wieder in Wien, wo er seit 25 Jahren als
Journalist tätig ist. Von 1995 bis 2002 betrieben Rechtsextreme externer Linksieben Gerichtsverfahren gegen Pfeifer.


Seine Kenntnisse sind in Österreich und in Deutschland gefragt, wo er
oft Vorträge hält. Zuletzt führte ihn eine Vortrags-Reise nach
Westfalen. Über die extreme Rechte, über Antisemitismus und
Antiziganismus in Ungarn sollte Pfeifer auf Einladung örtlicher Uni-
und Antifa-Gruppen in Münster und Bielefeld erzählen, wo sein Vortrag
im AJZ („ArbeiterInnen-Jugend-Zentrum“) stattfinden sollte. Doch wenige
Tage vor der Vortrags-Veranstaltung stellte sich heraus: dort war
Pfeifer nicht erwünscht. Die Antifa-Gruppe organisierte schnell einen
Ersatzraum, sodass die Veranstaltung zumindest nicht abgesagt werden
musste. „Zwischen allen Stühlen“, heißt ein filmisches Porträt von Karl
Pfeifer; jetzt hatte ihm ausgerechnet ein alternatives Zentrum den
Stuhl vor die Tür gestellt.

Kulturzentrum mit Tradition


In Bielefeld gibt es seit Jahrzehnten das alternativ-autonome externer LinkKulturzentrum AJZ. Gegründet in den wilden 1970er Jahren, hat es externer Linkbewegte und rau-rebellische Zeiten
hinter sich. Auseinandersetzungen mit Neonazis unterstrichen die
Bedeutung des Zentrums auch als politischen Fokus in der Region. Immer
noch findet montags ein „Antifa Café“ im AJZ statt.


Den Antifa-Arbeitsgruppen an der Uni und der Fachhochschule, die Karl
Pfeifer als Referenten eingeladen hatten, schien es daher wohl
selbstverständlich, den Vortrag im AJZ stattfinden zu lassen. Wochen
vor dem geplanten Termin wurde deshalb bei einer „Kneipengruppe“ des
Zentrums angefragt, ob diese als Schirmherr der Veranstaltung am
Donnerstag, den 19.11., mitmachen würde. Zunächst schien es dabei kein
Problem zu geben. Doch am Montag vor der Veranstaltung hieß es dann in
einer Email der „Kneipengruppe“, aufgrund von „Recherchen“ sei
beschlossen worden, die Veranstaltung nicht mitzutragen. Am folgenden
Dienstag trat die „Hausversammlung“ zur regulären Sitzung zusammen –
entsprechend dem basisdemokratischen Konzept des Zentrums das
entscheidende Gremium.

In dieser Versammlung ging es zur Sache. Eine kleine Minderheit
legte ein Veto gegen die Pfeifer-Veranstaltung ein – das war gemäß dem
„Konsensprinzip“ das Aus für den Vortrag im AJZ. Die Vortragsgegner
legten eine „lose Informationssammlung“ ohne Angabe von Quellen vor,
wie ein vorliegendes Gedächtnisprotokoll der veranstaltenden
Uni-Antifa-AG festhält. Damit wurde Pfeifer beschuldigt, einer
militärischen Einheit angehört zu haben, die „an einem Massaker und
Vertreibungen in einem palästinenschen Dorf teilgenommen, bzw diese
durchgeführt“ habe.

Unklar war selbst den Veto-Einlegenden, wann Pfeifer in der besagten
Einheit gewesen war „und wie dieses Massaker abgelaufen ist“. Auch
wurde zugestanden, dass die genannten Informationen nicht sicher seien.

Irgendwas musste für die Bielefelder Kneipengruppe trotzdem wohl an
der Sache dran sein, denn – so im Wortlaut – „Er ist ja Zionist …“.
Ein Verbot sei zudem vollkommen nachvollziehbar, denn Veranstaltungen
mit Mitgliedern des „Schwarzen September“ seien doch ebenfalls
unerwünscht. Damit war die palästinensische Terrororganisation gemeint,
die unter anderem für den Anschlag auf die israelische Mannschaft bei
den Olympischen Spielen 1972 in München verantwortlich war. Und mit
einer derartig als terroristisch entlarvten Gruppierung – wie hier in
diesem Falle per Gleichsetzung des israelischen Militärs mit dem
„Schwarzen September“ – will man offenbar nichts zu tun haben im AJZ.
Es sei denn, die Gruppierung heißt „militante gruppe“, die als
„terroristische Vereinigung“ angeklagt war und sich beim „Antifa Café“
einer solidarischen Aufmerksamkeit und Spendenaufrufen zur juristischen
Verteidigung sicher sein konnte, wie man der Webseite des „Infoladen
Anschlag“ entnehmen kann.

Das Gerücht als fundierte Grundlage durchdachter Entscheidungen

Damit war der Anschlag auf den Pfeifer-Vortrag auf Grundlage eines
Gerüchts perfekt. In früheren Jahren hatte der Philosoph Theodor Adorno
einmal geschrieben, der Antisemitismus sei das Gerücht über die Juden
(Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben).

Obwohl die Mehrheit der basisdemokratischen Hausversammlung
keineswegs die Anwürfe gegen Pfeifer und die Aussperrung mittrug, galt
nun gemäß den gültigen Prinzipien das Veto und die Veranstaltung als
abgelehnt. Im alternativ-autonomen Milieu gibt es keine
Mehrheitsentscheidung, kein Tie-Break wie im Tennis, keinen antiken
Helden zum Durchschlagen eines gordischen Knotens oder gar ein
Krisenmanagement wie in kommerziellen Unternehmen.

Und es gibt keine Öffentlichkeit. Eine Anfrage an das AJZ wegen des
Vorgangs wurde erst nach drei Tagen mit dem lapidaren Verweis auf die
nächste „Hausversammlung“ beantwortet, damit bleibt man auf die
Darstellung der veranstaltenden Antifa-AG angewiesen. Darüber hinaus
bleibt zur Zeit nur die Stille Post mit Andeutungen aus dritter Hand –
Gerüchte eben.

Tribunal oder nicht – jedenfalls lange Bank

Wie es nun in Bielefeld weitergehen soll, ist nicht ganz klar. Auch
die veranstaltende Antifa-AG muss sich erst in der eigenen Gruppe
abstimmen, um eine Stellungnahme herauszugeben. Sie will den Vorgang
aber unbedingt beim AJZ auf den Tisch bringen, soviel steht fest. Eine
Stellungnahme des AJZ kann man frühestens Anfang Dezember erwarten,
denn die „Hausversammlung“ als oberstes Gremium tagt alle vierzehn Tage
dienstags. Dort werde „über das Thema und den weiteren Umgang damit“
gesprochen werden, heißt es inzwischen. „Bei entsprechendem Beschluß“,
so die AJZ-Mitteilung, werde es „zeitnah weitere Informationen geben“.


Was in der Sache besprochen werden soll, ist ebenfalls unklar. Ob nun
ein alternatives Bielefelder Kriegsverbrechertribunal ins Haus steht
oder ein autonomes Beratungskollektiv zur diffizilen Selektion von
Juden in Opfer und Täter, muss sich noch herausstellen. Vielleicht
fällt es aber doch noch jemandem ein, welch ungeheure Anmaßung es
bedeutet, dass sich ausgerechnet Deutsche am Bielefelder Gerüchtshof
als Richter über Überlebende des von Deutschen verursachten Holocaust
aufschwingen, die es gewagt haben, ihr Leben mit der Waffe zu
verteidigen. Die große Mehrheit in der „Hausversammlung“ hatte offenbar
nichts mit den Anwürfen gegen Pfeifer zu tun, doch da ja dort
bekanntlich Basisdemokratie und Konsensprinzip herrschen, kann man auf
solche einhellige Einsicht nicht unbedingt vertrauen.


Der Fall wurde bislang nur externer Linkim englischen Internetforum „Engage“
aufgegriffen, wo die Bielefelder Aussperrung des jüdischen
Antifaschisten Pfeifer mit den Jahrhunderte alten „blood libels“
(Ritualmordlegenden) in Verbindung gebracht wird. Die moderne
„antizionistische“ Version der Mordlegenden wird Pfeifer persönlich und
seiner damaligen Einheit Palmach gerade auch von linken Gruppen seit
Jahren zugemutet. So heißt es etwa, der Palmach sei an einem Massaker
in dem palästinensischen Dorf Deir Yassin beteiligt gewesen. Es hat
offenbar wenig genützt, dass Pfeifer bereits vor Jahren auf Angriffe
von Islamisten und Linksradikalen mit dem Text „externer LinkWarum ich Soldat wurde
reagiert hatte und dass er darauf hingewiesen hat, dass selbst
„antizionistische“ Quellen als Urheber des Massakers nicht den linken
Palmach, sondern externer Linkdie rechtsgerichteten Gruppen Irgun Zvai Leumi und Lochamei Herut Yisrael
nennen. Eine „Liga der Sozialistischen Revolution“ in Österreich hat
ebenfalls schon vor Jahren das Programm für ein Tribunal gegen Pfeifer
skizziert, indem beispielsweise gefragt wurde, in welcher Einheit
Pfeifer gedient habe und wo er 1948 eingesetzt worden war.


Nun kann das Tribunal ja vielleicht in Bielefeld stattfinden,
selbstverständlich basisdemokratisch, konsensprinzipiell und unter
Ausschluss der Öffentlichkeit. Der „Beschuldigte“ wird freilich nicht
zugegen sein. Vielleicht wird die Atmospäre jenem weltbekannten
Tribunal entsprechen, das allerdings öffentlich war, weil es landesweit
vom Fernsehkonzern ABC übertragen wurde und in dem ein Vertreter der
beschuldigten Partei – es war die US-Armee – dem Ankläger den berühmten
Satz entgegen warf:


„Have you left no sense of decency?“
(
Haben Sie keinen Sinn für Anstand übrig?)

Joseph N. Welch, Rechtsvertreter der US-Armee zu Senator Joseph R. McCarthy während einer externer LinkAnhörung des „Ständigen Unterkomitees für Untersuchungen“ 1954.“

Es ist fatal und ein erschreckendes Signal, dass nach den antisemitischen Übergriffen gegen die Filmvorführung des Lanzmann-Films „Warum Israel“ durch sich selbst als links bezeichnende Aktivisten der B5 in Hamburg, erneut ein jüdischer Antifaschist und Holocaustüberlebender aus angeblich linken Kreisen in so ungeheuerlicher Weise diffamiert und angegriffen wird.

Im Falle des AJZ Bielefeld habe ich alter Optimist noch die vage Hoffnung, dass die unsegliche Tragweite dieser antisemitisch motivierten“Aussperrung“ erkannt, sich schnell und unmissverständlich hiervon distanziert und eine angemessene Entschuldigung ausgesprochen wird. Es wird ansonsten unerträglich…

In „Strange days in Germany“ äußert sich Karl Pfeifer zu den Vorfällen in Bielefeld und hier könnt Ihr ein sehr gutes Interview lesen, dass Karl Pfeifer der antifaschistischen Zeitung LOTTA gegeben hat.

6 Kommentare


  1. Kritische Theoretiker unmöglich machen – auch linke!…

    Im Internet herrscht wieder Krieg. Ein paar der antideutschen Reste haben in Hamburg und Bielefeld ein paar Schranken ihrer Betätigung erhalten und opfern nun rum. So weit so langweilig. Nun gibt es das übliche linke Tralala: Demo, Unterstützerlist…

  2.   Jello Biafra

    @ Gefährliche Planetengirls

    Schade, dass ihr eine notwendige Kritik von antisemitischen Vorfällen so plump auf „antideutsch“ reduziert und versucht zu diskreditieren.
    Eine ernsthafte Diskussion wäre sicherlich sinnvoller. Im folgenden zeigt „Blickwinkel“ (siehe No.1), warum das Verhalten in Bielefeld auch unter die Kategorie „Antisemitische Stereotype beeinflussen Entscheidung“ fällt:

    „Analyse:
    Antisemitismus?
    In diesem Zusammenhang stellt sich natürlich die Frage, ob und wenn ja inwieweit diese Situation als antisemitisch zu bezeichnen ist. Die meisten Menschen werden diesen Zusammenhang erst einmal verneinen. Doch dies wäre ein kollosaler Fehler – warum lässt sich sehr eindeutig und auf mehreren Ebenen aufzeigen!

    1. Was auffällt, wenn die Situation betrachtet wird, ist dass im Vorfeld eines Vortrages die Biographie eines Referenten „recherchiert“ wurde. Zum einen würde sich aus Linken Zusammenhängen niemand den Aufwand machen, zu recherchieren, ob beispielsweise ein Mitglied der EZLN an einem Massaker oder einem Mord beteiligt war. Bei einem jüdischen Menschen scheint dies jedoch offensichtlich, in deren verqueren Logik, notwendig. Zum anderen wurde ja nicht einmal recherchiert. Niemand würde über die Richtigkeit einer Veranstaltung und/oder einer_eines Referierenden nachdenken, wenn nicht einmal Fakten sondern nur Mutmaszungen vorliegen.
    Diese besondere Vorsicht und Skepsis gegenüber jüdischen Menschen entspricht der antisemitischen Normalität und wird verstärkt durch durch eine diffuse Menge an Gefühlen und Ressentiments.
    2. Eine Aussage die getroffen wurde, ist offen antisemitisch und beruht auf dem Muster der Täter_innen-Opfer-Verkehrung: Der Vergleich zwischen jüdischen Menschen, die sich nach der Shoa in einem Überlebenskampf befanden und sich deshalb militärisch organisieren und einer palästinensischen Gruppe von Terroristen, die 1972 bei den olympischen Spielen in München die gesamte israelische Mannschaft ermordeten ist nicht nur schlicht falsch sondern auch sondergleichen gefährlich. Dieser Vergleich verkennt real existierende politische Zusammenhänge vollkommen und ist ein weiterer Beweis für die unreflektierte und antisemitisch aufgeladene Stimmung in der betreffenden Situation.
    3. Ein antisemitisches Muster, welches daran anschlieszt, ist das Wunschbild eines jüdischen Menschen, der_die sich vollkommen in einer Opferrolle begreifen lässt und blosz nicht daraus ausbrechen darf. Dieses Bild jüdischen Lebens eignet sich wunderbar, um eine Projektionsfläche zu haben. Wenn dieser Zustand des „Opfer-seins“ nun jedoch aufgebrochen wird und „der Jude“ sich wehrt, dann stürzt das Weltbild zusammen und es kommt zu so grotesken Vergleichen wie dem eben aufgeführten. Dieser Vergleich ist die Konsequenz aus dem absoluten Unwillen, jüdische Menschen nicht nur als das „geschundene Kind“ zu betrachten und eine Vergleichsebene aufzubauen – es bleibt der ungreifbare, nicht fassbare, abstrakte Jude.
    4. Die mehr als einmal auftauchende Verwendung der Bezeichnung „Zionist“ als eine Art wertender Betitelung, zeugt von einem Diskurs, der von „Antizionismus“ spricht aber antisemitische Stereotypen bedient. Das soll in der Konsequenz nicht heiszen, dass jede Äuszerung gegen Zionismus zwingend antisemitisch ist; jedoch lassen sich in der hier anzutreffenden Verwendung des Wortes „Zionist“ als ein abwertendes Mittel gegenüber einem jüdischen Menschen deutliche antisemitische Muster feststellen.“

    Finde ich einleuchtend.

  3.   Rumposter

    Aus den Kommentaren der NW-Bielefeld:

    Stellungnahme der Hausversammlung des AJZ Bielefeld vom 01.12.2009 zu der räumlichen Verlegung der Infoveranstaltung mit Karl Pfeifer am 19.11.2009 Am 01.12.2009 fand ein Treffen im AJZ statt, an dem ca. 100 Personen aus dem AJZ, seinem Umfeld und der Antifa AG teilgenommen haben. Anschließend hat die Hausversammlung diese Stellungnahme formuliert, um den aktuellen Stand der Diskussion festzuhalten. Wir stehen weiter im Diskussionsprozess innerhalb unserer Zusammenhänge und mit der Antifa AG. Wir finden es wichtig, sich selbst und auch unsere Strukturen immer wieder zu hinterfragen und antisemitische, rassistische, sexistische und andere ausgrenzende und unterdrückende Tendenzen, Denk- und Sichtweisen innerhalb der Gesellschaft, aber auch in unseren eigenen Zusammenhängen sichtbar zu machen. Wir begrüßen daher auch ausdrücklich, dass sich auch bürgerliche Medien mit dem Thema Antisemitismus in Deutschland beschäftigen. Uns ist bewusst, dass sowohl durch missverständliche und aus dem Kontext gerissenen Bemerkungen, als auch durch die missverständliche Wiedergabe von Äußerungen, sowie durch Fehlkommunikation innerhalb des AJZ und mit der Antifa AG Dritte angegriffen und verletzt wurden, dafür können wir nur aufrichtig um Entschuldigung bitten – was wir hiermit tun. Uns ist auch bewusst (geworden), dass das Vorgehen der Hausversammlung des AJZ offensichtlich für Personen, die nicht mit selbst verwalteten, autonomen Strukturen vertraut sind, irritierend war und auch insbesondere, dass es in der Zwischenzeit – trotz der massiven Vorwürfe in der Presse – keine Äußerung aus dem AJZ gab. Das liegt an unseren Strukturen, die trotz der Schwächen die sie haben (z.B. Schwerfälligkeit) richtig und gut sind. Wie im AJZ üblich, gilt auch auf der Hausversammlung das Konsensprinzip. Keine Einzelperson kann sich für das AJZ äußern, also auch keine Stellungnahmen an die Presse oder andere Personen abgeben. Und das ist auch gut so. Die Veranstaltung mit Herrn Pfeifer wurde nicht aufgrund des Inhaltes der Veranstaltung (Ungarn 2009: Antisemitismus, Antiziganismus und Neofaschismus) oder der Person Karl Pfeifer verlegt. Diese Entscheidung war weder antisemitisch noch antizionistisch motiviert, sondern war fehlerhafter Kommunikation innerhalb des AJZ und mit der Antifa AG geschuldet. Entgegen der bisherigen Darstellungen wurde weder behauptet, dass Herr Pfeifer an dem Angriff auf Deir Yassin beteiligt war noch wurde gefordert, dass er sich davon distanzieren soll. Es wurde lediglich die Frage aufgeworfen, ob Herr Pfeifer in einer Einheit war, die etwas mit einem Massaker zu tun hatte. Dies, sowie die Tatsache, dass es zu wenige Informationen über den Hintergrund des Referenten gab und nicht abgeschätzt werden konnte, ob dieser dem Minimalkonsens des AJZ entgegen stehen würde, führte zu Bedenken das AJZ für eine Veranstaltung mit Herrn Pfeifer zur Verfügung zu stellen. Um die Bedenken aufklären zu können wären eine genauere Vorbereitung der Veranstaltung, eine bessere Kommunikation über die Informationslage sowie eine Kenntnis der historischen Fakten über das Massaker von Deir Yassin und den paramilitärischen Einheiten in der Zeit vor 1948 in Israel nötig gewesen. Der Vorschlag, mit Herrn Pfeifer Kontakt aufzunehmen, um so die Bedenken ausräumen zu können, wurde von den anwesenden Vertreter_innen der Antifa AG auf Grund des engen Zeitrahmens als nicht praktikabel abgewiesen. Als weiterer möglicher Umgang mit der Situation wurde vorgeschlagen, die Veranstaltung zu verschieben, so dass es Gelegenheit gäbe, sich mit dem Zusammenhang genauer zu beschäftigen, um dann eine Entscheidung treffen zu können. Auch dieser Vorschlag wurde von den Vertreter_innen der Antifa AG abgewiesen, da Herr Pfeifer aus Wien anreisen müsse, und das nur – wie geplant – in Kooperation mit einer weiteren Veranstaltung möglich sei. Es wurde der ausdrückliche Wunsch nach Klärung geäußert, da die Veranstaltung von allen als äußerst wichtig und interessant angesehen wurde. Anders als es nun dargestellt wird, wurde eine Veranstaltung mit Herrn Pfeifer nicht per se abgelehnt. Da die Teilnehmer_innen der Hausversammlung keine andere Möglichkeit sahen, bis zum Veranstaltungstermin die Bedenken auszuräumen, wurde als weitere Option vorgeschlagen, die Veranstaltung an einem anderen Ort durchzuführen. Die Vertreter_innen der Antifa AG zeigten sich mit dem Vorschlag einverstanden und es wurde anschließend gemeinsam über die organisatorische Umsetzung der Verlegung der Veranstaltung diskutiert. Auch wenn bei einigen Personen nach dieser Diskussion eine erhebliche Unzufriedenheit übrig geblieben ist, so wurde weder über die Entscheidung gestritten noch erklärten die Vertreter_innen der Antifa AG, dass sie die Entscheidung nicht mittragen würden. Das Vorgehen der Hausversammlung ist innerhalb der selbstverwalteten Struktur des AJZ der übliche Umgang mit einer Situation, in der es der Hausversammlung auf Grund der Informationslage und des Kenntnisstandes nicht möglich ist, eine abschließende Entscheidung zu treffen. Wir bedauern sehr, dass die Kommunikation zwischen den AJZ´ler_innen und der Antifa AG derart schlecht und ungenau war. Wären die Bedenken der AJZ´ler_innen frühzeitig der Antifa AG mitgeteilt worden, hätte noch recherchiert bzw. mit Herrn Pfeifer kommuniziert werden können. Für diesen Fehler entschuldigen wir uns. Wir bedauern auch, dass die anwesenden Personen der Antifa AG nicht geäußert haben, dass sie die Entscheidung, die Veranstaltung nicht im AJZ, sondern in der FH durchzuführen, anscheinend nicht mittragen wollten. Dies war auf der Hausversammlung nicht ersichtlich. Weiterhin müssen wir uns als Hausversammlung für die Zukunft einen Umgang mit derartig unklaren Informationslage überlegen. Wenn externe Gruppen Veranstaltungen im AJZ machen wollen, sind wir auf Informationen von diesen Gruppen angewiesen. Die Hausversammlung ist der Ort, an dem auch „Gerüchte“ ernst genommen und geklärt werden müssen. In diesem Zusammenhang finden wir auch das Verhalten der Antifa AG problematisch, da diese sich als Veranstalterin, obwohl ihnen in der Absagemail der AJZ´ler_innen eine Woche vor der Veranstaltung mitgeteilt wurde, dass es Unklarheiten bzgl. des Vortragenden gäbe, nicht im Vorfeld um eine Klärung der Unklarheiten bemüht haben. Das veröffentlichte Gedächtnisprotokoll über die Hausversammlung stellt einen Zusammenhang her, den es auf der Hausversammlung nicht gab; es gibt außerdem nur in Fragmenten und mehr als ungenau die Situation wieder. Warum dies und das darauf folgende Presseecho in dieser indiskutablen Art und Weise erfolgt ist, muss in den internen politischen Strukturen geklärt werden, aber nicht in der Art und Weise, wie dies in den letzten Tagen auf etlichen Internetseiten erfolgte, sondern in einer solidarischen und (selbst)kritischen Art, die auch die eigenen Fehler, Vorurteile und Ressentiments mit einschließen muss. Denn es ist selbstverständlich, dass niemand vor Antisemitismus oder Rassismus gefeit ist. Sehr bedauerlich finden wir jedenfalls, dass aus einem hausinternen Kommunikationsproblem und dem Befolgen unserer selbst vorgegebenen Entscheidungsstrukturen eine derartig politisch aufgeladene Debatte wurde, die den tatsächlichen Beiträgen der internen Diskussion nicht gerecht wird. Wir fordern alle Beteiligten auf, von weiterer unsachlicher, konstruierter und falscher Berichterstattung über den „antisemitischen Gerüchtshof im AJZ Bielefeld“ abzusehen. Dies wird der ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema Antisemitismus aus unserer Sicht nicht gerecht. Die Hausversammlung des AJZ Bielefeld

  4.   Alas! member2

    Artikel der Gruppe Alas! (Denkbewegung Bielefeld) über den Umgang des AJZ Bielefeld mit Karl Pfeifers Vortrag und die anschließende, so genannte „Stellungnahme“ des AJZ:
    http://www.redok.de/content/view/1605/7/

 

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