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Warum die falsche Seite die falsche bleibt – Nachbetrachtungen zu Dresden im Februar 2010

 

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Kenner der deutschen rechten Szene konnten am 13. Februar 2010 in Dresden eine bemerkenswerte Beobachtung machen: „Im Pulk der Völkischen fanden sich überraschend auch Ellen Kositza und Götz Kubitschek (…). Hier in Dresden mischten sie sich unter vorbestrafte Neonazis (…) Der Anlass verbindet.“ (Andrea Röpke) Doch wenn man böswillig wäre, könnte man den Spieß natürlich auch einfach umdrehen. Read More

Denn immerhin fanden sich unter dem Slogan „Dresden nazifrei!“ nicht nur demokratische Parlamentarier, Künstler und gewöhnliche Bürger zusammen, sondern auch hart gesottene „linke“ Gewalttäter und Extremisten. Eine äußerlich korrekte Beschreibung verrät daher am Ende wenig darüber, was im Inneren der Beteiligten vorging und was der Zweck ihrer Teilnahme am Geschehen war.

Von der Anwesenheit der Schnellrodianer überrascht waren nämlich nicht nur kritische Beobachter, sondern auch Vertreter der extremen Rechten. Dies lag nicht zuletzt daran, dass JF-Autor Martin Lichtmesz im Blog der „Sezession“ wenige Tage vor dem „Trauermarsch“ mit dem deutschen Neonazi-Spektrum sowie dem Veranstalter, der „Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland“ (JLO), scharf abgerechnet hatte. Er warf rechten wie linken Demonstranten vor, „das Gedenken an die Opfer des alliierten Massenmordes (…) mit vereinten Kräften in den Dreck zu ziehen“. Wenn es der JLO ernsthaft um die Ehrung der Toten ginge, würde sie daher „auf ihren Marsch freiwillig verzichten“. „Aber dazu fehlt ihnen die Größe ebenso wie die Intelligenz“, wütete ein sichtlich frustrierter Lichtmesz. Stattdessen werde der NPD auf diese Weise die „Instrumentalisierung der Opfer des Bombenkrieges“ ermöglicht und ein Trauermarsch in eine „auf der Straße ausgetragene Urschreitherapie“ umgewandelt. Der JF-Autor forderte stattdessen eine würdige Gedenkveranstaltung in staatlichem Rahmen. Da er dies momentan wohl selbst als aussichtslos ansieht, wünschte er ersatzweise „Links- und Rechtsextremisten“ unterschiedslos zum Teufel: „An solchen Tagen, wie in den Wochen vor dem 13. Februar, ertappe ich mich zuweilen bei dem brennenden Wunsch, die Royal Airforce und Mr. Morgenthau hätten ihren Job gründlicher erledigt. (…) Dann male ich mir lustvoll aus, wie am Gedenktag ganz Dresden vollgepackt ist mit Antifanten, Antideutschen, Gutmenschen, Israelfahnenschwenkern, ‚Bombenholocaust’-Schwachköpfen, ‚Jungen Landsmannschaftlern’, dem ganzen NPD-Bodensatz mit seinen heuchlerischen Krokodilstränen … und dann: Bomber Harris, do it again! No tears for Krauts!!“ Und diese merkwürdige Phantasie könnte zumindest darin eine Bestätigung gefunden haben, dass am 13. Februar 2010 Vertreter rechtsextremer Kameradschaften Transparente mit der hirnlosen Losung „Kein Vergeben – Kein Vergessen!“ stolz vor der Brust hielten, offenbar ohne zu bemerken, dass sie damit genau jener Kollektivschuldthese – nur in umgekehrter Form – huldigten, die sie sonst so vehement zurückweisen, wenn umgekehrt antideutsche „Linke“ „Bomber Harris, do it again“ skandieren.

Kein Wunder, dass Lichtmesz’ Attacke zu erbosten Reaktionen im rechtsextremen Lager führte. Der Rechtsanwalt Dr. Björn Clemens, der am 13. Februar 2010 auch eine der Reden auf der Versammlung der Rechten gehalten hat, reagierte auf der Internetseite der JLO prompt. Lichtmesz habe einen „Hasstext“ produziert, der jedoch innerhalb des konservativen Spektrums „so allein mit seiner Dreckverspritzung nicht steht“. Dessen Warten auf den „Obrigkeitsstaat“ sei schon deshalb abwegig, weil die JLO mit dem Trauermarsch doch gerade „dem System seine innere Fäulnis“ aufzeigen wolle. Sekundiert wurde Clemens durch zahlreiche Kommentatoren auf dem Blog der rechtskonservativen Theoriezeitschrift „Sezession“, für die auch Lichtmesz tätig ist. Dessen Text sei „ein Stich in den Rücken“, „völlig daneben“, ein „Griff ins Klo“ gewesen. Ein anderer Kommentator „hätte nicht gedacht, bei der Sezession so etwas zu lesen.“

Dabei bestätigten Clemens und dessen Sekundanten im Geiste genau das, was Lichtmesz ihnen vorgeworfen hatte: Dass nämlich der eigentliche Anlass des Trauermarsches nicht zugleich sein Zweck sei, sondern er zugunsten parteipolitischer Interessen instrumentalisiert werde. In einem Disput mit dem NPD-Landtagsabgeordneten Arne Schimmer, der Lichtmesz diesbezüglich unbedingt eines Besseren belehren wollte, warf er diesem entgegen: „Was nun die JLO betrifft: zeig mir, daß das irgendjemand anderem, irgendetwas anderem nützt, als eurem (Partei-)Milieu. Nur dann würde das irgendeinen politischen Sinn ergeben. Aber so dient es nur dazu, daß die Gegenseite sich als Gegenpol gestärkt und bestätigt fühlt. Am Ende geht es ja doch nur um euch, und um den dranhängenden Sumpf, den man beim besten Willen nicht verteidigen kann.“ Dieser Rest sei durch seinen „verbretterten und NS-Bunkermentalen Schwachsinn“ letztlich für die „Nazifizierung“ der Trauerveranstaltung verantwortlich.

Hingegangen ist Martin Lichtmesz am Ende trotzdem, worüber er seine Leser am 10. Februar 2010 in einem Kommentar auch informierte. Mit dabei waren außerdem Götz Kubitschek und Ellen Kositza sowie weitere Vertreter des neu-rechten Milieus. Das allerdings musste nicht aufwendig „entlarvt“ werden, sondern wurde der Öffentlichkeit von den Beteiligten noch am 13. Februar 2010 durch einen Bericht Kositzas freizügig präsentiert. Man habe sich selbst ein „Bild machen“ wollen, heißt es in ihrer Lagebeschreibung. Und die Schilderungen, die wohl für das entsprechende Milieu pars pro toto genommen werden dürfen, bestätigen Lichtmesz’ Instrumentalisierungsvorwurf: So lässt Kositza keinen Zweifel daran, dass sie die Rede des rechtsextremen Liedermachers Frank Rennickes nervig fand, nicht nur wegen dessen „heller, schneidender Stimme“, sondern vor allem, weil er diese Rede im Grunde bereits „in den vergangenen 20 Jahren“ immer wieder gehalten habe und es nur „nebenbei“ um Dresden, hauptsächlich aber um einen politischen Angriff auf das „System“ gegangen sei. Nicht anders wird die Rede des Rechtsanwaltes Björn Clemens einsortiert. Auch dieser habe sich „nicht bremsen“ können und zu einem fundamentalen Rundumschlag ausgeholt: „’Freiheit für Horst Mahler!’ donnert Clemens. Verhaltener Applaus, auch Kopfschütteln. Wozu sind wir noch mal hier? Es ist uns kurz entfallen. Wegen Mahler oder wegen Dresden? Wegen Dresden natürlich, das betont Clemens, bevor er wieder über etwas anderes spricht.“ Kurz nach vier verlassen Kositza und Kubitschek dann vorzeitig die Veranstaltung. Ihr „Bild“ ist offenbar vollständig genug.

Damit deckt sich die Kritik der Schnellrodianer am JLO-„Trauermarsch“ auf bizarre Weise mit der der linken Gegenkräfte rund um das Aktionsbündnis „Dresden nazifrei!“. „Ihr Ziel ist es, die Verbrechen des Nazi-Regimes zu leugnen und Nazi-Deutschland zum eigentlichen Opfer des 2. Weltkrieges umzudeuten“, heißt es hierzu im Gründungsaufruf der Unterstützer über die Absicht der JLO. Links wie rechts kondensiert sich die Kritik am „Trauermarsch“ damit zu dem Vorwurf, dass die Toten von Dresden bloß Mittel zu einem anderen Zweck und nicht Selbstzweck seien. Und dennoch sah Götz Kubitschek mit seinem Beitrag „Warum nicht jede Seite die falsche ist“ – ähnlich Thorsten Hinz in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ (JF 07/2010) – die „trauernden Marschierer im Recht“. Denn nach seiner Ansicht müsste eigentlich jährlich ein offizieller Staatsakt angesetzt werden, bei dem die „Repräsentanten der Nation die Schleifen (der) Kränze richten“, um der Würde der Opfer gerecht zu werden. Da dies derzeit jedoch nicht geschehe, bleibe gar nichts anderes übrig als die „Annektierung und damit Kontamination des Themas durch eine radikale Rechte“.

Doch diese Sicht verstrickt sich freilich in unauflösbare Widersprüche: Kubitschek scheint sich durch eine starke Rechte so viel „Druck“ auf die Mitte der Gesellschaft zu erhoffen, dass diese sich gezwungen sieht, deutsche Opfer in eine andere Erinnerungskultur einzubetten. Doch gerade durch diese „Einbräunung“ (Lichtmesz) wird das Thema einer „Kontamination“ (Kubitschek) unterworfen, die zum genauen Gegenteil des Erhofften führen muss. Der 13. Februar droht so langfristig infolge der gewollten Provokationen – und zwar spätestens dann, wenn alle Angehörigen der „Erlebnisgeneration“ verstorben sind – zu einem Symboltag der deutschen Mehrheitsgesellschaft gegen Neonazismus und Negationismus zu werden. Je weiter die Schraube der „Provokation“ (Kubitschek) angezogen wird, desto weniger kann die Frage deutscher Opfer überhaupt eine angemessene Rolle spielen.

Und vor allem beruht die Weigerung, an dieser Stelle mit „dem Sortieren und der Moralkontrolle“ anzufangen, auf einem Irrtum. Denn es ist ja nicht so – wie behauptet –, dass sich die Mitte der geforderten Erinnerungsarbeit verweigerte. Wer wollte, konnte sich am 13. Februar zum traditionellen Gedenken an die Opfer des „Sodom und Gomorrah von Dresden“ still vor der Frauenkirche einfinden und abends im Fernsehen gar eine behutsame Dokumentation der Ereignisse zur Kenntnis nehmen, so wie sich schon die DDR der Erinnerungs- und Trauerarbeit nicht verweigert hatte. Dass es der JLO bedürfte, um das Erinnern an die Opfer von Dresden überhaupt ins Werk zu setzen, ist ein geschichtspolitischer Mythos. Freilich: Kubitschek und Hinz ist das nicht genug. Beide fordern, den 13. Februar zu einem nationalen Gedenktag für die „deutschen Kriegs- und Gewaltopfer“ zu erheben, „so wie man sich am 27. Januar im Deutschen Bundestag zum Holocaust-Gedenken zusammenfindet“, wogegen in der Sache nicht nur deshalb nichts zu sagen wäre, weil der 27. Januar zeitlich vor dem 13. Februar liegt. Durch den ausgeübten „Druck“ des rechten Randes wird diese Vision aber nicht wahrscheinlicher, sondern unwahrscheinlicher, denn die Repräsentanten eines demokratischen Rechtsstaates werden sich nie und nimmer von Truppenteilen unter Druck setzen lassen, die selbst bei Rechtskonservativen aufgrund ihrer NS-Nähe als „Kanaillen“ gelten. Und das ist auch gut so. Verliererin bei dieser Machtprobe ist und bleibt die Würde der Opfer.

ER
weitere Informationen: http://www.endstation-rechts.de