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Der Fall Echzell: „Vergasung“ als Partygag

 

Zwischen römischen Zeichen und Wikingersymbolen hat Patrick W. auf dem Oberarm eine „88“ tätowiert. Im braunen Zahlencode steht das für „Heil Hitler“. In seinem Nacken blitzt ein „C18“ hervor. Es ist das Zeichen der neonazistisch-terroristischen Gruppierung „Combat 18“ (Kampf Adolf Hitler), die gewillt ist, politische Gegner auch mit Gewalt zu bekämpfen.

Von Julia Müller

„Ich habe noch viel Schlimmeres tätowiert. Das hat aber nach außen hin niemand zu sehen“, sagt der 24-Jährige und lacht. Das tut er im Gespräch immer dann, wenn ihn seine eigenen Aussagen amüsieren oder er mehr von sich preisgibt, als er geplant hat. An seinem Hoftor in Echzell (Wetterau) pappt ein Sticker seiner Gruppe mit dem Symbol eines Totenkopfes, der an die Waffen-SS erinnert. Der Slogan darauf: „Wir gegen linke Willkür.“ Als Neonazi würde sich W. jedoch nicht bezeichnen: „Ich bin ein Old Brother, war früher ultrarechts und habe noch was von der Einstellung, die sich bei mir gegen linke Dummheit richtet.“ Old Brother, so heißt sein Tattoo-Laden.

Von der Polizei wird W. der rechtsextremen Szene zugeordnet. Er ist ihr wegen „einer Liste von Straftaten“ bekannt – unter anderem Körperverletzung und Volksverhetzung. Im Juli lenkte W. Aufmerksamkeit auf sich, als er das Video einer Attacke seiner Partygäste auf einen Nachbarn mit hämischen Kommentaren auf der Internetplattform „Youtube“ veröffentlichte. Zu sehen ist, wie eine Gruppe von etwa 15 Leuten den Nachbarn vor dem Haus von der Leiter zerrt und ihm Hose und Unterhose auszieht, nachdem er versucht hatte, die Überwachungskameras wegzudrehen, die W. auf sein Haus gerichtet hat.

W. hat nicht gern Menschen um sich, die er nicht kennt: „Ich lasse nur Leute an mich heran, die mich nicht nerven. Das ist eine Familie, die man sich da zusammenbaut“, sagt er. Seinen Eingang überwacht er mit Kameras. Enge Freunde sind mit ihrem Fingerabdruck am Hoftor registriert. Ansonsten darf ihn nur besuchen, wer zu seinen legendären Partys eingeladen ist. „Wenn du wegen Volksverhetzung auf den Deckel gekriegt hast und zehntausende Euro für den Anwalt zahlen musst, dann überlegst du.“

Es kursieren viele Gerüchte darüber, was sich hinter den Mauern seines sogenannten „Old Brothers Castle“ abspielt. Sein Hof, die größte Hofreite des Ortes, ist von Gebäuden umschlossen. Rechts vorne befindet sich sein Tattoo-Studio, dahinter der Partykeller, links das Wohnhaus, und in der Mitte des mit Hundekot übersäten Hofes steht ein alter Bierwagen.

Der 24-Jährige zeigt sich freundlich, hat eine derbe Sprache und eine rotzig freche Art. Er trägt T-Shirts mit provokanten Aufschriften wie das einer Ariel-Persiflage: „Alles sauber, alles rein: Arier“. Der Tätowierer mag es zu provozieren, gibt sich offen, nicht zu locker, dafür bestimmt.

Sein 20-jähriger Kumpel, der in W.’s Tattoo-Studio auf der Couch sitzt, wird unruhig, als die Fragen in seine Richtung gehen. „Wir sind nicht direkt Neonazis, aber wir teilen die Einstellung von denen“, antwortet er stotternd. Er will nichts erklären, das soll W. übernehmen. Und der mag keine penetranten Nachfragen, zum Beispiel, wenn es um seine Tätowierungen geht. Mit ein paar Witzen und einlullenden Monologen führt er das Gespräch dann in eine andere Richtung.

Doch es sind die kleinen Details in seinen langatmigen Ausführungen, die Aufschluss über seine Ansichten geben. Gegen wen sich seine Wut richte? „Gegen alle, die nicht arbeiten“, antwortet W. „Ich halte mein Maul nicht, wenn mir was nicht passt. Linke Zecken stinken, sie studieren, und am Ende betteln sie und trinken Alkohol. Das ist nicht korrekt.“

„Brausebad“ steht am Disko- Raum, und aus Duschköpfen strömt weißer Nebel

Unterschiede macht der 24-Jährige bei Migranten. Einer aus seiner Gruppe sei Halb-Spanier, ein anderer habe sogar einen schwarzen Vater. „Wir machen da so unsere Späßchen, zum Beispiel wenn er an Fasching im Ku-Klux-Klan-Outfit herumrennt.“ Auch ältere Türken findet W. nicht so schlimm. Es seien die Jüngeren, die keinen Respekt vor Deutschland hätten. „Ich habe ja so einen Hass bekommen, weil ich die früher in der Klasse hatte.“ In W.’s Augen werden Deutsche mehr verfolgt als alle anderen. „Wenn ich kein Deutscher wäre, dann würde mir geholfen. In diesem Land heißt es: Sie sind Deutscher, sie können das selber machen.“

Moderne Rechtsextreme – W. ist einer von ihnen. Sie haben weder eine eindeutige politische Agenda, noch fühlen sich der in ihren Augen zu laschen NPD und deren völkischem Verständnis verbunden. Stattdessen trinken und essen sie sogenannten „Besatzerfraß“, tragen Hip-Hop-Klamotten und setzen weniger auf Inhalte als auf erlebnisorientierte Aktionen.

„Nach außen hin tritt W. als Kirmesschläger auf, der laute Feste mit vielen Gästen feiert und dort seine gleichgesinnten Kumpane um sich schart“, sagt Jörg Reinemer, Polizeisprecher des Polizeipräsidiums Wetterau über den 24-Jährigen. W. organisiert Ausflugsfahrten, Flatrate- und Kammerpartys.

Am Wochenende werde bei ihm mit viel Whisky gefeiert. „Im Normalfall haben wir ein paar Stripperinnen und anderen Krempel dabei oder bestellen ein paar Nutten, die Live-Sex-Shows machen. Da gehen schon mal 60 Jacky-Flaschen weg“, erzählt W. Gefeiert wird in der Partyscheune oder auf dem Hof. Die Gäste auf den Fotos, die sich über Seiten des sozialen Netzwerks „Wer kennt wen“ anmelden und aus dem Raum Friedberg stammen, sind nicht älter als Anfang bis Mitte 20.

„Brausebad“ steht in dicken Lettern an der neuen, silbernen Eingangstür zum kleinen Diskoraum mit einer Bar und einer Gogo-Stange in der Ecke. Von der Decke hängen vier blanke Duschköpfe, aus denen weißer Partynebel austritt. Bei W.’s berüchtigten „Kammerparties“ soll damit laut Anti-Nazi-Koordination Frankfurt der Gaskammern des Dritten Reiches gedacht werden. Die „Vergasung“ als Partygag.

„Wir hätten das so hingeschrieben, wenn es so wäre“, sagt der 24-Jährige ausweichend. Für was denn der Name „Brausebad“ an der Tür stehe? W.: „Es war nicht meine Idee. Irgendwann stand der Name an der Tür.“ Beim Herausgehen fällt der Blick auf ein Warnschild in altdeutscher Schrift an der Tür. Darauf steht: „Rauchverbot wird im Notfall auch mit der Axt durchgesetzt. Bei Widerstand gegen die Deutsche Wehrmacht auch mit Schusswaffen und anschließend zu den anderen in die Scheune gehängt.“

Heirat, Haus, Hunde – und arbeiten bis höchstens 45

Überraschungsmomente wie diesen nimmt W. lässig und grinst. Einen Kommentar dazu gibt er nicht. Der 24-Jährige glaubt zu wissen, wo es lang geht und wie. Es ist seine Mischung aus großer Bruder, Sozialarbeiter und Feierwütigem, der keine Grenzen kennt, die junge Menschen anzieht. „Es war cool, ihn zu kennen“, sagt Eva Neumann (Name geändert), die W. noch aus seinen früheren Zeiten in Wölfersheim kennt.

Es sei ein gutes Gefühl gewesen, sagen zu können, dass man den Schlitzer kenne, „weil man wusste, wenn was ist, kennt man ihn ja.“ Mit seinem Spitznamen Schlitzer brüste W. sich damit, als Jugendlicher einen Migranten mit dem Messer niedergestochen zu haben. Seine Sprüche über Schlägereien und Ausländer waren der 19-Jährigen damals egal. „Man hat seine eigenen Probleme und denkt, warum soll ich mich irgendwo reinhängen, womit ich prinzipiell nichts zu tun habe. Zudem sind die Leute hier in der Ecke sowieso eher rechts eingestellt.“

W. ist auf seine Werte sichtlich stolz: „Ich bin für viele hier ein Idol, für meine Jungs immer zu erreichen und versuche, etwas aus ihnen zu machen.“ In seinen Augen braucht es jemanden wie ihn, der ihnen Halt gebe. „Ich zeige den Kiddies, was man aus Arbeit machen kann und wie man seinen Lebenstraum verwirklicht.“ Dazu zählten heiraten, ein eigenes Haus, ein paar Hunde und das Ziel, mit 45 Jahren mit dem Arbeiten aufzuhören. Wichtig dabei sei der Spaß: „Und der fängt bei uns freitags an.“

Der Fall Echzell

Seine rassistische Gesinnung verfolgt W. mit Geschäftssinn und betreibt in Echzell unter anderem einen Tatöwierladen namens „Old Brothers“ und eine Securityfirma. Seine Aktivitäten verlegte er 2008 nach Echzell, nachdem sich seine Heimatgemeinde Wölfersheim erfolgreich gegen ihn gewehrt hatte. Dort hatte er zuvor seinen Tätowierladen betrieben und via Internet T-Shirts mit rassistischen Aufdrucken verkauft.

Lautstarke Feiern, Pöbeleien und Schlägereien in Echzell: Die ersten unsanften Erfahrungen mit dem neuen Nachbarn machte ein Anwohner Ende vorigen Jahres, als er sich beschwerte, dass an einem Samstagmorgen rechtsextreme Parolen auf der Straße gegrölt wurden. Daraufhin wurde er zusammengeschlagen.

Gegen das Treiben der Neonazis formierte sich vor einem halben Jahr die „Bürgerinitiative Grätsche gegen Rechtsaußen“. Ende August feierte sie mit der Sportjugend Hessen und 900 Gästen das Festival „Gemeinsam gegen Rechtsaußen“ auf dem Sportplatz von Echzell. Unter den Gästen waren auch Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD), Tarek Al-Wazir (Grüne) und Hermann Schaus (Linke).

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