‹ Alle Einträge

Ein Kiez wehrt sich erfolgreich gegen die Naziszene

 

Bunte Graffitibilder statt Naziparolen, Toleranz statt rassistischer Hetze. Nach vier Jahren „Aktionsplan Lichtenberg-Mitte“ zog die Bezirksbürgermeisterin des Berliner Bezirks, Christina Emmrich (Linke), eine positive Bilanz. Gemeinsam mit Anwohnern, Gewerbetreibenden, Polizisten, Schülern und Initiativen habe man sich erfolgreich „gegen Nazis und deren Sympathisanten“ gewehrt. Die jahrelange rechte Hegemonie im Bezirk scheint endlich gebrochen.

„Es hat sich einiges verbessert“, bestätigt Sabine Kritter von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus. „Aber leider gibt es noch keinen Grund zur Entwarnung.“ Auch wenn die Zahl rechter Gewalttaten im Bezirk zurückgegangen sei, wohnten weiterhin einige der aktivsten Berliner Neonazis im Weitlingkiez.

Deutlich sensibler seien aber die Bürger geworden. „Inzwischen entfernen auch ganz normale Anwohner Naziplakate und Aufkleber.“ Der Aktionsplan der Bürgermeisterin habe zum Umdenken geführt und vorhandenen Initiativen gegen rechts den Rücken gestärkt. „Lichtenberg ist ein gutes Beispiel für das Zusammenspiel von Zivilgesellschaft und Politik im Kampf gegen rechts“, sagt Kritter. Mit 440 000 Euro förderte das Bundesfamilienministerium den Aktionsplan. Mehr als 120 Projekte wurden seit 2007 mit den Geldern finanziert. „Die Chancen stehen gut, dass wir für weitere drei Jahre Fördergelder erhalten“, sagt der Leiter des Aktionsplans, Andreas Wächter.

Das auffälligste Projekt des Aktionsplans ist täglich für alle Lichtenberger sichtbar: Direkt an der Brücke am Bahnhof strahlt ein meterhohes Wandbild mit Comicfiguren und dem Schriftzug „Lichtenberg“ den Fußgängern entgegen. „Früher waren hier regelmäßig rechte Schmierereien“, sagt Wächter. 2007 wurde erstmals von Schülern ein Graffito an die umkämpfte Brücke gemalt. Immer wieder wurde es von Neonazis zerstört. Doch die Jugendlichen ließen sich nicht einschüchtern – und malten es wieder neu. Bis die Rechten irgendwann aufgaben.

Seit den 90er Jahren galt Lichtenberg als die Hochburg der Neonaziszene. Kurz nach der Wende besetzten Neonazis im Bezirk ein leer stehendes Haus. Als Entgegenkommen ließ die Wohnungsbaugesellschaft die Rechten mietfrei das Haus Weitlingstraße 122 beziehen. Von hier aus plante die militante Szene ihre regelmäßigen Angriffe auf Asylbewerberheime und Hausbesetzer in Friedrichshain. Bei einer Razzia im April 1990 fand die Polizei in den Wohnungen ein Waffenarsenal und kistenweise rechte Propaganda. Drei Monate später demonstrierten mehrere tausend Menschen gegen den mittlerweile deutschlandweit bekannten Neonazitreffpunkt. Im selben Jahr wurde das Haus geräumt. Der Mythos Weitlingstraße war geboren. Auch in den Folgejahren zogen viele junge Neonazis nach Lichtenberg.

„Rechtsextremismus war eines der ersten Probleme, vor die ich gestellt wurde, als ich 2002 zur Bürgermeisterin gewählt wurde“, erinnert sich Christina Emmrich. Als der Afrika-Rat 2006 vor „No-go-Areas“ für Ausländer im Osten Deutschlands warnte, stand Lichtenberg ganz oben auf der Liste. Kurz darauf wurde der kurdischstämmige Politiker Giyasettin Sayan (Linke) von Rechten rassistisch beschimpft und auf der Straße verprügelt. Laternen und Mülleimer waren mit NPD-Aufklebern gepflastert.

Als ein Fernsehteam einen Bericht über zunehmende Angriffe auf Dönerläden drehen wollte, erschienen nach kurzer Zeit Dutzende bekannter Neonazis und attackierten die Journalisten vor laufender Kamera. Sie mussten in den Imbiss flüchten. T-Shirts mit der Aufschrift „No Go Area Weitlingstraße“, fanden reißenden Absatz in der Szene. Antifagruppen starteten schließlich 2006 eine große Kampagne unter dem Motto „Hol dir den Kiez zurück“.

Tausende Menschen kamen zu Demonstrationen und einem Rockkonzert mitten im Rückzugsraum der Rechten. Gleichzeitig startete der aus Bundesmitteln geförderte Aktionsplan des Bezirks. Damals glaubten nur wenige, dass es dauerhaft gelingen würde, die Nazistrukturen in der Gegend lahmzulegen – zu Unrecht, wie sich heute zeigt.

2 Kommentare

  1.   frank rothe

    na geht doch ;-D

  2.   maya

    hach ja… anstrengend an der allgemeinen freude über solche erfolgserlebnisse im zurückdrängen der „rechtsextremen szene“ finde ich ja immer, wie schön nachher alle so tun können, als wären sie von anfang an dagegen bzw fürs thema sensibilisiert gewesen. vom ganz normalen rassismus in der sogenannten mitte lenken diese sündenbock-rhetoriken meiner meinung nach nur ab, und die eintracht im „aufstand der anständigen“ sollte jedem kritischen geist übel aufstoßen. sicher muss es stören und ist die augenfälligste form von faschistischem gedankengut, wenn massenweise waffen gehortet und menschen verprügelt werden, es handelt sich hierbei aber nur um die spitze des eisbergs. solange kein interesse daran besteht, den rechten normalzustand von grund auf zu bekämpfen, wird es no go-areas geben. und jedem fascho, der sein resthirn nutzt, um sich zum thema zu äußern, ist gut gedient mit dieser in allen mainstream-medien genutzten strategie, die nazi-szene als etwas der gesellschaft immer irgendwie äußerliches darzustellen, von dem man sich gar nicht erklären können will, wo es denn nun so plötzlich herkommt – am ende kann man immer noch die gute alte ddr beschuldigen. was der nazi sieht, ist eine übergroße menge von „gutmenschen“ (ein begriff bspw, der vom autonomen nationalisten bis zum ganz durchschnittlichen bürger in unerhörter penetranz genutzt wird), die ihm alle an den kragen wollen, nur um von der eigenen unwissenheit und unfähigkeit zur unabhängigen meinungsbildung abzulenken; und der schlimmste teil daran: strukturell hat er ja recht. es sind nur abwehrstrategien. am alltag ändert sich nichts für die am stärksten betroffenen, wenn irgendwo ein rock gegen rechts-konzert abgehalten wird, damit man sich mal einen abend lang engagiert fühlen kann. ..heißt nicht, dass der artikel nicht in guter absicht geschrieben wurde! just my two cents.

 

Kommentare sind geschlossen.