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Nazis, Burschen, Bundeswehr

 
Sreenshot von der Homepage der Hamburger Burschenschaft Germania
Screenshot von der Homepage der Hamburger Burschenschaft Germania

Bei der Hamburger Burschenschaft Germania (HBG) war für Samstag, den 7. Januar 2012 ein Vortrag eines bekannten Neonazis angekündigt. Jürgen Schwab, der in das Germanenhaus zu seiner Buchveröffentlichung „Die Manipulation des Völkerrechts“ eingeladen war, ist kein Unbekannter in Nazikreisen. Vor zehn Jahren war er als Leiter des Arbeitskreises „Volk und Staat“ Chefideologe der NPD.

Ein Gastbeitrag von Felix Krebs

Weil seine aggressiven Forderungen nach einer nationalen Revolution mit dem parlamentarischen Kurs der NPD zunehmend unvereinbar wurden, verließ er die Partei 2004 und ist seitdem als freischaffender Ideologe und Buchautor tätig. Seine Artikel sind in den Szene-Foren Altermedia und Störtebekernetz ebenso beliebt, wie seine Vorträge bei sog. Freien Kameradschaften. Aufgrund seiner radikalen Positionen hat er Publikationsverbot bei dem NPD-Organ Deutsche Stimme. Und aus dem Dachverband Deutsche Burschenschaft, wahrlich kein Hort antinazistischer Gesinnung, wurde er schon vor Jahren wegen seiner Aktivitäten ausgeschlossen. Die Germanen schert das allerdings nicht, bei ihnen waren schon Referenten ähnlichen Kalibers auf dem Haus.

Reservistenchef bei Nazi-Veranstaltungen?

Wer Mitglied der Germania werden will, darf weder Frau noch offensichtlich „undeutsch“ sein, er kann aber Neonazi sein und er muss gedient haben. Denn bei den Waffenstudenten wird nicht nur die Verteidigung der Ehre bei der Mensur, sondern auch die des Vaterlandes mit der Waffe verlangt. So wundert es wenig, dass Alte Herren im Reservistenverband der Bundeswehr organisiert sind und Aktive an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr (HSU) studieren. Auch Veranstaltungen widmet die Germania gerne soldatischen Themen.
So machte HSU-Student Martin D. im Juli 2010 seinen Fuxenvortrag zum Thema „private Söldnerfirmen“ und im November folgte dann Fux Jan-Mortimer B. mit dem Thema „Afghanistan – Der deutsche Versuch im ‚großen neuen Spiel’ zu bestehen – aus Sicht eines Truppenoffiziers“.

Die wichtigste Verbindung der Germanen zur Bundeswehr dürfte jedoch Oberstleutnant d. R. Ramon-Stefan Schmidt als Vorsitzender der Landesgruppe Hamburg des Verbands der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e.V. repräsentieren. Kamerad Schmidt war bis 2009 auch stellvertretender Vorsitzender des Altherrenverbandes der Germania. Die Alten Herren haben durch ihre finanzielle, personelle und ideelle Unterstützung erheblichen Einfluss auf die Vorgänge im Germanenhaus. Ob sich der Genuss, oder auch nur die Duldung von Nazivorträgen allerdings mit der Verantwortung für 2.200 Reservisten aus Hamburg verträgt ist fraglich.

Das Germanenhaus – Podium für Referenten der extremen Rechten

Den letzten größeren Skandal leisteten sich die HBG mit der Einladung von Björn Clemens als Festredner zu einem Reichsgründungskommers im Januar 2009. Erst wenige Tage zuvor war Clemens, parteiunabhängige Integrationsfigur der gesamten extremen Rechten, Gast beim Neujahrsempfang der sächsischen NPD gewesen, vorher hatte er auch beim Dresdner Naziaufmarsch, bei NPD, DVU und Republikanern gesprochen.

Schon 2008 durfte Richard Melisch in der Sierichstraße 23 zum Thema „Der letzte Akt der Globalisierer“ vortragen. Auch er ist mit Thesen wie, der Terror Bin Ladens sei ein „Freiheitskampf gegen die USA und den Zionistenstaat Israel“, ein beliebter Redner in Nazikreisen. Die Jungen Nationaldemokraten (JN), Jugendorganisation der NPD, schrieben im März 2008 über einen solchen Vortrag „Die JN Heilbronn dankt Richard Melisch für Wahrheiten aus erster Hand.“

Doch auch die eigenen Mitglieder bieten Potential für rechte Themen. Im Oktober 2010 durfte ein junger Germane seinen Fuxenvortrag „Wir wollen keine Rasseideologen dulden – HJ im Widerspruch“ halten. Während zuvor im Mai 2010 Bundesbruder André Busch beim Germanenabend etwas über den „Politischen Kampf in der Weimarer Republik“ erzählte. Zu diesem Thema hatte Busch zuvor einen Nazi-Bestseller unter dem Titel „Blutzeugen – Beiträge zur Praxis des politischen Kampfes in der Weimarer Republik“ veröffentlicht, in dem er die umgekommenen NSDAP- und SA-Angehörigen vor 1933 zu Opfern und zu Vorbilder für heutige Neonazis stilisiert. Dem Ende 2010 verstorbenen André Busch kommt die zweifelhafte Ehre zu Teil, vom Hamburger Inlandsgeheimdienst mit einem persönlichen Beitrag gewürdigt zu werden. Busch war umtriebiger Germane, Autor und Referent in Nazikreisen und Mitglied der neofaschistischen Pennalen Burschenschaft Chattia Friedberg zu Hamburg. (PB! Chattia)

Mitgliedschaft in Naziorganisationen – kein Problem

Die Germanen stellten in der Vergangenheit der PB! Chattia nicht nur ihre Räume zur Verfügung, sondern gleich mehrere ihrer Mitglieder trugen in den letzten Jahren auch das Burschenband dieser braunen Schülerverbindung. Neben André Busch waren auch André K. und Olaf S. Mitglieder beider schlagenden Verbindungen. Andre K., 2006 Bierwart der Germania, übernahm 2007 allerdings auch noch andere Pflichten – er wurde Delegierter der NPD zum Landesparteitag am 25. Februar des Jahres. Olaf S. brachte es noch weiter bei der Nazipartei, 2005 saß er als Beisitzer im Hamburger Landesvorstand. Beide waren in den jeweiligen Jahren Mitglieder der HBG. Ebenfalls 2007 wurde Arne R. als stellvertretender Kreisvorsitzender der NPD in Eimsbüttel benannt. Er ist bis heute Alter Herr der Germanen.

Und der Alte Herr Olaf Haselhorst verdient sein Brot als brauner Journalist. Anfang 2011 wurde der Historiker leitender Redakteur des Blattes „Der Schlesier“. Der Verfassungsschutz aus NRW zählt den Schlesier zu den rechtsextremistischen Medien: „Die hauptsächlichen Themenfelder dieser Publikation sind der klassische Geschichts- und Gebietsrevisionismus, zu dessen Aspekten die Leugnung der Schuld des nationalsozialistischen Regimes am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges (Kriegsschuldlüge) und eine Relativierung der Verbrechen des Dritten Reiches (historischer Revisionismus) gehören.“ Die NPD hält Germane Haselhorst für eine rechte Partei unter vielen und kommentierte wohlwollend nach der Wahl in Berlin: „Das Potential für eine nationale Alternative ist durchaus vorhanden, nur die Außendarstellung wirkt abschreckend auf den Wähler.“ In den Jahren zuvor war Haselhorst übrigens 12 Jahre bei der Marine.
Mit weniger journalistischer, dafür mehr mit organisatorischer Tätigkeit widmete sich sein Burschenbruder Christof P. der rechten Sache. Er war 2002 Vorsitzender des Landesverbandes Nord der Jungen Landsmannschaft Ostpreußen (JLO, heute Junge Landsmannschaft Ostdeutschland), die alljährlich im Februar den größten Naziaufmarsch Europas in Dresden anmeldet. Die Germania stellte ihr Haus der JLO schon 1999 für deren monatlichen Stammtisch zu Verfügung und diente zeitweilig als Ansprechpartner für JLO-Interessierte.

Burschenschaftlicher Wehrsport

Anfang der 1990er Jahre geriet die Reservistenarbeit der braunen Burschen sogar ins Blickfeld des Hamburger Geheimdienstes. Mitglieder der HBG hatten zusammen mit Rechtsextremen und anderen Burschenschaften einen Deutschen Freundeskreis (DFK) gebildet, der sich unter anderem auch im Germanenhaus traf. Der militärische Ableger des DFK, das „Komitee für freiwillige Reservistenarbeit Nord“ (KON), überwiegend aus studierenden Reservisten bestehend, führte damals Wehrsportübungen in Niedersachsen mit Gotchawaffen, Feuerwerkskörpern, Übungsmunition und bis zu 10 geländegängigen Fahrzeugen durch . In einem vertraulichem Verfassungsschutzbericht von 1993 hieß es: „Ganz in der Tradition ihrer republikfeindlich eingestellten und paramilitärischen Vorgänger in den rechtsgerichteten Burschenschaften der Weimarer Zeit, genießt der Wehrsport auch unter Hamburger Burschenschaftern einen hohen Stellenwert.“ Weiterhin gehöre eine Reihe von Burschenschaftern Schützenvereinen an, „die meisten von ihnen besitzen selbst scharfe Waffen.“ Geplant wurden vom KON auch die Teilnahme an offiziellen Schießwettbewerben und Fallschirmspringerlehrgängen der Bundeswehr. Der Hamburger Geheimdienst konstatierte damals: „Die Wehrsportaktivitäten der Burschenschafter haben einen Organisations- und Aktionsgrad erreicht, der deutlich über die allgemein bei Rechtsextremisten feststellbare Vorliebe für militaristisches Gehabe hinaus geht.“

Das Interesse am Militarismus, sowie die personellen Verflechtungen der Hamburger Burschenschaft Germania mit der neofaschistischen Szene wie auch mit Institutionen der Bundeswehr, sind bis heute ungebrochen. Der Hamburger Reservistenverband der Bundeswehr führt regelmäßig Schieß- und Geländeübungen durch. Wie viele Nazifreunde der Germania daran teilnehmen, ist ebenso unbekannt, wie die Anzahl von Reservisten in extrem rechten Burschenschaften, oder die Zahl der Schusswaffen, über die diese verfügen.