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„Die Erinnerung an all diese Frauen lebendig halten“

 
 © Christian Ditsch
Holocaust-Überlebende Barbara Reimann bei der Gedenkveranstaltung © Christian Ditsch

Das Bild auf meinem Schreibtisch zeigt eine hochbetagte weißhaarige Frau, die nachdenklich auf einen in der Sonne schimmernden See schaut. Den „See der Tränen“ nannten die im Frauen- und Mädchenkonzentrationslager Ravensbrück gefangenen Frauen den Schwedt-See, der direkt ans Lagergelände anschloss. Im einzigen Frauenkonzentrationslager des NS-Regimes waren von 1939 bis 1945 mehr als 130.000 Frauen, Mädchen und Kinder und 20.000 Männer inhaftiert. 92.000 Frauen, Mädchen und Kinder starben in Ravensbrück – an Hunger und tödlicher Zwangsarbeit, in der Gaskammer des Lagers, im so genannten Erschießungsgang oder bei Fluchtversuchen.

Von Heike Kleffner

Eine der Frauen, die das Lager überlebten, war die Hamburger Kommunistin Barbara Reimann. Das Foto auf meinem Schreibtisch entstand vor zehn Jahren beim Gedenkakt zum 60. Jahrestag der Befreiung des Lagers. An diesem Sonntag werden die letzten überlebenden ehemaligen Häftlingsfrauen gemeinsam mit Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) und Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) an ihre Befreiung vor 70 Jahren durch die Rote Armee erinnern.

„Rückkehr unerwünscht“

„Vorbereitung zum Hochverrat, Abhören ausländischer Sender und Wehrkraftzersetzung“ lauteten die Anklagepunkte auf dem Haftbefehl, mit dem meine Mutter, mein Stiefvater, meine Patentante und ich am 16. Juni 1943 in Hamburg festgenommen wurden.“ Mit diesem Satz aus ihren Lebenserinnerungen eroberte Barbara Reimann, geborene Dollwetzel, schnell die volle Aufmerksamkeit der zumeist um einige Jahrzehnte jüngeren Zuhörerinnen und Zuhörern, wenn sie über ihren Weg nach Ravensbrück und die Jahre ihrer Inhaftierung sprach.

1943 war Barbara – die sich selbst immer als „Kind einer ganz normalen Hamburger Arbeiterfamilie bezeichnete – gerade einmal 23 Jahre alt. Ihr Vater, Max Dollwetzel, Schlosser, Gewerkschaftsaktivist, enger Weggefährte von Ernst Thälmann und Mitbegründer der KPD – war zu diesem Zeitpunkt schon knapp zehn Jahre tot: erschlagen am 28. September 1933 nach dreitägiger Folter von Gestapo-Vernehmern in den gefürchteten Kellern des B-Flügels der Haftanstalt Fuhlsbüttel im Hamburger Norden.

Den Alltag der Familie Dollwetzel im Nationalsozialismus begleiteten von da ab Armut und Verfolgung. Aber auch zahlreiche Versuche, gemeinsam mit anderen – Kommunistinnen ebenso wie Sozialdemokraten und parteilosen Frauen und Männern -, gegen das NS-Regime aktiv Widerstand zu leisten, beispielsweise durch die Unterstützung von polizeilich gesuchten oder auch inhaftierten Angehörigen, Freundinnen und Freunden. Als ein Gestapo-Spitzel eine der vielen, heute kaum noch bekannten kommunistisch-sozialdemokratischen Hamburger Gruppen illegale Widerstandskämpfer verrät, werden auch Barbara Reimann und ihre damals 54-jährige Mutter Clara Dollwetzel verhaftet. Nach fast einjähriger Untersuchungshaft in der Haftanstalt Fuhlsbüttel am 20. April 1944 werden beide Frauen ohne Anklage und ohne Prozess mit dem Vermerk „Rückkehr unerwünscht“ auf Transport geschickt: ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. „Der Vermerk bedeutete eigentlich ein sicheres Todesurteil,“ sagte Barbara Reimann. Das Staunen über das eigene Überleben war der alten Dame an diesem Punkt ihrer Erzählungen auch nach Jahrzehnten noch anzuhören.

Terror und Widerstand auf engstem Raum

Als Barbara und Clara Dollwetzel in dem Frauenkonzentrationslager im brandenburgischen Fürstenberg ankamen, herrschte in den 31 Baracken peinigende Enge. Das Lager war im Winter 1938/39 ursprünglich für 3.000 gefangene Frauen errichtet worden. In den folgenden fünf Jahren waren hier insgesamt rund 150.000 Menschen aus mehr als vierzig Ländern interniert: Frauen jüdischer Herkunft aus allen vom nationalsozialistischen Deutschland besetzten Ländern ebenso wie Sinti und Roma, Kommunistinnen wie Olga Benario, Wiederstandskämpferinnen wie die französische Ärztin France Audoul, die niederländische Malerin Aat Breur und die österreichische Journalistin Antonia Bruha ebenso wie Frauen, die als so genannte „Asoziale“ inhaftiert wurden.

Das ganze „Ausmaß des Terrors“ sei für sie zunächst kaum fassbar gewesen, schildert Barbara Reimann ihre Ankunft später. Sie kam zunächst in den Block 3, in dem einige der bekanntesten Kommunistinnen schon seit Jahren interniert waren und traf dort auch Käthe Niederkirchner, die gemeinsam mit ihrem Bruder Heinrich Dollwetzel in einem Kommando von Fallschirmspringern in der Sowjetunion ausgebildet und kurz nach ihrem Absprung über dem besetzten Polen im Zug nach Deutschland verhaftet worden war.

Käthe Niederkirchner wurde am 28. September 1944 im so genannten Todesgang erschossen. Versuche des Widerstandsnetzwerks, sie in einem Außenkommando in Sicherheit zu bringen, hatte sie abgelehnt. Barbara Reimann war ebenfalls Teil des verzweigten Netzwerks; sie wurde Stubenälteste der so genannten „slawischen Stube“ mit rund 200 Frauen in Block 5: polnische Nonnen, jugoslawische Partisaninnen und tschechische Sozialdemokratinnen. Dadurch, dass Block 5 im Industriehof des Lagers und eher abgelegen liegt, gelang es ihr und ihren Freundinnen manchmal auch, vom Erschießungstod oder Weitertransport in die Vernichtungslager bedrohte Frauen für einige Tage zu verstecken.

Beim Todesmarsch entkommen

Am 27. April 1945 begann die SS mit der Evakuierung des „Lagers“ vor der näher rückenden Roten Armee. Mehr als 10.000 Häftlinge wurden in verschiedenen Gruppen auf Todesmärsche in Richtung Norden getrieben. „Wir, die wir bis dahin überlebt hatten, sollten alle vernichtet werden“, fasste Barbara Reimann die Situation zusammen. Dennoch konnte sie im allgemeinen Chaos gemeinsam mit ihrer völlig entkräfteten Mutter und ihrer Patentante Emmy Wilde flüchten. Den Tag der Befreiung erlebten die drei Frauen in Neustrelitz (Mecklenburg-Vorpommern).

Die Befreiung feiern

Wie für viele andere Ravensbrück-Überlebende auch, war der Jahrestag der Befreiung für Barbara Reimann ein wichtiges Datum im Jahreskalendar. Fast nichts konnte sie davon abhalten, zu den Gedenkfeierlichkeiten vor Ort zu sein: Bei einem unserer gemeinsamen Besuche blieb das klapprige WG-Auto mit rauchender Kühlerhaube auf der Bundesstraße 96 zwischen Berlin und Fürstenberg liegen: Barbara Reimann, damals schon knapp 80 Jahre alt, schnappte sich ihre Handtasche und Mütze, stellte sich an den Straßenrand, hielt das nächstbeste vorbeifahrende Auto an und schaffte es tatsächlich noch pünktlich zur offiziellen Zeremonie. Dass dort bundespolitische Prominenz eher selten anzutreffen war, hat sie kaum gestört. Viel wichtiger war ihr, dass sie und andere ehemalige Häftlinge mit der Lagergemeinschaft Ravensbrück 1992 erfolgreich den Bau eines Supermarkts auf dem Gelände des ehemaligen Frauenkonzentrationslagers verhindert hatten. „Ich konnte eben meinen Mund nie halten und hab mich nicht einschüchtern lassen“, war ihr Lebensmotto. Das galt auch für die zähen Auseinandersetzungen mit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und den politisch Verantwortlichen um eine angemessene Finanzierung und Würdigung für die Mahn- und Gedenkstätte in Ravensbrück. Ihr Anliegen: „Die Erinnerung an all diese Frauen lebendig zu halten, die im Lager starben“ – auch nach dem Tod der letzten Überlebenden.

Die Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Befreiung hat Barbara Reimann nicht mehr erlebt. Sie starb am 21. April 2013 – zum 68. Jahrestag der Befreiung von Ravensbrück – mit 93 Jahren in Berlin.

Die Autorin ist Mitherausgeberin der Biografie von Barbara Reimann: Die Erinnerung darf nicht sterben. Barbara Reimann – Eine Biografie aus acht Jahrzehnten Deutschland, Hamburg/Münster 2000.