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„Oldschool Society“: Auftakt im Terror-Prozess

 
„Oldschool Society“ (OSS) Gruppenphoto
„Oldschool Society“ (OSS) Gruppenfoto (Screenshot)

Am Mittwoch, dem 27.4.2016, wurde die Hauptverhandlung gegen vier Führungsmitglieder der von der Bundesanwaltschaft als terroristische Vereinigung eingestuften Neonazi-Truppe „Oldschool Society“ (OSS) vom Staatsschutzsenat am Oberlandesgericht München eröffnet. Der Anklage nach sei die Gruppe darauf ausgerichtet gewesen, ihre extrem rechte „Ideologie durch die Begehung terroristischer Anschläge gewaltsam durchzusetzen“. Als Anschlagsziele wurden unter anderem Asylsuchende und Antifaschisten genannt. Zwei der vier Angeklagten bekamen die Gelegenheit, sich zu ihrer Biographie und ihren persönlichen Verhältnissen zu äußern.

Andreas Thomas H., der „Präsident“ der Truppe, postete „häufig Bilder aus dem Internet von Waffen, welche seiner Ansicht nach geeignet wären, um solche Anschläge mit ihnen zu begehen, und vermittelte den Eindruck von Fachwissen über den Bau und die Wirkung von Rohrbomben“. Bei Verlesung der zitierten Anklageschrift nickte der 57-jährige Augsburger auf der Anklagebank, als er aus einem Telefonat zitiert wurde. „Tät mir schon gefallen, wär schon so nach meinem Geschmack“, erwiderte er auf den Vorschlag, eine Nagelbombe in einer Asylsuchendenunterkunft zur Detonation zu bringen. Er „lenkte im wesentlichen die Geschicke der Gruppe“ zusammen mit W.

Morddrohungen gegen konkurrierende Nazigruppe
Morddrohungen gegen konkurrierende Nazigruppe

Markus W., zunächst „Chief of Security“, hatte tatsächlich „von Anfang an beträchtlichen Einfluss“ und ein „enges Vertrauensverhältnis“ zum „Präsidenten“ der Gruppe gehabt. Das Vertrauensverhältnis war offenbar so eng, dass „der Beschuldigte H. alle strategischen Entscheidungen und die Aufgabenverteilung innerhalb der Führungsebene mit dem Angeschuldigten W.“ besprach. Folgerichtig konnte er im September 2014 zum „Vizepräsidenten“ aufsteigen. Die Radikalisierung der Gruppierung wurde laut Anklage maßgeblich von W. vorangetrieben. Seine Ausbildung zum Dachdecker schmiss der 1972 in Düren Geborene nach eigenen Angaben und ging nach einiger Zeit der Erwerbslosigkeit zum Jagdbombergeschwader der Bundeswehr, danach wechselten sich erneute Erwerbslosigkeit mit diversen Hilfsjobs ab, von denen er einen wegen einer Vorstrafen verlor. 2010 zog er nach Sachsen, wo er einen schweren Arbeitsunfall erlitten habe und seit 2014 ein Sicherheitsgewerbe betreibe. Sein Ziel war es, aus „der ›OSS‹ eine Kampfbereite Gruppe zu erstellen“. Er war es auch, der zusammen mit Denise Vanessa G. den für die Anschläge benötigten Sprengstoff beschaffte. Von ihm stammte der telefonische Vorschlag, eine Nagelbombe zu zünden: „… deswegen habe ich schon gedacht, hier, so ein Cobra 11, hier, weißt du, hier Dachpappenstifte draufmachen mit Sekundenkleber ringsrum, draufkleben und dann so ein Ding im Asyl… so ein Ding im Asylcenter, im Asylheim so, weißt du, Fenster eingeschmissen und dann das Ding hinterhergejagt“.

Beim Telefonat war auch Denise Vanessa G. anwesend. Die 23-jährige bekundete ihre Zustimmung zu den Plänen. Man müsse aufgrund der Sprengkraft „die Zündschnuren auf jeden Fall verlängern“. Auch G. sei von Anfang an eine der treibenden Kräfte in der Gruppe gewesen. Sie übernahm laut Satzung der Vereinigung den Posten der „Schriftführerin“ und die Mitgliederbetreuung. Sie setzte sich „vehement dafür ein, dass im Jahr 2015 in kleineren Gruppen Anschläge verübt werden“. Sie wollte dies, so die Bundesanwaltschaft weiter, „notfalls auch selbst in die Hand nehmen“. Sie wollte „Aktionen“ in mehreren Teams durchführen. Im Zusammenhang mit Anschlagsplanungen befürwortete sie den Einsatz von Sprengstoff, zu dessen Beschaffung ihr Bruder hilfreich sein könne. Über ihn soll sich die Beschuldigte auch über die Herstellung und Wirkung von Sprengstoffen erkundigt haben.

OSS Oldschool SocietyDer vierte Angeklagte aus der Führungsriege wurde nach den Ermittlungen der Bundesanwaltschaft von Denise Vanessa G. angeworben. Er übernahm den Posten des „Pressesprechers“, was sich in der Betreuung des Auftritts in sozialen Netzwerken der „Oldschool Society“ niederschlug. Nach kurzer Zeit wurde er Mitglied des „OSS Geheimrats“ und komplettierte damit den Führungszirkel der mutmaßlichen terroristischen Vereinigung, wie sie zur Anklage gebracht wurde. Olaf O. habe durch seine offene Befürwortung von Gewalt „erheblich zur Radikalisierung der ›OSS‹“ beigetragen. O. wurde 1968 in Gelsenkirchen geboren, wuchs seiner Aussage nach „behütet“ auf und machte eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker in Bochum-Wattenscheid. 1990 erfolgte der Einzug zur Bundeswehr in Ahlen. Auf psychische Probleme folgte die Ausmusterung und ein Job bei Opel. Nach der Diagnose eines Hirntumors sah er sein Leben aus den Fugen geraten. Seine 1992 geschlossene Ehe zerbrach, er verlor seine Arbeit und seine Freunde. Neue suchte er im Internet – und fand die OSS. Er war dafür, dass vom Treffen in Borna „Aktionen“ ausgehen, das „mögliche Ziel“ sei, so zitiert ihn die Bundesanwaltschaft, „Asylantenheim, Antifaquartier oder Ölaugen umschuppen“.

Die „Schriftführerin“ Denise Vanessa G. und der „Präsident“ Andreas Thomas H. sollen sich am 9. Mai zu ihren persönlichen Verhältnissen äußern. Ab 10. Mai ist mit Einlassungen zur Sache zu rechnen.

Nach dem Prozess äußerte sich Robert Andreasch von der „Antifaschistischen Informations-, Dokumentations-, und Archivstelle München“ (a.i.d.a.). Das Beispiel „Oldschool Society“ zeige: „In einer für die Neonaziszene typischen Gruppe, die ein Postfach unterhält und auf Facebook um neue Anhängerinnen wirbt, sind die Akteurinnen fest entschlossen, Menschen schwer zu verletzen oder gar töten zu wollen. Die mangelnde Klandestinität mag einerseits verblüffen, kann andererseits auf eine besondere Entschlossenheit hindeuten. Die Mitglieder der OSS fühlten sich zudem offenbar sehr sicher“, Anschlagsvorbereitungen schienen in der Szene offenbar „normal“ zu sein.