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Freital – ein Jahr danach

 

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Unter dem Motto „1 Jahr danach“ gab es vergangenen Sonnabend in Freital eine Demonstration um den Leerzug des als Asylbewerberheims genutzten Hotels Leonardo zu feiern. Das Motto „1 Jahr danach“ steht damit natürlich auch für das traurige Jubiläum einer Verfolgungsjagd, die mit einer Baseballschlägerattacke und einer eingeschlagenen Heckscheibe endete, Hitler- und Kühnengrüße, zerstochene Reifen und weitere Übergriffe auf Gegendemonstranten. Und natürlich wäre die Genese der inhaftierten „Gruppe Freital“ nicht ohne diese Demonstrationen denkbar gewesen.

Von Till Sorge

Das Landratsamt verbot den ursprünglich angemeldeten Versammlungsort Am Langen Rain, direkt vorm „Leonardo“. Statt dessen versammelte man sich unweit des ehemaligen Hotels vor einem toom-Baumarkt, der schon letztes Jahr öfter Treffpunkt gewaltbereiter Neonazis war. Um die 80 Personen fanden sich diesmal ein, um nach mehreren Reden ein übersichtliches Stück durch Freital zum Platz des Friedens zu laufen. Der „Lauti“ war das mittlerweile schon bekannte THÜGIDA-Mobil, ein umgebauter Verkaufswagen, welches am 4. April auf einer Veranstaltung in Oberfranken, auf der unter anderem Nazibarde Frank Rennicke spielte, eingeweiht wurde.

Der ehemalige PEGIDA-Anwalt Jens Lorek fungierte wieder mal als Anmelder, die Mobilisierung wurde scheinbar ausschließlich via Facebook betrieben. Lorek war auch schon 2015 in Freital zu sehen und vertritt bis heute Teilnehmer der Leonardo-Demonstrationen vor Gericht.

Obwohl man seinen eigenen „Erfolg“ als sogenannte Bürgerinitative feiern wollte, war aus dieser offenbar niemand in der Lage Redebeiträge beizusteuern. Stattdessen lud man sich, ganz im Stil der *GIDA-Veranstaltungen, externe Redner mit einschlägigem Hintergrund ein:

– Alexander Kurth, der Landesvorsitzende der Worch-Partei DIE RECHTE, für die er mittlerweile auch im Bundesvorstand sitzt
– David Köckert aus Thüringen war bis Anfang des Jahres Landesorganisationsleiter der NPD, für die er im Stadtrat von Greiz sitzt
– Ignaz Bearth von der Direktdemokratischen „PEGIDA“ Partei Schweiz (DPS), in der er Präsident ist. Zuvor war er in der rechtsextremen PNOS Mitglied.
– Yannik Nuoffer, ebenfalls von der DPS
– Eric Graziani Grünwald, ein häufig in Erscheinung tretender Wanderredner, der unter anderem im Team von „Wir für Deutschland“ und bei den ritualisierten „Großdemos“ in Berlin auftritt

Des Weiteren sollte eigentlich noch Christian Müller aus Potsdam erscheinen, der dort bis vor einigen Monaten als Anmelder für POGIDA fungierte, aber aufgrund einer zu befürchteten Haftstrafe in den Hintergrund trat. Über 170 Einträge soll sein Polizeiregister haben, darunter unter anderem eine Scheinhinrichtung in Zwickau mit einer nicht geladenen Waffe.

Darüber hinaus wurde bekannt, dass er seine Freundin schlägt, was auf der Mobilisierungsseite für „1 Jahr danach“ von Anhängern kritisch angemerkt wurde. Tatsächlich tauchte Müller am Sonnabend dann auch nicht als Redner auf, was aber nicht weiter kommentiert wurde. Allerdings wurden Ordner aus Potsdam für die Demo benannt. Lorek verteilte Blumen an die Redner, die als Gratulation zum „Brexit“ verstanden werden sollten.

Mit dieser, allenfalls zynisch als „Jubiläum“ zu bezeichnenden, Veranstaltung hat man sich klar und deutlich neonazistisch positioniert. Das zeigt nicht nur die organisatorische Verortung der Redner, sondern auch die Reden selbst. In reichlich NS-intonierter Rhetorik wurde von „souveränem und freiem Deutschland“, „Asyldiktatur“, „asozialer Politik“, von „Israel und USA bezahlten Politikern“, „volkstreuen Veranstaltungen gesprochen und „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!“, „Millionen von Schwarzen warten auf ruhigere See“ und solcher Parolen mehr gerufen.

Alexander Kurth schätzte dann auch folglich ein: „Man muss ja immer wieder aufpassen, nicht wegen Volksverhetzung angeklagt zu werden.“

Während der kurzen Demonstration durch Freital, bei der sowohl Köckert als auch Lorek baten, sich von Gegendemonstranten oder Presse nicht provozieren zu lassen, hatte sich eine kleine Gruppe der 70 Gegendemonstranten direkt an eine Kreuzung der Naziroute gestellt. Loreks und Köckerts Bitte ignorierend, heizte Kurth am Mikrofon aber sofort ein, als die Gegendemonstranten in Sichtweite kamen. Auf dem viel zu großen Platz des Friedens wurde die Abschlusskundgebung durchgeführt, die mit dem Absingen des „Lieds der Deutschen“, natürlich komplett, beendet wurde.

„1 Jahr danach“ hat sich Freital mit weniger Teilnehmern, deutlich radikaler und als gut vernetzt präsentiert. Rang man vor einem Jahr noch mit dem NPD-Image, wurde diesbezüglich dieses Wochenende kein Hehl mehr daraus gemacht. Von über 1000 Demonstranten bei den ersten Demonstrationen im März 2015 sind also weniger als 100 geblieben, die allerdings keine Berührungsängste mit NPD oder DIE RECHTE haben.

2 Kommentare


  1. […] 29.06.2016 Zeit Online/Störungsmelder: Freital – ein Jahr danach […]

 

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