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Wie rechte Propaganda auf den Schulhof kommt

 
Nach der Kundgebung liegt ein zerknüllter Flyer auf der Straße © Henrik Merker

Die AfD hat einen neuen Ort gefunden, um Hetze unters Volk zu bringen: Schulen. Das Vorgehen erinnert an eine berüchtigte Köder-Aktion der NPD – und ist legal.

Von Henrik Merker

Direkt vor zwei Schulen, da wo die Busse halten und Schüler zum Unterricht gehen, da wollten sie sich aufstellen: Die sachsen-anhaltinischen AfD-Landtagsabgeordneten Hans-Thomas Tillschneider und Jan Wenzel Schmidt. Für zehn Uhr war ihre Kundgebung angemeldet, vor der Gemeinschaftsschule Kastanienallee, an der auch erste bis vierte Klasse unterrichtet werden, und dem Christian-Wolff-Gymnasium im Südwesten von Halle an der Saale.

Das lokale Bündnis gegen Rechts hatte Protest angekündigt. Also kamen die Parlamentarier einfach drei Stunden eher, zusammen mit Aktivisten der Partei-Jugendorganisation Junge Alternative. Sie erwischten die Kinder am ersten Tag nach den Ferien auf dem Weg in die Schule.

„Mit solchen Problemen hatten wir nie zu tun“

Tillschneider und Schmidt haben sich mit Fahnen und einem Tisch postiert und mit Flugblättern bewaffnet. Seit Monaten bekämen sie Meldungen über Gewalt, behaupten sie darin: Ausländer würden ihre Mitschüler „beleidigen, erpressen und verprügeln“. Auf der Rückseite ist eine Umfrage abgedruckt. Schüler sollen angeben, von wem sie das letzte Mal verprügelt wurden – einschließlich der Angabe „Herkunft“. Den ausgefüllten Zettel sollen sie an Tillschneiders Wahlkreisbüro in Bad Dürrenberg schicken. Zwischendurch soll die Botschaft von der Ausländergewalt wohl auch die Eltern erreichen.

Eine Schülergruppe auf dem Pausenhof liest den Flyer, ein Mädchen, sie war Streitschlichterin am Gymnasium, schüttelt entsetzt den Kopf: „Mit solchen Problemen, die da stehen, hatten wir nie zu tun“.

Das sehen die Parlamentarier anders: Man wolle alles dafür tun, dass Schüler „ohne Angst vor Ausländergewalt“ auf die Schule gehen, heißt es in dem Flyer.

Eine Sozialarbeiterin der Gemeinschaftsschule hat die Flugblätter eingesammelt: „Die haben das sogar unseren Kindern aus der dritten Klasse gegeben“, sagt sie. Ein Zwölftklässler des Gymnasiums empört sich: „Arschlos ist das, so einen Mist an kleine Kinder zu verteilen!“ Er steht mit seinen Freunden vor der Schule, auch Migranten und Geflüchtete sind dabei – für die AfD potentielle Gewalttäter.

Eine Handhabe gegen die AfD gibt es nicht

Der Schulleiter des Gymnasiums, Andreas Slowig, liest das vor Rechtschreibfehlern strotzende Pamphlet in seinem Büro: „Wenn solche Propaganda-Aktionen auf unsere Schule dauerhaft eintrommeln würden, könnte die Warnung vor Gewalt zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden“, sagt er. Und dann die Behauptung, seine Schule sei ein Hort der Gewalt: „Eine starke Unterstellung. Dieses Jahr mussten wir keine einzige gewalttätige Auseinandersetzung schlichten!“

Damit ist das Gymnasium nicht etwa eine Ausnahme. Von 2013 bis 2017 sei die Zahl von Straftaten in den Schulen des Landes gesunken – trotz steigender Schülerzahlen und mehr Ausländern, teilt das Bildungsministerium Sachsen-Anhalts mit. Allerdings gibt es keine Statistiken, in der Gewalt unter Schülern gesondert gezählt ist. Eine Handhabe gegen die rechte Werbung gebe es nicht, sagt Ministeriumssprecher Stefan Thurmann: Weil die Aktion nicht auf Schulgrund geschah, habe die Partei keine Vorschriften verletzt.

Am Christian-Wolff-Gymnasium beschäftigen sich die Schüler mit Rechtspopulismus, zuletzt analysierten sie eine Rede des Thüringer AfD-Abgeordneten Björn Höcke im Sozialkunde-Unterricht. Darum vertraut Schulleiter Slowig seinen Schülern: „Die haben genau erkannt, mit welchen Mitteln versucht wird, Leute zu beeinflussen. So blöd wie die AfD glaubt, sind die Schüler nicht“.

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Gefahr für die Demokratie?

Der Rechtsextremismus-Experte Torsten Hahnel vom halleschen Verein Miteinander sieht das Vorgehen der AfD sehr wohl als Gefahr. Er vergleicht den Hintergrund der Kundgebung mit den berüchtigten NPD-Schulhofaktionen, bei denen ab 2004 Rechtsrock-CDs verteilt wurden. „Das Problem ist, dass die AfD tiefer in der Gesellschaft verankert ist als die NPD“, sagt Hahnel. Tatsächlich seien sich beide Parteien inhaltlich umso näher. Für ihn ist die AfD eine größere Bedrohung für die Demokratie als es die NPD je war.

Schulleiter Slowig stützt sich auf dem Schreibtisch ab. „Das einzige Problem, das ich mit Schülern aus anderen Kulturkreisen sehe ist, dass manche Eltern sich weigern, sie auf Klassenfahrten zu schicken. Die erfinden dann irgendwelche Ausreden“. Der Hintergrund der AfD-Aktion ist für ihn klar: „Die wollen hier das Klischee des Ausländerviertels bedienen, in dem es nur Gewalt gäbe. Unsere Schule nehmen die dafür als Bühne“.

Tatsächlich könnte das Flugblatt in Schulen noch einmal zum Thema werden: Die Schrift sei „ein willkommener Anlass, um manipulierende Sprache mal im Unterricht zu thematisieren“, sagt Bildungsministeriums-Sprecher Thurmann. In der Gesamtschule will sich die Sozialarbeiterin darum kümmern: „Wir werden das jetzt in allen Klassen diskutieren, muss ja“. Am Gymnasium ist es bereits Chefsache.

61 Kommentare

  1.   IchHabImmerRecht.Meistens.

    Kommt eben immer darauf an wer fragt.
    Wenn das erwähnte „Bündnis gegen Rechts“ an eben diesen Schulen „Infoveranstaltungen“ anbieten würde hätte der Schulleiter vermutlich nichts dagegen…

  2.   Michael

    Das Ziel von Bildung sollte immer ein Selbsständiger und Kritischer Bürger sein, der sich selbst ein neutrales und objektives Bild macht.

    Hier kann man sehen, wie die Politik sich auf miese Weise um unsere Kinder kümmert. Zum einen die externe Partei, welche für ihre Sache Wirbt und das mit subtiler Beeinflussung aber zugleich kann man sehen wie Faschismus an der Schule betrieben wird, weil man nicht neutral bleibt und den Kindern bei bringt sich ein neutrales Bild zu erarbeiten, sondern sie gegen eine Richtung indoktriniert. Für mich müßte es eben so sein, daß man in der Schule neutral arbeitet und somit jeder für sich selbst vor jedweger Beeinflussung geschützt wird, sofern er diese erkennt.

  3.   Heinz Werner

    Wie kommt der Antisemitismus auf den Schulhof?

  4.   Linda Daheim

    Ja, es gibt Meldungen über Gewalt – und dank der digitalen Medienwelt prasseln die jetzt rund um die Uhr auf uns ein. Aber nein – es ist zum Glück! noch nicht alltäglich an unseren Schulen.

    Mein Sohn besucht eine Realschule, die keine von den „schicksten“ ist. Auch hier – keine täglichen Meldungen verprügelter Schüler, seine Freunde kommen aus Familien der verschiedensten Herkunftsländer. Da wird sich gegenseitig schon mal aufgezogen, ansonsten ist die Herkunft kein Thema.

    Was die AfD da betreibt, ist künstliche Panikmach und vor einer Schule ganz schön perfide. Welches Ziel außer Unfrieden zu stiften, soll das denn haben – die Blagen dürfen doch noch gar nicht wählen.

    Per Gesetzt darf die AfD das?

    Nun ja, im Pen and Paper-Spiel nennt man solche Leute Powergamer:
    – sie kennen die Regeln in- und auswendig und setzten alles um, was irgendwie nicht verboten ist. Die kennen ihre Rechte!
    Der richtige Könner nimmt außerdem den anderen Spielern – natürlich nur zu deren Besten – alle eigenen Vorteile und Spezialisierungen weg oder entwertet sie.
    Das ergibt dann am Schluß einen wirklich schlechten Charakter, der sich nicht gut ins Team einfügt, streut dem gesamten Spielfluß Sand ins Getriebe, weil alle anderen übervorteilt und ausgebremst werden, und die ganze Sache einfach keinen Spaß mehr macht.
    Kommt euch das bekannt vor?

    Eigentlichwollte ich nur mal posten, weil ich befürchte, daß Menschen, die Online-Kommentare von Zeitungen lesen, allmählich den Eindruck bekommen könnten, alle Deutschen sind stumpfsinnige, Facebook-Posts nachplappernde Fremdenhasser.
    Das sind wir nicht – und zwar ganz viele von uns! Ich bin ein Kind der 90er Jahre, und wir sind in einer Zeit der persönlichen Freiheit und Emanzipation, der Öffnung der Gesellschaften und der Grenzen aufgewachsen. Dazu gehört Toleranz, Offenheit, Dialog und Geduld. Empathie ist auch eine sehr nützliche Eigenschaft (die fehlt per Definition eigentlich nur bei Psychopathen).

    Wenn unsere Kinder nicht ertrinken sollen – lehren wir sie schwimmen.
    Wenn wir wollen, daß sie frei sind – lehrt sie Freiheit, nicht Abschottung!
    Wenn wir wollen, daß sie klug sind – bildet sie!
    Wollt ihr sie selbstbewußt – ängstigt sie nicht unnötig.
    Wenn ihr ihre Sicherheit wollt – lehrt sie den Frieden.

    Es ist die billigste Taktik vieler Politiker, uns davon abzulenken, daß sie die wirklichen Probleme unserer Gesellschaft nicht lösen können/wollen/sollen, uns einen Sündenbock zu präsentieren.
    Der ist dann die Antwort auf alles und der hat an allem Schuld. Daran wird sich dann auf sämtlichen Kanälen begeistert festgebissen, weil es so schön einleuchtet, und Experten findet man da wirklich für jeden … ich sag mal höflich „Fachbereich“.
    Da hat der Wähler dann auch was zu tun, ist doch prima.

    Menschen, die mir erzählen wollen, sie hätten auf alles DIE Antwort (die lautet vermutlich wieder 42), begegne ich von vorn herein äußerst skeptisch.
    Selber denken ist gar nicht so nutzlos, wie einem gerne weiß gemacht wird.

    Lasst euch doch nicht so billig euren Schneid abkaufen und zu leicht regierbaren Schafen degradieren, die im Schmollwinkel sitzten und bei Bedarf vor den Karren jedes Hinz und Kunz gespannt werden können, der grad die neueste Sau durchs Dorf treiben will.

    Wir Deutschen sollten es doch nun wirklich besser wissen …

    … immerhin sind wir ätzende Streber. Machen wir was draus!

  5.   Oliver_Kascha

    Ist eine solche Aktion für sich – also losgelöst von der AfD – eigentlich grundsätzlich „verhetzend“? Schüler fragen, von wem sie schonmal verprügelt worden sind? (Und eventuell auch nach der Herkunft fragen?)

    Man darf ja auch Ehefrauen befragen, ob sie von ihrem Mann physisch oder psychisch misshandelt werden.
    Woimmer es einen Anfangsverdacht gibt, darf man auch hinschauen. Und wenn sich der Anfangsverdacht darauf richtet, dass die Herkunft und das Elternhaus des Täters eine Rolle spielen könnte, dann darf auch hier nachgeforscht werden.

  6.   capsaicist

    Schön, wie auch noch unter dem Blog steht, dass es in ihm um Neonazis geht. Und zack, die gesamte AfD mitsamt ihrer Wählerschaft besteht aus Neonazis. Das ist tatsächlich Hetze.

  7.   TiniWIni123

    Hehe ja wir reden hier von einem renommierten Gymnasium.
    Malwieder ein Bericht der die Wirklichkeit verzerrt.

  8.   hidrogenado

    Gerade diejenigen, die ganz laut „Lügenpresse“ schreien, sobald eine AfD kritische Meldung erscheint, berufen sich darauf, das solch eine Aktion „legal“ sei? Super, ihr habt es echt drauf. Nicht alles was legal, ist auch moralisch vertretbar. Ihr blau/braunen…….13%. Ihr solltet langsam, aber sicher realisieren das mindestens 80% der Bevölkerung anders denken und leben, als das vermeintliche „Volk“

  9.   Locutus70

    Was da bei der AfD zurecht angeprangert wird betreiben Salafisten schon seit einigen Jahren. Komisch das dies von linksalternativen noch nie thematisiert wurde.

    Mit zweierlei Maß messen führt weder zu Erkenntnisgewinn noch zu Fortschritt.

  10.   Anapanasati

    „Alle Kommentatoren die diese Aktion der AfD für in Ordnung, weil legal, halten, sollten sich überlegen was sie davon halten würden wenn man den Koran vor der Schule verteilt.“

    @ Kamoranesi: die AfD verteilt ja nicht ihr Parteiprogramm oder die Bibel o.ä. vor den Schulen.

 

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