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Mindestens 85 Tote durch rechte Gewalt seit 1990

 

Die offiziellen Zahlen der Todesopfer rechter Gewalt steigen immer weiter. Doch die wahre Zahl liegt offenkundig sogar noch viel höher.

Von „Tagesspiegel“-Autor Frank Jansen

Rechtsextremismus: Rechtsextreme - die man übrigens nur noch selten mit Glatze oder gar Springerstiefeln antrifft - sind nach offiziellen Zahlen für 85 Todesfälle seit der Wiedervereinigung verantwortlich (Symbolfoto). © Patrick Pleul/dpa
Rechtsextreme – die man übrigens nur noch selten mit Glatze oder gar Springerstiefeln antrifft – sind nach offiziellen Zahlen für 85 Todesfälle seit der Wiedervereinigung verantwortlich. © Patrick Pleul/dpa

Die Tat ist offenbar ein Beispiel für exzessive homophobe Gewalt. Mehrere junge Männer prügeln in der Nacht zum 18. April 2018 im sächsischen Aue auf einen Schwulen ein. Der 27-jährige Christopher W. wird in einem Abrissgebäude getreten und mit Fäusten geschlagen, mit einer Röhrenlampe und einer Tür. Dann stoßen die Täter das Opfer in einen Schacht. Christopher W. stirbt noch am Tatort. Die Schläger sind stolz auf ihr Verbrechen. Sie fotografieren den zertrümmerten Kopf des Mannes und stellen die Bilder ins Internet.

Die drei mutmaßlichen Täter, auch wegen rechter Delikte polizeibekannt, müssen sich seit Dezember vor dem Landgericht Chemnitz verantworten. Die Staatsanwaltschaft spricht in der Anklage von Mord. Auch wenn der Fall juristisch noch nicht abschließend bewertet ist, steht er jetzt in einer Statistik der Bundesregierung zu rechts motivierten Tötungsdelikten. Als vollendeter Totschlag, so sieht es die Polizei.

Zahlen gehen aus Anfrage der Linken hervor

Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Martina Renner (Linke) und ihrer Fraktion zu rechten Tötungsdelikten 2017 und 2018 hervor. Das Papier liegt dem Tagesspiegel vor. Renner kritisiert, die Behörden hätten die Öffentlichkeit im Fall Christopher W. „über das offenkundig rechte Motiv bislang im Unklaren gelassen“.

Ein weiterer Fall wird von der Regierung nun auch als rechts motiviert genannt. Im März 2017 legt eine 70-jährige Frau in einem Mehrfamilienhaus im sächsischen Döbeln Feuer – aus Hass auf einen hier lebenden Iraner. Im verqualmten Treppenhaus schafft es eine 85 Jahre alte Mieterin nicht mehr in ihre Wohnung.

Ruth K. stirbt eineinhalb Monate später an den Folgen der Rauchgasvergiftung. Im März 2018 verurteilt das Landgericht Chemnitz die Täterin zu neun Jahren Haft, auch wegen weiterer rassistischer Brandanschläge. Der Antwort der Regierung auf Renners Anfrage ist zu entnehmen, dass die sächsische Polizei den Fall dem Bundeskriminalamt als rechts motivierte Brandstiftung mit Todesfolge nachgemeldet hat. Damit steigt die offizielle Zahl der Todesopfer rechter Gewalt seit der Wiedervereinigung auf 85.

Wahre Opferzahl seit Wiedervereinigung dürfte höher liegen

Die wahre Zahl der Menschen, die seit dem 3. Oktober 1990 bei rechten Attacken ums Leben kamen, ist offenkundig erheblich höher. Der Tagesspiegel kommt in einer Langzeitrecherche seit dem Jahr 2000, derzeit gemeinsam mit ZEIT ONLINE, auf mindestens 169 Todesopfer. Der Fall Döbeln steht in dieser Liste.

Im Papier der Regierung sind zudem sechs versuchte Tötungsdelikte mit rechtem Hintergrund aus dem Jahr 2018 aufgelistet. Es handelt sich um Mordversuche in Bremen, Heilbronn, Geislingen (Baden-Württemberg) und Bad Überkingen (auch Baden-Württemberg). Hinzu kommen Fälle versuchten Totschlags in Wetter (Nordrhein-Westfalen) und Mosbach (Baden-Württemberg).

Kriminalität von Neonazis geht offenbar leicht zurück

Unterdessen scheint die Kriminalität von Neonazis und anderen Rechten etwas nachzulassen. Die Polizei stellte von Januar bis November 2018 bundesweit 16.252 Straftaten fest, darunter 909 Gewaltdelikte. Die Zahl steht in einer Antwort der Regierung auf eine Kleine Anfrage von Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Linke) und der Fraktion. In der Bilanz sind Nachmeldungen der Polizei aus mehreren Monaten enthalten.

Auch wenn weitere Altfälle zu erwarten sind und der Dezember 2018 noch fehlt, zeichnet sich in der Tendenz ein Rückgang gegenüber dem Vorjahr ab. Das Bundesinnenministerium hatte für 2017 insgesamt 20.520 rechts motivierte Delikte gemeldet, mit 1.130 Gewalttaten. Das war gegenüber 2016 (23.555 Delikte, 1.698 Gewalttaten) eine Abnahme um mehr als zehn Prozent.

40 Kommentare

  1.   NoG

    „Die Tat ist offenbar ein Beispiel für exzessive homophobe Gewalt. Mehrere junge Männer prügeln in der Nacht zum 18. April 2018 im sächsischen Aue auf einen Schwulen ein.“

    Die Tat ist ohne Zweifel an Abscheulichkeit kaum zu überbieten, jedoch ist die Motivlage längst nicht so klar. Alle Beteiligten gehören offensichtlich der Crystal und Alkoholszene an, das Gericht sucht nachwievor nach einem Motiv…

  2.   Büro für Handstreiche

    @ #8
    ++ Wieso eigentlich immer noch das Bezugsjahr 1990? ++

    Weil ab diesem Zeitraum brauchbares Material existiert, um eine Statistik anlegen zu können.

    ++ Viel aussagekräftiger wäre doch:
    Tote durch rechte Gewalt
    – zwischen 1990 und 2000
    – zwischen 2000 und 2010
    – seit 2010. ++

    Das können Sie auch selbst aufdröseln; oben im Text ist ein Link zu den 169 Todesopfern seit 1990. Mit dem totgeprügelten Schwulen wären es dann 170.

  3.   Runkelstoss

    können Todesopferzahlen nur steigen..

    oder unverändert bleiben oder nur sehr wenig steigen. Drei Tote im Jahr, alle 4 Monate einer.

  4.   Juduecki

    Schlimm was in Deutschland passiert! Man versucht Täglich den Hass zu steigern, in dem man Taten oder Vorfälle hervor holt, die man schon berichtet und (zum teil) aufgeklärt hat, um es in den Köpfen der Bürger zu festigen bis sie irgendwan darauf reagieren (verbal und auch mit Gewalt)! Was will man damit ereichen? Noch mehr Hass und Unmut wie es schon hat? Noch mehr Anschläge auf gegner oder anderst denkende? Oder hat man verlernt darüber sachlich zu debatieren! ich bin zwar kein Deutscher, aber in meinem Land würde ich mich so nicht mehr wohl fühlen!

  5.   Tim_Thaler

    …, die „RAF“ hat laut „Wikipedia“ im Laufe ihrer Linksfaschistoid – verirrten Geschichte 33 Menschen ermordet, allerdings, mehr oder minder gezielt, „Systemrelevante“…, – die radikal – religiösen „Faschos“ dürften inzwischen, in Deutschland eine dezent niedrigere Anzahl von Opfern „erlegt“ haben…, – mit mindestens 85 Terroropfern, ist die „neue Rechte“, die sich so vehement als „das Volk“ zu intrigrieren versucht, augenscheinlich eine Bedrohung, von seit 45`, nicht mehr gekanntem Ausmaß…

  6.   ZirkusZeitgeist

    Ja und das ist natürlich auch sehr schlimm.

    Aber nicht zu vergleichen mit der Anzahl der Todesopfer Muslimischer Täter allein in den letzten 3 Jahren.

  7.   Der bõse weiße Mann

    „Die offiziellen Zahlen der Todesopfer rechter Gewalt steigen immer weiter. “

    Naja als absolute Zahlen (seit 1990 oder seit wann auch immer) können sie ja wohl auch kaum zurückgehen, oder? Die meisten Toten bleiben nun einmal tot.

  8.   K.G.

    Ich hasse diesen Rechts contra Links Müll beide Extreme sind zu verurteilen, da ich aber unter beiden und auch noch anderen immer wieder zu leiden habe, zähle ich die NSU-Fälle stumpf dazu und komme so auf über 300 Fälle in 28 Jahren. Das ist einfach nur krank. Bevor sich jetzt jedoch das Linke oder Rechte Spektrum jubelnd bzw. maulend erhebt gebe ich noch etwas zur Info:
    Laut Bundeskriminalamt (BKA) fielen 2017 im Bereich Mord und Totschlag (inklusive Tötung auf Verlangen) „112 Deutsche einer Straftat zum Opfer, an der mindestens ein tatverdächtiger Zuwanderer beteiligt war. 13 Opfer wurden dabei getötet.“ Die übrigen Taten waren versuchte Tötungen.
    Umgekehrt wurden demnach 38 Zuwanderer „Opfer von Taten, an denen mindestens ein Deutscher beteiligt war. 
    Quelle: Studie des BKA.
    Hier ist also noch eine dritte Gruppe die sich „etabliert“ und das Gewaltpotenzial wächst auf allen Seiten. Als normal, gemäßigt und konservativ denkender und handelnder Mensch fragt man sich nur noch wohin das alles führen soll.
    Ich gedenke allen Opfern und möchte deutlich meine Abscheu gegenüber den Tätern ausdrücken, jedoch sind die Worte dafür hier nicht zulässig denke ich.

  9.   Tokogawa

    Ich wäre ein bisschen vorsichtiger bei der Wortwahl. Es geht um rechtsextremistische Gewalt. Die Gleichsetzung mit dem Begriff rechts wirft Konservative, Nationalliberale – eben Rechte – mit den Extremisten in einen Topf. Wenn der Kampf gegen Rechtsextremismus zum Kampf gegen rechts ausgeweitet wird, zerstört sich die Demokratie selbst. Oder ist jetzt jede Hetzjagd der Antifaschistische auf Polizisten „linke“ Gewalt? G 20 in Hamburg ein Ausbruch linker Gewalt?

 

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