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„Wir töten dich!“

 

Eine Morddrohung an der Haustür, Essig im Briefkasten, eine Demonstration gegen ihn: Ein Autor des Störungsmelders wird von Neonazis verfolgt und bedroht. Hier schreibt er über sein Leben im Fadenkreuz der Szene.

Von David Janzen

Neonazis beschmierten die Tür unseres Autors mit einer Morddrohung. © David Janzen

Es ist Sonntag, der 30. Juni. Ich bin spät dran zu einem Termin und eile das Treppenhaus hinunter. An der Haustür stocke ich: Da kleben Aufkleber und etwas wurde in schwarzer Schrift auf das Glas geschrieben. Die Aufkleber erkenne ich sofort: Sie zeigen einen Schlagring, das Logo der neonazistischen Kampf- und Sportgemeinschaft Adrenalin Braunschweig. Ein bisschen länger dauert es, bis ich wahrnehme, was an der Tür steht: „Wir töten dich! Janzen“. Ich schlucke und denke: „Das ist eine Morddrohung. Was mache ich jetzt?“

Seit vielen Jahren berichte ich als Fachjournalist über die rechte Szene, ich engagiere mich in antifaschistischen Initiativen und stehe als Pressesprecher des Bündnisses gegen Rechts Braunschweig in der Öffentlichkeit – und damit auch im Fadenkreuz von Neonazis. An diesem Samstag gehen die Rechtsextremen noch weiter und zeigen ihren Hass gegen unliebsame Medien vor aller Augen: In Hannover will die NPD gegen die Arbeit von drei Journalisten demonstrieren – Julian Feldmann, André Aden und mir.

„War das dein Kind?“

Die Neonazis aus der Region kennen mich. Sie zeigen immer wieder, dass sie mich im Blick haben. Meist sind die Drohungen eher subtil – und damit kaum strafbar: „Du wohnst doch in der XY-Straße, wir kommen da mal auf einen Kaffee vorbei“, „Fährst du noch das silberne Auto mit dem Kennzeichen XYZ?“ oder „War das eigentlich dein Kind, mit dem wir dich gestern beim Einkaufen gesehen haben?“. Man lernt, damit umzugehen, trifft Sicherheitsvorkehrungen und gewöhnt sich leider auch ein bisschen daran.

Doch dieses Mal, im Juni, ist das nicht einer der üblichen Anfeindungen – sondern eine eindeutige Morddrohung, direkt an der eigenen Haustür. Ich laufe zurück in die Wohnung. Aufgeregt erzähle ich meiner Lebensgefährtin, was an der Tür steht, und rufe die Polizei. Dann eile ich zum Termin.

Zwei Polizisten kommen, schauen sich das Ganze mit meiner Partnerin an und machen Fotos. Die Aufkleber lassen sie dran, Fingerabdrücke nehmen sie nicht. Meine Lebensgefährtin fragt, ob sie nicht Spuren sichern wollen. Die beiden verneinen – das sei nicht üblich bei so etwas. Am Telefon berichtet sie mir, dass sie den Eindruck hatte, dass die Beamten die Sache nicht sonderlich ernst genommen haben.

Da draußen sind Neonazis mit Waffen unterwegs

Ich nehme den Vorfall ernst. Wenige Wochen zuvor war in Kassel der Regierungspräsident Walter Lübcke vor seinem Haus erschossen worden. Ein Neonazi von Adrenalin Braunschweig drohte kurz danach in einem Video: „Heute Walter, morgen Janzen!“

Natürlich fragt man sich da: Welche Bedeutung hat eine solche Drohung? Wollen die mich „nur“ einschüchtern, mir Angst einjagen? Oder läuft da draußen jemand herum, der mich wirklich töten würde? Dass scharfe Waffen in der militanten Neonaziszene kursieren, ist kein Geheimnis. In Niedersachsen besitzt ein Dutzend Neonazis diese sogar ganz legal. Auch ein mutmaßlicher Helfer des Verdächtigen im Mordfall Lübcke hatte einen Waffenschein.

Es sagt sich leicht, dass man sich nicht einschüchtern lässt. In Interviews betone ich, dass mich die Drohungen in meiner Arbeit und meinem Engagement eher bestärken. Doch die Sorgen und Ängste sind da, lassen sich nicht einfach wegreden. Gerade, wenn man Familie, wenn man Kinder hat.

Ein Aufkleber in Braunschweig, der den Autor diffamiert © David Janzen

Erst später tut sich etwas

Ich beschließe, den Fall öffentlich zu machen, und twittere ein Bild der Tür. Gleichzeitig informiere ich die Medien und eine Landtagsabgeordnete. Die verspricht, sich direkt an den Innenminister zu wenden.

Dann kommt Bewegung in die Sache. Zwei Stunden später kommt erneut die Polizei, diesmal mit mehreren Streifenwagen. Die Beamten sichern Spuren, befragen Nachbarn und Nachbarinnen. Da haben wir allerdings die Tür schon gereinigt. Nur die Aufkleber haben wir aufgehoben. Noch am gleichen Tag gibt es eine Hausdurchsuchung bei einem Verdächtigen.

Ab da steht die Polizei mit einem Wagen rund um die Uhr vor unserer Wohnung. Informiert über diese Schutzmaßnahme werden wir allerdings nicht. Verhaltenstipps oder eine Gefährdungseinschätzung bekomme ich nicht. Auch als nach etwas mehr als einer Woche keine Polizei mehr sichtbar vor der Tür steht, informiert man uns nicht – obwohl wir darum gebeten hatten. Später versichert mir der Chef der Kriminalpolizei, dass es weiter Schutzmaßnahmen gibt und ich keine weiteren Straftaten der Neonazis mehr zu erwarten hätte.

Wir sind nicht allein

Inzwischen ist die öffentliche Aufmerksamkeit groß, der Landtag beschäftigt sich mit der Drohung, in Braunschweig gehen Hunderte Menschen gegen rechten Terror auf die Straße, der Oberbürgermeister spricht, Landtags- und Bundestagsabgeordnete bekunden ihre Solidarität mit mir. Wildfremde Menschen melden sich und bieten an, dass ich mit meiner Familie bei ihnen unterkommen könnte. Diese Signale sind für mich und meine Familie sehr wichtig, sie machen Mut und geben uns das Gefühl, dass wir nicht allein sind.

Doch wie geht es Betroffenen rechter Drohungen und Gewalt, die nicht die Möglichkeit haben, an die Öffentlichkeit zu gehen? Menschen, die nicht privilegiert sind und nicht über Netzwerke in Medien und Politik verfügen wie ich? Wie geht es denen, die nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen und die sich ohnmächtig fühlen, weil sie das Gefühl haben, dass sie nicht ernst genommen werden?

Die Aktionen der Neonazis gegen mich gehen weiter: Als Anfang September das Bündnis gegen Rechts sein 20-jähriges Bestehen mit einem Fest in der Innenstadt feiert, tauchen in der Nacht zuvor Hunderte Aufkleber einer „Anti-Antifa Braunschweig“ mit einem Foto von mir und einem diffamierenden Text auf. „Lügen, Hetze und Gewalt“ hätte ich zu verantworten, heißt es darauf.

Ein neuer Angriff

Die mit Ketchup beschmierte Haustür © David Janzen

Wenige Wochen später liegt eines Morgens ein Flyer der Partei Die Rechte in meinem Briefkasten, darauf gekritzelt ein Smiley. An der Haustür kleben rechte Aufkleber. Zwei Tage später tauchen wieder Sticker dort auf. Am Abend komme ich mit meiner Familie nach Hause. Die Tür ist mit einer roten, zähflüssigen Substanz beschmiert. Was auf den ersten Blick aussieht wie Blut, stellt sich später als Ketchup heraus. Ich schaue in den Briefkasten, dort ist alles nass. Es riecht nach Essig, meine Augen beginnen zu tränen, die Haut brennt. Essigsäure, vermute ich und rufe abermals die Polizei. Dieses Mal kommt gleich die Spurensicherung.

Der Zeitpunkt der Attacke dürfte kein Zufall sein: An diesem Tag hatte die niedersächsische NPD den Aufruf zur Demonstration gegen mich und die beiden anderen Journalisten veröffentlicht. Ein bisschen mulmig ist mir schon zumute, wenn ich darüber nachdenke, am Samstag wie immer die Demonstration der NPD zu begleiten und Fotos zu machen. Mut macht da der Aufruf, den über 450 Journalistinnen und Journalisten, Medienschaffende, Redaktionen und Journalistenverbände unterzeichnet haben. Ein überwältigendes Zeichen der Solidarität mit uns drei Fachjournalisten.

Die Abschreckung wirkt nicht

Am Tag nach dem Vorfall lese ich in der Zeitung die Äußerungen eines Polizeisprechers, der sagt, es handele sich vermutlich nicht um Säure, sondern lediglich um Essig. Der Fall sei auch keine Sachbeschädigung, da ich ja alles einfach abgewischt hätte und keine Schäden entstanden seien. Für mich klingt das wie eine Verharmlosung. Für den oder die Täter ist es offensichtlich wie eine Aufforderung, weiterzumachen: Zwei Tage später wird nachts wieder Ketchup an die Tür geschmiert. Dass die Polizei regelmäßig mit einer Streife vorbeischaut und die Tür in Augenschein nimmt, war anscheinend nicht besonders abschreckend.

Wenige Tage später gibt es dann endlich eine Erfolgsmeldung der Polizei: Bei einer Hausdurchsuchung habe man ausreichend Beweismittel sichergestellt und werde den Fall jetzt der Staatsanwaltschaft übergeben. Der Neonazi, den die Polizei jetzt als Täter verdächtigt, ist regelmäßig an Aktivitäten der NPD und deren Jugendorganisation Junge Nationalisten beteiligt, trat als Ordner bei einem Landesparteitag auf.

Das Verfahren wegen der Drohung „Heute Walter, Morgen Janzen!“ gegen einen anderen Neonazi hat die Staatsanwaltschaft allerdings bereits eingestellt. Der Täter sei wegen anderer Delikte verurteilt worden, teilt mir die Behörde mit. Eine mögliche Strafe wegen dieser Drohung falle da nicht mehr ins Gewicht.

93 Kommentare

  1.   Social Justice

    „Neonazis aus der Region kennen mich. Sie zeigen immer wieder, dass sie mich im Blick haben. Meist sind die Drohungen eher subtil – und damit kaum strafbar: „Du wohnst doch in der XY-Straße, wir kommen da mal auf einen Kaffee vorbei“, „Fährst du noch das silberne Auto mit dem Kennzeichen XYZ?“ oder „War das eigentlich dein Kind, mit dem wir dich gestern beim Einkaufen gesehen haben?“. “

    Dass sowas noch im legalen Rahmen ist ist schon verwunderlich. Vor allem bei dem mit den Kindern liegt doch auf der Hand was gemeint ist.

  2.   Lady Gacker

    Die braune Brut scheint wohl nur aus Windelwinnies zu bestehen.
    Kein Rückgrat und halten keine Gegenmeinung aus.

  3.   Lady Gacker

    Danke für Ihren Mut!

 

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